Walter Grond: Die Wandlung
Das Chamäleon-Syndrom
Wenn ich jungen Menschen von früher erzähle, wirken sie nicht uninteressiert an der Vergangenheit, zugleich spüre ich, wie unwohl sie sich in meiner Gegenwart fühlen. Einmal hörte ich meine Nichte Sophie vor sich hin sagen, wie endmadig ich sei. Ich kannte dieses Wort nicht, war erschrocken, dann fiel mir Der letzte Mohikaner ein, ein Roman aus dem 19. Jahrhundert, den ich als Gymnasiast gelesen hatte. Ich war von diesem Buch fasziniert gewesen, in den Bann gezogen von der Schilderung eines vereinsamten Indianers in den Prärien Nordamerikas. Einer, wie Sophie mich berichtigt, Person of Color, einer Person der Algonkin-Sprachgruppe, deren Stamm am Aussterben und schließlich nach den 281 Seiten der Vorkriegsausgabe meiner Mutter tatsächlich verschwunden ist. Im Grunde kann ich also das leicht angeekelte und doch unsichere Lächeln der jungen Leute, mit denen ich über die Vergangenheit rede, nachvollziehen. Beim Gedanken, in ihren Augen ein Exemplar einer aussterbenden Menschenart geworden sein, wird mir aber schwindelig.
Sich selber begreift Sophie als hypersensibel und spricht über sich als ein Opfer, verwendet Sätze wie: „Ich werde als Objekt wahrgenommen“, oder: „Diese Kompetenz wurde mir nicht vermittelt“. Ich erlebe sie als ausgesprochen passiv und doch als Rebellin, ganz anders als ihre Mutter, meine jüngere Schwester Cyntia, die ich schon als Teenager für zu angepasst hielt. Sophie befindet sich im zweiten Orientierungsjahr, im entscheidenden Gap Year, da sie nun die Erfahrungen des ersten zu vertiefen und einen Berufsweg ins Auge zu fassen versuche. Sie ist begabt und bei all ihren Launen, die sie an mir auslässt, die Einzige in meiner Familie, die mit mir Kontakt hält. Ich versuche, ein hohes Maß an Verständnis für ihr digitales Woke-Sein aufzubringen. Und wenn sie mich auch nervt, verbindet uns ein gewisses Außenseitertum. Ich erblickte, wie meine Mutter die Geburt ihres einzigen Sohnes in ihrem Stammbuch festhielt, an einem sonnigen Tag in den 1950er-Jahren das Licht der Welt, gehöre daher den sogenannten Babyboomern an. Ich bin, um bei diesen heutigen Ausdrücken zu bleiben, ein analoger Mensch, kein Digital Native, und kann mir nicht wirklich ein Urteil darüber erlauben, wie gut man sich ohne all das, was mich ausmacht, in der Welt zu orientieren vermag.
Mein analoges Universum (so nennt es meine Nichte Sophie) pulsiert zwischen den Welten in meinem Kopf und der Geschicklichkeit meiner Hände, und ich stelle Tag für Tag beim Aufwachen beruhigt fest, dass ich die Welt in meinem Kopf umfassend wahrzunehmen vermag. Mich beunruhigt die Idee, meine Gedanken würden eines Tages nicht mehr aus meinem Gehirn durch geheimnisvolle Bahnen bis in die Hand fließen, und ich würde aufhören, die Art von Schriftsteller zu sein, der ich bin. Nicht mehr jemand, der sich alles in allem gut merkt, was er erlebt, und Aufmerksam-Sein körperlich wahrnimmt. Nicht mehr jemand, der die Himmelsrichtungen kennt und fast immer weiß, wo er sich aufhält, welcher Tag gerade anbricht, was die Wolken bedeuten und der aufkommende Wind, und wofür er vorsorgen muss und wovor sich schützen. Nicht mehr jemand, der das Ringen um Wörter und Sätze so wie das innige Verstehen der Welt für die höchste Lebensform hält. Sondern jemand, der die Kontrolle über sich selbst an Algorithmen abgegeben hat, an Formeln analysierter Handlungsabläufe, prognostizierter Wünsche und deren Steuerung. Ein futuristisches Irgendetwas, ein mit Automaten fusionierter Mensch, ein Wahrscheinlichkeitswesen posthum meiner Zeit.
Giaco war Schriftsteller und ist heute Content-Manager.
Im digitalen Universum wollen alle auf immer durchschnittlich siebenundzwanzig Jahre alt bleiben. Die Alten heißen daher Junggebliebene. Meine Leidenschaft für Literatur lässt mich heute ein Leben im Prekariat fristen. Ich halte das Wort Altersarmut für treffender. Ich bin ein Schriftsteller, der keine nennenswerte Human Resource in der Wertschöpfungskette des Kulturbetriebs im digitalen Zeitalter darstellt (in der Abstufung von Bedarfsfall, Problemfall und Härtefall schätze ich mich als Sozialproblem zwischen Stufe eins und zwei ein). Ich bin von kleinen Aufträgen abhängig, die Sozialhilfe reicht nicht zum Leben.
Die folgende Geschichte dreht sich um Giaco Gatz und sein Chamäleon-Syndrom. Giaco war Schriftsteller und ist heute Content-Manager. Er war einst mein Freund und ist mir heute der fremdeste Mensch. Seit beinahe zwanzig Jahren war kein Buch mehr von ihm erschienen, daher hatte ich ihn aus den Augen verloren. Vor etwa drei Monaten sah ich ihn völlig unerwartet wieder, ausgerechnet im Museum an der Promenade, an jenem Ort in meiner Stadt, der für die Zeitenwende steht, die Giaco selbst auf so paradoxe Weise verkörpert.
Jenes Museum, zur Jahrtausendwende eröffnet, symbolisiert den Aufbruch ins 21. Jahrhundert. Als spektakuläre Landmark errichtet, gilt es als das neue Wahrzeichen meiner Stadt, als ein spektakuläres Must. Als ein Alleinstellungsmerkmal, das die Stadt im Wettbewerb um Touristen und Investoren bestehen lassen soll. Um seinen Markencharakter zu betonen, wird es gewöhnlich nur MOP genannt. Das MOP kriecht wie ein gläserner blauer Wurm aus dem Boden und wirft sich vor den Selfie-Menschen in Pose.
Ein Schauder, etwas Bitteres, auch Wehmütiges durchfuhr mich, als ich Giaco inmitten einer Traube von Leuten entdeckte. Die Gruppe aus Deutschland informierte sich über das Museum. Es waren gut dreißig, vierzig Manager der Central European Corporation, kurz CEC, die im Foyer auf die Präsentationen warteten. Es ging wohl darum, das Museum auf gewisse Standards hin zu prüfen, die CEC ist ein internationaler Kulturtourismus-Konzern. Wie anders das Künstlerhaus an der Ringstraße war! Es genoss seit den 1960er-Jahren den Ruf einer herausragenden Institution der Avantgarde und war in den 1980er-Jahren, als Giaco und ich als junge Schriftsteller in dieses Elysium der Kunst aufgenommen wurden, eine bereits altehrwürdige Institution. Das Gebäude, ein ehemaliges Luxuswarenhaus und Café, stammte aus der Belle Époque und war im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt worden. Ein Fin-de-siècle-Bau, recht leger renoviert, im Stil von Ein-bisschen-was-von-allem. Man konnte die bröckelnde Fassade ins Frankreich des 19. Jahrhunderts hindenken und durch die Säle wie durch ein Stahl-und-Beton-und-Glas-Loft schreiten. In diesem Treffpunkt der Schriftsteller und Künstler, die einst das leer stehende Gebäude besetzt und zu einem Ort der Kunst gemacht hatten, war so manche Avantgardistenkarriere gestartet worden. Hier hatte auch der Aufstieg des berühmtesten unter ihnen seinen Anfang genommen. Als Provokateur und Popstar der Literatur hatte er für Furore gesorgt und hieß in meiner Stadt, da er nach Deutschland und Frankreich gezogen war, nur noch der berühmte Schriftsteller.
Ich denke seit Wochen über diese Gegensätze nach und möchte begreifen, wie sich die Welt in einem einzigen halben Menschenleben so grundlegend verändern konnte. Und wie kein anderer verkörpert Giaco diese Gegensätze unserer Zeit. Ich betrachte ihn als eine Art Zeitrafferwesen, dessen Kindheit einem Digital Native völlig unverständlich ist und dessen Alter seinen Eltern völlig unvorstellbar gewesen wäre. Er galt als ein zugleich literarisches wie organisatorisches Talent, schrieb postmoderne Romane und arbeitete als Veranstalter und Organisator im Künstlerhaus. Für die Künstler war er ein Wilder und für die Sekretäre ein nüchtern Kalkulierender.
Ich hatte ihn im Herbst 1984 als einen schillernden Bohemien kennengelernt. Giaco war ein Mann des Wortes und der Selbstermächtigung und sorgte mit literarischen Experimenten für Aufsehen. Groß gewachsen und schlank, schüttelte er sich ständig das lange Haar aus der Stirn und fummelte mit seinen Fingern nervös an der Nase herum. Im Grunde schüchtern, höflich, schweigsam und dann plötzlich überaus wortreich, zog er, ohne sich merkbar darum zu bemühen, die Aufmerksamkeit auf sich.
Alles an Giaco war lang, die Beine, die Arme, die Ohren, das Gesicht. Lang, nicht nur wie langgezogen, sondern dünn und unangemessen zart, die schlaksigen Gliedmaßen, irgendwie ungeschickt, sobald in Bewegung gesetzt, die undefinierbare Erscheinung eines Giraffenmenschen, der einen ständig von oben herab betrachtete. Der durch seinen Wuchs auf Distanz gehen konnte und sich nicht mit Fäusten verteidigen musste, dieser lange Lulatsch, der dahergeschlurft kam. Der Giraffenmensch demütigte im Grunde alle mit seinen langen Stelzen und den luftigen Ansagen und war doch nur ein gebrechliches Gebilde. Ein wenig kann man sich ihn als einen Nerd vorstellen, ein wenig als Dandy, auch als Oldschool-Kavalier und ebenso als männliches Alphatier, von allem gerade so viel, dass er je nach Bedarf das eine wie das andere hervorkehren konnte. Giaco war ein Lästermaul, ein Rebell, mit dem sich junge Szenemenschen in meiner Stadt verwandt fühlten.
Im Hintergrund seiner Geschichte blitzt etwas auf, das wir alle gerade erleben, eine Art aus den Angeln gehobene Gegenwart. Das Künstlerhaus war in die Jahre gekommen und bemühte sich um ein frischeres Antlitz. Als eine Art Hybrid erlebte Giaco dort einen kometenhaften Aufstieg, denn er war zugleich altbacken-seriös wie auch provokant-zeitgeistig. Diese Mixtur machte ihn zu einem Hoffnungsträger einer nervös gewordenen Kunstwelt, die um ihre Bedeutung im kommenden Jahrtausend fürchtete. Die Zerstreuungskultur hatte sich längst auszubreiten begonnen.
Dass Giaco den Ruf eines vielversprechenden Erneuerers der Kunstwelt erwerben und schließlich zum Präsidenten des Künstlerhauses aufsteigen konnte, verdankte er seinem Chamäleon-Syndrom. Er vermochte das eine wie das andere zu sein, das Vergangene wie das Zukünftige, konnte wie dieses farbenwechselnde Tier bei Bedarf sein Erscheinungsbild wechseln und sollte, so die Hoffnung, das Künstlerhaus, jenen Garten der Kunstexzellenz, in die Welt des 21. Jahrhunderts hinüberführen. Jenen Hotspot für Künstler, Schriftsteller und Freigeister, der auch für mich ein Hafen und geistige Heimat war.
Vielleicht würde heute ein Psychiater Giaco eine Kindheit mit Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung attestieren. Vielleicht hätte der Experte seine Freude daran, herauszufinden, welche der Buchstaben ADHS Giacos Aufstieg und Fall im Künstlerhaus vorhersehbar gemacht hatten. Giacos Lebensweg ist eigenartig, widersprüchlich, sprunghaft und von einer hinausposaunten Ich-bin-flexibel-Manie. Er war davon besessen, das Neue nicht zu verabsäumen. Er konnte nicht abwarten, bis etwas reif für Veränderung ist, wollte immer alles zu früh. Die Ungeduld machte ihn zugleich zum Sich-Andienenden, zum Visionär und Renegaten. Er sah früh die digitale Welt heraufdämmern, und ich glaube, er begann schon damals, ein zugleich alter und neuer Mensch sein zu wollen. Giaco scheiterte kläglich.
Und als er Mitte der 1990er-Jahre das Künstlerhaus verlassen musste, verwandelte er sich in einen Content-Manager. Etwas mir Unbegreifliches trieb ihn dazu, die Liebe zur Sprache aufzugeben und sich in der Welt der Exceldateien häuslich zu machen. Aus dem Garten der Kunstexzellenz vertrieben, fügte er sich in die Welt ein, der heute die digitalen Menschen zu Füßen liegen.
Während des Schreibens über Giaco Gatz stieß ich immer wieder auf die Frage, was genau ich mir unter der Kluft zwischen dem Gestern, wie es mir vertraut ist, und dem Heute, das ich nicht mehr recht verstehe, vorstellen kann. Für mich war das Chamäleon-Syndrom eine Überlebensstrategie unserer Zeit. Ich dachte mir, der flexible Mensch erfülle sich den paradoxen Wunsch, in der Flut von Selfies, die alle ununterbrochen von sich machen und mit anderen teilen, unsichtbar zu werden, ähnlich wie das Chamäleon seine Hautfarbe dem Hintergrund anpasst. Ich dachte mir Sphären aus, wo Algorithmen unsere Träume bestimmen. Wo daher nicht mehr der Geistesmensch, sondern der Developer, nicht mehr der zweifelnde Träumer, sondern der Manager Inbegriff unserer Utopie von Freiheit ist.
Ich schrieb Giacos Geschichte in nur zwei Monaten nieder. Jemand nannte das Wahre zerbrechlich. Während des Schreibens stürzte ich in die Kluft zwischen dem Gestern und Heute und drohte darin zu verschwinden, denn während ich mich fragte, was aus Giaco geworden sei, fiel diese Frage zusehends auf mich selbst zurück. Den blinden Fleck in mir.
An jenem späten Februartag vor nicht mehr als drei Monaten, als ich Giaco wiederbegegnete, schien alles seinen gewöhnlichen Lauf zu nehmen. Zwar wurde in den Medien berichtet, mit Wuhan wäre eine ganze Region wegen eines Virus in Quarantäne gestellt worden, China schien jedoch weit entfernt von uns. Einen Monat später stand das Leben auch in Europa still, das Museum an der Promenade musste wegen Covid-19 seine Pforten schließen.
An jenem Märztag, als ich Giacos Geschichte zu schreiben begann, las ich im Guardian einen Brief aus Italien. Francesca Melandri, eine italienische Schriftstellerin, berichtete darin über das Leben in plötzlicher Isolation, über das vereinbarte Treffen in einem Supermarkt in Rom, das Glück, ihren Geliebten wenigstens in der Warteschlange für ein paar Augenblicke sehen zu können. Sie endete ihre Schilderung mit der Prognose, die Welt würde, wenn das alles vorbei ist, nicht mehr dieselbe sein.
Ich gehe seitdem nicht mehr außer Haus, mein junger Nachbar übernimmt für mich die nötigen Besorgungen. Es fühlt sich an, als wäre an jenem Februartag ein Zeitfenster aufgegangen, ein Augenblick der Offenbarung. Ich wollte ihn nützen, um mir den Zeitenwandel vor Augen zu führen, nicht unter dem Eindruck einer Ahnung, was nach der Krise kommen würde, sondern aus dem Blickwinkel unmittelbar davor, aus dem Blickwinkel einer Nichtzeit, die nun mit der Pandemie anbricht.
Nikolaus Kümmel, 2. Mai 2020
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Was vor drei Monaten geschah
An jenem Februartag, als ich Giaco Gatz zufällig wiedersah, regnete es, und ich haderte wie immer mit meiner Geldknappheit.
Auch wenn ich mich gedemütigt fühlte, wie an diesem Tag, über Auftritte des Kulturstadtrates in der regionalen Tageszeitung berichten zu müssen, nahm ich jeden Brotdienst dankbar an und ging mit dem Gefühl, schlecht zu riechen, außer Haus. Kein Parfum der Welt übertüncht den Geruch, der einem bei dieser Lohnschreiberei nachhängt.
Ich schaute in den kalten Regen, in das nebelverhangene Grau der Straßen und Häuser. Selbst der Fluss trug etwas Unwirtliches mit sich, schlammgraues Nass. An diesem besagten Februartag war ich zu zwei Terminen des Kulturstadtrates bestellt worden. Ich fühlte mich unwohl, vielleicht plagte mich auch die Migräne, jedenfalls hatte ich nicht einmal Lust, zur Geburtstagsfeier für Joseph Brahm zu gehen, den hochgeschätzten Poeta doctus, über den ich doch im Grunde stets gerne schrieb. Der hochbetagte Schriftsteller, Philosoph und Pädagoge war jahrzehntelang Präsident des Künstlerhauses gewesen und verkörperte als Pepi, wie wir ihn liebevoll nannten, nach wie vor das Künstlerhaus wie kein anderer.
An jenem Morgen haderte ich, wie so oft, mit der Tatsache, für vierzig Euro pro Hofbericht meine kleine Wohnung verlassen zu müssen. Kaum angekommen, war ich doch wieder betört von Pepis Aura. Sogar der berühmte Schriftsteller, den er einst entdeckt und gefördert hatte, war für ihn von weit entfernt angereist und stand nun geduldig der Fotografin Modell.
Die Feier fand in einem prächtigen Innenstadtpalais statt. Während der Kulturstadtrat Pepis Verdienste für das Künstlerhaus pries und dessen Gründung Ende der 1950er-Jahre in Erinnerung brachte, blickte Pepi regungslos vor sich hin, krank und gebrechlich geworden, aber immer noch mit klugen und spitzbübischen Augen, die ihn so gewinnend und einnehmend machen. Ich fühlte mich in die guten Tage von damals mitgenommen. Auch Pepi dachte wohl daran, ruhig und abwesend, wie er dasaß und vor sich hin starrte. Vielleicht versetzte er sich in die Welt zurück, als fünfzehn Jahre nach dem Krieg junge Künstler, Schriftsteller und Redakteure das verfallene Kaffeehaus besetzt, kräftig zugepackt und das Künstlerhaus gegründet hatten. Jenen Ort, der einmal zu einem gleichsam zweiten Montparnasse werden würde. Jenen Ort, wo sie als junge Männer ihr eigenes Kunstquartier eingerichtet, Dramen aufgeführt, Trümmerpoesie proklamiert und obszöne Bilder an die Wand gehängt hatten, den aus dem Krieg heimgekehrten und die faschistische Katastrophe leugnenden Bürgern zum Trotz.
Ich war im April 1983 in das Künstlerhaus aufgenommen worden und seit jeher von Pepis unbändiger Energie fasziniert, von der Sorge des wachsamen Vaters, der sein Lebenswerk wie ein labiles Kind hütete. Wie hingebungsvoll er über die Schriftsteller und Künstler dozieren konnte, über all die Männer und zuweilen auch Frauen, deren Talent er entdeckt hatte und von denen der eine oder andere inzwischen in den Weltrang aufgestiegen und doch Sprössling des Künstlerhauses geblieben war.
Der berühmte Schriftsteller galt in meiner Stadt als Gottheit, und ob Pepi ihn oder er selbst sich dazu erhoben hatte, konnte ich nicht sagen. Wenn er Pepi zuliebe unsere Stadt besuchte, wussten wir das im Kaffeehaus, denn Pepi erzählte es überall herum. So war unsere kleine Stadt am Rande Österreichs mit der großen Welt verbunden, kraft des berühmten Schriftstellers, des Meisters des Wortes, der für uns wie das Wort selbst anmutete, ob wir ihn nun liebten, bloß schätzten oder gar verschmähten.
Pepi und das Künstlerhaus hatten der Stadt der Volkserhebung, in der einst Hitler zugejubelt wurde, die Würde zurückgegeben. Pepis eigene Romane legten eindrucksvoll dar, wie die Unheimat wieder zur Heimat werden konnte, und er empfand sich als ein – mit Heidegger gesagt, den er gerne zitierte – Hierher-Geworfener. Pepi verharrte am Ort seiner Herkunft, legte Zeugnis darüber ab und flog doch in Gedanken hoch hinaus. Ja, Heimatverbundenheit und Modernität waren für ihn zusammenzudenken. Pepi, ein Vorkriegskind, lehrte Literatur am Ort, wo er selbst einst belehrt worden war, meiner Stadt so kritisch wie leidenschaftlich verbunden. Pepi, der Kämpfer gegen die Wiederkehr des Gleichen, konnte unter einer Eiche für das Foto posieren und dabei nicht peinlich wirken, ja er war wirklich einer, der das deutsche Gehölz in einen unschuldigen Baum zurückverwandeln konnte. Er liebte die Erde, auf der er groß geworden war, vielleicht auch die Enten, die am Fluss nisteten, und sogar den Nebel über der Stadt.
Seinem Eifer für die moderne Kunst tat dies keinen Abbruch und eine gewisse Skepsis gegenüber dem Zwanghaft-Modernen blieb ihm bis ins hohe Alter.
Während dieser Feier für ihn drängte sich etwas Verstörendes in meine Gedanken. Mir fiel nämlich Pepis unablässige Furcht ein, jemand könnte ihn einmal verdrängen wollen, eine Furcht, mit der er uns jahrelang aufgescheucht hatte. Und wie daher Jahr für Jahr einer, der ihm folgen hätte können, ein ewig Begabter geblieben war, und nur Pepi, der Langzeitpräsident, nicht zu altern schien und das Künstlerhaus, längst hochangesehen, zu einem mythischen Ort gefroren war.
An der hinteren Seitenwand des Saals hing ein barocker Spiegel, das Glas war schon trüb, fiel mir auf, da ich ihn ansah und mich selbst darin erkannte. Das Gesicht im Spiegel war ein wenig aufgedunsen, zwar nicht ganz so zerfurcht wie das der fünfzehn und mehr Jahre älteren Männer, die hier feierten. Mein Haar war aber weiß und schütter geworden wie das ihre und doch seltsam aus der Zeit gefallen, die langen Strähnen, die wir alle nicht vermissen wollen, unser verbliebenes Zeichen der wilden vergangenen Jahre.
Der berühmte Schriftsteller stand hinter Pepi und legte die Hand auf dessen Schulter, zärtlich und beschützend. Es gab Wein und belegte Brötchen und man erinnerte sich an die furiose gemeinsame Zeit, die Revolte gegen das Postfaschistische, den Aufstieg, den wachsenden Ruhm, die Schmähung durch neidische Kritiker. So fiel ein Schatten auf die Erinnerungen und man kam schließlich zur bitter stimmenden Erkenntnis, die Welt habe sich seitdem so grundlegend verändert und verstehe die hier Versammelten nicht mehr, all die Vollendeten, die Meister des Augenscheins und der Poesie, die es mit Cervantes und Tolstoi aufnahmen, um im Geiste der Weltliteratur selbst Weltliteratur zu schaffen, und sich daher nicht um etwas wie digitale Menschen und deren Flausen kümmern konnten. Man bekräftigte einander, all die innige Schönheit empfunden und das Warum der Welt in ein Wie schreiben umgewandelt zu haben. Auserwählte Schamanen der Wörter zu sein, Priester der Sprache und Ahnungen, wie es um uns Menschen bestellt ist. Denn das Echte würde echt, wenn es in die Schreibhand genommen, und das Heillose geheilt, wenn es mit einem gelungenen Wort getroffen würde.
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© Haymon Verlag, Innsbruck – Wien 2026
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Walter Grond, geboren 1957 in Mautern, lebt als Romancier, Essayist und Literaturvermittler in Wien. Er ist unter anderem Gründer der Literaturplattform readme.cc und künstlerischer Leiter der Europäischen Literaturtage. Zuletzt veröffentlichte er den Roman Sommer ohne Abschied (Haymon, 2019). Bei dem hier abgedruckten Text handelt es sich um einen Auszug aus dem Roman Die Wandlung, der Anfang September bei Haymon erschienen ist.
Walter Grond: Die Wandlung
Roman. Haymon Verlag, Innsbruck – Wien 2026
432 Seiten, € 26,90 (D) / € 26,90 (A)
Online seit: 12. September 2026
Zuletzt geändert: 12. Sep. 2026
