Die Mörder beim Wort genommen

Vale­rie Frit­sch über Mar­tin Prinz und sei­nen Roman Die letz­ten Tage

Lite­ra­tur ist mit­un­ter ein alt­mo­di­scher Zau­ber­trick in ver­kehr­ter Rich­tung: statt Men­schen wie Kanin­chen ver­schwin­den zu las­sen, lässt sie manch­mal unter dem Zylin­der der Spra­che die Ver­lo­re­nen wie­der erschei­nen. Sie übt sich in der Ver­wand­lung. Mit sechs­und­zwan­zig Buch­sta­ben ver­sucht sie das Unsicht­ba­re sicht­bar zu machen, das Ver­schwun­de­ne in sei­ner Ver­schwun­den­heit, und sei­ner Zer­schun­de­n­heit zugäng­lich zu hal­ten, Lücken und Leer­stel­len in der hoh­len Hand des Alpha­bets zu beschüt­zen und im rich­ti­gen Augen­blick zur Rund­um­an­sicht frei­zu­ge­ben. Sie sagt uner­müd­lich: Schau! Schau, wie schön und schau, wie schreck­lich, schau, was ist, schau, schau, was war, schau, was sein wird, schau, was sein könn­te. Sie sagt: Schau, was nicht ist, schau, was nicht war, schau, was nicht sein wird, schau, was nicht sein darf.

Der Roman Die letz­ten Tage hat für sei­nen Autor Mar­tin Prinz nicht mit sei­ner eige­nen, aber mit der Spra­che der Täter ange­fan­gen. Die Geschich­te war ihm durch Zufall lan­ge bekannt, über zehn Jah­re lag sie auf sei­nem Nacht­käst­chen, bis er begann, Wor­te und eine Form für sie zu suchen und zu fin­den. Typisch Leben: Ein Gemein­de­be­am­ter hat­te ihm ein Kon­vo­lut von Auf­zeich­nun­gen eines Zeit­zeu­gen in die Hand gedrückt wie ein Paket, um das man nicht gebe­ten hat, und das die in den letz­ten Kriegs­ta­gen 1945 began­ge­nen Ver­bre­chen rund um Rei­chen­au ent­hielt. Dort nah­men eini­ge Män­ner, wäh­rend die rus­si­sche Armee bereits in Ruf­wei­te stand und der Krieg auch den Gut­gläu­bigs­ten längst als ver­lo­ren galt, nicht ihre eige­nen Schick­sa­le, aber die ande­rer Men­schen in die Hand. Eine Ermäch­ti­gungs­ge­sell­schaft wüte­te kurz vor dem Ende der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Herr­schaft, füh­ren­de NS-Funk­tio­nä­re und ihre Hel­fer erstell­ten Will­kür­lis­ten, errich­te­ten ille­ga­le Stand­ge­rich­te, ver­kün­de­ten und voll­streck­ten nach Gut­dün­ken Todes­ur­tei­le gegen ver­meint­li­che Deser­teu­re, Geg­ne­rin­nen des Regimes, Men­schen, die ihnen schon län­ger ein Dorn im Auge gewe­sen waren, gegen Ver­däch­ti­ge, Unbe­que­me und Unzu­ver­läs­si­ge. Sie töte­ten Män­ner und Frau­en, und lie­ßen die geschän­de­ten Leich­na­me mit die Toten ver­höh­nen­den Spruch­ta­feln um den Hals als Beglau­bi­gung des Schre­ckens auf­hän­gen – Denun­zia­ti­on und Verschlepp­ungen, Fol­ter und Mord bestimm­ten die Tage zwi­schen Mit­te April und Anfang Mai im niederöster­reichischen Höl­len­tal.

Es war eine unauf­ge­for­dert ein­ge­sand­te Geschich­te der Wirk­lich­keit. Mit dem über­ge­be­nen Papier­stoß war Mar­tin Prinz plötz­lich auf selt­sa­me Art und Wei­se unge­wollt der Adres­sat und Besit­zer der Rei­chenau­schen Unge­heu­er­lich­kei­ten aus 45 gewor­den.

Über Grau­sam­keit zu schrei­ben ist eine Kunst, so leicht kann man an ihr schei­tern, macht man sich mit­schul­dig mit der eige­nen Harm­lo­sig­keit, einer Unge­nau­ig­keit, und dem natür­li­chen Reflex, beim Schlimms­ten zu den­ken „Das kann ich mir nicht vor­stel­len“ und dabei zu ver­ges­sen, dass das eige­ne Vor­stel­lungs­ver­mö­gen einem kei­ne Aus­kunft über die Wirk­lich­keit der Welt gibt.

Mar­tin Prinz aber ist ein rabi­at prä­zi­ser Schrift­stel­ler, der die Mör­der beim Wort nimmt. Denn zwei Jah­re spä­ter, 1947 stan­den die Män­ner, von denen er in den Auf­zeich­nun­gen gele­sen hat­te, als Ange­klag­te vor dem Volks­ge­richt in Wien und soll­ten sich für die in den letz­ten Kriegs­ta­gen began­ge­nen Ver­bre­chen ver­ant­wor­ten. Er las sich durch tau­sen­de Sei­ten Pro­zess­ak­ten, durch Doku­men­te, Aus­sa­gen und Brie­fe. Er näher­te sich über die Wor­te, die im Nach­gang der Ver­bre­chen für eben­die­se gefun­den wor­den waren, an. Der Roman schließ­lich wuchs aus der Spra­che der Täter, die ihn nicht los­ließ, und so lässt er die Män­ner selbst zu Wort kom­men. Wie man etwas sagt und wie man etwas nicht sagt, ist stets ein Augen­blick der Preis­ga­be. Er ent­stellt einen bis zur Kennt­lich­keit. Selbst in der Rück­schau ist es eine dok­tri­nä­re, ver­eng­te Spra­che vol­ler Pas­siv­kon­struk­tio­nen, in der man sel­ten Ich, aber oft man sagt, eine unbe­schämt büro­kra­ti­sche Aus­drucks­wei­se der Unver­meid­lich­keit, vol­ler Aus­re­den und Leer­stel­len. Ste­fan Gmün­der schrieb dazu: sie wuss­ten, wovon sie schwie­gen.

Mar­tin Prinz arbei­tet sich am Gesche­he­nen ab, an der schwie­rigs­ten Form davon, dem, von dem man wünscht, dass es nicht pas­siert sein möge. Er macht die Täter und die Opfer kon­kret, stellt sie ins glei­ßen­de Licht des Erin­nerns. Er macht das Unsäg­li­che zum end­lich Gesag­ten, zum Sag­ba­ren. Er wagt sich vor, nennt immer wie­der ihre Namen, lässt die Men­schen nicht los, die Täter nicht und die Toten, ist so genau mit den Orten und den Ein­zel­hei­ten, dass der Lese­rin und dem Leser die Welt mit einem Mal uner­träg­lich nah rückt, und doch geht sein Schrei­ben weit über das Doku­men­ta­ri­sche hin­aus. Er ver­traut der lite­ra­ri­schen Form, er ver­traut ihr die Geschich­te an, er belas­tet die Mög­lich­kei­ten der Spra­che, und sie tra­gen. Jedes Wort ist eine Ent­schei­dung, die er mit unbarm­her­zi­ger Sorg­falt trifft, um den Unge­rech­tig­kei­ten von damals heu­te so gerecht zu wer­den, wie man nur kann.

Man spürt, die­ser Autor ist einer Lite­ra­tur ver­pflich­tet, die wie­der­um den Men­schen ver­pflich­tet ist. Ich ken­ne Mar­tin Prinz als einen Hands-on-Men­schen und einen Hands-on-Schrift­stel­ler, als einen streit­ba­ren, inte­gren Erzäh­ler, als einen, der die Welt anpackt, mit dem man am Tisch genau­so dis­ku­tie­ren wie im Gar­ten beto­nie­ren kann, als einen mit weit­auf­ge­ris­se­nem Hirn, der sich kei­ne Vor­ur­tei­le erlaubt, die einem die Wirk­lich­keit erspa­ren, als einen Auf­rech­ten, der in den Buch­rü­cken auch das Rück­grat sieht.

Ich bin die­sem Buch ver­bun­den, denn ich durf­te es von Anfang ein wenig aus der Fer­ne beglei­ten, von ihm wis­sen, als es noch nicht geschrie­ben war, von ihm hören, als es geschrie­ben wur­de, in ihm lesen, als es dann geschrie­ben war, noch roh, die ers­te Ver­si­on. Sei­ne Wucht und sei­ne Klar­heit sind mir nah gegan­gen, und stets hat es ver­mocht, mich unend­lich wütend zu machen. Noch bei der drit­ten Lesung, die ich mit­er­lebt habe, ist mir pas­siert, was mir kaum je pas­siert: Obwohl – oder gera­de weil – ich schon wuss­te, was geschieht, muss­te ich wei­nen. Gewis­se Stel­len kann ich bis heu­te nicht gut ertra­gen.

Der Zau­ber­trick der Lite­ra­tur ist geglückt: wer das Buch zuklappt, sitzt da mit einer wie eine Nuss auf­ge­bro­che­nen Zeit­kap­sel in der Hand. Man sieht die von der Welt Ver­schwun­de­nen in ihrem andau­ern­den, grau­sa­men Ver­schwun­den­sein vor sich, schaut sich nach den noch immer sicht­ba­ren Tätern um, wirft zum Schluss prü­fend einen Blick auf die Uhr, um sich zu ver­si­chern, in wel­chen Zei­ten man lebt. Schon will man dem nächs­ten ein Schau, Schau, wie schön, schau, wie schreck­lich zuwer­fen.

Nach unsi­che­ren, eigen­ar­ti­gen Jah­ren vol­ler Ent­täu­schun­gen für Mar­tin Prinz in der Lite­ra­tur, wur­den Die letz­ten Tage mit ihrem Erschei­nen augen­blick­lich ein viel gele­se­nes und viel gelob­tes Buch. Ein Glück, wie ich fin­de. Wie immer gilt: Die Fes­te fal­len und wir fei­ern sie. Heu­te fei­ern wir Dich. Lie­ber Mar­tin, herz­li­chen Glück­wunsch!

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Der Text basiert auf der im April 2026 anläss­lich der Ver­lei­hung des Lite­ra­tur­prei­ses der Stadt Wien gehal­te­nen Lau­da­tio.

 

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Online seit: 11. Juni 2026

Zuletzt geän­dert: 11. Juni 2026