„Einmal waren wir alle Götter“
Flann O’Brien: Der dritte Polizist
Dieses Buch habe ich im englischen Original in einer einzigen fiebrigen Nacht gelesen. Nie wieder habe ich so lachen müssen, nie wieder war mir so mulmig dabei. Um nicht wahnsinnig zu werden, muss ich auf eine kurze Beschreibung der Handlung verzichten. Vielleicht nur das: Die Welt ist nicht das, was sie zu sein scheint, alles verpufft, wenn man vorbeischielt an der ach so löchrigen Zusammensetzung der Dinge.
Dank Flann O’Brien weiß ich jetzt, dass wir Radfahrer uns mit unseren Fahrrädern verbinden. Sie leben wie wir und haben Gefühle. Sie bewegen sich von ganz allein. Ich weiß, dass manche Menschen Dinge sammeln, die so klein sind, dass man sie nicht sehen kann. Ich weiß, dass wir schweben und platzen können und dass die Freude über den beginnenden Tag dem Schauder vor dem vergangenen Tag ähnlich ist. Das Leben als Halluzination zu begreifen, ist zugleich äußerst tröstlich und ein Grund zur Panik. Wenn es mir gelingt, das Leben als langes Sterben zu betrachten, wie es so üblich ist bei irischen Schriftstellern, dann verzückt mich der philosophisch grundierte Wahnsinn O’Briens. Wenn ich allerdings daran glaube, dass ich noch nicht tot bin, kommt mir das alles vor wie ein Albtraum, „it’s nearly an insoluble pancake, a conundrum of inscrutable potentialities, a snorter“.
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Marie Luise Kaschnitz: Beschreibung eines Dorfes
In diesem Text beschreibt Marie Luise Kaschnitz, wie sie ihren Heimatort Bollschweil beschreiben wird. Es ist ein Versuch, eine Arbeit, die sich andauernd an der Möglichkeit aufreibt, gar nicht geschrieben zu werden. Ich lese einen Text, der noch geschrieben wird. „Eines Tages, vielleicht sehr bald schon, werde ich den Versuch machen, das Dorf zu beschreiben.“ Kaschnitz zählt auf, was sie beschreiben würde und ermöglicht sich so ein Immer-Wieder-Neu-Ansetzen, ein stetes Beginnen und damit auch eine Wiederholung dessen, was wohl das beseelendste, zumindest unbeschwerteste am Schreiben ist, nämlich die ersten Assoziationen, die sich niemals einlösen müssen, die aber einmal niedergeschrieben, eine Temperatur, einen Rhythmus, eine Nähe zu den Dingen ermöglichen.
Der Text ist fast biblisch, Kaschnitz schreibt vom vierten oder elften Tag und von dem, was eintreten wird. Dadurch erhebt sie ihr Dorf zu jedem Dorf, auch zu meinem Dorf, das nicht weit von ihrem ist. Ich gehe mit ihr die Wege, blättere in den Anthologien und rieche die Pflanzen, die ich eigentlich längst vergessen habe.
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Ivo Andrić: Insomnia. Nachtgedanken
Wie alle bei Verstand, könnte ich diese „Lektürenotizen“ allein mit Die Brücke über die Drina von Ivo Andrić füllen, weil es ein Buch ist, das fast alles enthält, was mir etwas Wert ist in der Literatur. Seine von Michael Martens übersetzten Gedanken und Notizen zur Schlaflosigkeit und der Vergänglichkeit des Alters offenbaren einen mit sich selbst ringenden Mystiker hinter dem Epiker und erklären mir, weshalb er so viel verstanden hat vom Leben der Anderen. Immer wieder denkt Andrić in seinen Miniaturen über den Kampf zwischen Nervosität und Ruhe als Grundbedingung der Schriftstellerei nach. Die Schlaflosigkeit ist vielleicht die Zeit, in der diese beiden Richtungen des inneren Fühlens am stärksten ineinanderfallen. Ganz weit weg sein, ganz nah sein, alles erinnern, alles vergessen, ich gebe zu, dass ich zu diesem Buch greife wie zu einer Initiation ins Schreiben.
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Yasunari Kawabata: Tausend Kraniche
Eigentlich sind es recht einfache Sätze, die Yasunari Kawabata schreibt. Hauptsätze und knappe Dialoge. Aber irgendwann gerät etwas in Schwingung und mit einem Mal lese ich wie verzaubert, als stünde da mehr auf dem Papier, als ich mit meinen bloßen Augen sehen kann. Das geht mir immer so mit ihm, nicht nur
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