Ein Außenposten der Zivilisation

Ein Rin­gen um Auto­no­mie und Iden­ti­tät, das eine Ver­bin­dung mit dem Natio­nal­so­zia­lis­mus ein­geht: Ursu­la Ack­rills beein­dru­cken­der Debüt­ro­man Zei­den, im Janu­ar erforscht die Men­ta­li­tät der Sie­ben­bür­ger Sach­sen. Von Chris­toph Schrö­der

Wer schon ein­mal mit einem Ver­le­ger oder einem Lek­tor über das Phä­no­men der unver­langt ein­ge­sand­ten Manu­skrip­te gespro­chen hat, der weiß, von wel­cher Flut die Ver­la­ge täg­lich, monat­lich und jähr­lich über­schwemmt wer­den; Pro­jek­te, die zumeist nicht den Hauch einer Chan­ce auf eine Ver­öf­fent­li­chung haben. Und das, wie man ver­mu­ten darf, auch aus guten Grün­den. Dass es das Manu­skript einer Debü­tan­tin, die dem deutsch­spra­chi­gen Lite­ra­tur­be­trieb noch dazu denk­bar fern steht, sich also nicht auf Emp­feh­lun­gen und Men­to­ren ver­las­sen konn­te, in das Pro­gramm eines renom­mier­ten Ver­lags geschafft hat, ist bemer­kens­wert. Umso bemer­kens­wer­ter, da es sich bei Ursu­la Ack­rills Roman Zei­den, im Janu­ar nicht gera­de um ein glat­tes, schnell durch­les­ba­res lite­ra­ri­sches Pro­jekt han­delt. Und dass die Jury des Prei­ses der Leip­zi­ger Buch­mes­se dann auch den Mut hat, einen Roman wie die­sen auf die Short­list zu set­zen, ver­dient eine beson­de­re Erwäh­nung.

Ursu­la Ack­rill, Jahr­gang 1974, wur­de in Kron­stadt in Sie­ben­bür­gen gebo­ren, wur­de an der Uni­ver­si­tät von Buka­rest mit einer Arbeit über Chris­ta Wolf pro­mo­viert und lebt heu­te als Biblio­the­ka­rin in Not­ting­ham. Ihr Roman for­dert einen auf­merk­sa­men Leser, der bereit ist, man­che Kraft­an­stren­gung zu leis­ten und man­che Vol­te mit­zu­ge­hen. Das Buch steht quer zu den Erwar­tun­gen, die mitt­ler­wei­le wie selbst­ver­ständ­lich an einen Roman gerich­tet wer­den: eine gewis­se Grad­li­nig­keit der Erzäh­lung, einen rekon­stru­ier­ba­ren Plot, die Mög­lich­keit zum iden­ti­fi­ka­to­ri­schen Lesen.

Zei­den, im Janu­ar fokus­siert sich in sei­nem erzäh­le­ri­schen Kern auf einen ein­zi­gen Tag, den 21. Janu­ar 1941. Von dort aus schlägt Ursu­la Ack­rill wei­te Bögen in die Ver­gan­gen­heit. Sie betreibt Men­ta­li­täts­for­schung an einer Lands­mann­schaft, der sie selbst ange­hört, den Sie­ben­bür­ger Sach­sen, der deut­schen Min­der­heit in Rumä­ni­en, die stets ein Spiel­ball der geschicht­li­chen Ent­wick­lun­gen gewe­sen ist, 1867 Ungarn zuge­schla­gen, nach dem Ers­ten Welt­krieg dann Rumä­ni­en; eine Volks­grup­pe im Zwie­spalt zwi­schen dem Ver­lust der poli­ti­schen Selbst­be­stim­mung auf der einen und einem unge­bro­che­nen Selbst­be­wusst­sein im Hin­blick auf die eige­ne Stel­lung auf der ande­ren Sei­te.

Ideo­lo­gi­sche Wel­len

Der Ort Zei­den, heu­te: Cod­lea, ist im Roman der Umwälz­platz für die poli­ti­schen Ent­wick­lun­gen. Hier leb­ten im Jahr 1930 5.200 Men­schen, davon 3.200 Sie­ben­bür­ger Sach­sen. Eine davon ist Leon­ti­ne Phil­ip­pi, Jahr­gang 1888. Sie als die Haupt­fi­gur des Romans zu bezeich­nen, wür­de sei­ner Struk­tur nicht gerecht wer­den. Leon­ti­ne, stu­dier­te His­to­ri­ke­rin, ist die Chro­nis­tin von Zei­den und zugleich ein Reflek­tor der unter­schied­li­chen ideo­lo­gi­schen Wel­len, die in der poli­tisch auf­ge­peitsch­ten Zeit durch die Land­schaft gesen­det wer­den. Ack­rill ver­mischt Fik­ti­on und his­to­risch ver­bürg­te Rea­li­tät. Der Zeid­ner Arzt Fritz Klein, glei­cher Jahr­gang wie Leon­ti­ne, wur­de 1943 SS-Trup­pen­arzt und war spä­ter als KZ-Arzt in den Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern Ausch­witz-Bir­ken­au und Ber­gen-Bel­sen betei­ligt an den Selek­tio­nen für die Gas­kam­mern. Und Vic­tor Cape­si­us, den Ack­rill in der Zeid­ner Dorf­apo­the­ke eine flam­men­de Rede für die Ver­nich­tung geis­tig Behin­der­ter hal­ten lässt, lei­te­te ab 1943 die Apo­the­ken in den Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern Dach­au und Ausch­witz.

Kräf­ti­ge Män­ner, dral­le Frau­en

Alles hängt hier mit allem zusam­men, und des­we­gen lässt sich ein sol­cher Stoff, in dem eine in sich wider­sprüch­li­che Volks­men­ta­li­tät aus­ge­fal­tet, auf­ge­blät­tert wird, nicht kon­ven­tio­nell erzäh­len. Zei­den, im Janu­ar ist ein aus vie­len Stim­men zusam­men­ge­setz­tes, chro­no­lo­gisch auf­ge­bro­che­nes Geschichts­pan­ora­ma; ein Wim­mel­bild, in dem Ack­rill beharr­lich und genau die Hin­wen­dung der Sie­ben­bür­ger Sach­sen zum Natio­nal­so­zia­lis­mus als eine aus der Per­spek­ti­ve der Han­deln­den alter­na­tiv­lo­se Not­wen­dig­keit her­aus­ar­bei­tet. Bau­ern sind sie, gute Schaf­fer, eine homo­ge­ne Grup­pe, Hand­wer­ker, kräf­tig die Män­ner, stäm­mig und drall die Frau­en, man erkennt sie an ihrer Phy­sio­gno­mie und an ihrem Selbst­ver­ständ­nis: „Wir sind“, so sagt Leon­ti­nes Nach­bar, „der süd­öst­lichs­te Pos­ten west­eu­ro­päi­scher Zivi­li­sa­ti­on und das schon seit Jahr­hun­der­ten.“

Man ringt um Auto­no­mie und Iden­ti­tät. Das Deutsch­sein erscheint als Aus­weg aus der unver­schul­de­ten Unmün­dig­keit. Leon­ti­ne ana­ly­siert: „Weil jemand das Deutsch­tum schlecht gemacht hat, ist ihnen das Deutsch­tum das Höchs­te über alles gewor­den.“ Der Natio­nal­so­zia­lis­mus erscheint als rei­ni­gen­de Kraft; Paro­len und Schlag­wör­ter aus unter­schied­li­chen Mün­dern geis­tern durch den Roman: „Hei­len ist bru­tal“, heißt es, oder „Bes­ser tre­ten als getre­ten wer­den.“ Man nimmt den Ver­bre­cher Hit­ler in Kauf. Und man schafft auf bru­ta­le Wei­se neue Rea­li­tä­ten.

Ack­rill bil­det eine poli­tisch unüber­sicht­li­che Situa­ti­on vir­tu­os, auch sprach­lich vir­tu­os, in all ihrer Unüber­sicht­lich­keit ab. Der Ton­fall des Romans ist ein ver­wi­ckel­ter, archai­sie­ren­der Sound, bild­reich und opu­lent, hart an der Gren­ze zum Erträg­li­chen und manch­mal, wahr­schein­lich ganz bewusst, auch dar­über hin­aus. Man kann über die Stim­mig­keit ein­zel­ner Bil­der strei­ten; als Gesamt­zu­sam­men­klang erfüllt der Duk­tus sei­nen Zweck: er bil­det Stim­mun­gen und Gestimmt­hei­ten ab; er erzeugt Asso­zia­tio­nen.

Wie es mit Leon­ti­ne aus­geht, erfah­ren wir gleich am Anfang. Zei­den, im Janu­ar mäan­dert sich durch die Epo­chen hin­durch auf einen Höhe­punkt zu: auf die Dorf­ver­samm­lung im Rat­haus am Abend des 21. Janu­ar. In einem Neben­raum des Rat­hau­ses unter­su­chen Franz Her­furth und Fritz Klein jun­ge Män­ner auf ihre Taug­lich­keit für die Waf­fen-SS. Mit dabei: Andre­as Schmidt, Volks­grup­pen­füh­rer der Deut­schen Volks­grup­pe in Rumä­ni­en. In Buka­rest droht die Lage zu eska­lie­ren. Juden wer­den ermor­det, ihre Kör­per an Flei­scher­ha­ken auf­ge­hängt. Schmidt setzt Leon­ti­ne mas­siv unter Druck; es geht um ihren ehe­ma­li­gen Lieb­ha­ber, den Pilo­ten Albert Zieg­ler. Schmidt ver­mu­tet, Leon­ti­ne wis­se etwas über sei­nen Ver­bleib. Noch in der Nacht geht sie ins Exil, gemein­sam mit den jun­gen Män­ner aus Zei­den, in einem Vieh­wag­gon in Rich­tung Deutsch­land.

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Chris­toph Schrö­der, Jahr­gang 1973, lebt als frei­er Jour­na­list und Publi­zist in Frankfurt/Main. Er arbei­tet u.a. für die Süd­deut­sche Zei­tung, Die Zeit und den Deutsch­land­funk.

Ursu­la Ack­rill: Zei­den, im Janu­ar. Roman. Ver­lag Klaus Wagen­bach, Ber­lin 2015. 254 Sei­ten, € 19,90 (D)  / € 20,50 (A).

Die­ser Bei­trag erschien zuerst in VOLLTEXT 1/2015

Online seit: 3. März 2015

Zuletzt geän­dert: 26. Okt. 2015