Neulich

Eine Kolum­ne von Andre­as Mai­er „Und nun, neu­lich also, schrieb ich eine Kolum­ne über Udo Jür­gens. Zum ers­ten Mal. Und einen FAZ-Arti­kel. Udo Jür­gens hat das genau sechs Wochen über­lebt.“

Neu­lich schrieb ich an die­ser Stel­le über den öster­rei­chi­schen Sän­ger Udo Jür­gens und ende­te mit dem Satz: „Wir gehen jetzt immer zu Udo Jür­gens.“

Wie kommt das eigent­lich? Wo ich bin, ist immer gleich der Tod bzw. umge­kehrt. Zeit­wei­lig war das gera­de­zu quä­lend. Als mei­ne Groß­mutter starb, war ich der ein­zi­ge von den Enkeln, der im Land war. Ich sehe noch, wie mein Onkel J. den Akku ihres Hör­ge­räts aus der Kran­ken­haus­steck­do­se zieht, denn er wur­de nicht mehr gebraucht (der Akku, nicht der Onkel, der wur­de nie gebraucht).

Oder der Tod von Onkel J. selbst: Ich saß zu Hau­se, ganz zufäl­lig, eigent­lich wohn­te ich zu der Zeit in Frank­furt, und zwei Tage zuvor hat­ten sie ihn ins Kran­ken­haus geschafft, er hat­te drau­ßen vor der Tür gestan­den, etwas grün­blau aus­ge­se­hen und gesagt, er füh­le sich nicht so wohl. Da er ja kei­ne Schmer­zen emp­fin­den konn­te, konn­te er das nur so dif­fus äußern. Zwei Tage danach geht mei­ne Mut­ter mit der Frau Steg­mül­ler (Nach­ba­rin) aus, zufäl­lig zum Ita­lie­ner hun­dert Meter vom Kran­ken­haus ent­fernt. Der Sta­ti­ons­arzt ruft bei uns an, ich gehe ans Tele­fon, er sagt mit die­sem auf­ge­setz­ten Trau­rig­keits­ton­fall (der exakt so klingt wie der Ton­fall des Man­nes im Kreis­wehr­ersatz­amt, der mir unter der Deutsch­land­fah­ne und dem Bild des dama­li­gen Bun­des­prä­si­den­ten Cars­tens mit­teil­te, bedau­er­li­cher­wei­se und zu mei­ner sicher­lich gro­ßen Betrüb­nis sei ich für den Wehr­dienst in der Deut­schen Bun­des­wehr nicht ver­wen­dungs­fä­hig), Herr J. Boll sei ver­stor­ben. Ich lau­fe also hoch zum Ita­lie­ner, wo mei­ne Mut­ter mit der Frau Steg­mül­ler her­um­sitzt, gestor­ben war er ver­mut­lich wäh­rend der Anti­pas­ti. Anschlie­ßend gehen wir ins Kran­ken­haus, besich­ti­gen, aber dar­über habe ich schon andern­orts geschrie­ben.

Oder mei­ne Tan­te. Sie ertrank in der Bade­wan­ne. Ihr Mann dage­gen erstick­te an einem Stück Fleisch. Mei­nem Groß­va­ter väter­li­cher­seits, dem Ober­fi­nanz­prä­si­den­ten, soll mei­ne Groß­mutter väter­li­cher­seits den Gas­hahn auf­ge­dreht haben (wor­auf die­ser sich aber immer­hin nicht ein­ge­las­sen habe).

Manch­mal muss­te ich nur den Tele­fon­hö­rer abhe­ben und wuss­te schon, wor­um es geht. Bei­spiel Stu­den­ten­wohn­heim. Mei­ne jet­zi­ge Frau wohn­te Anfang der neun­zi­ger Jah­re des vori­gen Jahr­hun­derts in einer 6er-Woh­nung mit Gemein­schafts­te­le­fon. Sie duscht gera­de, es klin­gelt, ich hebe ab und weiß genau, jetzt ist ihr Groß­va­ter gestor­ben. Und was war? Ihr Groß­va­ter war gestor­ben. Und der war vor­her nicht mal krank gewe­sen.

Oder Hoff­mann, unser Rus­se, unse­re Gar­ten­hil­fe, den sie final zusam­men­ge­sägt hat­ten, damit er in den Sarg pass­te. Mei­ne Eltern waren gera­de mal wie­der ein paar Wochen weg, da ruft Hoff­manns Frau an und erzählt unter Schock von der Säge­rei, die sie gera­de selbst mit­er­lebt hat­te. Bei der Beer­di­gung war ich natür­lich wie­der ein­mal der ein­zi­ge Mai­er.

Aber auch außer­halb der Fami­lie war es fatal. Wo ich hin­ging … Ich kam ans Ger­ma­nis­ti­sche Insti­tut II in Frank­furt am Main, des­sen berühm­tes­ter Pro­fes­sor Nor­bert Alten­ho­fer war. Alten­ho­fer schweb­te über allem. Ich besuch­te ein­mal eine Vor­le­sung, schon war er tot. Ich ging zu Sego­via ins Kon­zert, anschlie­ßend fiel er um. Ich woll­te zu einer Lesung von Her­mann Bur­ger, am sel­ben Tag begeht er Selbst­mord.

Es war nahe­zu fol­ge­rich­tig, dass auch Sieg­fried Unseld mei­nen „Ein­tritt“ in den Ver­lag nicht sehr lang über­lebt hat. Gera­de war ich an die Ost­see gefah­ren, da ruft es mor­gens um sechs Uhr an, und ich fah­re gleich wie­der retour …

Ein­mal, ich glau­be 2001, schla­ge ich in Bri­xen in Süd­ti­rol zufäl­lig die Bild-Zei­tung auf. Ich schla­ge sonst nie die Bild-Zei­tung auf. Und was steht da, in der so gut wie ein­zi­gen Bild-Zei­tungs­aus­ga­be mei­nes Lebens? Der Wirt des Gemal­ten Hau­ses in Frank­furt am Main (zufäl­lig mei­ne Stamm­wirt­schaft): tot, hat sich erschos­sen, wegen Krank­heit.
Oder vor zwei Jah­ren, da fah­ren mei­ne Frau und ich in die Wet­ter­au zum Som­mer­ur­laub (wir ver­brin­gen unse­ren Som­mer­ur­laub immer in der Wet­ter­au), kaum trin­ken wir am ers­ten Mor­gen unse­res Urlaubs Kaf­fee, klin­gelt das Mobil­te­le­fon. Die Stim­me am Tele­fon sagt poin­ten­ver­zö­gernd: Hast du schon gehört, wer gestor­ben ist?

Am Nach­mit­tag sind wir wie­der in Frank­furt zurück. Dies­mal die Wir­tin des Gemal­ten Hau­ses, tot, von der Trep­pe gestürzt.

Vor ganz kur­zer Zeit habe ich von der Münch­ner Male­rin Anne Trie­ba ein Bild gekauft, dar­auf ist sie selbst zu sehen als Kind mit Ess­stö­rung, dane­ben ihre Schwes­ter als Kind ohne Ess­stö­rung, dane­ben ihr Vater als pro­tes­tan­ti­scher Tyran­nen­pfar­rer, eben­falls ohne Ess­stö­rung, aber mit Backen­bart. Ges­tern habe ich das Bild auf­ge­hängt. Heu­te mor­gen die Mail: Vater gestor­ben.

Und nun, neu­lich also, schrieb ich eine Kolum­ne über Udo Jür­gens. Zum ers­ten Mal. Und einen FAZ-Arti­kel. Udo Jür­gens hat das genau sechs Wochen über­lebt. Ich hat­te damals, zu sei­nen Leb­zei­ten, sogar noch das Manage­ment von Udo Jür­gens ange­ru­fen, weil die FAZ einen Satz von mir grau­sam (aber unab­sicht­lich) ent­stellt hat­te. Aus dem Satz, es müss­te end­lich ein­mal in der öffent­li­chen Wahr­neh­mung Schluss sein mit Udo Jür­gens immer nur als der Schla­ger­sän­ger Udo Jür­gens – - – aus dem Satz hat­ten sie tat­säch­lich gemacht: „Es muss jetzt end­lich ein­mal Schluss sein mit Udo Jür­gens.“

Das war final.

Neu­lich saß ich mit dem Chef­lek­tor des Suhr­kamp Ver­la­ges zusam­men, kurz nach dem Tod, und wir hat­ten genug getrun­ken, um Ideen zu ent­wi­ckeln. Ergeb­nis: Ich gehe jetzt fremd. Die Neu­lich-Kolum­ne wird für eine Wei­le auch zur Suhr­kamp-Log­buch-Kolum­ne. Titel: Mein Jahr ohne Udo Jür­gens. Zwei­mal im Monat, ein Jahr lang. Das geschieht allein aus Schutz­grün­den. Denn ich wer­de in die­sen Kolum­nen nur noch über Udo Jür­gens schrei­ben. Über nie­mand ande­ren mehr. Kein Leben­der wird erwähnt. Denn so kann ich wenigs­tens nichts anrich­ten.

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Andre­as Mai­er, gebo­ren 1967, lebt als frei­er Schrift­stel­ler in Ham­burg. Zuletzt ver­öf­fent­lich­te er im Suhr­kamp Ver­lag die Roma­ne Das Haus (2012) und Die Stra­ße (2013).

Die­ser Bei­trag erschien zuerst in VOLLTEXT 1/2015

Online seit: 3. März 2015

Zuletzt geän­dert: 26. Okt. 2015