Teufelshöhe

Sil­ke Scheu­er­manns Kolum­ne „Lyri­scher Moment“.

Im Win­ter vor zwei Jah­ren besuch­ten mein Mann und ich die soge­nann­te „Teu­fels­höh­le“ in der Frän­ki­schen Schweiz. Die­ser Aus­flug (der mich spä­ter zu einem Kapi­tel über aus­ge­stor­be­ne Tie­re in mei­nem Gedicht­band anreg­te) begann alles in allem ziem­lich banal: Wir hat­ten unse­ren Hund nicht mit zur Füh­rung neh­men dür­fen, und eigent­lich war ich die gan­ze Tour über des­we­gen sau­er. Da war ich, stand in der Schlan­ge und dach­te nach über die 13,8 Mil­li­ar­den Jah­re, die die Welt schon exis­tier­te, all das Fan­tas­ti­sche um uns her­um, und dann kamen wir dran und so eine Tus­nel­da in ihrem Kas­sie­rer­häus­chen erklär­te, der Hund kön­ne nicht mit. Ein Cano­idea, ein Hun­de­ar­ti­ger, war doch auch der Höh­len­bär! Und auch wenn ein Natur­wis­sen­schaft­ler es viel­leicht nicht so unter­schrei­ben wür­de, ich sah Tao, mei­nen Eura­si­er, und ihn als, wenn auch weit ent­fern­te, Ver­wand­te.

Aber nein, Hun­de durf­ten nicht mit in die Höh­le. Ich war empört und hin­ter mir in der Schlan­ge reg­ten sich Leu­te über mein Unver­ständ­nis auch noch auf! Wie­so ver­lo­ren die Men­schen so leicht den Blick auf die wirk­lich wich­ti­gen Din­ge, waren beses­sen von unwich­ti­gen Details, von Regeln, die sie so lan­ge aus­kla­mü­se­rten, bis sie ein Sys­tem über das Gro­ße und Gan­ze gezo­gen hat­ten und so den Blick auf alles ver­stell­ten. Sie nah­men immer­zu Män­gel in den Blick so lan­ge, bis sie sie – natür­lich – fan­den, und dann ging das Thea­ter los.

Nun, sie waren immer­hin beschäf­tigt. Ich woll­te ihnen zuru­fen: Hal­lo, hier gehen wir, die Men­schen auf der Erde, und sind doch nur eine kur­ze Wei­le hier, inmit­ten all der Pracht von Grä­sern und Bäu­men, Schnee auf Blät­tern, Tropf­stein und Fel­sen. Und dann reg­te sich jemand über einen Hund auf, der lie­ber zur Füh­rung mit­ge­nom­men wer­den soll­te, als gelang­weilt im Auto zu sit­zen? Wirk­lich, Leu­te, was ist bloß los mit euch? Ein puber­tä­rer Zorn erfass­te mich, und wäre nicht mein Mann gewe­sen, ich hät­te kei­ne Kar­te für mich gekauft, son­dern mich zum Hund ins Auto gesetzt und gewar­tet, bis die Füh­rung vor­bei ist. Die­se Men­schen! Immer das Klei­ne wäh­len, wenn es das Gro­ße gibt.

In der Frän­ki­schen Schweiz lau­tet die Sage, die Pot­ten­stei­ner Höh­le wäre der Ein­gang des Teu­fels zur Unter­welt, schon seit 1923 ist sie tou­ris­tisch erschlos­sen, Wege und Trep­pen füh­ren an den Tropf­stei­nen vor­bei bis zum Höhe­punkt der Füh­rung, dem Höh­len­bä­ren­ske­lett. Es ist für Besu­cher hübsch insze­niert wor­den; lila­rot ange­strahlt steht es neben Sta­lag­mi­ten, die wie gro­ße Ker­zen­stum­mel wachs­weiß aus dem Boden ragen. Albern eigent­lich – und den­noch war ich tief beein­druckt. Hier stan­den wir, Men­schen bei der Grup­pen­füh­rung, lie­fen unse­rem Gui­de hin­ter­her und betrach­te­ten das Ske­lett eines Tie­res, das unse­re eis­zeit­li­chen Vor­fah­ren gejagt hat­ten. Das vor 30.000 Jah­ren aus­ge­stor­ben war. Wir leb­ten jetzt, noch – und doch wür­den alle hier, Kin­der und Senio­ren, in drei­ßig, vier­zig, fünf­zig, maxi­mal acht­zig Jah­ren tot sein.

Auf dem Rück­weg, wäh­rend unser Hund mit etwas Schnee auf der Nase durch den wei­ßen Wald tob­te, dach­te ich dar­an, dass die Reichs­ten in den USA sich inzwi­schen ihr Lieb­lings­haus­tier als Gen­ko­pie wie­der­auf­er­ste­hen las­sen kön­nen, es ist ihnen Hun­dert­tau­sen­de Dol­lars wert. Man kann  Mam­muts aus dem sibi­ri­schen Per­ma­frost holen, ihre Zell­ker­ne in die Eizel­len von Ele­fan­ten trans­fe­rie­ren und die Embry­os dann auch von ihnen aus­tra­gen las­sen. Was wir alles kön­nen!

Wir tun so, als sei­en wir Schöp­fer. Doch sind wir dazu berech­tigt, fluo­res­zie­ren­de Scha­fe zu machen, damit Hir­ten mit Seh­pro­ble­men sie beauf­sich­ti­gen kön­nen, wie es For­scher in Uru­gu­ay vor zwei Jah­ren bereits taten, indem sie die Schafs-Gene mit Qual­len-DNA ver­setz­ten? Vieh­die­be konn­ten die Tie­re ja nun im Dun­keln auch bes­ser sehen! Bereits 2011 wur­de in Süd­ko­rea ein Klon­hund erschaf­fen, der, wann immer die Men­schen wol­len, im Dun­keln zum Leuch­ten gebracht wer­den kann, wenn dem Fut­ter ein bestimm­tes Anti­bio­ti­kum bei­gemischt wur­de, das auf das neu ein­ge­bau­te, fluo­res­zie­ren­de Gen ein­wirk­te. Man konn­te den Hund qua­si ein- und aus­schal­ten.

Natür­lich steckt dahin­ter die Idee, Gen­de­fek­te beim Men­schen hei­len zu kön­nen, nicht, ein ori­gi­nel­les Spiel­zeug zu machen. Und doch: Viel­leicht möch­ten rus­si­sche Mil­li­adärs­kin­der in nähe­rer Zukunft mit einem Dodo spie­len, wie Ali­ce im Wun­der­land ihn traf, oder auf dem Zwerg­mam­mut zur Pri­vat­schu­le rei­ten? Das Den­ken scheint über Kate­go­rien zu ver­fü­gen, um selbst das Frem­des­te noch zu ver­ar­bei­ten, doch das heißt nicht, dass Unwis­sen­heit und Igno­ranz nicht doch einen gro­ßen Teil unse­res Kop­fes beherr­schen. Dazu, viel zu ver­ste­hen, hat stets das Wis­sen um die Gren­zen des Ver­ste­hens gehört: Zuzu­ge­ben, dass die Welt um uns so viel grö­ßer ist als wir selbst. Doch wie um Him­mels Wil­len, dach­te ich beim Spa­zie­ren­ge­hen, soll man dar­über nur schrei­ben?

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Sil­ke Scheu­er­mann, gebo­ren 1973, lebt in Frank­furt am Main. Zuletzt ver­öf­fent­lich­te
sie im Schöff­ling Ver­lag die Roma­ne Shang­hai Per­for­mance (2011) und Die Häu­ser der ande­ren (2012) sowie die Gedicht­bän­de Der Tag an dem die Möwen zwei­stim­mig san­gen (2013) und Skiz­ze vom Gras (2014).

Die­ser Bei­trag erschien zuerst in VOLLTEXT 1/2015.

Online seit: 3. März 2015

Zuletzt geän­dert: 26. Okt. 2015