Karthause und Containerterminal

Paul-Hen­ri Camp­bell zu Danie­la Danz‘ Gedicht­band Por­to­lan

Danie­la Danz ver­ab­schie­det sich in ihrem neu­en Gedicht­band Por­to­lan von den siche­ren Böden, vom fes­ten Land – vom Kern- und Kron­land. Statt­des­sen tas­ten ihre Gedich­te die Kon­tu­ren der Küs­ten ab, fol­gen den Win­den über die Mee­re. „Am Abend kom­men die Schwim­mer / aus der Neh­rung zurück / wie ver­nich­tend geschla­ge­ne Hee­re / sie zäh­len ein­an­der ein letz­tes Mal durch / ohne zuge­ben zu kön­nen / dass es wie­der Ver­lus­te gab,“ heißt es etwa im Gedicht „Con­tai­ner­ter­mi­nal Klaipė­da“. Als Por­to­la­ne (von lat. por­tus, dt. Hafen) bezeich­nen His­to­ri­ker mit­tel­al­ter­li­che See­kar­ten. Doch die Dich­te­rin Danie­la Danz betreibt kei­ne nost­al­gi­sche Retro­spek­ti­ve: Sie ent­wirft, wie das soeben anzi­tier­te Gedicht vom let­ti­schen Con­tai­ner­ha­fen zeigt, eine Lyrik, die in den unsicht­ba­ren Ver­flech­tun­gen des glo­ba­len Kapi­ta­lis­mus sowie den geo­po­li­ti­schen Ilia­den der Gegen­wart steht. Etwas wei­ter im Gedicht heißt es: „die Mann­schaft / emp­fängt end­lich / Nach­rich­ten aus der Hei­mat: / in Wla­di­wos­tok ist eine Mau­er / auf die davor par­ken­den Autos gestürzt / drei phil­ip­pi­ni­sche See­män­ner wur­den / ent­führt die Frau ist krank im Banat / hat es immer noch nicht gereg­net.“

Poli­tisch mit allen Sin­nen

Die Dich­tung von Danie­la Danz selbst spielt auf einer akkord­rei­chen Kla­via­tur: In Por­to­lan schil­lern mytho­lo­gi­sche Moti­ve eben­so durch wie auch die essen­zi­el­len Debat­ten der Gegen­wart. Als Vize­prä­si­den­tin der Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten und Lite­ra­tur in Mainz trägt die Dich­te­rin per­sön­lich Ver­ant­wor­tung und Gestal­tungs­wil­len in der Kul­tur­po­li­tik.


Gedich­te aus neu­en Lyrik­bän­den regel­mä­ßig in der Inbox:


Die­ses insti­tu­tio­nel­le Enga­ge­ment öff­net ihre Poe­sie auf die Welt hin, nimmt die­ser Dich­tung die andern­orts etwas fad gewor­de­ne Schön­geis­tig­keit und erfüllt ihre Ver­se mit spür­ba­rer Dring­lich­keit und Umsicht. Die­se drückt sich nicht in gro­ben und poe­tisch mas­kier­ten Apel­len aus, son­dern auf einer ande­ren Ebe­ne. Zum Bei­spiel hier: „Als wir klein waren noch in Schub­la­den schlie­fen / schrie­ben wir Nach­rich­ten mit den Wim­pern glaub­ten / an das Ver­ste­hen lie­ßen die Din­ge ihre Anwe­sen­heit / erzäh­len das Meer war ein Ort dem noch nichts die / Wild­nis aus­ge­trie­ben hat­te wir schrie­ben mit Fin­gern / ein­an­der Wor­te auf den Rücken wisch­ten sie mit der / Hand­flä­che aus.“

Die­se Lyrik ist vor allem eine Umwäl­zung der Gefühls­prä­gung. Das ist hoch­po­li­tisch. Das ist Arbeit am Wort. Danz, die z.B. mit ihrem Libret­to zur Oper über den NSU Mord­fall Halit Yoz­gat (2021) oder in ihrem RomanTür­mer (2006) zur DDR die ver­deck­ten For­men von Gewalt und Res­sen­ti­ment the­ma­ti­siert, besitzt in Por­to­lan ein eben­so schar­fes Auge, ohne die poe­ti­sche Kraft ihrer Spra­che abstump­fen zu las­sen. Das ist, was Lyrik leis­tet. Nicht in ein­leuch­ten­den und rich­tig­tue­ri­schen Argu­men­ta­ti­ons­ket­ten, wie es Essays oder Reden gele­gent­lich tun, daher­zu­kom­men; kei­ne empha­ti­schen, aber eben­so ober­fläch­li­chen Apel­le, die zwi­schen den Zei­len ins Lee­re gehen, fin­den sich hier. Viel­mehr bie­tet Danie­la Danz eine all­mäh­li­che Ver­schie­bung unse­rer Emp­fin­dun­gen per Hexa­me­ter und Pen­ta­me­ter.

Por­to­lan ver­wur­zelt den pela­gi­schen Levia­tan durch exis­ten­zi­el­le Ver­or­tun­gen des lyri­schen Ichs in kon­kre­te Rea­li­tä­ten hin­ein – etwa im Gedicht „Mariu­pol im Som­mer 2018“; – oder ver­knüpft sie mit kon­kre­ten Per­so­nen (z.B. Wer­ner Söll­ner). Das schenkt Wär­me und Ant­litz. Dadurch färbt sich das in die­sem Band befind­li­che Lexi­kon mit einer indi­vi­du­el­len Dra­ma­tik und Kon­no­ta­ti­on. Der Ver­s­wort­schatz ver­dich­tet sich zu einer Werks­spra­che und die­se erschafft zwi­schen zwei Buch­rü­cken eine eige­ne Welt: So hört man das Echo in dem Text „[Con­tai­ner]“ im fina­len Kapi­tel des Ban­des als einen Wider­hall aus den ers­ten Gedich­ten: „wir haben uns zurück­ge­zo­gen / ich weiß nicht ob wie eine Schne­cke auf die man tritt / und ihr Haus zer­split­tert wie nichts / oder wie eine Schild­krö­te deren Pan­zer stand­hält / wer sind wir: See­leu­te oder Pas­sa­gie­re die es all die Jah­re / nicht mer­ken woll­ten / gefan­gen in den klei­nen Etap­pen des Kon­sums.“

Auf die­se Wei­se sind gera­de Tex­te, die auf ver­schie­de­ne Kriegs­zu­stän­de in der Gegen­wart reagie­ren, berüh­rend – und glaub­wür­dig. Es ist offen­bar eine Grund­über­zeu­gung in Por­to­lan, dass der Welt­han­del eine Welt der Gewalt gebiert: wir segeln unter zyprio­ti­scher Flag­ge / der Cap­tain ist Este / der Chief Rus­se die Offi­zie­re Rumä­nen / die Mann­schaft Ukrai­ner / die Ukrai­ner ver­sin­ken in lan­ge dunk­le Gesprä­che / sie sagen страшні und sind im Krieg / wo ihnen alles schon gesche­hen ist / was uns je gesche­hen könn­te / weit weg sind sie bei den Kin­dern / und was sie gese­hen haben / und was einer dem andern erzählt hat.“

Kart­hau­se: Kno­ten & Kukul­le

Aber dann wech­selt die Vers­spra­che an ein ande­res Gesta­de: begibt sich Por­to­lan für die Dau­er eines fünf­tei­li­gen Gedicht­zy­klus in eine Kart­hau­se. Nein, nein – kei­ne Sor­ge, kei­ne keu­sche Stun­den­buch­poe­sie hier. Nur die gesam­mel­te Innig­keit einer Kart­hau­se, ein eben­so rand­stän­di­ger Ort, der von der lär­men­den Mensch­heit durch ein Meer von Schwei­gen getrennt ist: „Lie­ber Bru­der baue mei­nem Ver­gnü­gen einen har­ten Sche­mel / der Boden mei­ner Zel­le schwankt in der schwe­ren See der / Unter­hal­tung ich habe auf dem Wand­bord geschla­fen und quer / über der Schwel­le aber was ich suche, fin­de ich über­all und / alles ist mir zuhan­den […].“

Visi­tiert da eine Pro­tes­tan­tin ein Schwei­ge­klos­ter? Sicher, es fin­det sich in die­ser Poe­sie eine gewis­se Küh­le, auch Stren­ge. Davon pro­fi­tiert die Leser­schaft. Ins­be­son­de­re die hym­ni­schen und oden­ähn­li­chen Ton­la­gen, die in der mys­ti­schen Sufi-Tra­di­ti­on die Schwan­kung zwi­schen Ver­äu­ße­rung und Inwer­dung zei­gen, gewin­nen durch die­se Dan­zi­sche Stren­ge: „ich stand am Was­ser sah in den Him­mel / und ver­schwand / ich ver­schwand / im Über­gang von Was­ser und Him­mel / war ich ein Über­gang / gelegt in die Linie des Hori­zonts / die Linie des Hori­zonts / in die ich mich auf­lös­te / in die ich mich auf­lös­te / um Kon­tur der Schwe­be zu wer­den.“ Da sind sie: die Ele­men­te die­ser Kon­tem­pla­ti­on; sie wir­ken kein biss­chen manie­riert – das Wie­der­ho­lungs­wort am Ver­sen­de sowie die ana­di­plo­si­sche Wie­der­auf­nah­me eines The­mas aus der Vor­zei­le, das sich gra­du­ell zu einer Ver­ket­tung aus­wächst. Nicht zufäl­lig sind man­chen Kapi­teln Zita­te von z.B. Höl­der­lin oder Rumi vor­ge­setzt.

Obwohl aus­ge­rech­net das Jahr 2025 schein­bar das Jahr der buch­star­ken Lang­poe­me war, ver­eint Por­to­lan Ein­zel­ge­dich­te nicht zu einem gro­ßen Gan­zen: Por­to­lan, den­ke ich, ver­sam­melt sie lie­ber anstatt sie kon­zep­tu­ell zu zwin­gen und zu ver­ei­nen. Das schenkt die­sem Band eine herr­li­che Offen­heit, sodass man sich wäh­rend der Lek­tü­re an ein­zel­nen Tex­ten berau­schen kann, ohne sich über die rest­li­chen Poe­me all­zu sehr Gedan­ken zu machen; Por­to­lan offe­riert aber zugleich zahl­rei­che Mög­lich­kei­ten zu einer asso­zia­ti­ven, syn­op­ti­schen Lek­tü­re, bei der Zusam­men­hän­ge, Lini­en, Wider­hall und Hal­tun­gen zwi­schen den Ein­zel­ge­dich­ten her­vor­tre­ten. Oder, wie es im Poem „Zita­del­le“ heißt: „Ich ver­su­che mir die Fische unter uns vor­zu­stel­len / um sie zu zäh­len aber es gelingt mir nicht / sie schwim­men zu sehen sie wei­nen alle / wegen uns über uns wegen der ver­fah­re­nen  / Zusam­men­hän­ge aber ich kann mich nicht ver­stän­di­gen.“

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Paul-Hen­ri Camp­bell, gebo­ren 1982 in Bos­ton, lebt als Lyri­ker, Essay­ist und Theo­lo­ge in Unter­fran­ken und Wien. 2018 erhielt er den Her­mann-Hes­se-För­der­preis, 2021 über­nahm er die Cha­mis­so-Poe­tik­do­zen­tur. Zuletzt erschien der Gedicht­band inne­re orga­ne (Ver­lag Das Wun­der­horn, 2022). Camp­bell ist zudem Her­aus­ge­ber des Lyrik­Let­ters.

Danie­la Danz: Por­to­lan
Gedich­te
Wall­stein, Göt­tin­gen 2025

Online seit: 8. Sep­tem­ber 2025

Zuletzt geän­dert: 8. Sep. 2025