Himmeln und Würmeln

Wie sich Tho­mas Mann zum Goe­the des 20. Jahr­hun­derts sti­li­sier­te. Von Leo­pold Feder­mair

Iro­nie ist das Körn­chen Salz, durch wel­ches das Auf­ge­tisch­te über­haupt erst genieß­bar wird.“ Mit dem Goe­the-Sigel ver­se­hen, flat­tert die­ser Satz in tau­send­fa­cher Wie­der­ho­lung als geflü­gel­tes Wort durch das Inter­net. Es han­delt sich aber nur um eine der vie­len, schein­bar unaus­rott­ba­ren Enten im Netz, denn der Satz stammt von Tho­mas Mann. Der Nach­fol­ger hat ihn in sei­nem Roman Lot­te in Wei­mar dem gro­ßen Vor­läu­fer unter­ge­scho­ben. Wer ein wenig mit Manns Werk ver­traut ist, wird hier sei­ne Hand­schrift erken­nen. Erzäh­li­ro­nie hat­te er zum Kata­ly­sa­tor sei­nes gesam­ten Schaf­fens erklärt. Mann ist Goe­the, woll­te schon in jun­gen Jah­ren der neue Goe­the wer­den. Doch er ist auch zahl­lo­se ande­re sei­ner Figu­ren, ob sie nun halb his­to­risch oder frei erfun­den sind. Über­all hat er etwas von sich hin­ein­ge­tan, und der Leser, sofern er Manns Bio­gra­phie kennt, wird über­all etwas von ihm erken­nen, selbst in gegen­sätz­li­chen Figu­ren. Der Begriff „Auto­fik­ti­on“ wur­de lan­ge nach Manns Tod erfun­den, doch er passt wie ange­gos­sen auf ihn. Ein Kon­fek­ti­ons­be­griff, zuge­ge­ben: trifft auf die meis­ten Wer­ke der meis­ten Autoren zu.

„Durch­leb­te“ Wider­sprü­che

Ver­ein­facht gesagt heißt Iro­nie im Tho­mas Mann’schen Ver­ständ­nis, dass in der Erzähl­welt unter­schied­li­che Posi­tio­nen gleich­be­rech­tigt sind und ein­an­der die Waa­ge hal­ten. Kei­ne Figur ist voll­kom­men im Recht, jede hat etwas Beden­kens­wer­tes zu sagen, auch in Dumm­hei­ten steckt oft noch ein Körn­chen Wahr­heit. Exem­pla­risch hat Mann dies im Zau­ber­berg vor­ge­führt, doch es gilt von den Bud­den­brooks bis zum Felix Krull für alle sei­ne Roma­ne und grö­ße­ren Erzäh­lun­gen. Manch­mal, etwa in Der Tod in Vene­dig, sind die Gegen­sät­ze, um die es ihm zu tun ist, in eine ein­zi­ge Figur ver­la­gert. Und auch die umge­kehr­te Bewe­gung fin­det statt: Was der viel­sei­ti­ge Tho­mas Mann in sich trägt, oft schmerz­li­che, zwei­fel­los „durch­leb­te“ Wider­sprü­che, wird im Roman nach außen ver­la­gert und auf zwei oder mehr Figu­ren ver­teilt. Gibt es etwas wie einen Grund­wi­der­spruch? Im Früh­werk heißt das Gegen­satz­paar „Geist (oder Kunst) und Leben“, erzählexem­pla­risch und mit melan­cho­li­schem Bas­so con­ti­nuo abge­han­delt in Tonio Krö­ger, doch spä­ter gesel­len sich ande­re Wider­sprü­che hin­zu oder erset­zen den ers­ten, der übri­gens an das von Sig­mund Freud kre­ierte Paar „Ich und Es“ erin­nert – von daher Manns lebens­lan­ges Inter­es­se an Freud, des­sen Theo­rie auf den ers­ten Blick gar nicht zu ihm zu pas­sen scheint. In den von Scho­pen­hau­er beein­fluss­ten Bud­den­brooks geht es um Wil­le und Vor­stel­lung, im Zau­ber­berg um Auf­klä­rung ver­sus Mys­ti­zis­mus, im Dok­tor Faus­tus um men­schen­freund­li­che Lie­be ver­sus Stre­ben nach dem Abso­lu­ten oder auch, denn in den Roma­nen ste­hen die Wider­sprü­che oft schräg zuein­an­der, um künst­le­ri­sche Radi­ka­li­tät ver­sus bür­ger­li­che.

Bio­gra­phisch betrach­tet ist der Grund­wi­der­spruch aber ein ande­rer. Es besteht kein Zwei­fel, dass