Textverarbeitung: Eva Sichelschmidt

Prä­gen­de Lek­tü­ren deutsch­spra­chi­ger Autorin­nen und Autoren – Teil 18

Tex­te wer­den nicht nur, aber auch aus Tex­ten gemacht. Was einer gele­sen hat, beein­flusst, wie er schreibt, mög­li­cher­wei­se sogar, wie er lebt: Lesen, Schrei­ben, Leben sind For­men von Text­ver­ar­bei­tung. VOLLTEXT hat deutsch­spra­chi­ge Autorin­nen und Autoren um Lis­ten jener Bücher gebe­ten, die ihr Leben und Schrei­ben geprägt haben.

Jede Lis­te kommt einem rasch hin­ge­wor­fe­nen, skiz­zen­haf­ten Selbst­por­trät als Leser bezie­hungs­wei­se Lese­rin gleich. In der Zusam­men­schau, am Ende der Serie, machen die gesam­mel­ten Lese­lis­ten das inter­tex­tu­el­le Hin­ter­grund­rau­schen unse­rer Gegen­warts­li­te­ra­tur erahn­bar. Eine Lis­te aller bis­her erschie­ne­nen Bei­trä­ge fin­det sich auf volltext.net.

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Wal­ter Ser­ner: Die Tige­rin
Lie­be – Es ist das ers­te Mal, dass ich ver­liebt bin. Wir schrei­ben uns Brie­fe, neh­men uns gegen­sei­tig Musik­kas­set­ten auf, wie man das damals so mach­te. Opern­ari­en oder Punk­rock, für mich ent­hält jeder Track eine gehei­me Bot­schaft des Liebs­ten. Er schenkt mir Wal­ter Ser­ners Roman, ver­se­hen mit einer Wid­mung, die ich nie ver­ges­se. Die Tige­rin bin ich und das Buch wird zur Begleit­mu­sik unse­rer Lie­bes­be­zie­hung. Jeder Satz stimmt, schon der ers­te: Kein Mensch wuss­te, wovon er eigent­lich leb­te. Es dau­ert eine Wei­le, bis ich her­aus­fin­de, dass auch das Ende zutrifft. Zu der Zeit herrscht unter mei­nen Freun­den längst die im Buch beschrie­be­ne Ein­mü­tig­keit, dass der Mann … eben doch nur ein Trot­tel gewe­sen war.

Wal­ter Kem­pow­ski: Im Block
Schuld – 2007, Besuch bei Wal­ter Kem­pow­ski, ein paar Wochen vor sei­nem Tod. Der gro­ße Chro­nist gilt als schwie­rig. Ich gehe also noch ein­mal all sei­ne Roma­ne durch, ich möch­te mich werk­kun­dig geben. Bei der Auf­zäh­lung der Titel, der Jah­res­zah­len und Prot­ago­nis­ten mache ich dann tat­säch­lich kei­ne Feh­ler. Kem­pow­ski fragt: Was bin ich eigent­lich für Sie, ein Glas­fisch? Auf dem Regal hin­ter ihm ste­hen eine Unmen­ge klei­ner bun­ter Glas­tie­re. Wel­ches sei­ner Bücher mir das Wich­tigs­te ist, will er wis­sen. Im Block ist ein Haft­be­richt aus sei­ner Zeit im Zucht­haus Baut­zen. Neun­zehn war er, als er von einem sowje­ti­schen Mili­tär­ge­richt wegen Spio­na­ge zu fünf­und­zwan­zig Jah­ren Haft ver­ur­teilt wur­de, von denen er acht absit­zen muss­te. In der Gefan­gen­schaft ver­riet er den Bru­der und die Mut­ter. Das Buch ist ein erschüt­tern­des Zeug­nis der Schuld und der Scham. Kem­pow­ski sagt: „Der Krieg und das Gefäng­nis haben mich rest­los ver­korkst.“ An Im Block und an die­sen Satz des ver­ehr­ten Schrift­stel­lers, muss ich, auch in Bezug auf mei­ne eige­ne Fami­lie, immer wie­der den­ken.

Hei­mi­to von Dode­rer: Die Pei­ni­gung der Leder­beu­tel­chen
Wut – Idio­syn­kra­si­en sind