Martin Prinz: Die unsichtbaren Seiten

„In die Fuchs­bau­ten des nächt­li­chen Lesens reich­te nichts, was unter­tags in der Schu­le mit ihm geschah …“

Ich bin der König. In der Mit­te der Pau­sen­hal­le ein Bub, der dreh­te sich im Kreis. Die Rau­le­der­soh­len sei­ner Haus­schu­he setz­ten tap­pend am geschlif­fe­nen Stein­bo­den auf. Ich bin der König von Lili­en­feld. Sonst war es still.
Der König von Lili­en­feld trug ein Hemd mit gro­ßen blau-wei­ßen Karos, darüber einen Pul­lun­der sowie Cord­ho­sen. Hin­ter sei­nen dicken Bril­len wirk­ten sei­ne Augen viel grö­ßer als in Wirk­lich­keit. Er glotz­te, hat­te die Leh­re­rin im Jahr davor am zwei­ten oder drit­ten Schul­tag verkündet und ihn auf die hin­ters­te Bank ver­setzt, die sie Esels­bank nann­te.
Der König von Lili­en­feld sah stolz über den Mar­mor­bo­den der Pau­sen­hal­le. Er war acht Jah­re alt und muss­te in die Klas­se zurück.

Zu mei­ner Kin­der­zeit waren in Lili­en­feld noch vom Welt­krieg zer­schos­se­ne Haus­fas­sa­den zu sehen. Dafür fiel im Win­ter genügend Schnee, um an Sonn‑, Fei­er- oder Feri­en­ta­gen unzäh­li­ge Wie­ner oder St. Pölt­ner auf den klei­nen Ski­berg Mucken­ko­gel zu locken. In Lili­en­feld gab es ein Mode­ge­schäft, eine Gla­se­rei, sie­ben Greiß­ler, neun Wirts­häu­ser, ein Spi­tal, ein Säge­werk, drei Flei­scher, einen Opti­ker, ein eige­nes Obst- und Gemüsegeschäft, fünf Fisch­tei­che, einen Schnei­der, einen Koh­len­händ­ler, zwei Schmie­de, einen Bestat­tungs­un­ter­neh­mer, eine Fahr­schu­le, eine Apo­the­ke, ein Foto­ge­schäft, die Arbei­ter­kam­mer und die Wirt­schafts­kam­mer, die Bezirks­haupt­mann­schaft, das Arbeits­amt, ein Spi­tal, drei Kin­der­gär­ten, eine Volks­schu­le, eine Haupt­schu­le, die Land­wirt­schafts­schu­le, die Berufs­schu­le, ein Gym­na­si­um, einen Puff, vier Schlepp­lif­te und einen Ses­sel­lift, das Kaf­fee­haus, einen Kon­di­tor, einen Holz­schnei­der und ein Gemein­de­amt. Hier war mein Groß­va­ter im Jahr 1981 seit über drei­ßig Jah­ren Bürgermeister.

Der König von Lili­en­feld hielt den Schal­ter der Bett­lam­pe jede Nacht zwi­schen Dau­men, Mit­tel- und Zei­ge­fin­ger, den hel­len Licht­kreis mög­lichst eng um das Buch vor ihm. Glühbirne und Lam­pen­schirm erwärm­ten die Sei­ten und die Fin­ger manch­mal der­art stark, dass das Papier einen Geruch nach Alles­kle­ber, Leim und etwas unde­fi­nier­bar Brei­igem aus­ström­te. Sein Reich erstreck­te sich bis zu jener Gren­ze, ab der sei­ne Schwes­ter, deren Bett in Längs­rich­tung an sei­nes anschloss, genügend Dun­kel­heit für sich und ihren Schlaf hat­te. Solan­ge das gewähr­leis­tet war, hielt sie still. Wäh­rend die Eltern, wenn sie unten in Küche oder Wohn­zim­mer nicht strit­ten, stets aufs Neue ver­such­ten, die knar­ren­de Holz­stie­ge sowie den im Kin­der­zim­mer des Lesens Ver­däch­tig­ten aus­zu­trick­sen, was ihnen all die Jah­re nicht gelang.
Bis heu­te spüre ich selbst als Erwach­se­ner die Ril­len des Schal­ters an der Fin­ger­kup­pe. Wenn der Lesen­de damals schwitz­te, wisch­te er sich den Fin­ger­bal­len ab, um nur ja nicht abzu­rut­schen, und fühlte stets Schwin­del ange­sichts des Sogs, mit dem ihn die Geschich­ten wie in Höh­len hin­ein­zo­gen. So sehnsüchtig war er, so glücklich dar­in und bedürftig danach.
In die Fuchs­bau­ten des nächt­li­chen Lesens reich­te nichts, was unter­tags in der Schu­le mit ihm geschah, wie weg­ge­bla­sen waren Mühe und Qual der nach­mit­täg­li­chen Haus­auf­ga­ben, die For­de­run­gen nach gera­den, gleich­mä­ßi­gen Stri­chen und Zei­chen in den Hef­ten, die Kon­zen­tra­ti­on, sowie das Ver­bot aller Träu­me­rei­en und Abschwei­fun­gen. Der unbe­wuss­te Reflex, sich zu ver­lie­ren, ver­ließ ihn auch am hel­lich­ten Tag nie. Das Nar­ren­kastl, wie sei­ne Eltern die­sen Ort lie­be­voll, manch­mal aller­dings sor­gen­voll nann­ten, blieb jeder­zeit erreich­bar. Auf Sicher­heits­ab­stand hin­ge­gen, wie im Lesen, die Que­re­len der Eltern, ihre Vorwürfe, Stumm­hei­ten sowie all die Gegen­sätz­lich­kei­ten ihrer unter­schied­li­chen Herkünfte.

Dass ihn die Leh­re­rin in die letz­te Rei­he ver­setzt habe, sei der Poli­tik wegen pas­siert, sag­te die Mut­ter. Sie war schon pes­si­mis­tisch gewe­sen, als sie im Jahr vor der soge­nann­ten Ein­schu­lung zur Anmel­dung muss­ten. Der Bub nahm es viel­leicht nicht ernst, denn pes­si­mis­tisch war sie oft. Viel­leicht nahm er es aber ernst, fürchtete sich jedoch nicht, da das Wort Poli­tik eines der selbst­ver­ständ­lichs­ten für ihn war.
Poli­tik war das, worüber die Groß­mutter schimpf­te, wenn sie von den unzäh­li­gen Sit­zun­gen des Groß­va­ters rede­te. Gleich­zei­tig war dem Kind, lan­ge vor jeder Kennt­nis von poli­ti­schen Par­tei­en, Ideo­lo­gien und den Kata­stro­phen der jüngeren Geschich­te, klar, dass es immer um Poli­tik ging, wenn die Fami­lie abends in grö­ße­rer Run­de zusam­men­saß. Eben­so wie er unmit­tel­bar, doch dem­entspre­chend schwer begreif­bar erleb­te, dass es um nichts als Poli­tik ging, wenn sei­ne Lili­en­fel­der Fami­lie auf sei­ne Trais­ner Fami­lie stieß, wenn die Bürgermeisterstochter auf den Arbei­ter­sohn aus dem kaum fünf Kilo­me­ter fluss­ab­wärts gele­ge­nen Indus­trie­ort traf.
Poli­tik ver­folg­te er, ohne sich dage­gen weh­ren zu kön­nen. Selbst wenn er es gewollt hät­te, es hät­te sich nicht ver­drän­gen las­sen. Poli­tik gehör­te zu sei­ner Fami­lie, sie war im tiefs­ten, dun­kels­ten Pri­va­ten sei­ner Eltern zu Hau­se. Gera­de dort, wo sie selbst nichts davon wuss­ten, wäh­rend er als klei­ner Jun­ge ein sol­ches Nicht­wis­sen in kei­ner Wei­se von sich behaup­ten konn­te. Auch wenn es nur ein vages Spüren war. Tat­säch­lich wuss­te er als ange­hen­des Schul­kind, dass sei­ne Leh­re­rin, die in der Musik­schu­le Flö­te unter­rich­te­te, weni­ge Jah­re davor nicht zur Musik­schul­di­rek­to­rin bestellt wor­den war, da ein Haupt­schul­leh­rer noch zig ande­re Instru­men­te lehr­te sowie als Diri­gent der Blas­ka­pel­le renom­mier­te. Eben­so war ihm klar, dass sie ihr fal­sches Par­tei­buch und die Ent­schei­dung sei­nes Groß­va­ters dafür ver­ant­wort­lich mach­te. Ver­mut­lich aber hät­te er ohne sie nie so schnell lesen gelernt, jeden­falls nicht so wie einer, des­sen zu gro­ße Augen bald von dem blei­chen, ver­schat­te­ten Gesicht des­je­ni­gen umran­det wur­den, des­sen Näch­te bereits in der zwei­ten Klas­se oft län­ger aus Lesen denn aus Schla­fen bestan­den.

Als der dama­li­ge Bub kom­me ich mir heu­te wie eine Son­de vor. Tief im Fleisch des Nach­kriegs­ös­ter­reich, des­sen Welt, Ord­nung, Wohl­stand und Sicher­heit mir trotz der Welt­kriegs­ein­schuss­lö­cher an bestimm­ten Fas­sa­den damals in jeder Faser als zeit­los und ewig erschien. Für mich begann Poli­tik mit dem Groß­va­ter. Die deut­lichs­te Erin­ne­rung rührt von einem Frühlingsnachmittag in den spä­ten Sieb­zi­ger­jah­ren her. Ich umwi­ckel­te mit mei­ner Mut­ter im Wohn­zim­mer einen Luft­bal­lon mit Toi­let­ten­pa­pier, der mit Kleis­ter bestri­chen wur­de, um dar­aus nach  dem Ein­trock­nen einen Mas­ke zu schnei­den. Irgend­wann kam der Groß­va­ter, viel­leicht brach­te er Eier, die ihm ein Bau­er jede Woche auch für uns lie­fer­te. Unver­se­hens waren die bei­den danach in einer Dis­kus­si­on über das Atom­kraft­werk Zwen­ten­dorf. Dem­nach muss­te es vor der Volks­ab­stim­mung im Novem­ber 1978 gewe­sen sein. Ich war fünf Jah­re alt, ver­stand nicht alles, man­ches gar nicht, doch ich merk­te, wie mein Groß­va­ter als Befürworter des AKW sich am Ende sei­ner Sache nicht mehr hun­dert­pro­zen­tig sicher war. Ich ver­folg­te, von wie vie­len Sei­ten mei­ne Mut­ter ein und das­sel­be Argu­ment immer wie­der vor­zu­brin­gen ver­such­te, bis er all­mäh­lich dar­auf ein­ging. Ich lern­te, wie weit es vom Ver­ste­hen zum Glau­ben war, wie blind man in sei­ner Mei­nung manch­mal sein konn­te.
Poli­tik war aber auch der creme­far­be­ne Mer­ce­des mei­nes Groß­va­ters, den er bis auf den Spar­kas­sen­di­rek­tor als Ein­zi­ger der Stadt fuhr. Dass es zumeist die Gebraucht­wa­gen des Spar­kas­sen­di­rek­tors selbst waren, wuss­te ich damals nicht.

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Schon in der ers­ten Klas­se trug der König von Lili­en­feld eine viel zu dicke Schul­ta­sche. Kein Kopfschütteln sei­ner Mut­ter half dage­gen, all das, was sie so dick und schwer mach­te, jeden Tag in die Schu­le und wie­der nach Hau­se zu schlep­pen. Fünf Kilo und mehr wog sie, wäh­rend der klei­ne Mann auch mit Bril­le und Gewand vor Schul­ein­tritt noch nicht ein­mal die Zwan­zig-Kilo-Gren­ze erreicht hat­te. Die Schul­ta­sche am Rücken, gegen die man sich bei jedem Schritt eigens nach vor­ne leh­nen muss­te, mach­te jede Bewe­gung schwer­fäl­lig. Sie kon­trol­lier­te einen durch ihre Unför­mig­keit, indem der Schwer­punkt des Schul­ta­schen- Buben-Kör­pers außer­halb der Kin­der­ge­stalt und ihrer ohne­dies dünnen Glie­der lag. Rich­tig wehr­los wur­de er jedoch, wenn ein ande­rer ihn dar­an pack­te. Ein Griff genügte, schon dreh­te es ihn her­um und er war nur mehr Pas­sa­gier sei­ner Tasche. Der ande­re muss­te gar nicht viel dazu tun, um den spindeldünnen Bril­len­trä­ger aus der letz­ten Bank umzu­rei­ßen.
Um sol­chen Zwi­schen­fäl­len aus­zu­wei­chen, ver­ließ der König von Lili­en­feld die Schu­le ent­we­der als Ers­ter oder als Letz­ter, schlug Umwe­ge ein, ging mög­lichst unge­se­hen von allen ande­ren nach Hau­se. Lief er, schlug die Tasche an sei­nem Rücken auf und ab, dann schau­ten ihm die Leu­te ver­wun­dert zu, denn Ver­fol­ger waren weit und breit kei­ne in Sicht. Sobald er ande­re bemerk­te, fiel er wie­der ins Schritt­tem­po, fest davon überzeugt, das mache sie unnö­tig auf­merk­sam, begann erst wie­der zu lau­fen, wenn nie­mand ihn sah, als lie­ße sich damit ein Vor­sprung her­aus­ho­len, der in Wirk­lich­keit nur ein fik­ti­ver war. Neben ihm floss die Trai­sen und mit der Zeit gewöhn­ten sich die Spa­zier­gän­ger an die klei­ne lau­fen­de Gestalt.

Ein­mal in der Woche fuhr der Groß­va­ter mit sei­nem Mer­ce­des nach Wien zur Lan­des­re­gie­rung. In dem sand­far­be­nen Wagen durf­te der klei­ne Bub das ers­te Mal im Ste­hen das Lenk­rad dre­hen oder in der Ein­fahrt zum Haus die ers­te Kur­ve fah­ren. Es war ein gro­ßes Haus, das ers­te mit Flach­dach in Lili­en­feld, damals das ein­zi­ge nach Archi­tek­ten­plä­nen überhaupt. Die Ein­fahrt war leicht abschüssig und groß genug, um meh­re­ren Besu­cher­autos Ein- und Aus­fahrt zu bie­ten. Obwohl er den Titel Regie­rungs­rat trug, fuhr der Groß­va­ter nicht als Poli­ti­ker der Lan­des­re­gie­rung, son­dern ledig­lich als Bürgermeister nach Wien. Anfang der Sieb­zi­ger­jah­re, als er noch jung genug war, hat­te man in der Par­tei­spit­ze dar­an gedacht, ihn in die Lan­des­re­gie­rung zu holen. Kurz vor der Wahl, die ÖVP hat­te schlech­te Umfra­ge­er­geb­nis­se, wur­de ihm jedoch in sei­nem Wahl­kreis die Sie­ben­kampf-Olym­pia­zwei­te Lie­se Prokop vor­ge­zo­gen. Die ÖVP gewann die Wahl nach erfolg­rei­chem End­spurt klar, Prokop wur­de Land­tags­ab­ge­ord­ne­te, spä­ter Lan­des­rä­tin und Lan­des­haupt­mann-Stell­ver­tre­te­rin. Ein paar Jah­re vor dem Tod des Groß­va­ters avan­cier­te sie zur Innen­mi­nis­te­rin.
Rang­ord­nun­gen fes­sel­ten mich bereits als Kind. Ganz genau woll­te ich wis­sen, auf wel­che Wei­se und ob überhaupt der Bezirks­haupt­mann über dem Bürgermeister stand, wer von bei­den im Fal­le eines Kriegs den Befehl habe – und wenn der Vater dar­auf­hin ant­wor­te etc, es gehe zwi­schen den bei­den kei­nes­falls um sol­che Auf­ga­ben, war ich eben­so ent­täuscht und ungläu­big wie erstaunt darüber, dass der Groß­va­ter, des­sen Por­trät bei den Gemein­de­rats­wah­len 1980 in ganz Lili­en­feld groß pla­ka­tiert war, im Abzähl­reim Kai­ser-König-Edel­mann kei­nes­wegs in der ers­ten Hälf­te auf­tauch­te.

König von Lili­en­feld, das war ich oder würde es jeden­falls ein­mal wer­den. Um wel­che Art von König es sich dabei han­del­te, war nicht wei­ter wich­tig. Dass der unmit­tel­bars­te ade­li­ge Anklang just aus dem Fami­li­en­na­men mei­nes Vaters resul­tier­te – aus der Trais­ner Arbei­ter­fa­mi­lie, wäh­rend mein Lili­en­fel­der Groß­va­ter nach dem Ost­ti­ro­ler Her­kunfts­na­men Gan­ner hieß, brach­te mei­ne Genea­lo­gie nur unwe­sent­lich durch­ein­an­der. Ich war König,
nicht Prinz, und in kei­nem Fall Bürger-Bauer-Bettelmann.

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© Insel Ver­lag, Ber­lin 2018
Das Buch erscheint am 7. Mai 2018. Die Buch­pre­mie­re fin­det am 17. Mai in der Alten Schmie­de in Wien statt.

 

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Mar­tin Prinz, gebo­ren 1973 in Wien, wuchs im nie­der­ös­ter­rei­chi­schen Lili­en­feld auf und lebt heu­te als Schrift­stel­ler in Wien. Er debü­tier­te 2002 mit dem spä­ter von Ben­ja­min Hei­sen­berg ver­film­ten Roman Der Räu­ber. Zuletzt erschie­nen Über die Alpen (C. Ber­tels­mann, 2010) und Die letz­te Prin­zes­sin (Insel, 2016).

 

Martin Prinz: Die unsichtbaren Seiten

Mar­tin Prinz: Die unsicht­ba­ren Sei­ten
Insel Ver­lag, Ber­lin 2018.
221 Sei­ten, € 22 (D) / € 22,70 (A)

Online seit: 27. April 2018

Zuletzt geän­dert: 2. Mai 2018