Der Goethe der Fünfzigerjahre

Wer­ner Ber­gen­gruen schrieb auch in der Mit­te des 20. Jahr­hun­derts noch so, als wäre das 19. nie ver­gan­gen. In geküns­telt hohem Ton erdich­te­te er eine hei­le Welt der Wör­ter, in der für poli­ti­sche Rea­li­tä­ten und Ver­än­de­rung kein Platz war. Von Tho­mas Stangl

In einer Sze­ne von Bern­ward Ves­pers Rei­se ist mir Ves­pers fürch­ter­li­cher Vater, der Nazi­dich­ter Will Ves­per, auf beun­ru­hi­gen­de Wei­se nahe­ge­kom­men. Ves­per beschreibt, wie sein Vater, als er nach einem Schlag­an­fall im Ster­ben lag, immer wie­der aus dem Bett zu stei­gen ver­such­te und „mit ent­geis­ter­ten Augen aufs Arbeits­zim­mer“ zustreb­te, „weil das ver­mut­lich wirk­lich sein stärks­ter Impuls war.“

Ich erken­ne etwas wie­der in die­sem Impuls, die­sem unwi­der­steh­li­chen Drang zum Schrei­ben, noch in der Iso­la­ti­on des Ster­bens; etwas, das ich für ein wesent­li­ches Merk­mal des Schrift­stel­ler­seins hal­ten könn­te; zugleich weiß ich, dass alles, was Will Ves­per geschrie­ben hat, all die­se Gedich­te und Roma­ne unles­bar und wider­wär­tig und mit Recht ver­ges­sen sind. Aber ich kann das Wis­sen nicht abweh­ren, dass es auch in den ent­fern­tes­ten Fel­dern des­sen, was man Lite­ra­tur nennt, etwas gibt, das ich ken­ne, das meins ist; ich kann die Ahnung nicht abweh­ren, dass es mir und einem jeden von uns eben­so erge­hen kann mit der Not­wen­dig­keit, die wir beim Schrei­ben sehen; dass wir nie­mals wis­sen, in wel­cher Selbst­täu­schung wir fest­ste­cken.

Werner Bergengruen

Wer­ner Ber­gen­gruen, um 1912

Doch ich will nicht Ves­per lesen, son­dern jeman­den, bei dem das Urteil nicht so leicht­fällt; einen Zeit­ge­nos­sen Will Ves­pers, der nicht nur ohne Zwei­fel bes­ser schrieb als die­ser, son­dern auch ver­sucht hat, mit einem gewis­sen Anstand durch die fins­ters­ten Zei­ten zu kom­men, der sogar die Geg­ner­schaft zum Natio­nal­so­zia­lis­mus und das Anschrei­ben dage­gen als „ele­men­ta­re Not­wen­dig­keit mei­ner Natur“ bezeich­net hat.

Gewiss­hei­ten ande­rer Zei­ten

Wer­ner Ber­gen­gruen ist nicht wirk­lich ver­ges­sen, er hat immer noch wesent­lich mehr Leser als, sagen wir, ich selbst; eini­ge sei­ner Bücher wer­den von Zeit zu Zeit in renom­mier­ten Ver­la­gen neu auf­ge­legt. Wenn aber die Fra­ge nach den wich­tigs­ten deut­schen Schrift­stel­lern der ers­ten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts gestellt wür­de, so käme kaum jemand auf die Idee, Ber­gen­gruen zu erwäh­nen. Vor sech­zig Jah­ren war das anders. Eine Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­le­rin hat Ber­gen­gruen, nicht ohne Hohn, als den Goe­the der Fünf­zi­ger Jah­re bezeich­net. Ber­gen­gruens Leser, könn­te man sagen,