„sehr schluderig und flüchtig“

Hans Weigel: der „För­de­rer“ als Schrift­stel­ler. Von Wolf­gang Straub

Drei­ßig Jah­re nach sei­nem Tod ist der Name Hans Weigel jün­ge­ren Gene­ra­tio­nen von Lese­rin­nen und Lesern kein Begriff mehr. Der Kri­ti­ker, Autor und Über­set­zer Weigel führt seit Lan­gem eine Exis­tenz als Fuß­no­te der Bach­mann-For­schung, wird in der Lite­ra­tur­ge­schich­te nur mehr ent­we­der als „För­de­rer“ einer jun­gen Schrift­steller­ge­nera­ti­on nach dem Zwei­ten Welt­krieg oder gemein­sam mit Fried­rich Tor­berg und Ernst Haeus­ser­mann als einer der Initia­to­ren des soge­nann­ten Brecht-Boy­kotts geführt, einer infor­mel­len Kam­pa­gne, die erreich­te, dass in Wien 1953 –1963 kein eta­blier­tes Thea­ter ein Stück Brechts auf­führ­te.

Die heu­ti­ge Unbe­kannt­heit steht in kras­sem Gegen­satz zur immensen Pro­duk­ti­vi­tät und Publi­zi­tät Wei­gels zu Leb­zei­ten: Von1946 bis 1962 war er als Thea­ter­kri­ti­ker bei ins­ge­samt über einem Dut­zend Tages- und Wochen­zei­tun­gen sowie Kul­tur­zeit­schrif­ten im gesam­ten deut­schen Sprach­raum tätig, stets bei meh­re­ren gleich­zei­tig, dane­ben trat er regel­mä­ßig in Rund­funk­sen­dun­gen auf; wenn irgend­wo eine neue lite­ra­ri­sche Initia­ti­ve ent­stand, war die „Insti­tu­ti­on“ Weigel wie selbst­ver­ständ­lich dabei: bei der Grün­dung des „Forum Stadt­park“, bei den ers­ten Rau­ri­ser Lite­ra­tur­ta­gen 1971, beim ers­ten Bach­mann-Preis 1977; und schließ­lich ver­öf­fent­lich­te er von 1946 bis zu sei­nem Tod 1991 im Ein- bis Zwei­jah­res­rhyth­mus Bücher, manch­mal meh­re­re in einem Jahr – 1965 waren es gar vier. Betrach­tet man die Titel etwa die­ser vier Publi­ka­tio­nen, sieht man, wie weit sich Weigel 1965 bereits von einem künst­le­ri­schen Anspruch weg­be­wegt hat: Das tau­send­jäh­ri­ge Kind (zum öster­rei­chi­schen Patrio­tis­mus), Das klei­ne Wal­zer­buch, Pünkt­lich­keit für Anfän­ger und Apro­pos Musik – jeweils humo­ris­ti­sche Annä­he­run­gen an das The­ma mit dem Fokus des „geist­rei­chen Bon­mots“, ein Gen­re, das Weigel mit sei­nem zu Leb­zei­ten erfolg­reichs­ten Buch, O du mein Öster­reich, 1956 erst­mals bedien­te.

Hans Wei­gels Stück „Bar­ab­bas“ ist eine gemüt­li­che Spie­ßer-Kri­tik und zugleich eine mora­li­sche Ent­las­tung für alle Zeit und damit auch für die Gegen­wart.

Das war 1945 ganz anders: Der aus dem Schwei­zer Exil Remi­grier­te hat­te wie vie­le öster­rei­chi­sche Intel­lek­tu­el­len den Anspruch, nach dem „Drit­ten Reich“ das Land mora­lisch und künst­le­risch zu erneu­ern. Mit zwei im dama­li­gen Zen­tral­or­gan die­ser ange­streb­ten Erneue­rung, der Zeit­schrift Plan, 1946 erschie­ne­nen Gedich­ten lie­fer­te Weigel zwei inten­siv rezi­pier­te Tex­te zur Zeit: Das Gedicht „No pas­arán!“ erlang­te eini­ge Berühmt­heit, aller­dings nicht aus künst­le­ri­schen Grün­den, son­dern weil es die Toten der ver­gan­ge­nen Jah­re als Opfer für eine bes­se­re, anti­fa­schis­ti­sche Zukunft anrief: „In all den kom­men­den Jah­ren, / Und Euro­pa soll künf­tig so aus­se­hen, / Daß eure Opfer nicht sinn­los waren, / Getreu dem Geist, der den Krieg gewann, / Auf unse­ren Fah­nen steht ‚No pas­arán!‘“ Und in einem Sonett mit dem Titel „An Karl Kraus als er in Num­mer 1 der ‚Pres­se‘ vom Jän­ner im Feuil­le­ton genannt wur­de“ beschwört er den Geist des gro­ßen Sati­ri­kers und fragt, die Abkehr der ehe­ma­li­gen Neu­en Frei­en Pres­se von ihrem Kraus-Boy­kott als Aus­gangs­punkt neh­mend, im letz­ten Vers: „Kommt doch ein neu­er, ers­ter Tag ins Land?“

Die Geburt der Zwei­ten Repu­blik aus dem Geis­te Kraus’: Weigel konn­te als Zeit­zeu­ge, als Kraus-Hörer der nächs­ten Gene­ra­ti­on die­se Visi­on mit­ge­ben. Neue­re, anders­ar­ti­ge Anre­gun­gen hat­te er aus der Schweiz kei­ne mit­ge­bracht, das war schon aus mate­ri­el­len und logis­ti­schen Grün­den geschei­tert. Wei­gels Ästhe­tik war noch von der Ers­ten Repu­blik geprägt, sein schrift­stel­le­ri­scher Heroe (und Freund) wur­de Hei­mi­to von Dode­rer. Aber er hat­te durch­aus ein Auge für Gutes (er trat ab sei­ner Rück­kehr aus dem Exil für Auf­füh­run­gen und Buch­aus­ga­ben von Nes­troy, Hor­váth oder Schnitz­ler ein, als dies noch alles ande­re als selbst- ver­ständ­lich war) und gutes Neu­es (er ver­mit­tel­te Ilse Aichin­gers Roman Die grö­ße­re Hoff­nung an Fischer).

Inter­es­san­ter­wei­se war Weigel sei­nen eige­nen lite­ra­ri­schen Ver­su­chen gegen­über weni­ger streng als bei Tex­ten der jün­ge­ren Kol­le­gen­schaft, die ihn – auch über ideo­lo­gi­sche Gren­zen hin­weg – als Lek­tor, Gut­ach­ter und Ver­mitt­ler von Manu­skrip­ten auf­such­te. Vie­les von dem, was er ab 1946 ver­öf­fent­lich­te, hat­te er bereits im Ruck­sack bei der Remi­gra­ti­on nach Wien dabei.

1946 war das Jahr, in dem Weigel lite­ra­risch reüs­sier­te, als er als einer der ers­ten Zurück­ge­kehr­ten sich im „neu­en“ Öster­reich erfolg­reich ange­kom­men füh­len durf­te. Er ver­öf­fent­lich­te Lyrik in der von Lil­ly Sau­ter her­aus­ge­ge­be­nen Zeit­schrift Wort und Tat, etwa das holp­ri­ge Gedicht „Für Lie­ben­de“: „Schließ die Augen, halt den Atem an, / Einen Augen­blick und Atem­zug denk dran, / Wie dir ist. Halt süßes Schwe­ben fest, / Das Dich nicht zur Ruhe kom­men läßt“. 1946 erschien Wei­gels ers­te Buch­pu­bli­ka­ti­on, Das himm­li­sche Leben, ein Rück­blick im Him­mel über das ver­gan­ge­ne Erden­le­ben, nicht sur­re­al, son­dern kon­ven­tio­nell erzählt. Das klei­ne Büch­lein erschien im Ibach-Ver­lag, dem Kleinst­ver­lag des Codi­rek­tors des Thea­ters in der Josef­stadt, Alfred Ibach. Ibach, der schon 1948 starb, ver­schaff­te Weigel damit Legi­ti­ma­ti­on als Schrift­stel­ler. Den Ver­lag hat­te Ibach 1938 von der geflo­he­nen Inha­be­rin „über­nom­men“, er war also „ari­siert“ wor­den.

1946 kam auch Der grü­ne Stern her­aus, die Buch­aus­ga­be des 1943 in einer Schwei­zer Zei­tung erschie­ne­nen Fort­set­zungs­ro­mans. Der Roman führt in iro­ni­scher Erzähl­hal­tung und in einem ent­his­to­ri­sier­ten Set­ting den zufäl­li­gen Auf­stieg der vege­ta­ri­schen Bewe­gung zur tota­li­tä­ren Macht vor Augen – der Bezug zum Natio­nal­so­zia­lis­mus ist evi­dent, schon der titel­ge­ben­de grü­ne Stern, den die Fleisch­esser nach der Macht­er­grei­fung der Vege­ta­ri­er tra­gen müs­sen, gemahnt an den „Juden­stern“.

Der Roman will offen­sicht­lich kei­ne Ana­ly­se für die Ent­ste­hung faschis­ti­scher Bewe­gun­gen lie­fern, auch wenn ihm das im Detail mit­un­ter gelingt; er will in ers­ter Linie unter­halt­sam sein und baut daher natür­lich eine Lie­bes­ge­schich­te ein. Wei­gels Roman ist ein nicht unin­ter­es­san­tes Doku­ment eines Ver­suchs, auf ver­dam­mens­wer­te Zeit­phä­no­me­ne mit Sati­re zu reagie­ren. Wie Chap­lins The Gre­at Dic­ta­tor ent­stand der Roman im Jahr 1940, als im Aus­land die Gräu­el des Holo­caust noch nicht in ihrer gan­zen Dimen­si­on bekannt waren. Was den Roman aber über man­che Pas­sa­gen schwer les­bar macht, ist sei­ne Geschwät­zig­keit. So gera­ten Weigel vor allem die Par­odien zu umständ­lich, hier hät­ten Straf­fun­gen dem Roman gut­ge­tan. Der Autor schien sich die­ser Pro­ble­ma­tik bewusst zu sein: Zur Wie­der­auf­la­ge 1976 meint er, er habe „der Ver­su­chung zu einer Bear­bei­tung wider­stan­den, obwohl mir etli­che Par­tien der Über­ho­lung bedürf­tig schei­nen“. Dass Wei­gels Sto­ry im Kern funk­tio­niert, zeig­te die Ver­fil­mung durch Hei­de Pils 1983, die mit gerin­gen finan­zi­el­len Mit­teln aus der Vor­la­ge einen beacht­li­chen, expe­ri­men­tier­freu­di­gen Fern­seh­film schuf.

Weigel ent­schlüs­sel­te in der Neu­aus­ga­be der „Unvoll­ende­ten Sym­pho­nie“ die
Ich-Erzäh­le­rin als Inge­borg Bach­mann. So wur­de der Text in ers­ter Linie als Bach­mann-Roman rezi­piert.

Es war nicht die Pro­sa, mit der der Remi­grant Weigel reüs­sier­te. 1946 wur­de am Thea­ter in der Josef­stadt Bar­ab­bas oder Der fünf­zigs­te Geburts­tag urauf­ge­führt. Der Wie­ner Kurier schrieb im April 1946: „Wenn die geis­ti­ge Erneue­rung Wiens vom Thea­ter kom­men kann, wenn dies noch immer und trotz allem mög­lich ist, dann hat die­ser Bar­ab­bas von Weigel das Zeug dazu.“ Die Bilanz eines ver­gan­ge­nen bür­ger­li­chen Lebens, die nicht von kon­kre­ten Zeit­läu­fen berich­tet, son­dern gro­ße Mensch­heits­the­men wie Schuld und Süh­ne all­ge­mein abhan­delt, war offen­sicht­lich ein knap­pes Jahr nach dem Ende des Welt­kriegs dazu ange­tan, zum Stück der Stun­de zu wer­den.

Aus der Distanz betrach­tet ist, wie Peter Roess­ler nach­ge­wie­sen hat, Bar­ab­bas dem „Mit­tel­stück“ der Kaba­retts und Kel­ler­thea­ter der 1930er-Jah­re ver­pflich­tet und bleibt dabei gemüt­lich und humo­rig, sodass „in die­ser musi­ka­lisch unter­spick­ten Spie­ßer-Kri­tik zugleich eine mora­li­sche Ent­las­tung für alle Zei­ten und damit auch für die Gegen­wart ent­hal­ten ist.“ Bar­ab­bas wur­de Ende der 1940er-Jah­re an meh­re­ren Thea­tern in Öster­reich gespielt und sogar am Ber­li­ner Thea­ter am Schiff­bau­er­damm insze­niert. Aller­dings konn­te Weigel trotz mehr­fa­cher Ver­su­che an die­sen Erfolg als Thea­ter­au­tor nicht anschlie­ßen.

Noch zwei­mal ver­such­te sich Weigel als Roman­cier, bevor er als Lite­rat hin­ter den Kri­ti­ker, Sach­buch-Autor, Moliè­re-Über­set­zer und Nes­troy-Bear­bei­ter zurück­trat. 1951 erschien der Roman Unvoll­ende­te Sym­pho­nie, der, wie es in der Vor­re­de heißt, „Wien und Wie­der­kehr“ zum The­ma hat, also das neue Zusam­men­le­ben der „Hier­ge­blie­be­nen“ mit ihren Ver­stri­ckun­gen in die NS-Dik­ta­tur und der zurück­ge­kehr­ten Exi­lan­ten. Um eine trag­ba­re Brü­cke zwi­schen die­sen bei­den Grup­pen errich­ten zu kön­nen, das expli­ziert der Text, dür­fen die Ver­trie­be­nen und Ermor­de­ten kei­ne gro­ße Bedeu­tung erlan­gen. Der Roman hat eine weib­li­che Ich-Erzäh­le­rin, Prot­ago­nist ist aller­dings der jüdi­sche Remi­grant Peter Taus­sig. Kurz vor sei­nem Tod fühl­te sich Weigel bemü­ßigt, im Nach­wort der Neu­aus­ga­be der Unvoll­ende­ten Sym­pho­nie (1992) die Ich-Erzäh­le­rin als Inge­borg Bach­mann zu ent­schlüs­seln. Und so wur­de der Text auch in der Neu­auf­la­ge 2015 in ers­ter Linie als Bach­mann-Roman rezi­piert.

Mag man dem Roman in sei­nen Schil­de­run­gen des zer­stör­ten Wien oder der Rol­le des Remi­gran­ten in der Nach­kriegs­ge­sell­schaft eini­ges abge­win­nen, so wir­ken die Sät­ze, in denen Weigel sei­ne Erzäh­le­rin ihren Lieb­ha­ber Taus­sig als ihren „Schöp­fer“ anhim­meln lässt, doch degou­tant. Da wer­den im Nach­hin­ein „Lebens­krän­kun­gen hör­bar: ‚Die Bach­mann‘ mach­te ihre Kar­rie­re an Weigel wie Öster­reich vor­bei in Deutsch­land. [Er blieb] zeit­le­bens ein öster­rei­chi­sches Phä­no­men und schaff­te den Sprung über die deut­sche Gren­ze nicht ein­mal als Aus­kunfts­per­son für Bach­mann-Bio­gra­phen“ (Eve­ly­ne Polt-Heinzl).

1953 schrieb Weigel aus einem som­mer­li­chen Rück­zugs­ort in einem Brief an die Lite­ra­ten­run­de im Café Rai­mund (nament­lich u. a. an Jean­nie Ebner, Mar­len Haus­ho­fer und Micha­el Gut­ten­brun­ner), dass er in zwei Wochen einen Roman ver­fasst habe und er es in Hin­kunft nicht unter­las­sen wer­de, „auf die­ses Bei­spiel hin­zu­wei­sen, wo man Zeit­man­gel vor­schützt, um sich sei­ner lite­ra­ri­schen Pflicht und Schul­dig­keit zu ent­zie­hen“. Das Manu­skript, die Par­odie Iphi­ge­nie auf Gei­sel­gas­teig oder Goe­the schreibt ein Dreh­buch, reich­te Weigel in der Fol­ge bei meh­re­ren Ver­la­gen ein.

Im Nach­lass sind Ableh­nungs­schrei­ben von sechs Ver­lags­an­stal­ten erhal­ten, das Manu­skript blieb unge­druckt. Ein Lek­tor, der den Text anonym begut­ach­tet hat, schreibt: „Es ist nicht beson­ders gut geschrie­ben, ja zum Teil sehr schlu­de­rig und flüch­tig. Auch scheint mir die gan­ze Geschich­te viel zu lang aus­ge­fah­ren.“ – So war also die „Dro­hung“, mit der Weigel sei­ne brief­li­che Mah­nung an sei­ne „Schütz­lin­ge“ ver­sah, schnell hin­fäl­lig: „Und Gna­de Euch Gott, wenn er auch noch gut ist!“

* * *

ZU RECHT VERGESSEN
Die Serie „Zu Recht ver­ges­sen – die bes­ten schlech­ten Dich­ter aller Zei­ten“ wid­met sich dem Phä­no­men der Berühmt­heit zu Leb­zei­ten, die durch kei­ner­lei ästhe­ti­sche oder poe­to­lo­gi­sche Qua­li­tät gerecht­fer­tigt ist. Der zu Recht ver­ges­se­ne, einst aber bekann­te und gefei­er­te Autor ist men­ta­li­täts­ge­schicht­lich grund­sätz­lich inter­es­san­ter als das zu Leb­zei­ten ver­kann­te Genie, das „sei­ner Zeit vor­aus“ war. Im Unter­schied zum „all­zeit gül­ti­gen“ Werk des Klas­si­kers stellt sich am Bei­spiel der Pro­duk­ti­on des schlech­ten Autors oder der schlech­ten Autorin die Fra­ge nach der his­to­ri­schen Kon­tin­genz ästhe­ti­scher Wer­te und Wer­tun­gen. Oder, mit Karl Kraus gesagt: „Nicht alles, was tot­ge­schwie­gen wird, lebt.“

* * *

Wolf­gang Straub, gebo­ren 1968, lebt als Autor, Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler und Ver­lags­lek­tor in Wien.

Quel­le: VOLLTEXT 4/2021

Online seit: 7. Sep­tem­ber 2024

Online seit: 7. Sep­tem­ber 2024

Zuletzt geän­dert: 9. Sep. 2024