Kein Makel, nirgends

Zu Recht ver­ges­sen: Dani­el Wis­ser über Her­mann Suder­manns raschen Ruhm und lang­sa­mes Ver­schwin­den aus dem Kanon

Als Danie­la Stri­gl mich ein­lud, einen Essay in die­ser Rei­he zu schrei­ben, wähl­te ich Her­mann Suder­mann als The­ma und mein Text begann mit fol­gen­den Zei­len:

Als ich noch Schü­ler war, mit 17 Jah­ren, und Brecht für mich eine Zeit­lang das Maß aller lite­ra­ri­schen Din­ge war, stol­per­te ich beim Lesen eines Gedichts von Hans Weigel, das aus der Per­spek­ti­ve kom­men­der Gene­ra­tio­nen die Lächer­lich­keit frü­he­rer sozi­al­kri­ti­scher Lite­ra­tur beleuch­ten soll­te, über fol­gen­de Zei­le: und Brecht und Suder­mann sind alte Hüte. Das Gedicht schließt mit der Zei­le (aus dem Gedächt­nis): Mein Gott, das sah mein Groß­va­ter sich an!

Sym­pto­ma­tisch, dach­te ich damals, dass jemand wie Weigel, der Brecht mit Ingrimm ver­folg­te, ihn durch eine unpas­sen­de Auf­zäh­lung wei­ter dis­kre­di­tiert. Da mir Suder­mann damals unbe­kannt war, hat Weigel aber zumin­dest zu mei­ner Bil­dung bei­getra­gen. Ich begann also nach­zu­le­sen, wer Her­mann Suder­mann war; man darf nicht ver­ges­sen, dass ich hier vom Jahr 1987 spre­che, als es kein World­Wi­de­Web gab.

Als ich das Geburts­da­tum Suder­manns her­aus­fand, ver­wun­der­te mich zunächst, dass er schwer­lich als Zeit­ge­nos­se Brechts durch­ge­hen konn­te. Suder­mann wur­de 1857, also mehr als 40 Jah­re vor Brecht, gebo­ren. Er war Zeit­ge­nos­se von Oscar Wil­de, Sel­ma Lager­löf, Anton Tschechow, Rabin­dra­nath Tago­re, Knut Ham­sun oder Peter Alten­berg. Das ver­mehr­te mei­nen Zwei­fel an der Inte­gri­tät Wei­gels.

Suder­manns Bio­gra­fie hat, wenn sie über­haupt einen Makel hat, den der Makel­lo­sig­keit. Sein Auf­stieg und sein Erfolg, der zumin­dest für ein Jahr­zehnt­sehr groß war, ver­mit­teln weder die Tra­gik ver­ge­be­ner Chan­cen, ver­pass­ter Gele­gen­hei­ten, noch die Dilem­ma­ta des Miss­ver­stan­de­nen oder des Genies, das ein­fach nur zur fal­schen Zeit und/oder am fal­schen Ort ist.

Gut erzählt, aber tri­vi­al

Der als Sohn eines Bier­brau­ers gebo­re­ne und in ärm­li­chen Ver­hält­nis­sen auf­ge­wach­se­ne Suder­mann schafft es zwar zur Uni­ver­si­tät, bricht aber sein Stu­di­um ab und wen­det sich dem Jour­na­lis­mus zu. Bald haben sei­ne ers­ten bei­den Roma­ne Frau Sor­ge und Der Kat­zen­steg, die in Zei­tun­gen ver­öf­fent­licht wer­den, Erfolg. In der Lite­ra­tur­ge­schich­te gilt Suder­manns Pro­sa bis heu­te zwar als gut erzähl­te, span­nen­de Lite­ra­tur, die sich für das Fort­set­zungs­for­mat in der Pres­se her­vor­ra­gend eig­ne­te, zum ande­ren aber als äußerst kon­ven­tio­nell, ja tri­vi­al.

Anders ver­hält es sich bei den Dra­men. Mit Die Ehre gelingt Suder­mann 1889 ein Sen­sa­ti­ons­er­folg und er gilt damit zusam­men mit Ger­hart Haupt­mann für die nächs­ten zehn bis 15 Jah­re als der bedeu­tends­te Dra­ma­ti­ker des deutsch­spra­chi­gen Natu­ra­lis­mus. Sein Stück Sodoms Ende von1891 löst einen Skan­dal aus. Es wird zeit­wei­se sogar poli­zei­lich ver­bo­ten und Wil­helm II. wei­gert sich, Suder­mann den Schil­ler­preis zu über­rei­chen. 1893 schließ­lich gelingt ihm mit dem Dra­ma Hei­mat ein Welt­erfolg; das Stück wird auch in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten und in Eng­land popu­lär, wo nie­mand ande­rer als die berühm­te Sarah Bern­hardt die Haupt­rol­le spielt. (Das Stück wird mehr­mals ver­filmt, 1938 unter dem Titel Mag­da mit Zarah Lean­der in der Titel­rol­le.)

Die­se Zeit mar­kiert den Höhe­punkt der Berühmt­heit Suder­manns, die auf der Büh­ne mit der Ablö­se des Natu­ra­lis­mus zu Ende geht, bis zum Ende des Ers­ten Welt­kriegs aller­dings noch durch die Ver­fil­mung sei­ner Stü­cke anhält. Suder­mann lebt bis zu sei­nem Tod im Jahr 1928 als wohl­ha­ben­der, aber immer mehr ver­ges­se­ner Schrif­stel­ler. Anders als die Dra­men Ger­hart Haupt­manns schaf­fen es die Suder­mann-Stü­cke nach dem Zwei­ten Welt­krieg nicht, Teil des lite­ra­ri­schen Kanons zu wer­den, und dar­in liegt viel­leicht doch eine gewis­se Tra­gik. Denn im Gegen­satz zu Haupt­mann könn­te Suder­mann mit sei­nem lako­ni­schen Stil, der weni­ger exis­ten­zi­el­le Kon­flik­te des aus­ge­hen­den 19. Jahr­hun­derts, als gesell­schaf­li­che Kon­flik­te Bür­ger­tums die­ser Zeit por­trai­tiert, in der heu­ti­gen Welt der Ato­mi­sie­rung der Mit­tel­schicht viel­leicht wie­der inter­es­sant wer­den.

Für einen Leser der spä­ten 1980er-Jah­re, einen Jugend­li­chen, für den die Über­win­dung des Impe­ria­lis­mus der USA und der damals noch exis­tie­ren­den War­schau­er-Pakt-Staa­ten ein vor­dring­li­ches The­ma war, pass­te Suder­mann mit sei­nen Stü­cken nicht auf die Lese­lis­te. Und zu einem Ver­such, sei­ne Pro­sa zu lesen, kam es damals nicht.

Nach dem frü­he­ren Urteil eines für mich heu­te frem­den Ichs, habe ich die­se Tex­te noch­mals gele­sen und mir vor­ge­nom­men, dem Autor wei­gel­lo­se Gerech­tig­keit wider­fah­ren zu las­sen. Ich genie­re mich für mei­ne jugend­li­che Hal­tung. Heu­te bin ich Kul­tur­pes­si­mist, i.e. ich möch­te ster­ben als einer, der Her­mann Suder­mann noch gele­sen hat und es sich erlaubt, die­sen Autor zu begrei­fen und aus sei­nem Werk Schlüs­se zu zie­hen. Es sind hart erle­se­ne Schlüs­se und ich möch­te nicht sagen, dass in unse­rer bil­dungs­fer­nen Gesell­schaft gera­de Suder­mann der Ers­te wäre, mit­hil­fe des­sen Dra­men man einem Ver­ständ­nis der Gesell­schaft des aus­ge­hen­den 19. Jahr­hun­derts näher käme. Aber das natu­ra­lis­ti­sche Dra­ma hat auch viel schlech­te­re Ver­tre­ter als ihn. Da ist etwa Her­mann Bahrs Die Mut­ter, mit des­sen minu­tiö­ser Inhalts­an­ga­be Wen­de­lin Schmidt-Deng­ler einst das gan­ze Audi­max unter­hal­ten hat.

Bei­na­he – und Her­mann Suder­mann zur Uneh­re – wäre es so gekom­men, dass ich mich mit obi­gen wenig schmei­chel­haf­ten Zei­len begnügt hät­te. Dann aber geschah das:

Ich gehe jede Woche am Frei­tag oder Sams­tag zum Kar­me­li­ter­markt. Eine mei­ner fixen Sta­tio­nen dort ist der Brot­stand, wo Frau Mar­got und Herr Hau­ser ste­hen. Frau Mar­got ist eine Ken­ne­rin von Oper und Lite­ra­tur und ver­wi­ckelt mich wöchent­lich in Dis­kus­sio­nen über Lite­ra­ten, wäh­rend ich Brot und Gebäck aus­su­che. Eines Tages geschah es: Wäh­rend ich auf einen Brot­laib zeig­te, sag­te Frau Mar­got zu mir, dass sie von der zeit­ge­nös­si­schen Lite­ra­tur gera­de genug habe und wie­der alte Bücher lese, die sie noch von ihrer Mut­ter habe, zum Bei­spiel Der Kat­zen­steg von Her­mann Suder­mann. Den Namen des Autors zu hören, rüt­tel­te mich auf. Ich begriff, dass es da noch mehr gege­ben haben muss. Und ich begann zu lesen. Viel­leicht fin­den ja man­che durch die­sen Roman zum Autor Suder­mann. Ohne zu viel zu ver­ra­ten: Der Kat­zen­steg erzählt die Geschich­te eines Man­nes, des­sen gan­ze Fami­lie geäch­tet ist, weil sein Vater wäh­rend der Frei­heits­krie­ge mit Napo­le­on sym­pa­thi­sier­te. Wie Suder­manns Stü­cke wur­de auch die­ser Roman mehr­fach ver­filmt, zuletzt 1975 mit Han­na Schy­gul­la in einer der Haupt­rol­len.

Aus die­sen Grün­den kann ich das Urteil, das ich als 17-Jäh­ri­ger gefällt habe, nicht auf­recht­erhal­ten. Im Gegen­teil. Ich, Kul­tur­pes­si­mist Dani­el Wis­ser, muss den Lesern die­ser Zei­len zuru­fen: Lest Her­mann Suder­mann!

* * *

ZU RECHT VERGESSEN
Die Serie Zu Recht ver­ges­sen – die bes­ten schlech­ten Dich­ter aller Zei­ten wid­met sich dem Phä­no­men der Berühmtheit zu Leb­zei­ten, die durch kei­ner­lei ästhe­ti­sche oder poe­to­lo­gi­sche Qua­li­tät gerecht­fer­tigt ist. Der zu Recht ver­ges­se­ne, einst aber bekann­te und gefei­er­te Autor ist men­ta­li­täts­ge­schicht­lich grund­sätz­lich inter­es­san­ter als das zu Leb­zei­ten ver­kann­te Genie, das „sei­ner Zeit vor­aus“ war. Im Unter­schied zum „all­zeit gültigen“ Werk des Klas­si­kers stellt sich am Bei­spiel der Pro­duk­ti­on des schlech­ten Autors oder der schlech­ten Autorin die Fra­ge nach der his­to­ri­schen Kon­tin­genz ästhe­ti­scher Wer­te und Wer­tun­gen.

* * *

Dani­el Wis­ser, gebo­ren 1971 in Kla­gen­furt, lebt als Schrift­stel­ler und Musi­ker in Wien. Zuletzt erschie­nen die Roma­ne Die Löwen der Ein­öde (Jung und Jung, 2017) und Köni­gin der Ber­ge (Jung und Jung, 2018).

Quel­le: VOLLTEXT 4/2019

Online seit: 8. Sep­tem­ber 2019

Online seit: 8. Sep­tem­ber 2024

Zuletzt geän­dert: 8. Sep. 2024