siebzehn poetologien

Von Franz Josef Czern­in

son­nensang

dies zere­bra­le bist, hier zele­brant
mir offe­rierst die raue scha­le,
durch graue mas­sen, die gehir­ne
mich bis ins blaue reflek­tierst. 
doch bald ver­las­sen glüht die bir­ne, 
ist schon ewiglang ver­brannt.

denn ich allein bin die zen­tra­le.

 

mall­ar­mé

eine mün­ze muss gewor­fen sein,
doch fal­len soll auf bei­de sei­ten,
dass die sich selbst bestrei­ten,

wir uns bedeu­ten zwei­mal keins.

 

mall­ar­més epi­taph

da die wahl sich selbst getrof­fen hat,
iegt in der urne nun ein lee­res blatt.
die zahl ist gleich, die stel­lung patt:
auf allen sei­ten bin, an jedes statt.

 

mora­lia

ich kann mich allen übels zeihn,
so könnt mir alles übel neh­men,
euch müsst für uns und mich dann schä­men,
und ich kann gut mir sel­ber sein,

ja ich kann gut ich sel­ber sein.

 

nos­t­ra cul­pa

nicht nur um mei­net­wil­len
hab ich bit­ter hier zu kla­gen:
da viel seh­nen ich durch­schnitt,
kei­ne trä­ne liess sich stil­len.
auch für euch musst hier ver­sa­gen,
mit dem latein am ende sein:

des­halb aber sind wir quitt,
unten ich, ihr im zenit allein.

 

super­bia

ja, es ist unfug, kram und krem­pel,
dum­mes zeug, unklug, sehr zu rügen,
vol­ler lügen auch und der betrug,
doch euch drückts mei­nen stem­pel auf:

viel ver­gnü­gen – jetzt ist es euer tem­pel.

 

nar­ziss

da ich nach mei­nen nöten pat­ze,
nichts tie­fes sich vom pegel schei­det,
dass ein­an­der selbst aus­boo­ten.
ver­bo­te sei­en hier nicht die regel,
denn jede fal­sche note sei auch segel,
bis das was­ser uns­re frat­ze schnei­det:

nicht anders wär ich aus­zu­lo­ten.

 

münch­hau­sen

mein kopf ist tief in sei­nem schlund,
da packt beim schopf uns die gele­gen­heit:
in mei­nem mund seht euren zopf,
zieht mei­nen kopf aus eurem mund.

dann sind wir frei und ohne grund.

 

mor­ta­le

vom hohen spruch, vom gip­fel,
an jah­ren jung oder von alters her,
mit wenig schwung oder mit viel,
sind wir, bin ich am tie­fen sprung.
im hof­fen greif ich nach dem letz­ten zip­fel,
doch es ist über­all so weit das tuch.

ja, die­ser fall ist frei, sein ende offen.

 

immer wären

will viel zu wün­schen übrig las­sen,
dass hier auch was zu suchen habt;
denn offen sein, heisst nichts ver­pas­sen,
sonst hätt es sich zu gut getrof­fen.

denn nur in stof­fen oder mas­sen,
die nicht sich zu ver­bu­chen hof­fen,
wär der kuchen ganz zu fas­sen.

 

kunst­ge­recht

du tust dir gut in dem palast,
meinst wort und schatz zu hüten;
du siehst dich woh­nen in der mit­te,
doch redest blech von dei­nem platz.
als wär dein gold in uns­rer hüt­te,
lässt dich von uns allein ver­gü­ten:

wie man dich hasst in unserm knast!

 

imma­nenz

nicht preis, noch fleiss ist hier ver­mö­gen,
ob dies ver­göt­tert oder kaum ergötzt:
ob höher ein­ge­schätzt oder auch tie­fer,
der ware wert kann nichts bele­gen,
nicht prä­gen sich des wah­ren geld,
da uns im eig­nen kreis bewe­gen:

daher zu schlech­ter- oder guter­letzt
bleibt unbe­setzt das lee­re feld.

 

autors tod

in den köp­fen muss sich was rüh­ren,
doch zu spü­ren ist kein koch,
so muss der brei sich selbst ver­der­ben,
bis der topf in scher­ben liegt und spricht:

nichts ist zu erben hier als dies gericht.

 

pyg­ma­li­on

aus mei­nen eig­nen ärmeln,
sich eure hän­de mir ent­ge­gen­stre­cken,
dass uns in eurem armen bei­nen
auch schre­cken mei­ne kno­chen:

wie schlimm in einem leib zu ste­cken!

 

pyg­ma­li­on

in stein gemeis­selt steht dies fest,
auf hohem sockel leb­haft mein:
euch macht mich lebens­echt gemein,
da fleisch und blut euch dar­aus presst.

als bein um bein einst unser leben lässt,
mir selbst im bes­ten licht erschein.

 

ero­si­on

gemacht hab mich Ich aus eurem staub,
zu stand gebracht und auch ins bild.
wie hät­ten drin uns fest­ge­bannt,
wärn in den sand wärn nicht hier gesetzt,

der uns ver­tau­send­facht ver­flüch­tigt hat.

 

aber ja!

im anfang, eig­nen geists und blitzs,
den kreis gebahnt hab euch gefunkt,
was ihr allein sonst unkt und ahnt,
hier bracht es mit und auf den punkt:

es ist nun uns­res schlags und witzs.

 

* * *

Franz Josef Czern­in, gebo­ren 1952 in Wien, lebt vor­wie­gend in Ret­ten­egg. Für sein Werk erhielt er zahl­rei­che Aus­zeich­nun­gen, dar­un­ter den Georg-Tra­kl-Preis, den Öster­rei­chi­schen Staats­preis für Lite­ra­tur­kri­tik und den Ernst-Jandl-Preis. Zuletzt erschie­nen rei­sen, auch win­ter­lich (Han­ser, 2019), wider­sprü­che sind die hil­fe­ru­fe des den­kens. apho­ris­men (Edi­ti­on Vir­gi­nes, 2022) und gelie­he­ne zun­gen (Han­ser, 2023).

Quel­le: VOLLTEXT 1/2024

Online seit: 19. August 2024

Online seit: 19. August 2024

Zuletzt geän­dert: 19. Aug. 2024