Die aller Welten unschlüssigste

Frank Wit­zels gro­ßer Roman Die Erfin­dung der Roten Armee Frak­ti­on durch einen manisch-depres­si­ven Teen­ager im Som­mer 1969. Von Alban Niko­lai Herbst

Aber das stimmt doch gar nicht“, rie­fen Freun­de, die ich sehr schät­ze, aus, nach­dem sie Frank Wit­zel aus sei­nem gro­ßen Roman hat­ten vor­le­sen hören. „Das ist eine Mogel­pa­ckung! Die RAF spielt in die­sem Buch ja gar kei­ne Rol­le!“ – Wor­in sie irr­ten: mein­te und mei­ne ich wei­ter­hin. Sodass wir ein fast lei­den­schaft­li­ches Streit­ge­spräch führ­ten. „Die pure post­mo­der­ne Belie­big­keit!“, rie­fen sie wei­ter. „Und über­haupt! Die alte BRD ist anders gewe­sen!“ In der Tat, damit, Wit­zel las­se sie wie­der­auf­er­ste­hen, macht der Ver­lag, Matthes & Seitz, Wer­bung. Ingo Schul­ze, auf Deutsch­lands ande­rer Sei­te sozia­li­siert, habe sogar geäu­ßert, sie, die BRD, erst durch die­sen Roman ver­stan­den zu haben.

Nun ent­sin­nen wir uns alle ver­schie­den, teils auch ver­klärt. Es gibt nicht nur eine „Ost­al­gia“. Wirk­lich frap­pier­te auch mich von allem Lek­tü­re­an­fang an, welch plas­ti­sche Erin­ne­run­gen die­ser Roman in mir reak­ti­vier­te. Plötz­lich hat­te ich den völ­lig ver­ges­se­nen Geruch von Peli­ka­nol in der Nase und deut­lich das Gefühl von Tro­cken­sham­poo im Haar – Tro­cken­sham­poo, mei­ne Güte, ja! Und wer hät­te mich jemals wie­der auf K2R gebracht, auf Fri­go, auf Fleisch­mann con­tra Märk­lin (Beat­les, bei Wit­zel, con­tra die Stones)?

Aber damit erschöpft sich die­ses Buch eben nicht. Im Gegen­teil, alles dies sind nur Details – frei­lich sol­che, die, ist man mit dem Autor eines Jahr­gangs, star­ke Iden­ti­fi­ka­ti­ons­pro­zes­se in Gang set­zen kön­nen. Im eigent­li­chen Sinn lite­ra­risch sind indes­sen die Dif­fe­ren­zen, die sich auf­tun, und vor allem ist es Wit­zels hoch­vir­tuo­se Varia­bi­li­tät der Spra­che. Mich hat von Anfang fas­zi­niert, wie orga­nisch er ela­bo­rier­ten und restrin­gier­ten Code, also zum Bei­spiel den Jugend­jar­gon, zu amal­ga­mie­ren ver­mag. Aber auch seman­ti­sche Wider­sprü­che bekommt Wit­zel ohne bra­chia­le Brü­che zusam­men – etwas, das den gan­zen Roman durch­zieht, ja, die Form selbst wird zum Leit­mo­tiv, und eben auch – anders als mei­ne Freun­de mein­ten – den Titel fak­tisch begrün­det:

Sagen Sie es doch ein­fach frei her­aus, da wur­den Sie von einer Ihrer übli­chen puber­tä­ren Regun­gen über­kom­men, die­sen Sen­ti­men­ta­li­tä­ten, mit denen Sie bis heu­te Ihr gesam­tes Leben ver­kom­pli­zie­ren. Sie haben sich ein Pla­kat zum Tod von Hol­ger Meins ins Zim­mer gehängt, dar­auf stand „Ein Genos­se ist tot“, und das hing neben einem Pos­ter von den Who, die damals ja ihren Zenit schon weit über­schrit­ten hat­ten, aber immer­hin auch ein­mal vor­ge­habt haben, jung zu ster­ben. 

Die schon am Beginn die­ses 800-Sei­ten-Romans ste­hen­de Stel­le ist vor allem des­halb erwäh­nens­wert, weil sie zeigt, wie sich puber­tä­re Ent­wick­lungs­sta­di­en, zu denen auch der Frei­tod­ge­dan­ke gehört, unter poli­ti­sche Bewe­gun­gen legen und mit ihnen gleich­lau­fen kön­nen. Gera­de das, nicht die „rea­le“ RAF, ist eben Gegen­stand der Erzäh­lung – einer, die sich mit man­chem Recht ein zum Still­stand gebrach­ter Ent­wick­lungs­ro­man nen­nen lie­ße, näm­lich einem in psy­chi­sche, aber auch phy­si­sche Erkran­kung aus­lau­fen­den mit schließ­li­cher, gewis­ser­ma­ßen schwe­ben­der Kon­so­li­die­rung:

Geschafft hat das ja nur einer von denen, aber mit die­ser Lon­do­ner Vor­stadt­fres­se konn­ten Sie sich natür­lich nicht rich­tig iden­ti­fi­zie­ren, wäh­rend Hol­ger Meins, wie er damals ledig­lich mit einer schwar­zen Unter­ho­se beklei­det ver­haf­tet wur­de,

womit schon ein Haupt­the­ma des Romans ange­schla­gen wird, ein Deu­tungsthe­ma näm­lich:

das hat Sie sofort an die Fest­nah­me im Gar­ten Geth­se­ma­ne erin­nert. (…) und spä­ter dann natür­lich, nach dem Hun­ger­streik, da kam die gan­ze Iko­no­gra­fie der Grab­le­gung zum Tra­gen. 

Näm­lich wächst der Erzäh­ler des Romans – der­je­ni­ge, der sich in ihm erin­nert – in einer katho­li­schen Umwelt auf, einem klei­nen Ort des Rhein­gaus. Die­ser durch­aus dog­ma­ti­sche Über­bau unter­schei­det den Erzäh­ler zwar von vie­len sei­ner­zei­ti­gen Rebel­len, vor allem vom Gros der Jugend­be­we­gun­gen. Aber es erlaubt ihm, so unge­wöhn­li­che wie bis­wei­len frap­pie­rend tref­fen­de Bli­cke auf das Gesche­hen zu wer­fen. So legt es etwa bloß, wie selbst in „athe­is­ti­schen“ – in Häk­chen, weil der Begriff ursprüng­lich die Urchris­ten bezeich­net hat, sie bezeich­ne­ten sich sogar selbst so –, sagen wir des­halb bes­ser: glau­bens­lo­sen jun­gen Men­schen, die alten christ­my­thi­schen Mus­ter wei­ter­wir­ken. Nur wuss­ten sie und wir es nicht. Und unver­se­hens wird, sofern wir den Gedan­ken­gän­gen fol­gen, Wit­zels Roman zu einem über die Dyna­mik der – auch popu­lär­kul­tu­rel­len – Iko­no­gra­fien. Son­dern eben­so spe­ku­liert er dar­über, wie sich die tat­säch­li­chen Mit­glie­der der ers­ten RAF emp­fun­den haben wer­den, und umspielt ihr Selbst­bild.

Doch bei aller Spe­ku­la­ti­on bleibt der Roman, auf der ande­ren Sei­te sei­ner Poe­to­lo­gie, aus­ge­spro­chen rea­lis­tisch, im marx­schen Sinn mate­ria­lis­tisch, indem die Erin­ne­rungs­ar­beit sei­nes Hel­den fast zwang­haft, wie bei Kurz­eck, kon­kret ist und eben des­halb unsen­ti­men­tal den gesell­schaft­li­chen Unter­bau wie­der­gibt, der Phä­no­me­ne wie die RAF nicht nur mög­lich gemacht hat, son­dern direkt erzeug­te, und zwar weil

alle Deut­schen nie­mals mehr Hun­ger lei­den wol­len, wes­halb man „in Füh­rung“ blei­ben muß, (…) „rigo­ros“ sein muß, den „läs­ti­gen Stroh­mann“ „über Bord wer­fen“ muß, den „Arme­ni­er“, (…) weil das Nen­nen des Namens nicht Erin­ne­rung ist, son­dern das Gegen­teil, (…) „Gelobt sei, was hart macht“ (…), so wie Herz sei­ne Söh­ne nach die­sem Leit­spruch erzieht, wäh­rend er (…) sich ein „Strand­re­duit“ an der Ost­see bau­en läßt, das ihm her­nach „zu sehr Reichs­kanz­lei“ ist, aber natür­lich trotz­dem „ein Herz für die afri­ka­ni­schen Ent­wick­lungs­län­der hat“ und für Mit­tel­ame­ri­ka, wes­halb er Kon­sul des „Lili­put­staa­tes El Sal­va­dor“ wird (…) und die streng erzo­ge­nen Söh­ne zu den reichs­ten Söh­nen Deutsch­lands (wer­den), die immer mehr Fir­men dazu­kau­fen, wovon der Vater nichts mehr weiß und der Spie­gel noch nichts weiß, (…) der mich durch die­sen unge­schminkt kolo­nia­lis­tisch-ras­sis­ti­schen Arti­kel vom 17.10.1962, mit die­sem ver­gan­gen­heits­ver­ges­se­nen patri­ar­cha­len Arti­kel, die­ser abso­lu­ten Ver­leug­nung (…) von Nazi­zeit, Kolo­ni­al­herr­schaft und Völ­ker­mord (…) mit einem Mal wie­der ver­ste­hen läßt, war­um jemand Säu­re auf Gemäl­de spritzt oder auf die Idee kommt, ein Kauf­haus anzu­zün­den. 

Man ach­te auf Wit­zels ankla­gend-rhap­so­dische Rhyth­mik, die immer zugleich Trau­er ist und schon von daher kunst­volls­ter Aus­druck der melan­cho­li­schen See­len­struk­tur des von ihm gezeich­ne­ten Jugend­li­chen, den schon der Roman-Titel „manisch-depres­siv“ nennt. In die­sem Roman ist näm­lich nichts, mei­ne Freun­de, gar nichts „belie­big“. Und über­dies, zum Drit­ten, macht das Buch klar, dass und war­um sich die Kämp­fer der RAF für Jugend­li­che der „Zwi­schen­jah­re“ der­art als Iden­ti­fi­ka­ti­ons­fi­gu­ren eig­ne­ten:

Und dann eben erschien die RAF. Der Teen­ager hät­te sie sich nicht aus­den­ken kön­nen, und den­noch hat er sie erfun­den. Daß man nach ihnen fahn­de­te und ihre Bil­der auf Pla­ka­ten zeig­te, inter­pre­tier­te er als Zei­chen von Gemein­sam­keit. Wie er hat­ten sie an der Tafel gestan­den, ohne ein Wort sagen zu kön­nen. 

Auch ich selbst bin bis in mei­ne letz­ten Roma­ne, nament­lich in Anders­welt, geprägt davon geblie­ben, wobei die von  mir so genann­ten Zwi­schen­jah­re, also die der zu ihnen gehö­ren­den Gene­ra­ti­on, im Roman direkt bezeich­net wer­den:

Die Gene­ra­ti­on, deren Eltern in der Nazi­zeit selbst noch Kin­der waren, einer­seits, und die ande­rer­seits nicht zur Stu­den­ten­be­we­gung, die ja meist Nazivä­ter hat­te, gehör­ten. 

Das eben ist der Pro­zess, dass sich an die Stel­le der poli­ti­schen Teil­ha­be die ima­gi­nä­re Iden­ti­fi­ka­ti­on setzt. Des­halb hier noch eine wei­te­re der durch­aus ätzen­den Roman­par­tien, die die poli­ti­sche See­len­ver­fasst­heit der sei­ner­zei­ti­gen bun­des­re­pu­bli­ka­ni­schen Gegen­wart – Peter H. Gogo­lin präg­te für sie das Wort See­len­läh­mung – und damit die poli­ti­sche Dimen­si­on die­ses Romans ver­deut­licht:

(…) damit Witt noch unge­stör­ter sei­ne „gesel­li­gen Kul­tur­aben­de“   (in einer „ent­eig­ne­ten“ Vil­la) – fei­ern konn­te, um sich von sei­ner Arbeit zu erho­len, die (…) dar­in bestand, die Ham­bur­ger Schu­len all­ge­mein auf  (…) vor allem anti­se­mi­ti­sche Linie zu brin­gen, wes­halb er ab 1949 das Ruhe­ge­halt eines Gewer­be­ober­leh­rers erhielt, sich aber zwei Jah­re spä­ter in einem Pro­zeß das Ruhe­ge­halt eines Ober­schul­rats erklag­te, das er bis zu sei­nem Tod 1969 erhielt, weil er, wie er in der Ver­hand­lung beteu­er­te, ‚inner­lich kein Natio­nal­so­zia­list‘ gewe­sen sei, son­dern nur äußer­lich, nur in Wor­ten und Wer­ken, nicht in Gedan­ken, und ein Ruhe­ge­halt erhält man allein für die Gedan­ken, die frei sind, denn wenn  man Men­schen nach Wor­ten und Wer­ken und ihren ‚gesel­li­gen Kul­tur­aben­den‘ beur­tei­len soll­te, dann sähe es düs­ter aus (…). 

Die­se lan­ge hypo­tak­ti­sche, for­mal wie von einem Beat durch­rhyth­mi­sier­te Pas­sa­ge endet eben­falls rhap­so­disch, und zwar gera­de­zu über­hö­hend, wobei noch die hippie-„buddhistischen“ Aneig­nun­gen (Sid­dha­r­ta) ihren Reflex fin­den, deren eine Bif­ur­ka­ti­on sich eben im RAF-Ter­ro­ris­mus ent­lud:

Alle Phä­no­me­ne aber sind ohne Selbst und leer, von Natur aus unge­schaf­fen, ohne Dau­er, ohne Ende, ohne Kom­men, ohne Gehen, sind unaus­sprech­lich und bedeu­tungs­los, wie Sei­fen­schaum, wie Lich­ter­spiel, wie Was­ser­dampf, Spie­ge­lung, Reflex, ein Traum, der Hof hin­ter dem Feld, das Feld brief­mar­ken­groß auf einem Schach­brett, das Schach­brett aus einem her­aus­zieh­ba­ren Bett in einem Jun­gen­zim­mer mit Pos­tern von den Kinks und den Who an den Wän­den, das Zim­mer als Reflex in einem Trop­fen, der aus einer Dose Cola fällt und alle Mee­re über die Ufer tre­ten läßt. 

Die­ses im Buch immer wie­der zu beob­ach­ten­de Umschla­gen ins Ele­gi­sche ist, von Wit­zel prä­zi­se kon­stru­iert, genau das psy­cho­lo­gi­sche – „manisch-depres­si­ve“ – Moment, das die jugend­li­chen „Sym­pa­thi­san­ten“, von denen erzählt wird, von der tat­säch­li­chen Teil­ha­be abhält, juris­tisch gespro­chen: von eine Mit­tä­ter­schaft, die über klei­ne­re Ver­ge­hen hin­aus­geht – wie etwa, einen Kiosk aus­zu­rau­ben oder in die „Ost­zo­ne“ zu flie­hen, von wo man die Jugend­li­chen aber schleu­nigst wie­der zurück­schickt. Dass sie nicht wirk­lich mit­ma­chen, son­dern qua­si klein­städ­tisch allein die Hal­tung kopie­ren, ist einer­seits ihre Ret­tung und sta­bi­li­siert ande­rer­seits die Idol­bil­dung – gar nicht unähn­lich dem Ver­hält­nis der jugend­li­chen Hel­den zum frü­hen Pop. Auch der weist – oder scheint es zu tun – aus der klein­bür­ger­li­chen Enge hin­aus, die von, gera­de im immer wie­der the­ma­ti­sier­ten Katho­li­zis­mus, zer­quäl­ten Fra­gen nach Ethik und Moral umgit­tert ist, und zwar umso mehr, als die his­to­ri­sche Schuld­fra­ge per­ma­nent ver­drängt wird. Gera­de des­halb ist das von Wit­zel geschil­der­te Minis­tran­ten­um­feld so erhel­lend, völ­lig egal, ob er dabei lite­ra­risch ein eige­nes Erle­ben schil­dert, also ob und inwie­weit gro­ße Pas­sa­ge die­ses Buches „auto­bio­gra­fisch“ sind. So wird in län­ge­ren Pas­sa­gen über die Mög­lich­keit medi­tiert, ob nicht sogar, das Gute zu tun, eine Ver­su­chung des Teu­fels sei: „Sie wis­sen, daß der Teu­fel erst durch das Weih­was­ser ent­stand?“

Um die poli­ti­sche, rebel­li­sche Kraft zu ver­ste­hen, die in sol­chen Pas­sa­gen steckt, muss man sie ernst­neh­men, den eige­nen „Athe­is­mus“ nun hin oder her. Im übri­gen ent­spre­chen die Dicho­to­mien der das Buch durch­zie­hen­den ethi­schen Grü­be­lei­en exakt dem psy­chi­schen Ent­wick­lungs­stand von Jugend­li­chen zwi­schen etwa vier­zehn und sieb­zehn Jah­ren:

Es gab die Sün­de, die ich beging, ohne es zu wis­sen, die ich, so ich sie noch nicht began­gen hat­te, vor­be­rei­te­te, ohne etwas davon zu ahnen. Ich woll­te nicht sün­di­gen, denn in die­ses Ver­derb­nis zu fal­len muß­te, so wie ich es beschrie­ben fand, furcht­bar sein. Und doch wür­de ich, wie es aus­sah, zwangs­wei­se sün­di­gen. Es sei denn, ich hiel­te mich an die im Beicht­spie­gel vor­ge­ge­be­nen Sün­den, begin­ge sie regel­mä­ßig und beich­te­te anschlie­ßend. Viel­leicht wür­de mich das vor der wirk­li­chen Sün­de bewah­ren. 

Dass Wit­zel all dies so nach­drück­lich und auch sei­ten­um­fas­send wie­der­gibt, zeigt sei­nen Rea­lis­mus, den er aber immer wie­der tran­szen­diert, um ihn in nicht sel­ten sur­rea­le Sze­ne­rien zu über­for­men:

Mein Kör­per muß völ­lig auf­ge­löst und zer­kocht wer­den. Mei­ne Mut­ter über­nimmt es eine Wei­le. Sie steht in einer klei­nen Küche und rührt in einem gro­ßen Topf. Ich kom­me dazu. Von mei­nem Kör­per ist nur noch etwas san­di­ger Boden­satz übrig­ge­blie­ben. 

So bleibt der Roman eben nicht im qua­si Doku­men­ta­ri­schen detail­be­ses­se­nen Erin­nerns ste­cken oder fasert in Gedan­ken­kon­struk­tio­nen aus – eine Gefahr sol­chen Schrei­bens. Son­dern stets schlägt er Brü­cken in die direkt erzähl­te Hand­lung zurück bezie­hungs­wei­se nimmt sie wie­der auf und führt sie wei­ter – bis­wei­len ver­mit­tels Spal­tung in wei­te­re (ande­re) Ichs, so in drei „Ande­re Puber­tät“ über­schrie­be­nen Kapi­teln. Ins­ge­samt gilt: immer wie­der die­sel­ben fünf, sechs Mona­te – damit die aris­to­te­li­sche For­de­rung nach Ein­heit von Zeit, Raum und Hand­lung ein­ge­löst ist: eine zwar vor­mo­der­ne Ästhe­tik, aber nur sie erlaubt hier die Ein­bet­tung der weit­ge­spann­ten Reflek­tio­nen, zurrt also die Roman­kon­struk­ti­on fest. Und nur des­halb lässt sich uniro­nisch, näm­lich unüber­heb­lich mit dem Wis­sen des Erwach­se­nen auf die Befind­lich­kei­ten des und der jugend­li­chen Hel­den bli­cken. Gegen Ende bricht Wit­zel aller­dings aus – ja, er selbst; gleich­sam wischt er mit einer ein­zi­ge Arm­be­we­gung die puber­tä­ren Unsi­cher­hei­ten und die so ver­lo­re­nen wie ima­gi­nä­ren Befrei­ungs­ak­te vom Tisch: tat­säch­lich auto­bio­gra­fisch dies­mal – was an Nabo­kovs Aus­ruf erin­nert, er habe die Fik­ti­ons­schei­ße satt. Nur wird Wit­zel damit selbst zur Figur, das zuge­ge­ben Auto­bio­gra­fi­sche dreht sich in der Spi­ra­le des Fik­ti­ven, also des Mög­li­chen, bloß ein Niveau höher:

Im Som­mer 1969 ent­wi­ckelt sich das Unbe­wuß­te in Bewußt­sein. Im Herbst ist die Puber­tät voll­zo­gen. Das Unbe­wuß­te (Beat­les) ver­ab­schie­det sich mit Abbey Road, und das Bewußt­sein ent­steht mit Led Zep­pe­lin II. Beat und Pop wer­den zu Rock, Hip­pie­tum zur RAF. Er selbst liegt gefes­selt auf dem Ope­ra­ti­ons­tisch und sieht im Augen­blick der Nar­ko­se die Zeit­ge­schich­te durch sich hin­durch­rau­schen. 

Frank Wit­zels Roman ist eine ima­gi­nä­re Zeit­ana­ly­se, zugleich meis­ter­haft kom­po­niert und inso­fern wie­der­um eine Welt neben der Welt; er ist – inso­fern irrt Ingo Schul­ze – kein Doku­ment, stellt auch gar nicht den Anspruch, es zu sein. Son­dern wie jedes „gute Buch“ ist er dem Mög­li­chen ver­pflich­tet. Dabei sind es nicht „nur“ die teils gran­dio­sen For­mu­lie­run­gen, die den Leser berau­schen, son­dern oft auch der Witz – zum Bei­spiel, wenn der Autor den jun­gen Minis­tran­ten katho­li­sche Spe­ku­la­tio­nen auf Beat­les­songs anwen­den lässt:

Denn Paul (McCart­ney) wur­de in sei­nem Auto durch eine Frau abge­lenkt und ras­te in einen Last­wa­gen mit Bana­nen. Wie Jane Mans­field wur­de er dabei ent­haup­tet. Sein Kopf aber roll­te über zehn Mei­len weit bis zum Grab sei­ner Mut­ter. Der Text von Your Mother Should Know bezieht sich para­doxal auf die­se zykli­sche Rück­kehr zum Anfang, für den die Mut­ter sym­bo­lisch steht, die Mut­ter, die als Ein­zi­ge in bei­de Rich­tun­gen über ihre eige­ne Exis­tenz hin­aus­zu­schau­en ver­mag und auch das erkennt, was bereits vor ihr da war und sie erst beding­te, denn es heißt dort „Let’s all get up and dance a song / that was a hit befo­re your mother was born. / Though she was born a long, long time ago / Your mother should know / Your mother should know“ 

vor allem aber dann, wenn so etwas in direk­te Hand­lung umschlägt. Da ist man dann sprach­los. Etwa ist es Wit­zels Held, der Bri­an Jones in den Swim­ming­pool stößt, wor­in er, der Rol­ling Stone, ertrinkt. Tat­säch­lich war Jones’ Tod sei­ner­zeit Anlaß einer frei­lich anders grun­dier­ten Legen­den­bil­dung. Im Buch fügt sich alles in das geschlos­se­ne, sich erst ge-gen Ende öff­nen­de Welt­sys­tem eines Romans, der, wie jeder gelun­ge­ne, mit dem Recht und sogar der Not­wen­dig­keit einer poe­ti­schen Para­noia gegen den soge-nann­ten Rea­lis­mus steht, also für die Frei­heit, die uns die Mög­lich-kei­ten geben.

 

* * *

Alban Niko­lai Herbst, gebo­ren 1955, lebt in Ber­lin. Zuletzt ver­öf­fent­lich­te er den Roman Argo (Elfen­bein). Er betreibt den Web­log „Die Dschun­gel. Anders­welt“. Im August erscheint sein neu­er Roman Traum­schiff (mare).

Frank Wit­zel: Die Erfin­dung der Roten Armee Frak­ti­on durch einen manisch-depres­si­ven Teen­ager im Som­mer 1969.
Roman. Matthes & Seitz, Ber­lin 2015.
800 Sei­ten, € 29,90 (D) / € 30,80 (A).

Die­ser Arti­kel erschien ursprüng­lich in VOLLTEXT 2/2015.

Online seit: 23. Juni 2015

Zuletzt geän­dert: 25. Okt. 2015