Textverarbeitung: Jürgen Lagger

Prä­gen­de Lek­tü­ren deutsch­spra­chi­ger Autorin­nen und Autoren – Teil 9

Tex­te wer­den nicht nur, aber auch aus Tex­ten gemacht. Was einer gele­sen hat, beein­flusst, wie er schreibt, mög­li­cher­wei­se sogar, wie er lebt: Lesen, Schrei­ben, Leben sind For­men von Text­ver­ar­bei­tung. VOLLTEXT hat deutsch­spra­chi­ge Autorin­nen und Autoren um Lis­ten jener Bücher gebe­ten, die ihr Leben und Schrei­ben geprägt haben. Jede Lis­te kommt einem rasch hin­ge­wor­fe­nen, skiz­zen­haf­ten Selbst­por­trät als Leser bezie­hungs­wei­se Lese­rin gleich. In der Zusam­men­schau machen die gesam­mel­ten Lese­lis­ten das inter­tex­tu­el­le Hin­ter­grund­rau­schen der Gegen­warts­li­te­ra­tur erahn­bar.

Hans Hen­ny Jahnn: Fluss ohne Ufer
Ein Holz­schiff mit geheim­nis­vol­ler Ladung sticht in See. So fängt es an und was folgt, ist wahr­lich ein Fluss ohne Ufer: Ver­bre­chen und Stra­fe, Lie­be und Lust, Sexua­li­tät, Begier­de und Gewalt, das Mensch­sein in wuch­ti­ger, fremd­ar­ti­ger Spra­che und ohne Moral.

Wil­liam Faul­k­ner: Schall und Wahn
Nie­der­gang und Zer­fall der Fami­lie Comp­son (und mit ihr der süd­staat­li­chen Tra­di­tio­nen), in drei inne­ren Mono­lo­gen tobt frag­men­ta­risch-wild die Moder­ne, die ein­ge­schränk­te Welt­sicht des geis­tig behin­der­ten Ben­ja­min dabei vir­tuo­ses Sym­ptom.

Den­nis Coo­per: Geor­ge-Miles-Zyklus
Geor­ge, die Lebens­lie­be, im Zen­trum der fünf Roma­ne, alle um ihn her­um geschrie­ben, Geor­ge in glas­kla­rer Spra­che auf­ge­teilt, mutiert, vari­iert, in wech­seln­de Iden­ti­tä­ten gesteckt und wie­der zu sich zurück­ge­führt, rast­los mäan­dernd in lie­be­vol­ler Ver­zweif­lung.

Antó­nio Lobo Antunes:Geh nicht so schnell in die­se dunk­le Nacht
Der inne­re Mono­log einer jun­gen Frau am Kran­ken­bett ihres Vaters. Viel­stim­mig ver­wo­ben und asso­zia­tiv ver­schlun­gen erfin­det sie sei­ne und die Geschich­te der Fami­lie (und das Trau­ma Por­tu­gals) neu.

Josef Wink­ler: Das wil­de Kärn­ten
Spra­che ist auch Macht, wütend schreibt der Außen­sei­ter gegen Unter­drü­ckungs­ri­tua­le an, der Kalbs­strick des Erhäng­ten bau­melt im katho­li­schen Welt­bild.

Jean Genet: Not­re-Dame-des-Fleurs
1942 schickt Genet aus dem Gefäng­nis her­aus sei­ne barock obs­zö­nen und schril­len Figu­ren in eine Welt aus Tun­ten, Luden und Mör­dern, hin­ter mys­ti­scher Über­hö­hung dröh­nen Ver­zweif­lung und Ein­sam­keit.

Her­vé Gui­bert: Blin­de
Joset­te und Rober­to leben in einer Blin­den­an­stalt und ertas­ten sich Kör­per und Welt mit ihren Fin­gern immer aufs Neue, Far­ben sind Töne und Töne Gegen­stän­de, eine eige­ne Welt in der Welt.

Inge­borg Bach­mann: Die gestun­de­te Zeit
Ein­ge­brannt für wohl ewig: Es kom­men här­te­re Tage (und die Lupi­nen bren­nen immer noch).

Rolf Die­ter Brink­mann: Rom, Bli­cke
Ein wüs­tes Kon­vo­lut aus Noti­zen, Beob­ach­tun­gen, Text­schnip­seln, alles ist Kör­per, alles stirbt wol­lüs­tig dahin, alles ver­geht, man kann den (eige­nen) Blick nicht abwen­den.

Abilio Esté­vez: Dein ist das Reich
Eine Grup­pe von Men­schen, allen vor­an die wahn­sich­ti­ge „Bar­fü­ßi­ge Grä­fin“, lebt auf der „Insel“, ein paar ver­fal­len­de Häu­ser nahe Havan­na, dahin­ter das „Jen­seits“, der Wald, wie die­ser wuchern die magi­schen Träu­me und Geschich­ten.

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Online seit: 31. Mai 2024

Zuletzt geän­dert: 21. Juni 2024