Der abgedankte Dichterfürst

Paul Heyse war Deutsch­lands ers­ter Nobel­preis­trä­ger für Lite­ra­tur. Geblie­ben ist von sei­nem aus­ufern­den Werk zum Glück fast nichts. Von Danie­la Stri­gl
Paul Heyse © Olaf Gulbransson

Paul Heyse: Voll­ende­tes Künst­ler­tum? Zeich­nung von Olaf Gul­brans­son, 1905

Er war der ers­te Ver­tre­ter der deut­schen Bel­le­tris­tik, dem die seit 1901 ver­lie­he­ne Aus­zeich­nung zuteil wur­de: Den Nobel­preis für Lite­ra­tur des Jah­res 1910 erhielt Paul Heyse laut Begrün­dung der Schwe­di­schen Aka­de­mie „als Hul­di­gungs­be­weis für das voll­ende­te und von idea­ler Auf­fas­sung gepräg­te Künst­ler­tum, das er wäh­rend einer lan­gen und bedeu­ten­den Wirk­sam­keit als Lyri­ker, Dra­ma­ti­ker, Roman­schrift­stel­ler und Dich­ter von welt­be­rühm­ten Novel­len an den Tag gelegt hat“. Der Nobel­preis für den Acht­zig­jäh­ri­gen war so etwas wie der ein­ge­fro­re­ne Post­horn­ton des Ruhms, der Hey­ses lite­ra­ri­sche Kar­rie­re früh beglei­te­te. In den Augen der zeit­ge­nös­si­schen Öffent­lich­keit gehör­te er zu jenen, die den Preis zu spät erhiel­ten, zu einem Zeit­punkt, da ihre gro­ße Zeit längst vor­über war.

Nach ers­ten Erfol­gen in den frü­hen 1850er-Jah­ren avan­cier­te Heyse, damals Anfang zwan­zig, bald zu einem der reprä­sen­ta­ti­ven Dich­ter Deutsch­lands, war sowohl Best­sel­ler­au­tor (etwa mit dem Roman­de­büt Kin­der der Welt  von 1873 über einen edlen Sozia­lis­ten), als auch Lieb­ling der Con­nais­seurs, vor allem mit sei­nen Novel­len, mit denen er einen prä­gen­den Bei­trag zur bevor­zug­ten Gat­tung des bür­ger­li­chen Rea­lis­mus leis­te­te. Er hielt die­se Stel­lung nahe­zu unan­ge­foch­ten bis etwa 1880, als der von ihm abge­lehn­te Natu­ra­lis­mus zum Gegen­an­griff blies. Con­rad Alber­tis Kri­tik mit dem Titel „Paul Heyse als Novel­list“ in der Zeit­schrift Die Gesell­schaft (1889) lässt kein gutes Haar just an dem, was Gene­ra­tio­nen zuvor bewun­dert haben. Alber­tis Con­clu­sio ver­tauscht das Feld der Ästhe­tik mit dem der Ethik und dehnt den ehr­ab­schnei­de­ri­schen Impe­tus gleich auf die Leser­schaft aus: „Paul Heyse ist kein ein­zel­ner Mensch – er ist ein Sym­bol, die plas­ti­sche Ver­kör­pe­rung der gan­zen sitt­li­chen Ver­kom­men­heit der deut­schen Bour­geoi­sie, wel­cher die Gemein­heit, die Lüs­tern­heit, die Frech­heit, die Scham­lo­sig­keit als das Ide­al der Schön­heit gilt. Heyse lesen, heißt ein Mensch ohne Geschmack sein – Heyse bewun­dern, heißt ein Lump sein.“

Sen­ti­men­ta­ler Trö­del

Blen­det man zurück in Paul Hey­ses Anfangs­jah­re, fin­det sich dage­gen kaum je eine kri­ti­sche Stim­me. Eine Aus­nah­me bil­det hier die öster­rei­chi­sche Dich­te­rin und Kri­ti­ke­rin Bet­ty Pao­li, die der loben­den Erwäh­nung der Heyse’schen Novel­le Die Blin­den im Rah­men eines Preis­aus­schrei­bens (1853) eini­ges ent­ge­gen­zu­set­zen hat: zunächst die Wahl des patho­lo­gi­schen Gegen­stands – ein blin­des Mäd­chen und ein blin­der Kna­be – und das Bemü­hen des Autors, den „tie­fen, blu­ti­gen, hoff­nungs­lo­sen Riß“ zwi­schen Behin­der­ten und Gesun­den „mit aller­hand sen­ti­men­ta­lem Trö­del zu über­klei­den“. Sodann bemän­gelt Pao­li „cras­se Unna­tur“, „affec­tir­te Nai­ve­tät und roman­ti­sie­ren­de Albern­heit“ in den Sze­nen, die auf ver­schlun­ge­nen Wegen zum Hap­py End, näm­lich in den Hafen der Ehe zwi­schen den bei­den Blin­den füh­ren. Die „Män­gel und Schwä­chen die­ser ganz und gar kin­di­schen Com­po­si­ti­on“ lägen „so offen am Tage, daß es kei­ner kri­ti­schen Lou­pe bedarf, um sie wahr­zu­neh­men“. Das „Dar­stel­lungs­ta­lent“ des Autors ste­he „auf glei­cher Höhe mit der Erfin­dungs­ga­be“, was nicht als Kom­pli­ment gemeint ist. Schlim­mer noch: „Von den Haupt­per­so­nen abge­se­hen, ist auch in den übri­gen Gestal­ten nicht mehr Mark und Blut wie in den Tragant­figuren eines Zucker­bä­ckers; die Leu­te den­ken, füh­len, spre­chen und han­deln alle nach der vom Ver­fas­ser zuge­schnit­te­nen Scha­blo­ne. Über das Gan­ze hal­ten eine durch und durch unwah­re Sen­ti­men­ta­li­tät und ihre Lieb­lings­toch­ter Lan­ge­wei­le die in Schlaf fächeln­den Flü­gel aus­ge­spannt.“

Nun könn­te man Die Blin­den als noch unge­nü­gen­de Talent­pro­be eines jun­gen Autors betrach­ten, der es nach und nach zu immer grö­ße­rer Meis­ter­schaft brin­gen soll­te. Aus dem­sel­ben Jahr 1853 stammt aller­dings Paul Hey­ses berühm­tes­te Novel­le L’Arrabbiata, die eben­falls mit der zu Beginn unwahr­schein­li­chen ehe­li­chen Ver­ei­ni­gung eines jun­gen Paa­res endet: Ein armes Mäd­chen in Sor­rent, die titel­ge­ben­de Zor­ni­ge, hat geschwo­ren, nie­mals zu hei­ra­ten, da sie die fort­ge­setz­te Miss­hand­lung ihrer Mut­ter durch ihren ver­stor­be­nen Vater erleb­te. Als ein jun­ger Fischer dem Mäd­chen wäh­rend einer Boots­fahrt sei­ne Lie­be gesteht und dabei hand­greif­lich wird, beißt „l’Arrabbiata“ ihn und springt ins Meer, um schwim­mend ans Ufer zu gelan­gen. Sie lässt sich aber vom reu­mü­ti­gen Schif­fer dazu bewe­gen, wie­der an Bord zu kom­men, und besucht ihn des Nachts in sei­ner Kam­mer, um sei­ne ver­letz­te Hand zu ver­arz­ten. Dabei erklärt sie sich nun ihm: „Schla­ge mich, tritt mich mit Füßen, ver­wün­sche mich! – oder, wenn es wahr ist, daß du mich lieb hast, noch, nach all dem Bösen, das ich dir getan habe, dann nimm mich und behal­te mich und mach mit mir, was du willst.“ Nach die­sem Frei­brief und der wenig moti­vier­ten Zäh­mung der Wider­spens­ti­gen steht einer Hei­rat nichts mehr im Wege. Die Geschich­te endet mit den lau­ni­gen Gedan­ken des „klei­nen Pries­ters“, der dem Mäd­chen zuvor wegen sei­nes Eigen­sinns ins Gewis­sen gere­det hat: „Ei, ei, ei! L’Arrabbiata!“

Tho­mas Mann hielt Heyse für einen „fast unan­stän­dig frucht­ba­ren Epi­go­nen“.

Ero­ti­sche Span­nung und affek­ti­ve Ent­la­dung, patri­ar­cha­le Domes­ti­zie­rung und Unter­wer­fungs­lust, Idyl­le und pit­to­res­ke