Über die heikle Kunst des Romans

Nor­bert Gst­rein im Gespräch mit Wolf­gang Matz.

Wolf­gang Matz Wir wol­len über den Roman spre­chen, des­halb mei­ne aller­ers­te Fra­ge an Nor­bert Gst­rein: Was ist das, ein Roman?

Nor­bert Gst­rein Das ist ja fast eine Fra­ge wie für Siri oder ChatGPT. Ich ver­su­che Zeit zu gewin­nen, du hörst es. Ich ver­su­che zuerst zu sagen, was nie­man­den wei­ter­bringt: ein erzäh­len­des Pro­sa­werk von einer gewis­sen Län­ge. Das kann man aber gleich wie­der weg­wi­schen, weil es fast eine Null­aus­sa­ge ist. Dann ver­su­che ich einen pathe­ti­schen Anlauf: die größ­te Raum­zeit­ma­schi­ne, die wir haben. In gro­ßen Roma­nen bewegt sich der Erzähl­ver­lauf manch­mal inner­halb eines ein­zi­gen Sat­zes von hier nach dort und von damals nach über­mor­gen, und die Räu­me und die Zei­ten kön­nen sehr groß sein. Noch eine pathe­ti­sche Erklä­rung: Es ist eine der gar nicht so ver­geb­li­chen Revol­ten dage­gen, dass wir alle nur ein Leben haben. Und die Mög­lich­keit, noch ein wei­te­res Leben zu haben, suchen wir unter ande­rem, glau­be ich, in Fik­tio­nen, die uns am ehes­ten nahe­brin­gen, wie es sein könn­te, ein ande­rer Mensch, eine ande­re Per­son, eine ande­re Figur zu sein. Dann kann man sich fra­gen, wo steht der Roman in Bezug zur Wirk­lich­keit. Wie ist das Ver­fah­ren, wie ent­steht aus Wirk­lich­keit, selbst wenn die iden­ti­fi­zier­ba­ren Antei­le manch­mal klein sind, wie ent­steht aus Wirk­lich­keit Fik­ti­on und wie nah ist oder bleibt sie an der Wirk­lich­keit? Merk­wür­dig, aber wenn man von einem Roman sagt, er sei roman­haft, dann wür­de ich das nicht als Kom­pli­ment emp­fin­den. Auch wenn man sagt, er sei wie das Leben, oder das Leben selbst habe ihn geschrie­ben, dann möch­te ich ihn eher nicht lesen. Er ist also irgend­wo nah an der Wirk­lich­keit und weit von der Wirk­lich­keit weg und defi­niert einen ganz eige­nen Raum, in dem ganz eige­ne Geset­ze gel­ten. Häu­fig auch ganz und gar para­do­xe Geset­ze. Man erreicht in einem Roman wie auch in ande­ren Fik­tio­nen bei­spiels­wei­se Nähe durch Distanz. Man kann durch die Wahl von unmo­ra­li­schen Figu­ren, durch die Wahl eines nicht sehr mora­li­schen Erzäh­lers sehr mora­li­sche Roma­ne schrei­ben. Und es gibt noch eine gan­ze Rei­he sol­cher Para­do­xa, an denen man sehen kann, dass ein Roman natür­lich ganz anders funk­tio­niert als die Wirk­lich­keit.

Matz Die Fra­ge ist viel­leicht auch etwas zu kate­go­risch gestellt. Ich fra­ge aber auch des­halb, weil ich oft den Ein­druck habe, dass als Roman sozu­sa­gen alles bezeich­net wird, jede Form von Text, in dem irgend­je­mand sagt, dass die Figu­ren A, B und C dies und das tun oder las­sen oder dies und das sagen: „Oh, sag­te Fritz und erbleich­te.“ Frag­men­te von soge­nann­ter Hand­lung, um irgend­wie einen nar­ra­ti­ven Faden her­zu­stel­len. Das allein ist ver­mut­lich nicht die Kunst des Romans.

Ich habe den Ein­druck, dass wir all­zu selbst­ver­ständ­lich immer mehr Ein­schrän­kun­gen hin­neh­men, wie man über­haupt noch „Ich“ in einem Roman sagen kann.

Gst­rein Man kann ja im Feuil­le­ton manch­mal sehen, wenn nach­läs­sig über Bücher geschrie­ben wird, dann ist Roman inzwi­schen ein Ersatz­be­griff fast für Buch gewor­den. Gewis­ser­ma­ßen alles, was nicht deut­lich ein wis­sen­schaft­li­ches Werk ist, was nicht