Wer sagt hier „Ich“? Und in welcher Absicht?

Olga Flor im Gespräch mit Kat­rin Hill­gru­ber über ihren neu­en Roman Ich in Gelb, ästhe­ti­sche Trans­ak­tio­nen und rote Herin­ge.

Kat­rin Hill­gru­ber Ihr Roman Ich in Gelb dreht sich um die 13-jäh­ri­ge Mode­blog­ge­rin Ali­ce ali­as next­Girl, es kommt aber auch eine „anämi­sche Ane­mo­ne“ vor, näm­lich das Man­ne­quin Bian­ca. Ist „Ger­ma­nys Next Top­mo­del“ damit in der Bel­le­tris­tik ange­langt?

Olga Flor Einer­seits hat mich die Reprä­sen­tanz eines Ichs im Inter­net oder über­haupt in den Medi­en inter­es­siert, wo Bil­der und Selbst­be­haup­tun­gen ent­schei­dend sind, also die ver­schie­de­nen Iden­ti­tä­ten, die man sich geben kann. Fakul­ta­ti­ve Iden­ti­tä­ten, jede ein Ver­such bis zur nächs­ten, weil ja eine per­ma­nent hung­ri­ge Bil­der-Maschi­ne­rie  gefüt­tert wer­den möch­te. Bezeich­nend dafür ist Twit­ter: Es muss immer noch schnel­ler gehen, noch schnel­ler etwas nach­ge­lie­fert wer­den. Ob auf einer Anspie­lungs­ebe­ne, wie sie die Links dar­stel­len, oder auf der Text- und Bild­ebe­ne. Es ist, als bli­cke man in ein Kalei­do­skop: Das Selbst­bild wird auf­ge­split­tert in stän­dig neue Mög­lich­kei­ten. Etwa bei dem Model, das glaubt, sich belie­big defor­mie­ren zu kön­nen …

Hill­gru­ber Sie spre­chen jetzt von Bian­ca, die als Gegen­mit­tel zu ihrer Lebens­mit­tel-All­er­gie einen Band­wurm in sich trägt, der sei­ne Wir­tin an wech­seln­den Stel­len merk­wür­dig aus­beult?

Flor Ja, genau. Das ist ja eigent­lich das zum Äußers­ten getrie­be­ne per­ma­nen­te Wan­deln des eige­nen Bil­des. Die Fas­zi­na­ti­on des Mons­trö­sen, doch auch das nützt sich ab.

Hill­gru­ber Sie gehen mit Ihrem Roman ein erzäh­le­ri­sches Wag­nis ein. Einer­seits ist er wie ein Blog ange­legt, das heißt, next­Girls neu­es­te Ein­tra­gun­gen ste­hen immer an obers­ter Stel­le. Bian­ca hin­ge­gen erzählt chro­no­lo­gisch, und die­se bei­den Strän­ge über­kreu­zen sich.

Flor Wobei das natür­lich von der Blog-Logik her mög­lich ist, denn wenn man einen Blog von des­sen Ende, also dem jüngs­ten Bei­trag her, liest, kann man ihn durch­aus in umge­kehr­ter Rei­hen­fol­ge kom­men­tie­ren. Das ist die for­ma­le Klam­mer. Doch Bian­ca nimmt sich ihre eige­ne Zeit, und ihre Figur war der Kern des Romans. Dann kam die Beschäf­ti­gung mit Video­blogs hin­zu, die­ser gan­zen Fül­le an selbst­do­ku­men­tier­tem Mit­tei­lungs­be­dürf­nis, ob es um Make-Up-Tipps geht, um Gam­ing oder um die rhe­to­risch geschlif­fe­nen State­ments jugend­li­cher ame­ri­ka­ni­scher Femi­nis­tin­nen.

Hill­gru­ber Die 13-jäh­ri­ge Ali­ce ist Ihre bis­her jüngs­te Prot­ago­nis­tin. Der Name lässt an Lewis Car­rolls Ali­ce im Wun­der­land und die Fort­set­zung Ali­ce hin­ter den Spie­geln den­ken.

Flor Natür­lich spielt das Buch auf Ali­ce hin­ter den Spie­geln an: Die Abfol­ge der Raum­ebe­nen wird im Spie­gel­bild umge­kehrt, im Text pas­siert das mit den Zeit­ebe­nen. Das The­ma des  „Durch­tun­nel­ns“ in eine Par­al­lel­welt, an einen ande­ren Punkt des Raum-Zeit-Kon­ti­nu­ums, was ja bei Ali­ce im Wun­der­land durch den Fall ins Kanin­chen­loch pas­siert, hat mich eben­so fas­zi­niert. Über­ra­schend auch, dass Car­roll das schrieb, lan­ge bevor die Quan­ten­me­cha­nik ent­wi­ckelt wur­de.

Hill­gru­ber Das Pass­wort für den zum Buch gehö­ren­den Blog „dasistkeinblog.com“ lau­tet pas­sen­der­wei­se „Zeit­um­kehr­in­va­ri­anz“.  Zeigt sich auch hier die Phy­si­ke­rin Olga Flor?

Flor Viel­leicht. Die­ser Begriff bedeu­tet, dass bestimm­te phy­si­ka­li­sche Glei­chun­gen inva­ri­ant gegen­über der Zeit­um­kehr sind, sich also nicht ver­än­dern, wenn die Zeit durch die nega­ti­ve Zeit ersetzt wird, die Zeit also in die umge­kehr­te Rich­tung lie­fe, was natür­lich prak­tisch nicht mög­lich ist. Es ist ein rei­nes Kon­strukt, das hilft, zu unter­su­chen, ob phy­si­ka­li­sche Vor­gän­ge auch in umge­kehr­ter Rich­tung ablau­fen kön­nen.

Hill­gru­ber Kann es sein, dass die Kon­struk­ti­on Ihrer Bücher seit dem Debüt Erl­kö­nig von Mal zu Mal kom­ple­xer wird?

Flor Nicht unbe­dingt, doch von Mal zu Mal anders, und immer vom The­ma abhän­gig. Das letz­te Mal, bei Die Köni­gin ist tot, schien es sich um eine Art Erin­ne­rungs-Bewusst­seins­strom zu han­deln, tat­säch­lich war es aber pri­mär der Ver­such einer höchst skru­pel­lo­sen Frau, in einer aus­weg­lo­sen Lage die Deu­tungs­ho­heit über das eige­ne Leben wie­der­zu­er­lan­gen, gleich­zei­tig lie­fert der Text als „gele­ak­tes“ Doku­ment ihren Kom­pli­zen ans Mes­ser, wird also zur Waf­fe. Es ist doch immer die Fra­ge: wer sagt hier „Ich“ und in wel­cher Absicht, unter wel­chen Umstän­den? Im Netz wird ja andau­ernd „Ich“ gesagt. Für die Aus­ein­an­der­set­zung mit die­sen Netz-Ichs, also bei Ich in Gelb, brauch­te es einen spie­le­ri­sche­ren Zugang, eine unbe­fan­ge­ne, hei­te­re Stim­me, die ich in den Vor­der­grund tre­ten las­sen konn­te und die erst lang­sam beginnt, sich zu fra­gen, was die­ses „Ich“ eigent­lich aus­macht. Und Ali­ce ist noch in kei­ner Wei­se zynisch, im Gegen­satz zu vie­len ande­ren Per­so­nen um sie her­um.

Hill­gru­ber Der Mode­schöp­fer Josef, selbst schwul, hegt eine Vor­lie­be für zwölf- bis drei­zehn­jäh­ri­ge Mäd­chen, die er als sei­ne „Fami­lie“ bezeich­net. Beraubt das Inter­net next­Girl und die ande­ren nicht unum­kehr­bar ihrer Jugend? Was machen Ali­ce & Co. mit vier­zig?

Flor Ali­ce ent­fernt sich ja eigent­lich immer mehr von ihrem Inter­es­se für Mode. Wenn man anfängt, sich selbst als erwach­sen Wer­den­de zu begrei­fen, mit einem sich bis­wei­len beängs­ti­gend ver­än­dern­den Kör­per, dann ist die Beklei­dung ein The­ma, das sich fast zwangs­läu­fig stellt. Aber letzt­lich ist es für sie nur ein Ein­stieg in die Refle­xi­on über die Welt und die eige­ne Rol­le dar­in. Ich den­ke, Ali­ce wird wahr­schein­lich Jour­na­lis­tin wer­den.

Hill­gru­ber Kön­nen Sie etwas zum Titel sagen?

Flor Gelb ist in der euro­päi­schen Kunst­ge­schich­te stets die Far­be der Aus­ge­sto­ße­nen, Stig­ma­ti­sier­ten gewe­sen – sei­en es Pro­sti­tu­ier­te, sei­en es Jüdin­nen und Juden. Das ist eine Far­be, die zur Brand­mar­kung, zur Kenn­zeich­nung der Aus­gren­zung ein­ge­setzt wird, ande­rer­seits signa­li­siert sie wie kei­ne ande­re Wär­me, Som­mer, Son­ne, ein ganz kind­li­ches Wohl­ge­fühl. Und die­se Dis­kre­panz hat mich ein­fach inter­es­siert.

Hill­gru­ber Ihr Buch zie­ren zahl­rei­che Schwarz-Weiß-Foto­gra­fien von Medu­sen, Fischen und ande­ren wech­sel­war­men Tie­ren.

Flor Farb­auf­nah­men wären aus druck­tech­ni­schen Grün­den nicht mög­lich gewe­sen. Doch schwarz-weiß ist sehr stim­mig, denn der Roman arbei­tet auf ver­schie­de­nen Ebe­nen mit Falsch­be­haup­tun­gen und frag­wür­di­gen Fähr­ten, den berühm­ten „Red Her­rings“. Das hat mir beim Schrei­ben durch­aus Spaß gemacht. Dadurch öff­net das noch eine ande­re Per­spek­ti­ve: Der Text spricht von Far­ben, doch die Bil­der kon­ter­ka­rie­ren die­se Behaup­tung, so wie jede Netz-Reprä­sen­tanz nur eine Behaup­tung ist. Wer oder was tat­säch­lich dahin­ter steckt, weiß man ja nicht. Hin­ter einer angeb­lich Drei­zehn­jäh­ri­gen kann sich ein Sieb­zig­jäh­ri­ger ver­ber­gen. Oder auch zwei.

Hill­gru­ber next­Girl ver­weist auf ihre Lieb­lings­far­be Gelb, dazu zeigt sie eine rosa Medu­sa, die auch den Umschlag ziert – offen­bar ein zen­tra­les Sym­bol?

Flor Das Bild der Medu­sa ist natür­lich auch das Bild der geköpf­ten Frau. Die­ses Schreck­bild des Weib­li­chen, mit Freud sogar des weib­li­chen Geschlechts, das anschei­nend nur dadurch gebannt wer­den kann, dass man die Frau ent­haup­tet. Eine höchst ver­stö­ren­de Kon­struk­ti­on. Eigent­lich geht es um das Bild des Kop­fes als abso­lut letz­ten Rück­zugs­raum des mensch­li­chen Den­kens, das Behält­nis des Ichs, selbst wenn man alle Glied­ma­ßen ver­liert. Als ich anfing zu schrei­ben, waren wir von den Bil­dern des IS-Ter­rors noch weit ent­fernt, zumin­dest hier in Euro­pa. Ich fand es erschre­ckend, wie stark die­se kul­tur­his­to­ri­schen Bil­der – bei­spiels­wei­se in der ver­nied­lich­ten Form des Engels­kop­fes, dem Gold aus dem Hals quillt und sich zu Flü­geln aus­wächst – Teil unse­rer All­tags­kul­tur sind. Letzt­lich geht es um die Redu­zie­rung des Men­schen auf sei­ne kör­per­li­che Begrenzt­heit.

Hill­gru­ber Ihre Recher­chen haben Sie häu­fig ins Natur­his­to­ri­sche Muse­um Wien geführt, wo die Hand­lung in einer spek­ta­ku­lä­ren Per­for­mance kul­mi­niert. Gibt es eine Gemein­sam­keit zwi­schen der Sam­mel­lei­den­schaft des 19. Jahr­hun­derts und dem Benen­nungs- und Ver­schrift­li­chungs­drang der Inter­net-Gene­ra­ti­on?

Flor Dass man in den natur­kund­li­chen Samm­lun­gen die Fül­le des Lebens erfas­sen woll­te in einer Ansamm­lung von Tod, indem man tote Kör­per kon­ser­vier­te – schön brav biblisch mög­lichst immer zwei von jeder Sub­spe­zi­es –, fin­de ich einen höchst inter­es­san­ten Aspekt: eine Form der Kolo­ni­sie­rung, die lei­der für das Kolo­ni­sier­te, das Leben­di­ge, letal ist. Und in den sozia­len Medi­en gilt: Nur ein doku­men­tier­tes Leben ist ein ech­tes Leben. Das Jetzt ist immer schon vor­bei, sei­ne Exis­tenz muss nach­ge­wie­sen wer­den. Und dann muss per­ma­nent Neu­es hin­ter­her­ge­scho­ben wer­den, sonst ist man im Aktua­li­täts­stream schon wie­der her­un­ter­ge­rutscht – nur die obers­te Buchungs­zei­le zählt, wie bei Mikro­trans­ak­tio­nen in der Finanz­welt.

 

 

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Olga Flor, gebo­ren 1968 in Wien, auf­ge­wach­sen in Wien, Köln und Graz, stu­dier­te Phy­sik und arbei­te­te im Mul­ti­me­dia-Bereich. Seit 2004 freie Schrift­stel­le­rin. Zuletzt erschie­nen die Roma­ne Die Köni­gin ist tot (Zsol­nay, 2012) und Kol­la­te­ral­scha­den (Zsol­nay, 2008).

Kat­rin Hill­gru­ber lebt als Lite­ra­tur­kri­ti­ke­rin in Mün­chen. Sie schreibt unter ande­rem für den Tages­spie­gel und die Frank­fur­ter Rund­schau. 

Olga Flor: Ich in Gelb.  Roman.
Jung&Jung, Salz­burg 2015.
216  Sei­ten, € 22 (D) / € 22 (A).

Die­ser Bei­trag ist ursprüng­lich in VOLLTEXT 2/2015 erschie­nen.

Online seit: 23. Juni 2015

Zuletzt geän­dert: 10. Okt. 2015