Andreas Maier: Neulich

Neu­lich wur­de mir bewusst, dass ich alt gewor­den bin.

Neu­lich wur­de mir bewusst, dass ich alt gewor­den bin. Din­ge, die ich frü­her gern gemacht hät­te, aber mög­li­cher­wei­se pein­lich fand, sodass ich sie nicht mach­te, tue ich jetzt ein­fach. Zum Bei­spiel end­lich hem­mungs­los über die Nach­ge­bo­re­nen, die neu­en Gene­ra­tio­nen abläs­tern. Nein, abläs­tern ist schon zu jugend­haft, zu modern gesagt. Ich soll­te lie­ber sagen: End­lich über sie den Kopf schüt­teln. Den Unglau­ben über die heu­ti­gen jun­gen Men­schen zei­gen. Grei­se, so wie ich sie noch erlebt habe, läs­tern nicht ab. Grei­se, so wie ich sie noch erlebt habe, ken­nen das Wort abläs­tern gar nicht. Grei­se, so wie ich sie noch erlebt habe, schüt­teln über Wor­te wie „abläs­tern“ nur ungläu­big den Kopf.

Neu­lich habe ich sogar gesagt, Autoren wie ich ster­ben nun ein­fach aus, und sehr bald gibt es sie gar nicht mehr. Autoren wie ich, die noch ganz für sich allein geschrie­ben haben wie Autis­ten, und zu denen dann das Publi­kum kam wie die Fee, die sie mit dem Zau­ber­stab berühr­te, und plötz­lich war man öffent­lich.

Das ist natür­lich völ­li­ger Unsinn, aber es lässt sich wirk­lich pri­ma so reden: Frü­her hat man sich noch um ein Werk geküm­mert. Also ich mei­ne damit: jemand wie ich hat sich frü­her noch um ein Werk geküm­mert. Men­schen wie wir schrie­ben nicht ein­fach nur Bücher, damit man sie liest und ver­kauft, nein, wir hat­ten immer ganz ande­res im Sinn. Wir schrie­ben die­se Bücher in ers­ter Linie für uns selbst, wir dach­ten noch an den Kleist’schen Satz, durch eine schö­ne Anstren­gung, eben das Schrei­ben, mit uns selbst ver­traut zu wer­den. Frü­her hie­ßen die Ver­le­ger noch Sieg­fried Unseld oder Gott­fried Ber­mann Fischer oder Peter Suhr­kamp, und frü­her sag­ten noch die Ver­le­ger namens Sieg­fried Unseld oder Gott­fried Ber­mann Fischer oder Peter Suhr­kamp, dass sie kei­ne Bücher ver­leg­ten, son­dern Autoren, und damit also Wer­ke. Wie woll­ten wir denn frü­her auch vor dem lie­ben Gott oder der Ewig­keit daste­hen außer eben mit unse­ren Wer­ken?Andreas Maier – ZitatNein, wir woll­ten frü­her nicht die Welt ver­än­dern. Wir woll­ten kei­ne Klas­si­ker wer­den. Aber wir hat­ten ja gar kei­ne ande­ren Mus­ter. Wir hat­ten gar kei­ne ande­re Wahl. Uns hat­ten noch gan­ze Autoren gan­ze Wer­ke vor­ge­lebt, von Pla­ton über Ver­gil bis hin zu Dan­te, Grim­mels­hau­sen, Höl­der­lin und Wil­helm Busch. Hel­disch hat­te Tho­mas Mann die Rol­le ange­nom­men, die seit Goe­the vakant war, näm­lich die Rol­le Goe­thes, also des Prae­cep­tors unse­rer Nati­on in lite­ra­risch, phi­lo­so­phisch, ethisch, kul­tu­rell und ander­wei­tig beding­ten Din­gen.

Wir gin­gen auch nicht in Schreib­schu­len. I wo! Hil­des­heim, Leip­zig, die­se Städ­te waren damals noch gar nicht ent­deckt! Wir wohn­ten gleich­sam noch in Lehm­hüt­ten, in einer Heid­eg­ger-mäßi­gen Eigent­lich­keit, und wenn wir schrie­ben, war das noch wie eine Andacht vor dem klei­nen, ein­fa­chen Altar in der Ecke unse­rer Lehm­hüt­te.

Heu­te woh­nen sie in Hoch­häu­sern, metro­po­li­s­ar­tig, über­all Ver­kehr, meta­pho­risch gespro­chen.

Frü­her war auch alles lang­sa­mer. Ich bin heu­te noch immer lang­sam. Neu­lich bin ich von Schrey­ahn nach Lüchow gefah­ren, sie­ben Kilo­me­ter, mit dem Auto, mei­ne ers­te Auto­fahrt seit unzäh­li­gen Jah­ren, ich habe den Sitz nach vorn gemacht, so weit es ging, und hing mit dem Gesicht direkt hin­ter der Wind­schutz­schei­be. Ich fuhr ganz lang­sam …

Der lie­be Gott hat mich nun 46 gemacht. Frü­her rauch­te ich. Was war das Leben wild! Mein ers­tes Mäd­chen war 15. (Ich mei­ne Sex.) Heu­te gibt es zum ers­ten Mal Nega­tiv­zin­sen in mei­nem Leben. Das habe ich der EZB zu ver­dan­ken, die es frü­her auch nicht gab. Heu­te mit­tag habe ich ver­sucht, von einem iPho­ne aus, das einem Freund gehört, irgend­wen anzu­ru­fen. Ich kann dar­auf nicht ein­mal wäh­len. Kaum kom­me ich mit dem Fin­ger falsch auf den Bild­schirm, pas­siert etwas, und ich weiß nicht, wie zurück. Mir fehlt es inzwi­schen an den gän­gi­gen Kul­tur­tech­ni­ken.

Neu­lich, als ich nach Lüchow fuhr, park­te ich mikro­bisch lang­sam die­ses Auto, es war gelie­hen, vor einem Super­markt, Ede­ka, dann ging ich da hin­ein, kam mit einem voll­be­pack­ten Ein­kaufs­wa­gen her­aus, schob ihn über den Park­platz zum Auto, öff­ne­te den Kof­fer­raum und dach­te, noch weißt du immer­hin um die­se Kul­tur­tech­nik. Alle ande­ren um dich her­um füh­ren sie jeden Tag aus, die­se Kul­tur­tech­nik des Auto-Super­markt-Ein­kaufs­wa­gen-Ein­kaufs. Schon die­ses Wort: „Super“-Markt!

Frü­her sind wir nie in Super­märk­te gegan­gen! Frü­her war auch nichts „super“. Frü­her haben wir auch nicht für Maga­zi­ne wie VOLLTEXT geschrie­ben. Frü­her war jedes Wort ein Hei­lig­tum.

Als ich zu schrei­ben anfing, schrieb ich zunächst nur von denen, die zu schrei­ben anfin­gen, aber bald ein­fach wie­der auf­ga­ben. Die, die auf­ga­ben, waren immer die Guten. Die, die wei­ter­schrie­ben, waren die Schlech­ten. Die eigent­lich Unphi­lo­so­phi­schen. Die, die auch ein­fach nicht genug lit­ten. Ich gab bei die­sen Tex­ten immer sehr schnell auf und hat­te zunächst eigent­lich auch gar kein ande­res The­ma. Ja, damals war ich noch Idea­list. Spä­ter war ich dann nur noch Schrift­stel­ler. Das Schwei­gen war das Hei­ligs­te, das Schei­tern. Das Zweit­größ­te immer­hin war: das Werk. Frü­her schwie­gen die ganz Gro­ßen, und wenn nicht, ver­fass­ten sie wenigs­tens ein Werk, ein rich­ti­ges, eine Lebens­sum­me, ein Sys­tem, eine Welt, wie Proust, wie Tho­mas Mann, wie Gott­fried Benn. Heu­te bin ich alt und schaue auf mein Werk zurück. Das sieht dann so aus:

Ich neh­me mei­nen Geh­stock, stö­cke­le zum Zwei­tau­send­eins hin­ein und sehe mein Werk, teil­ver­ramscht. Da liegt es, je zwei Bücher im Dop­pel­pack für nur 5 Euro acht­zig. Frü­her hät­te man dafür noch zusam­men 37 Euro gezahlt. Ein­mal kam ich zu Arnold Stad­ler, dem hat­ten sie damals die Sehn­sucht ver­ramscht. Ich kam zu ihm nach Sal­lahn ins han­no­ver­sche Wend­land und sah die ver­ramsch­te Sehn­sucht. Was hat­te Arnold Stad­ler bloß getan? Er hat­te die gesam­te ver­ramsch­te Sehn­sucht gekauft, damit es kei­ner sehe, wie sie ver­ramscht war, und da lag sie nun her­um im ers­ten Stock, sei­ne ver­ramsch­te Sehn­sucht. Es brauch­te ein gan­zes Zim­mer für die ver­ramsch­te Sehn­sucht.

„Frü­her war es Sehn­sucht, heu­te ist es Heim­weh.“ (Arnold Stad­ler, Sehn­sucht).

Neu­lich ist mir bewusst gewor­den, dass ich alt gewor­den bin. Ich habe jetzt weni­ger vor mir und den Haupt­teil eher hin­ter mir. Ich sehe mir selbst beim Aus­ster­ben zu. Oder, wie Nick Cave mal sag­te: Es mache ja in gewis­ser Wei­se sogar Spaß, durch Rui­nen zu lau­fen. Mit den Rui­nen mein­te er sich selbst.

Als ich in das Auto stieg, um zu dem Ede­ka-Markt zu fah­ren (noch weni­ge Tage zuvor hät­te ich sicher­lich aus­ge­schlos­sen, für den Rest mei­nes Lebens jemals noch zu einem Ede­ka-Markt zu gehen, ich suche sol­che Märk­te seit min­des­tens zehn, fünf­zehn Jah­ren nicht mehr auf, und schon davor nur sehr unfrei­wil­lig), dach­te ich, das ver­jüngt mich bestimmt, wie eine Frisch­zel­len­kur. Ich dach­te: Mal wie­der wie frü­her so mit dem Auto über die Land­stra­ße und dann in den Ede­ka hin­ein, schwung­voll den Ein­kaufs­wa­gen durch die Tür gescho­ben und ein­fach mal so wie alle ande­ren sein.

Der Aus­gang war ernüch­ternd. Ich war, zu Hau­se ange­kom­men, völ­lig erschöpft und muss­te mich erst ein­mal hin­le­gen. Seit­dem steht das gelie­he­ne Auto vor der Tür wie eine Bedro­hung. Es ruft: „Komm! Lebe! Fahr mich! Die Welt war­tet!“

Man hat in mei­nem Alter auch nicht ein­fach noch mal so Sex mit Fünf­zehn­jäh­ri­gen. Es ist auch nicht anzu­ra­ten. Nicht nur weil es ver­bo­ten ist. Son­dern weil es einem anschlie­ßend noch zehn­mal schlim­mer gehen dürf­te als mir nach jenem Ede­ka-Ein­kauf. Man lernt: Frü­her war das Leben ein Hoch­leis­tungs­sport. Nur dass man es nie gewusst hat. Frü­her konn­te man ja alles, ich kann mich an Zei­ten erin­nern, da gab es manch­mal zwei, drei Mäd­chen und Super­märk­te am glei­chen Tag. Ich konn­te das!

Seit Mona­ten sage ich zu mei­ner Frau, das Leben ist ein Hauch. Ges­tern schenk­te ihr Arnold Stad­ler ein Arnold-Stad­ler-Buch, ich schlug es auf, Tohu­wa­bo­hu, und las: Das Leben ist ein Hauch. (Kohe­let).

Frü­her konn­te ich noch sagen: In der Mit­te des Lebens. Das geht nun auch nicht mehr. „Frü­her woll­te ich alt sein, jetzt habe ich nur noch ein Werk.“ (Arnold Stad­ler, über­setzt). Ein Werk, teil­ver­ramscht bei Zwei­tau­send­eins. Einst­mals waren wir.

Heu­te sind wir nur noch.

 

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Andre­as Mai­er, gebo­ren 1967, lebt als frei­er Schrift­stel­ler in Frank­furt am Main. Zuletzt
ver­öf­fent­lich­te er im Suhr­kamp Ver­lag die Roma­ne Das Haus (2012) und Die Stra­ße (2013).

Quel­le: VOLLTEXT 2/2014 (20. Juni 2014)

Online seit: 23. Janu­ar 2018

Zuletzt geän­dert: 23. Jan. 2018