Neulich

Eine Kolum­ne von Andre­as Mai­er. „Ich war ja anfäng­lich so etwas wie Tho­mas Bern­hard für geis­tig Arme (Til­mann Krau­se).“

Neu­lich erhielt ich mal wie­der eine Ein­la­dung nach Frei­burg. Ich fah­re immer wie­der gern nach Frei­burg, auch wenn die Stadt bekannt­lich durch den Sän­ger der Ham­bur­ger-Schu­le-Band Toco­tro­nic übel beleu­mun­det ist. Aber jede Stadt ist durch irgend­wen übel beleu­mun­det. Göt­tin­gen etwa durch Hei­ne. Oder Augs­burg durch Tho­mas Bern­hard. Ich habe neu­lich nicht ganz frei­wil­lig einen Song von der neu­en Toco­tro­nic­plat­te gehört, es ging um Jugend. Es war, als sän­gen sie noch ein­mal über sich selbst vor 20 oder 25 Jah­ren. Sie beschrei­ben das, was sie damals waren, als eine frem­de, irgend­wie unter­ent­wi­ckel­te, eini­ger­ma­ßen quen­ge­li­ge, bemit­lei­dens­wer­te und nicht wirk­lich ernst zu neh­men­de Spe­zi­es. Mich hat das an Gün­ter Grass erin­nert. Der beschreibt sich ja auch als fremd und irgend­wie unter­ent­wi­ckelt, als er der SS bei­getre­ten war. Das war ja ein ganz ande­rer, sag­te Grass sinn­ge­mäß, das war ja noch gar nicht ich! Den Rei­fe­grad des spä­ten Grass hat nun also auch Toco­tro­nic erreicht, aber ich habe den Song, wie gesagt, nur zufäl­lig gehört.

Der Sän­ger hat in Frei­burg stu­diert. Danach zog er nach Ham­burg. Das habe ich neu­lich auch gemacht, nach Ham­burg zie­hen. Aber da war ich schon ich.

Nach Frei­burg ging auch unse­re Hoch­zeits­rei­se, das war im Jahr 2009. Eben hat­ten wir im Frank­fur­ter Römer gehei­ra­tet, dann hat­ten wir noch Schlacht­plat­ten im Gemal­ten Haus ver­schlun­gen und dann fuh­ren wir schon nach Frei­burg. Das ers­te, was in Frei­burg geschah, war, dass es reg­ne­te. Mei­ne Frau, die am Mor­gen noch mei­ne Freun­din gewe­sen war, ging dar­auf­hin in einen Bil­lig­klei­dungs­la­den (HM oder so etwas) und kauf­te sich einen grü­nen Bil­lig­man­tel. Die­sen Man­tel wie­der­um lieh sich die Wir­tin des Gemal­ten Hau­ses nach unse­rer Hoch­zeits­rei­se aus, um damit stil­echt aufs Grü­ne-Soße-Fes­ti­val zu gehen, wel­ches jedes Jahr kurz nach unse­rem Hoch­zeits­tag in Frank­furt am Main statt­fin­det. Ich glau­be, die Wir­tin trug sogar grü­ne Schu­he zum Frei­bur­ger Man­tel.

Unse­re Hoch­zeits­rei­se dau­er­te zwei Tage bzw. Näch­te. D.h. auch die Hoch­zeits­nacht ver­brach­ten wir in Frei­burg. Das wird mir eben in die­sem Moment erst klar: Ich hat­te Hoch­zeits­nacht in Frei­burg! Das machen ande­re irgend­wo im Pazi­fik. Wir aber im Hotel Ober­kirch, Müns­ter­platz, mit Kirch­turm­blick.

In Frei­burg gehe ich immer ins Ober­kirch, das wer­de ich auch dies­mal machen. Frei­burg läuft eigent­lich immer gleich ab, seit­dem ich Schrift­stel­ler bin. Ich bin jetzt seit 15 Jah­ren Schrift­stel­ler, und seit mei­nem ers­ten Buch fah­re ich nach Frei­burg. Ursa­che ist Micha­el Schwarz, der dor­ti­ge Buch­händ­ler. Er führt deutsch­land­weit die ein­zi­ge Buch­hand­lung, die mich, qua­si wie in einem Abon­ne­ment, bei aus­nahms­los allen mei­nen Büchern zu Lesun­gen ein­lädt (abge­se­hen von mei­ner Hei­mat­buch­hand­lung in der Wet­ter­au). Eigent­lich wür­de ich ja lie­ber schrei­ben, er „ist“ die Buch­hand­lung, statt er „führt“. So wie ich die Toch­ter des Buch­händ­lers der Bin­der­na­gel­schen Buch­hand­lung in Fried­berg auf der Kai­ser­stra­ße (mei­ne Wet­ter­au­er Hei­mat­buch­hand­lung) gern „Toch­ter der Bin­der­na­gel­schen Buch­hand­lung“ nen­nen wür­de, aber die Toch­ter der Bin­der­na­gel­schen Buch­hand­lung ist immer dage­gen, dass ich sie in mei­nen Büchern so nen­ne, und zwar mit dem Ein­wand, sie sei nicht die Toch­ter einer Buch­hand­lung.

In die Toch­ter des Buch­händ­lers der BB auf der KS in FB in der Wet­ter­au war ich frü­her ver­liebt, das unter­schei­det sie von Micha­el Schwarz in Frei­burg. Aller­dings habe ich in mei­nem letz­ten Roman, den ich nächs­ten Mitt­woch in der BB auf der KS in FB in der Wet­ter­au und zwei Tage spä­ter bei MS in FB im Breis­gau lesen wer­de, über die Buch­hand­lungs­toch­ter geschrie­ben, dass ich, als ich acht­zehn war, gedacht hat­te, sie möge spä­ter mei­ne Trau­zeu­gin wer­den. Wur­de sie nicht. Dafür aber ging dann mei­ne Hoch­zeits­rei­se (inkl. Hoch­zeits­nacht) zu MS nach FB in den Br.

Mein Frei­bur­ger Buch­händ­ler orga­ni­sier­te auch noch die kom­plet­te Rei­se. Am zwei­ten Tag unse­rer Hoch­zeits­rei­se saßen wir irgend­wo vor Frei­burg mit­ten in irgend­ei­nem Tal zwi­schen Kühen und betrach­te­ten die Gän­se­blüm­chen. So hat­ten wir uns unser Leben immer vor­ge­stellt.

Als er sei­ne Buch­hand­lung vor 15 Jah­ren eröff­ne­te, bestand sei­ne ers­te Schau­fens­ter­aus­la­ge aus­schließ­lich aus Tho­mas Bern­hards Aus­lö­schung. Damit woll­te er in Frei­burg ein Zei­chen set­zen, ver­mu­te ich. Immer­hin heißt der Mann ja nach der Tho­mas-Bern­hard-Far­be Schwarz. So hat er auch sei­ne Buch­hand­lung genannt: Schwarz.

Die ers­te Lesung, die er mach­te, war dann mit mir. Ich war ja anfäng­lich so etwas wie Tho­mas Bern­hard für geis­tig Arme (Til­mann Krau­se). Obgleich ich auch da schon ich war. Jetzt bin ich 47 und immer noch ich. Immer noch war­te ich dar­auf, dass end­lich pas­siert, was bei Gün­ter Grass und Toco­tro­nic pas­siert ist, näm­lich dass ich nicht mehr ich bin, son­dern end­lich ich, also ein ande­rer. Ich habe die­se Ich-Wech­sel­ei übri­gens zum ers­ten Mal begrif­fen, als ich die Sekre­tä­rin von Hit­ler im Inter­view gese­hen habe, die war frü­her, bei Hit­ler, auch nicht sie gewe­sen, und spä­ter war sie dann nicht mehr die von frü­her und konn­te sich das alles gar nicht mehr vor­stel­len.

Bei M. Schwarz bin ich jetzt seit 15 Jah­ren ich. Die Lesun­gen fan­den an den selt­sams­ten Orten statt. Mal irgend­wo an einem Bäch­lein, dann auf einer Art Park­platz mit Würst­chen­bu­de, aber meis­tens lese ich in einem Wein­gut um die Ecke der Buch­hand­lung, und nicht sel­ten brin­ge ich Apfel­wein mit, den der Wirt dann ver­kauft, was ihn freut – ich habe kei­ne Gewinn­be­tei­li­gung.

Die­ses Jahr haben wir bei­de Jubi­lä­um, Micha­el Schwarz und ich. Bei­de wer­den wir fünf­zehn. Zusam­men sind wir schon drei­ßig. Ich bin die Jubi­lä­ums­le­sung. Wahr­schein­lich wer­de ich irgend­wann auch sei­ne letz­te Lesung sein. Ein­mal lud er Her­ta Mül­ler zu Gast, da war sie noch kei­ne Lite­ra­tur­no­bel­preis­trä­ge­rin. Als der Lese-Ter­min kam, war sie Lite­ra­tur­no­bel­preis­trä­ge­rin. Seit­dem gilt Micha­el Schwarz als Groß­ver­an­stal­ter. Ich habe sogar schon eine Neu­lich-Kolum­ne für ihn geschrie­ben, die wur­de hier auch abge­druckt, aber ich weiß nicht mehr wel­che.

So viel zu Frei­burg.

* * *

Andre­as Mai­er, gebo­ren 1967, lebt als frei­er Schrift­stel­ler in Ham­burg. Zuletzt ver­öf­fent­lich­te er im Suhr­kamp Ver­lag die Roma­ne Das Haus (2012), Die Stra­ße (2013) und Der Ort (2015).

Die­ser Bei­trag ist ursprüng­lich in VOLLTEXT 2/2015 erschie­nen.

Online seit: 23. Juni 2015

Zuletzt geän­dert: 25. Okt. 2015