Christine Lavant Preis 2023 – Laudatio auf Yevgeniy Breyger

Von Kle­mens Renold­ner.

Sehr geehr­te Damen und Her­ren,

im Febru­ar 2022 hat­te der Schrift­stel­ler einen Band mit Gedich­ten voll­endet. Vor­aus­ge­gan­gen waren Mona­te kon­zen­trier­ter Arbeit. Ein Titel war gefun­den: Zwi­schen Vogel, zwi­schen Stein.

Wo ist der Ort der Dich­tung? Da, wo sich die Koor­di­na­ten von Orga­ni­schem und Anor­ga­ni­schem tref­fen? Der Dich­ter – zwi­schen Tier und Fels gespannt?

Es war der drit­te Lyrik­band, den Yev­ge­niy Brey­ger zusam­men­ge­stellt hat­te. Auf dem Schreib­tisch lagen die 64 umbro­che­nen Sei­ten, das Lay­out war gemacht – sorg­fäl­tig gewählt, mit gutem Grund, eine klas­si­sche Anti­qua-Schrift, auch der Ent­wurf für das Cover exis­tier­te, dar­auf zu sehen: Fels und Baum und Blatt.

Innen: Ein Pro­log, drei Sei­ten Pro­sa, ein stol­zes Pro­gramm. In lyrisch-phi­lo­so­phi­schen Refle­xio­nen umkreist Brey­ger dar­in Grund­satz­fra­gen dich­te­ri­scher Wahr­neh­mung. Was geschieht, wenn wir in den Spie­gel sehen, wel­ches Bild kommt zu uns zurück? Was prägt unse­ren Blick? Wie über­haupt ent­ste­hen Bil­der – eines Käfers, einer Hand, eines Bau­mes? Was ver­mag Spra­che? Wel­che Kraft, wel­che Kom­pe­tenz hat Lite­ra­tur … heu­te … in Zei­ten von Krieg und auto­ri­tä­rem Fana­tis­mus?

2018 hat­te Brey­ger in einem Essay geschrie­ben:

Das Gedicht bie­dert sich nicht mit tages­po­li­ti­schen Inhal­ten und Gesell­schafts­kri­tik an, stellt sich auf kei­ne Büh­ne, schreit nicht … es ist unchro­no­lo­gisch, mul­ti­per­spek­ti­visch … es wird vom Cha­os zusam­men­ge­hal­ten.1

Der Autor ent­wi­ckelt sei­ne Kon­fes­si­on mit spie­le­ri­scher, wort­ge­wand­ter Raf­fi­nes­se – er besitzt aber auch Selbst­iro­nie und fragt sich z.B.: Trot­tel­chen Tunicht­gut Geh­nicht­weit, war­um sind die Geis­ter so umtrie­big?

Man­ches darf rät­sel­haft blei­ben, das wuss­ten schon Hein­rich Hei­ne, Rai­ner Maria Ril­ke oder Chris­ti­ne Lavant.

Im Buch fol­gen nun zwölf Gesän­ge, kunst­fer­ti­ge Gedich­te – meis­ter­haft in Dyna­mik und Rhyth­mus, Wort­schatz und Bild­haf­tig­keit – sechs Stro­phen, sechs Zei­len – eine freie Ver­si­on von Ses­ti­nen, zwar nicht streng dem jam­bi­schen Duk­tus fol­gend, mal sie­ben, mal neun, mal weni­ger Hebun­gen, vie­le Bin­nen­rei­me … ver­blüf­fen­de moti­vi­sche Ver­schrän­kun­gen … man könn­te an Ril­kes Dui­ne­ser Ele­gi­en den­ken, an Ezra Pounds Can­tos … an Giu­sep­pe Unga­ret­ti … und natür­lich an die ita­lie­ni­sche Renais­sance … an Dan­te, an Petrar­cas Kan­zo­nen … den Ton­fall sei­ner Sonet­te …

Ein Bei­spiel: [Mit dem Du ist hier wohl nicht nur ein Gegen­über, son­dern auch die Poe­sie, das Gedicht selbst gemeint]:

Als blaue Nadel­spit­ze, kris­tal­lin, als Geis­ter­frosch­ge­sang
in einem unbe­wohn­ten Teich, streifst du umher und suchst
mein Spie­gel­bild, dich von ihm abzu­lö­sen. In Schich­ten
trock­ner Schlan­gen­haut gräbst Du nach Ein­sam­keit.
Wenn mei­ne Schup­pen­hand dich greift, ver­stummst du
kei­ne Regung mehr, erstarrst im abge­broch­nen Laut.

Weil Du mich tra­gen woll­test, bin ich frei. Ich gehe lang­sam
auf die Knie und lege mich zu den Valen­zen. Dein Kör­per
Spei­chert Dioxin, du bist ein Höl­len­ar­te­fakt […]

[…] Ich schen­ke Dir ein Schleif­chen, häng es um.2

Zwölf präch­ti­ge Poe­me, dazu kom­men in dem Band noch Split­ter lyri­scher Nacht­no­ti­zen und ande­res mehr.

Ja, es war schon ver­ab­re­det, wann die Druck­ma­schi­nen lau­fen soll­ten, aber dann – stürz­te der Plan, stürz­te alles zusam­men.

Denn am 23. Febru­ar 2022 mar­schier­ten rus­si­sche Sol­da­ten über die ukrai­ni­sche Gren­ze. Das Land soll­te annek­tiert, aus­ge­plün­dert, die Städ­te zer­stört, Men­schen ernied­rigt, getö­tet wer­den.

Russ­lands Krieg, der im März 2014 mit der Okku­pa­ti­on der Halb­in­sel Krim und dem Ein­marsch rus­si­scher Trup­pen in der Ost­ukrai­ne begon­nen hat­te, zielt seit dem 23. Febru­ar 2023 dar­auf ab, das in frü­he­ren Jah­ren umarm­te „Bru­der­volk“ zu ver­nich­ten.

Yev­ge­niy Brey­ger hielt sich in Frank­furt auf. In der Hand einen druck­fer­ti­gen Gedicht­band – als er die Nach­richt erhielt, dass die Stadt sei­ner Kind­heit, Char­kiw, von rus­si­schen Rake­ten beschos­sen wur­de. Er frag­te sich, so lesen wir es spä­ter von ihm: Kann ich so ein Buch über­haupt publi­zie­ren? Baro­cke Spra­che, fern vom All­tag, hand­werk­lich Meis­ter­klas­se, mehr ist mir nicht mög­lich – aber den­noch kein Wort zum Krieg!3

Was ver­mag Dich­tung? Gegen Dumm­heit, gegen Gewalt? Gegen die fins­te­ren Zei­ten? Was kann Lite­ra­tur im Wider­stand? Schrift­stel­ler haben sich die­se Fra­ge immer wie­der gestellt. Z.B. jene im Exil eines frü­he­ren Krie­ges. Sie ken­nen das Zitat:

Was sind das für Zei­ten, wo ein Gespräch über Bäu­me fast ein Ver­bre­chen ist. Weil es ein Schwei­gen über so vie­le Unta­ten ein­schließt.

Und wei­ter heißt es:

Ich wäre ger­ne auch wei­se.
In den alten Büchern steht, was wei­se ist:
Sich aus dem Streit der Welt hal­ten und die kur­ze Zeit
Ohne Furcht ver­brin­gen
Auch ohne Gewalt aus­kom­men
Böses mit Gutem ver­gel­ten
Sei­ne Wün­sche nicht erfül­len, son­dern ver­ges­sen
Gilt für wei­se.
Alles das kann ich nicht:
Wirk­lich, ich lebe in fins­te­ren Zei­ten!4

Ber­tolt Brecht schrieb das, in sei­nem Gedicht An die Nach­ge­bo­re­nen.

Auch die ukrai­ni­sche Autorin Tan­ja Mal­jart­schuk spricht in ihrer Kla­gen­fur­ter Rede (Juni 2023) von die­sem Miss­trau­en … dass sie der Krieg stumm mache, dass sie das Ver­trau­en in die Lite­ra­tur, ja auch in die Spra­che ver­lo­ren habe.

Und sie tref­fen sich: die Lite­ra­tur und die Rea­li­tät. Und die Rea­li­tät gewinnt jedes Mal, und die Lite­ra­tur ver­liert, denn sie bie­tet die Ret­tung für ein­zel­ne, aber nie für alle zusam­men. Sie ist schön, aber hilf­los wie ein Wald blü­hen­der Bäu­me.5

Brey­ger hat sei­nen Gedicht­band Zwi­schen Vogel, zwi­schen Stein zurück­be­hal­ten, nicht ver­öf­fent­licht.

Ein Jahr dar­auf, im Früh­jahr 2023, erschien dann ein ganz ande­rer Band von ihm: Frie­den ohne Krieg. Das Buch beginnt mit einem rasan­ten Bericht über die Fami­li­en­ge­schich­te, gehetz­te, ver­kürz­te Sät­ze, ein Stac­ca­to, im Jar­gon eines Jugend­li­chen. Über die Inva­si­on und die Ver­bre­chen deut­scher Sol­da­ten in der Ukrai­ne, im 2. Welt­krieg, die Sho­ah, die Flucht, eine Tira­de über Mor­de und Grau­sam­kei­ten von damals und heu­te, die demü­ti­gen­den Umstän­de ukrai­ni­scher Flücht­lin­ge in Euro­pa, und er gip­felt in der Wut über die Putin­ver­ste­her und trägt eine lei­den­schaft­li­che Pole­mik vor gegen all die­se Talk­shows über den Krieg, in denen den Ukrai­nern gute Rat­schlä­ge gege­ben wer­den.

Die Kri­ti­ke­rin Son­ja Zekri schrieb in der Süd­deut­schen Zei­tung über die­ses Buch: „Das alles ist schroff tages­po­li­tisch, non­fic­tion­al, in einer Art poli­ti­schem Lang­ge­dicht mit aus­ge­stell­ter Münd­lich­keit erzählt und dabei doch hoch­ar­ti­fi­zi­ell.“ Der Band sei des­we­gen so fas­zi­nie­rend, weil er, wie sie schreibt, „so viel an Schreck­li­chem und Schö­nen, an Witz und Bos­heit und sinn­li­cher Kör­per­lich­keit“ neben­ein­an­der ent­hal­te, und er „satt sei an for­ma­ler Fül­le und sprach­li­chem Reich­tum.“

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Yev­ge­niy Brey­ger wur­de 1989 in Char­kiw gebo­ren. 1999 über­sie­del­te er mit sei­ner Fami­lie nach Mag­de­burg, wo er Schu­le und Gym­na­si­um besuch­te. Er ist deut­scher Staats­bür­ger. Seit August die­ses Jah­res lebt er – nach meh­re­ren Jah­ren, die er in Frank­furt am Main ver­bracht hat – in Wien.

Nach der Matu­ra gab es schon ein­mal einen Plan mit Wien, Brey­ger hat­te einen Stu­di­en­platz an der Wie­ner Uni­ver­si­tät, für ein Stu­di­um der Phy­sik – aber dann zog er die Lite­ra­tur vor – zwei Jah­re am Lite­ra­tur­in­sti­tut in Hil­des­heim („Krea­ti­ves Schrei­ben und Kul­tur­jour­na­lis­mus“), dann drei Jah­re am Deut­schen Lite­ra­tur­in­sti­tut Leip­zig. Er war dann noch ein Jahr an der Stä­del­schu­le in Frank­furt – Hoch­schu­le für bil­den­de Küns­te.

Drei selb­stän­di­ge Publi­ka­tio­nen mit Lyrik: Flüch­ti­ge Mon­de, 2016, Gestoh­le­ne Luft 2020 , Frie­den ohne Krieg 2023. Es gibt auch noch ein klei­nes Lyrik­bänd­chen Kryp­to­ma­gie (2022).

Der Autor hat meh­re­re Aus­zeich­nun­gen erhal­ten, so etwa den Leon­ce & Lena-Preis in Darm­stadt, den Lyrik­preis Mün­chen, in Öster­reich den Lyrik-Preis des Mond­see­lan­des und den Manu­skrip­te-Preis des Lan­des Stei­er­mark. Er arbei­tet zur Zeit an einem Roman, der 2025 im Suhr­kamp-Ver­lag erschei­nen soll.

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Ich habe zu Beginn über einen nicht ver­öf­fent­lich­ten Gedicht­band des­we­gen so aus­führ­lich gespro­chen, weil die­se Geschich­te ein Bei­spiel dafür ist, dass Lite­ra­tur nicht aus einem ahis­to­ri­schen Nir­wa­na ent­springt – und auch, weil Sie ihn nicht lesen kön­nen – ich aber schon.

Und hier sind – wie sich das für eine Lau­da­tio ziemt – noch ein paar zweck­dien­li­che Hin­wei­se zu jenen bei­den frü­he­ren Büchern, die für Sie erhält­lich sind:

Brey­gers ers­ter Gedicht­band Flüch­ti­ge Mon­de, 2016, ent­hält – genau­ge­nom­men die gan­ze Welt – mul­ti­per­spek­ti­visch auf­ge­nom­men, vom Cha­os zusam­men­ge­hal­ten … also das Uni­ver­sum, Ster­ne wie Meteo­re, ein Haus, ein Zim­mer, den Blick aus dem Fens­ter, das Licht am Abend und am Mor­gen, Baum und Blatt und Tier.

1000 flin­ke Bruch­stü­cke, auf­blit­zen­de Lich­ter, alles, alles steht zu Gebo­te. Es heißt da: „in den Ber­gen gibt es Dra­chen, groß wie Dinos, sie ret­ten mich.“, fünf Käfer „erhe­ben sich aus wäss­ri­gen Untie­fen“, „die letz­te Son­nen­blu­me wur­de krank, sah zu Boden vor Demut“, ein Kamel, an das man sich kuschelt, sagt „Muh!“, Mephis­to, Gene­ral Fran­co, Odys­seus und die Nym­phen kreu­zen den Weg des Beob­ach­ters, ein grie­chi­sches Rät­sel mit Apol­lo, Hera, Arte­mis und all den ande­ren Ver­däch­ti­gen wird nicht gelöst, sogar ein klei­nes Dra­mo­lett fin­det sich in dem Band.

In die­sem über­schäu­men­den, flir­ren­den und bis­wei­len auch ver­wir­ren­den Kos­mos erken­nen wir den stol­zen Dich­ter, der wie der gestie­fel­te Kater durch die eben neu ange­eig­ne­ten Län­de­rei­en schrei­tet. Sie bestaunt. Er erkun­det das lyri­sche Welt­ge­bäu­de. Er sagt: „Ich bin nicht far­ben­blind, nur stur, wenn ich vors Haus geh. Im Stur­s­ein liegt die Ent­schei­dung zwi­schen ja und ja, aber wie!“

2020 erschien der zwei­te Band, Gestoh­le­ne Luft – gänz­lich anders kon­zi­piert. Er ent­hält sechs Gedicht-Zyklen, mit unter­schied­li­chen Bau­wei­sen – Brey­ger liebt (und beherrscht) das Spiel mit unter­schied­li­chen Gedicht­mo­del­len.

Erin­ne­run­gen an eine alte, länd­li­che Welt wer­den hier ver­ar­bei­tet, Sze­nen der Kind­heit, Natur­bil­der – Biber, Kätz­chen, Krö­te, Esel, Frosch und Fisch tre­ten auf, Blu­men­na­men wer­den auf­ge­zählt, von Arni­ka bis Wer­mut­kraut, natür­lich gibt es auch ein Gespräch über Bäu­me. Oder über den Mond. Chris­ti­ne Lavant hät­te das gefreut.

Das kann in frei­en Rhyth­men, im Bal­la­den­ton notiert sein, als Gebet, als Selig­prei­sung oder in volks­lied­haf­tem Ton daher­kom­men, als kind­li­cher Aus­zähl­vers. Eine wich­ti­ge Prot­ago­nis­tin die­ser Tex­te ist die Mut­ter. Und auch hier immer die Fra­ge: Wo ist der Ort der Dich­tung? Im Krieg ohne Frie­den? In der gestoh­le­nen Luft? Hin­ter dem flüch­ti­gen Mond? – oder – Zwi­schen Vogel, zwi­schen Stein?

Lie­ber Yev­ge­niy Brey­ger,
wir freu­en uns sehr, dass Sie heu­te für Ihr Werk, für ihren Eigen­sinn und Ihre Meis­ter­schaft, mit dem Chris­ti­ne-Lavant-Preis des Jah­res 2023 aus­ge­zeich­net wer­den. Die Inter­na­tio­na­le Chris­ti­ne-Lavant Gesell­schaft und ihre Jury gra­tu­lie­ren! Herz­li­chen Glück­wunsch!

 

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Kle­mens Renold­ner, gebo­ren 1953 in Schär­ding am Inn, ist Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler und Autor, im Früh­jahr 2023 erschien sein Buch Geschich­te zwei­er Ange­klag­ter im Son­der­zahl-Ver­lag Wien.

Online seit: 5. Novem­ber 2023

Zuletzt geän­dert: 17. Nov. 2023