Lob des Handwerks

Lau­renz Bol­lig­ers Bei­trag zur Lek­to­rats­ko­lum­ne „Unver­langt ein­ge­sandt“

Vor Kur­zem krach­te die Abde­ckung des schick hin­ter der Wand ver­steck­ten Toi­let­ten­spül­kas­tens aus ihrer Hal­te­rung. Ich hät­te sie viel­leicht wie­der in die Aus­las­sung zurück­ge­kriegt, mit Müh und Not, aber mir war nicht klar, wie die kom­pli­zier­te Spü­lungs­vor­rich­tung mit der Abde­ckung zu ver­bin­den war. Ein Fall für den Spe­zia­lis­ten, der die Sache mit ein paar weni­gen Hand­grif­fen erle­digt hat. Beim Fixie­ren der Abde­ckung fiel dem Klemp­ner aller­dings auf, dass der obe­re Rand der­sel­ben nicht ganz par­al­lel ver­lief mit der Flie­sen­fu­ge, wor­auf er alles wie­der demon­tier­te, um es kor­rek­ter fest­zu­ma­chen, als es je war.

Wäh­rend der Repa­ra­tur bemerk­te der Mann aber noch etwas ganz ande­res, näm­lich dass zwi­schen der Klo­schüs­sel und der geflies­ten Wand, in der die­se fest­ge­schraubt ist, die Sili­kon­fu­ge einen dün­nen, aber sicht­ba­ren Riss auf­wies, ein Hin­weis dar­auf, dass das Klo sich etwas abge­senkt hat. Das stör­te ihn, und er woll­te nicht wie­der gehen, ohne sich dar­um zu küm­mern. Und schon lag der gute Mann schweiß­über­strömt am Boden, mit der einen Hand wur­de eine Schrau­be gelo­ckert, mit der ande­ren die Klo­schüs­sel an die Wand gedrückt, ich muss­te assis­tie­ren, man unter­schätzt das Gewicht von Kera­mik, und bald sah die Sili­kon­fu­ge aus wie neu. Die Abde­ckung saß per­fekt in der Wand, und die uner­freu­li­che Absen­kung war beho­ben. Jetzt war der Klemp­ner zufrie­den. Ich staun­te und bewun­der­te den Mann für die Selbst­ver­ständ­lich­keit, mit der er sei­nen Job mach­te.

ChatGPT kann redi­gie­ren und schrei­ben! In den Ver­la­gen ist das lei­der auch immer mehr zu spü­ren.

Tags dar­auf traf ich mich mit einem bri­ti­schen Lite­ra­tur­agen­ten in einem Restau­rant mit einer belieb­ten Bar. Wir woll­ten uns beim Abend­essen über neue inter­es­san­te Manu­skrip­te unter­hal­ten, es war der Beginn der hei­ßes­ten Pha­se im Lite­ra­tur­be­trieb, die Buch­mes­se in Frank­furt stand vor der Tür, und wäh­rend die­ser Zeit bie­ten die Agen­tu­ren den Ver­la­gen auf­re­gen­de Pro­jek­te an. Weil aber alle Tische besetzt oder reser­viert waren, hieß man uns, am Tre­sen Platz zu neh­men und bei einem Drink auf einen frei­en Tisch zu war­ten. Die Kar­te ver­sprach eine beein­dru­cken­de Viel­falt von groß­ar­ti­gen Geträn­ken, und wir bestell­ten nach eini­gem Über­le­gen einen Whis­key Sour. Hin­ter der Bar waren zwei jun­ge Män­ner am Werk, deren Arme und Hän­de eine beein­dru­cken­de Viel­falt von Täto­wie­run­gen auf­wie­sen, aber noch viel beein­dru­cken­der war, wie sie ihrer Arbeit nach­gin­gen. Mit wel­cher Ele­ganz die flüs­si­gen Inhal­te von Fla­schen in Glä­ser, Mess­be­cher und Shaker gefüllt, mit wel­cher Gra­zie Eiweiß, Eis­stü­cke und Scha­len von Zitrus­früch­ten bei­gefügt und mit welch coo­ler Gewiss­heit all die­se Zuta­ten zu einem Kunst­werk geschüt­telt, gemixt und gegos­sen wur­den, das war aller­hand. Wir beschlos­sen, auf das Essen zu ver­zich­ten und statt­des­sen mit ein paar Snacks den wei­te­ren Ver­lauf des Abends der­ge­stalt zu ver­brin­gen, dass wir mög­lichst aus­gie­big Gele­gen­heit hat­ten, den bei­den Män­nern hin­ter dem Tre­sen bei ihrer Arbeit zuzu­schau­en. Es wur­de sehr ver­gnüg­lich, und über Manu­skrip­te haben wir dann auch noch gespro­chen.

Gutes Hand­werk ist eine Kunst. Jedes Hand­werk kann erlernt wer­den, es braucht soli­de Ein- und Anwei­sun­gen, viel Übung, Wil­le und Beharr­lich­keit. Mit der Zeit hat man die Erfah­rung, die man braucht, um zuzu­pa­cken und auch die kniff­ligs­te Her­aus­for­de­rung zu meis­tern. Aber die Kunst des Hand­werks erreicht erst dann ihre Voll­kom­men­heit, wenn sie zum Aus­druck eines bestimm­ten Ethos wird und wenn bei allem Begeis­te­rung aus ihr spricht. Die Arbeit einer Lek­to­rin oder eines Lek­tors unter­schei­det sich in die­sem Grund­satz in kei­ner Wei­se von der Arbeit eines Klemp­ners oder einer Bar­kee­pe­rin, vor allem nicht die Arbeit am Text, das Redi­gie­ren oder eben: Lek­to­rie­ren. Man erlernt es von der Pike auf, on the job und indem man ande­ren auf­merk­sam über die Schul­ter guckt, lear­ning by doing, und es braucht nicht viel mehr als Geduld und einen guten Meis­ter, in mei­nem Fall Egon Ammann. Es gibt kein Geheim­re­zept, und es gibt kein Lehr­buch, es ist kei­ne Hexe­rei. Wir alle arbei­ten nach bes­tem Wis­sen und Gewis­sen, aber immer nach unse­rer ganz eige­nen Art. Sie ist geprägt von unse­rem Selbst­ver­ständ­nis als Lek­to­rin oder Lek­tor, ja von unse­rer Per­sön­lich­keit. Ein Roman, der durch mei­ne Hän­de geht, liest sich am Ende anders, als wenn er durch die Hän­de einer Kol­le­gin gegan­gen wäre. (Ähn­lich ver­hält es sich mit den Über­set­ze­rin­nen und Über­set­zern, wes­halb für bestimm­te Über­set­zun­gen nur bestimm­te Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen infra­ge kom­men.) Und doch soll­ten am Ende bei­de Ver­sio­nen dem Roman gerecht gewor­den sein.

Solan­ge wir uns ganz dem Text ver­schrei­ben, sei­nem Sound, sei­nem Rhyth­mus, sei­nem Lexi­kon, wird alles gut. Das Hand­werk muss intui­tiv sein, und wir müs­sen unse­rer Intui­ti­on ver­trau­en. Auch wenn der Klemp­ner oder der Tisch­ler am Ende der Aus­bil­dung im Gegen­satz zum Lek­tor eine Prü­fung absol­viert, sein wah­res Kön­nen ent­springt der täg­li­chen Begeis­te­rung für die Arbeit, dem Stolz, sei­ner Beru­fung nach­zu­ge­hen, und es ent­steht durch die unbe­ding­te Pflicht, die er sich selbst immer von Neu­em auf­er­legt.

Vor lan­ger Zeit brü­te­te ich über dem Lek­to­rat eines schö­nen Romans aus der Schweiz, in dem das Wort Reb­berg vor­kam. Eine Kol­le­gin sag­te, ich müs­se es durch Wein­berg erset­zen, das sei gebräuch­li­cher. Ein paar Jah­re spä­ter las ein beflis­se­ner, um vie­le Jah­re älte­rer Ver­lags­kol­le­ge die Über­set­zung eines ame­ri­ka­ni­schen Romans, wohl­ge­merkt nach der Ver­öf­fent­li­chung. Er wuss­te, dass ich die Redak­ti­on der deut­schen Fas­sung ver­ant­wor­tet hat­te, und steck­te mir dar­um sein Exem­plar mit von ihm im Buch ein­ge­tra­ge­nen Kor­rek­tu­ren zu, dar­un­ter meh­re­re Stel­len, wo von den gan­zen Leu­ten die Rede war, die irgend­was taten oder auf irgend­was war­te­ten.

Wäre es bes­ser gewe­sen, die gan­zen Leu­te durch all die Leu­te zu erset­zen und auf die aus­sa­ge­kräf­ti­gen Inde­fi­nit­pro­no­men zu ver­zich­ten, bes­ser, aus dem Reb­berg einen Wein­berg zu machen? Mit­nich­ten! In den sozia­len Medi­en wer­den neu­er­dings von selbst­er­nann­ten Lek­to­ren­aus­bil­dern sünd­haft teu­re Kur­se ange­bo­ten, für all die Leu­te, die ihre Frei­zeit oder ihr Hob­by zum Beruf machen wol­len, inklu­si­ve gra­tis Ein­stiegs­vi­deo und wert­lo­sem Abschluss­di­plom. Das mag ver­lo­ckend sein in unse­rer schnel­len digi­ta­len Zeit, schießt aber weit am Ziel vor­bei. Die Ver­un­si­che­rung ist groß, denn nicht nur ist heut­zu­ta­ge jeder ein Autor, son­dern auch jede eine Lek­to­rin. ChatGPT kann redi­gie­ren und schrei­ben! In den Ver­la­gen ist das lei­der auch immer mehr zu spü­ren. Allein, dabei wird der dün­ne Riss in der Sili­kon­fu­ge leicht über­se­hen, der essen­zi­el­le Schuss Angos­tu­ra­bit­ter ver­ges­sen. Wes­halb ich mich gern an den umstrit­te­nen, aber frag­los gro­ßen Lek­tor Gor­don Lish erin­ne­re, der auch mal einen oran­ge­nen Arbeits­over­all trug in sei­nem Büro in den luf­ti­gen Höhen über Man­hat­tan. Denn dar­um geht’s am Ende: hands on bei einem der schöns­ten Hand­wer­ke der Welt, das genau­so lan­ge schon exis­tiert und exis­tie­ren wird wie die schöns­te Kunst über­haupt: das Erzäh­len von guten Geschich­ten.

 

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Lau­renz Bol­li­ger, gebo­ren 1972 in der Schweiz, arbei­tet seit über zwan­zig Jah­ren im deutsch­spra­chi­gen Ver­lags­we­sen (Ammann, Ber­lin, Suhr­kamp, DuMont, Ama­zon) und ist heu­te Lei­ten­der Lek­tor bei Hoff­mann und Cam­pe.

Die Lek­to­rats­ko­lum­ne „Unver­langt ein­ge­sandt“ wird betreut von Kris­ti­ne Kress. Sie berich­tet an die­ser Stel­le mit wei­te­ren Lek­to­rin­nen und Lek­to­ren aus dem Back­stage­be­reich des Lite­ra­tur­be­triebs.

Online seit: 19. Okto­ber 2023

Zuletzt geän­dert: 19. Okt. 2023