Raphaela Edelbauer: Die Inkommensurablen

Von Ursu­la Engel. Die­ser Bei­trag ent­stand im Zusam­men­hang mit dem Online-Semi­nar „Lite­ra­tur- und Kul­tur­kri­tik schrei­ben“.

Im Juli 1914, zu Beginn des Ers­ten Welt­krie­ges, lässt Rapha­e­la Edel­bau­er den sieb­zehn­jäh­ri­gen Pfer­de­knecht Hans aus Tirol zum ers­ten Mal in sei­nem Leben in der leben­dig bro­deln­den, über­füll­ten Welt­stadt Wien ankom­men. Hans will die Psy­cho­ana­ly­ti­ke­rin Hele­ne Che­resch kon­sul­tie­ren, weil er weiß, dass sie sich mit Träu­men beschäf­tigt, sogar an einem „Traum­clus­ter“ arbei­tet. Woher kennt Hans der­ar­ti­ge Details? Das „Traum­clus­ter“ wird im Roman nicht ein­leuch­tend erklärt, also ist es nicht so wich­tig. Hans hat jeden­falls eine uner­klär­li­che „Gabe“: er kann Gedan­ken ande­rer Men­schen lesen und denkt, was ein ande­rer Mensch wenig spä­ter aus­spricht. Erklärt sich dar­aus aber ein Lei­dens­druck, der Hans dazu bringt, sei­ne Hei­mat zu ver­las­sen und nach Wien zu fah­ren?

So wenig plau­si­bel es erschei­nen mag, dass Hans als unge­bil­de­ter Land­ar­bei­ter über der­ar­tig weit­rei­chen­de Infor­ma­tio­nen ver­fü­gen kann, auch wenn er regel­mä­ßig von einem Vikar unter­rich­tet wur­de, so sehr ver­wun­dert auf jeden Fall die salon­fä­hi­ge Spra­che, die er mühe­los benutzt. Ist es anzu­neh­men, dass Jugend­li­che zu Beginn des letz­ten Jahr­hun­derts so geschraubt gere­det haben? Es ist eine gelehr­te, wenn nicht gar gedrech­sel­te Spra­che, mit der er sich zum Bei­spiel Hele­ne Che­resch vor­stellt: „Ich bin nach Wien gekom­men, weil ich eine Gabe habe, an deren Beschrei­bung Sie und an deren Ergrün­dung ich größ­tes Inter­es­se habe.“

Von der Psy­cho­ana­ly­ti­ke­rin wird die­ses Phä­no­men als „Gedan­ken­echo“ abge­tan, womit es nicht ver­ständ­li­cher wird. Es ist jeden­falls kei­ne der bekann­ten Neu­ro­sen, wie sie 1914 längst von Freud und ande­ren aus­führ­lich ana­ly­siert wor­den waren. Es wird auch kein Lei­dens­druck mit­ge­teilt, unter dem Hans lit­te. Es han­delt sich also bei Helen Che­reschs Unter­neh­men nicht um eine Psy­cho­ana­ly­se lege artis. Scha­de, denn die Psy­cho­ana­ly­se und ihre Kri­tik gehört Anfang des letz­ten Jahr­hun­derts unbe­dingt zu Wien.

Bei Hele­ne Che­resch lernt Hans zwei Jugend­li­che ken­nen, die sofort sei­ne Freun­de wer­den, man weiß nicht, wie das so schnell funk­tio­niert. Adam, der Brat­sche spielt, gehört einer wohl­ha­ben­den, ade­li­gen Offi­ziers­fa­mi­lie an. Kla­ra, stammt aus dem Lum­pen­pro­le­ta­ri­at, ist Mathe­ma­tik-Dok­to­ran­din und forscht zu inkom­men­sur­a­blen Zah­len. Mit bei­den zusam­men erkun­det Hans Wien. Sei­ne Tou­ren die­nen Edel­bau­er zur detail­rei­chen Beschrei­bung wich­ti­ger Facet­ten der moder­nen Groß­stadt. Ergänzt wer­den die­se Epi­so­den durch his­to­ri­sche Dar­stel­lun­gen des all­wis­sen­den Erzäh­lers, die infor­ma­tiv und inter­es­sant sind. So hört Hans, wie Adam sich als Brat­schist an einer Pro­be von Schön­bergs 2. Streich­quar­tet­te betei­ligt, was durch eine Erzäh­lung über die Auf­re­gung, die bei der ers­ten Auf­füh­rung die­ses Quar­tetts ent­stan­den war, ergänzt wird. An ande­rer Stel­le fin­det sich eine aus­führ­li­che Beschrei­bung der Pest in Wien. Die Frau­en­be­we­gung wird auch deut­lich, es wird eine les­bi­sche Ver­füh­rungs­sze­ne insze­niert.

Es folgt ein Essen bei Adams Eltern, wo unter Staats­män­nern mit ihren Gat­tin­nen eine leb­haf­te Dis­kus­si­on über den Krieg statt­fin­det. Sodann lernt Hans in der Kaschem­me „Tra­bant“ Wiens Unter­welt ken­nen: Pro­sti­tu­ier­te, Schwu­le, Les­ben und Gau­ner.

Edel­bau­er beschreibt bil­der­reich und wort­ge­wal­tig die Atmo­sphä­re vor Aus­bruch des Ers­ten Welt­kriegs in Wien. Sie macht das Durch­ein­an­der gesell­schaft­li­cher Schich­ten und der Geschlech­ter­ver­hält­nis­se deut­lich, eben­so wie künst­le­ri­sche Kon­tro­ver­sen und wis­sen­schaft­li­che Debat­ten. Das Unbe­wuss­ten und der Traum sind aller­dings nicht über­zeu­gend cha­rak­te­ri­siert. Am ehes­ten könn­te man deren Beschrei­bung als iro­ni­sie­ren­de Kri­tik der Psy­cho­ana­ly­se anse­hen. Gehört dies 1914 viel­leicht auch zur Stim­mungs­la­ge?

 

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Online seit: 8. Sep­tem­ber 2023

Zuletzt geän­dert: 9. Sep. 2023