Textverarbeitung

Prä­gen­de Lek­tü­ren deutsch­spra­chi­ger Autorin­nen und Autoren

Tex­te wer­den nicht nur, aber auch aus Tex­ten gemacht. Was einer gele­sen hat, beein­flusst, wie er schreibt, mög­li­cher­wei­se sogar, wie er lebt: Lesen, Schrei­ben, Leben sind For­men von Text­ver­ar­bei­tung. Begin­nend mit VOLLTEXT 2/2023 befra­gen wir deutsch­spra­chi­ge Autorin­nen und Autoren nach den Büchern, die ihr Leben und Schrei­ben geprägt haben. Fünf bis zehn Titel kön­nen genannt und in aller Kür­ze kom­men­tiert oder begrün­det wer­den. Jede Lis­te kommt einem rasch hin­ge­wor­fe­nen, skiz­zen­haf­ten Selbst­por­trät als Leser bezie­hungs­wei­se Lese­rin gleich. In der Zusam­men­schau, am Ende der Serie, sol­len die gesam­mel­ten Lese­lis­ten das inter­tex­tu­el­le Hin­ter­grund­rau­schen der Gegen­warts­li­te­ra­tur erahn­bar machen.

 

Julia Scho­ch

Erich Käst­ner: Das Schwein beim Fri­seur
Das Buch (DDR-Trom­pe­ter­bü­cher) war mei­ne ers­te Schreib­lek­ti­on: Nimm dei­ne Leser ernst, indem du dei­ne Figu­ren und ihren Schmerz / ihre Freu­de ernst nimmst. Kla­re, ein­fa­che Spra­che heißt nicht bana­le Ein­deu­tig­keit. Mei­ne Fra­ge damals: Wie macht der das?

Milan Kun­de­ra: Die uner­träg­li­che Leich­tig­keit des Seins
Dar­stel­lung und Ana­ly­se (Den­ken) zugleich. Erwach­se­nes Erzäh­len. Muti­ge Dra­ma­tur­gie. Schrei­ben im Bewusst­sein, dass das 20. Jahr­hun­dert lite­ra­ri­sche For­men her­vor­ge­bracht hat, die rea­lis­ti­sches Erzäh­len hin­ter sich las­sen bzw. geschickt nut­zen.

Jean-Phil­ip­pe Tous­saint: Das Bade­zim­mer
Schrei­ben von der Last an der Frei­heit und über die Absur­di­tät unse­rer Gegen­wart, ohne in Schwer­mut, Zynis­mus oder einen Ankla­ge­ton zu ver­fal­len. Lie­be ohne Bezie­hungs­pro­ble­me. Im Geis­te Becketts schrei­ben, nur ohne (abwe­sen­den) Gott.

Peter Hand­ke: Lang­sa­me Heim­kehr
Mach dein Ding. Bleib in dei­nem Kos­mos. Lite­ra­ri­sche Spra­che ist etwas Hei­li­ges. Alles, was von ihr berührt wird, ver­wan­delt sich eben­falls in etwas Hei­li­ges. Erzäh­le der Exis­tenz ange­mes­sen!

Lydia Davis: Almost No Memo­ry / Break It Down
Ori­gi­nell in der Form. (Es muss ja nicht immer ein Roman sein.) Die tie­fen exis­ten­zi­el­len Situa­tio­nen ver­ber­gen sich gleich hin­ter der Bana­li­tät des All­tags. Die trau­ri­ge Frau (im Leben), die zugleich die lus­ti­ge Frau ist (im Schrei­ben). Über­ho­len ohne ein­zu­ho­len.

Mar­gue­ri­te Duras: Lie­be
Lite­ra­tur muss kei­ne Ein­la­dung zur Iden­ti­fi­ka­ti­on sein. Figu­ren las­sen sich ohne Psy­cho­lo­gie schil­dern. Wir sehen ihre Ver­zweif­lung an ihren Hand­lun­gen, Ges­ten, (weni­gen) Wor­ten. Die eige­ne Bio­gra­fie ist ein Mythos und will auch so erzählt wer­den.

Chris­ta Wolf: Kein Ort. Nir­gends.
Schön kurz. Abschä­len auf das Wesent­li­che. His­to­ri­sches als ein Mus­ter ver­ste­hen, durch das ich etwas über „den Men­schen“ erfah­re / begrei­fe. Schwel­ge nicht im Erzäh­len. Machs dir nicht gemüt­lich im Text (nur weil du Talent hast). Bleib am Ball (an dei­nem).

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Felix Phil­ipp Ingold

Johann Georg Hamann: Aes­the­ti­ca in nuce
Zusam­men­ge­kürzt auf zwei Druck­sei­ten im gym­na­sia­len Lese­buch – mei­ne frühs­te und stärks­te Prä­gung in Sachen Spra­che und Lite­ra­tur; ich war fas­zi­niert von der Selbst­ver­ständ­lich­keit, mit der Hamann in die­sem Trak­tat zwi­schen meh­re­ren Spra­chen (Latein, Grie­chisch, Hebrä­isch, Deutsch, Eng­lisch) hin und her wech­selt, beein­druckt von Leit­sät­zen wie, die Poe­sie sei die „Mut­ter­spra­che“ der Mensch­heit, man rede, um gese­hen zu wer­den, und man über­set­ze, indem man schrei­be, aber auch, man kön­ne durch­aus „ein Mensch sein, ohne dass man nötig hat, ein Autor zu wer­den“.

Her­mann Broch: Der Tod des Ver­gil
Gele­sen mit 17, hin­ge­ris­sen vom rhyth­mi­sier­ten Sprach­strom, begeis­tert von der pathe­ti­schen Meta­pho­rik und den zahl­lo­sen Neo­lo­gis­men, bei­läu­fig belehrt vom kennt­nis­rei­chen Autor; grei­fe ich heu­te auf das Buch zurück, bin ich irri­tiert von dem groß­spu­ri­gen, gra­pho­ma­nisch zele­brier­ten Kitsch.

Wil­liam Shake­speare: The Son­nets
Seit Lan­gem mein All­buch; ich lese (und über­set­ze) die Sonet­te als Shake­speares klei­ne Dra­men; in for­ma­ler Hin­sicht wie inhalt­lich eine ein­zig­ar­ti­ge Akku­mu­la­ti­on von Kön­nen, Wis­sen, Erfah­rung, Intui­ti­on; die pro­duk­tivs­te Vor­schu­le allen dich­te­ri­schen Wol­lens und Tuns.

Sté­pha­ne Mall­ar­mé: Div­aga­ti­ons
Deutsch viel­leicht wie­der­zu­ge­ben mit „Irrun­gen“, „Wir­run­gen“; ein Buch von der Art („uneins und bar jeder Archi­tek­tur“), die der Autor selbst nicht moch­te; eine Samm­lung hete­ro­ge­ner Tex­te (Pro­sa­ge­dich­te, Autoren­por­traits, Mikro­es­says, Anek­do­ten, Träu­me­rei­en, Trak­ta­te, Lese‑, Thea­ter- und Mode­n­o­ti­zen), ein Werk aus lau­ter Ver­satz­stü­cken, als „Buch“ zusam­men­ge­hal­ten auf stets gleich­blei­ben­der (höchs­ter) Stil­ebe­ne; Ver­ständ­lich­keit ver­wei­gernd und gleich­zei­tig das Ver­ste­hen pro­vo­zie­rend; ein Buch, das immer nur für mor­gen geschrie­ben sein wird.

Vla­di­mir Nabo­kov: Pale Fire
Ein vor­ge­ge­be­nes Lang­ge­dicht, ver­fasst in 999 Ver­sen von einem fik­ti­ven Autor (der zugleich der rea­le Autor ist, also Nabo­kov) und weit­läu­fig kom­men­tiert (in Form eines Romans!) von einem eben­falls fik­ti­ven Inter­pre­ten; ein Buch von eli­tä­rem lite­ra­ri­schem Anspruch, den­noch ein unge­trüb­tes Lese­ver­gnü­gen dank Nabo­kovs erzäh­le­ri­scher Locker­heit, sei­nem Sprach­witz, sei­ner Selbst­iro­nie.

Lud­wig Hohls Noti­zen,
deren Erst­aus­ga­be ich auf mei­ner Abitur­rei­se in der Wühl­kis­te eines Wie­ner Anti­qua­ri­ats ent­deckt habe – star­ke, unge­ho­bel­te Pro­sa; mal gelas­se­nes Nach­den­ken, mal pole­mi­sches Ver­dikt über Gott und die Welt; Schrei­ben glei­cher­ma­ßen als Geis­tes­übung und Kör­per­ein­satz; dazu die blei­ben­de War­nung: „Das wirk­lich Gedich­te­te ist eben das Gegen­teil vom Erdich­te­ten.“

Ein Buch, das ich nicht gele­sen und auch nicht geschrie­ben habe,
das ich aber hät­te schrei­ben wol­len – bei Paul Valé­ry (Faust III) fand ich schon früh das Pro­jekt dazu: „Das Buch soll eine inni­ge Mischung mei­ner wah­ren und fal­schen Erin­ne­run­gen sein, mei­ner Ideen, Hypo­the­sen und ima­gi­nä­ren Erfah­run­gen – all mei­ner ver­schie­de­nen Stim­men, ein Buch, das sich als Aus­drucks­wil­le des­sen zu erken­nen gibt, der da spricht, mit der frei­es­ten Phan­ta­sie und mit äußers­ter Genau­ig­keit, in Pro­sa und Vers, beim Erwa­chen des Den­kens zu sich selbst …“

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Chris­toph W. Bau­er

Die Bibel
Als Kind bekam ich eine illus­trier­te Bibel für Kin­der geschenkt, spä­ter kauf­te ich mir selbst eine Bibel – wie es anders sagen? Die­se Geschich­ten sind ein­fach zu gut, um wahr zu sein.

Homer: Die Odys­see
Was für die Bibel gilt, gilt auch für die Odys­see, ich tau­che ein in Geschich­ten, und wenn man mich danach fragt, wer bist du, sage ich stets – Nie­mand.

Gai­us Vale­ri­us Catul­lus: Car­mi­na
In der Schul­zeit mach­te ich einen gro­ßen Bogen um die Römer, Jah­re spä­ter ent­deck­te ich Catull, der mir bewies, die­se frü­hen Umwe­ge hät­te man mir erspa­ren kön­nen.

Hans Magnus Enzens­ber­ger: Das Muse­um der moder­nen Poe­sie
Wenn es Bücher gibt, die ein Leben ver­än­dern kön­nen, dann gehö­ren für mich die von Enzens­ber­ger her­aus­ge­ge­be­nen Bän­de defi­ni­tiv dazu – die zwei Bän­de öff­ne­ten mir mit Gedich­ten den Blick und schick­ten mich auf eine Ent­de­ckungs­rei­se, von der ich bis heu­te nicht zurück­ge­kehrt bin.

Inger Chris­ten­sen: Alpha­bet
„die apri­ko­sen­bäu­me gibt es, die apri­ko­sen­bäu­me gibt es“ – wenn ich zuge­tex­tet von lär­mi­gen Zei­ten mir die­sen ers­ten Vers aus dem Gedicht­band Alpha­bet ins Bewusst­sein rufe, wird für Momen­te alles ein biss­chen ein­fa­cher – und kla­rer.

Paul Nizon: Hund. Beich­te am Mit­tag
Kein Buch habe ich im ver­gan­ge­nen Jahr­zehnt öfter gele­sen als die­ses, und bei jeder Lek­tü­re ver­fes­tig­te sich in mir die Gewiss­heit, hat man sich des Tands erst ent­le­digt, dem man Wich­tig­keit bei­maß, dann geht es im Leben immer um alles.

Emi­ly Dick­in­son: Gedich­te
Her­aus­ge­ge­ben, über­setzt und mit einem Nach­wort von Gun­hild Küb­ler. Auch wenn es abge­dro­schen klingt, vie­le Ver­se der Emi­ly Dick­in­son sind mir Beglei­ter durch die Tage.

Ilse Aichin­ger: Kleist, Moos, Fasa­ne
Ein Buch, das mir – Pathos hin, Pathos her – einen ver­korks­ten Tag ret­ten kann.

Nor­bert Gst­rein: Einer
Vor vie­len Jah­ren gele­sen und immer noch ein Buch, das ich nen­ne, wenn man mich fragt, was soll man gele­sen haben?

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Vere­na Dürr

John Chris­to­pher: Die Wäch­ter
Eine dys­to­pi­sche Zwei-Klas­sen-Gesell­schaft mit Hoff­nung auf Revo­lu­ti­on.

Michel Hou­el­le­becq: Ele­men­tar­teil­chen
Mis­an­thro­pi­sche Gesell­schafts­ana­ly­se, am Ende sol­len alle Men­schen Klo­ne wer­den.

Juli Zeh: Spiel­trieb
Jugend­li­che mani­pu­lie­ren ein­an­der nach den Prin­zi­pi­en der Spiel­theo­rie. Ada, mei­ne ers­te Anti-Hel­din!

Ger­tru­de Stein: Ida
Repe­ti­tiv, rhyth­mi­sche Spra­che, super für musi­ka­li­sche Ver­to­nun­gen.

Mar­gue­ri­te Duras: Der Schmerz
Dass der Krieg nicht mit dem Ende des Krie­ges auf­hört.

Ágo­ta Kris­tóf: Das gro­ße Heft
Zwei Kin­der han­deln ohne Emo­ti­on, nach eige­nen stren­gen Gerech­tig­keits­vor­stel­lun­gen, und das funk­tio­niert!

John Cage: Silence
Alle Kunst ist Kom­po­si­ti­on. Tacet.

Eva Geber: Der Typus der kämp­fen­den Frau
Es waren und sind immer mehr Frau­en an poli­ti­schen Kämp­fen betei­ligt, als du denkst.

Ursu­la K. Le Guin: Freie Geis­ter
Eine anar­chis­ti­sche Welt ist vor­stell­bar und auf­schreib­bar!

Etel Adnan: Sturm ohne Wind
(Gedicht- und Essay­samm­lung). Über das Gefühl, vom Krieg betrof­fen zu sein, ohne direkt davon betrof­fen zu sein.

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Mar­tin Prinz

Peter Hand­ke: Der kur­ze Brief zum lan­gen Abschied
Mit Hand­ke bog das Lesen in das Schrei­ben ab. Bis heu­te las­sen sich Zeit und Ort der Nacht zurück­ver­fol­gen. Die Stra­ße die­ses Roman­an­fangs führ­te weder in Hand­kes Roman noch in mei­ne Wirk­lich­keit hin­ein, son­dern in eine eige­ne Gegend.

Max Frisch: Mein Name sei Gan­ten­bein
Die Täu­schung eines blin­den Erzäh­lers als Fra­ge, die jede Iden­ti­täts­fest­le­gung sprengt. Indem das Eige­ne ohne das Frem­de nicht Grund, nicht Form, weder Wort noch Bild hät­te. Ganz zu schwei­gen von Sehn­sucht.

Ilse Aichin­ger: Spie­gel­ge­schich­te
Unge­fragt in der eige­nen Exis­tenz, in der ein­zig Ende, Abschied und Ver­schwin­den gesi­chert blei­ben. Vor der Zumu­tung des Lebens bleibt unter Aichin­gers Blick kein Ver­steck.

Inge­borg Bach­mann: Unter Mör­dern und Irren
Wer ermor­det wen, wer erzählt wen, wer greift ins Lee­re? Bach­mann schil­dert einen Krieg nach dem Krieg, sie erzählt von Män­nern und Frau­en, von Mör­dern, von Irren, und führt in Welt­spal­ten, die immer erst im Eige­nen abgrund­tief wer­den.

Robert Wal­ser: Aus dem Blei­stift­ge­biet
Am eige­nen Ver­schwin­den schrei­ben, ums eige­ne Ver­schwin­den oder im eige­nen Ver­schwin­den? „Bei die Japa­na / trogns papie­re­ne Stie­fel / des hast dann Gedicht“, gab H. C. Art­mann Ant­wort auf alle drei Fra­gen. In einer Schuh­wer­bung, wo sonst?

Bri­git­te Schwai­ger: Wie kommt das Salz ins Meer
Wie kommt Wirk­lich­keit in Lite­ra­tur? Indem die Sät­ze ver­schwin­den, feder­leicht wie der Tod, und vom Ersti­cken erzäh­len: „Gut­bür­ger­lich“, das ers­te Wort des Romans. Damit ist jeder Platz für Fall­hö­he weg, da es ein Ver­hält­nis ist.

Ernest Heming­way: Der alte Mann und das Meer
Der Fisch, das Meer, der Mann. Und am Ende ist das Nichts alles. Ob der größ­te Fang oder der tiefs­te Ver­lust, es geht wei­ter. Und die Welt … im Anfang war das Wort. Und wir … sin­ger of songs.

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Online seit: 31. August 2023

Zuletzt geän­dert: 31. Aug. 2023