Über das eigene Leben schreiben – Betrachtung eines Scherbenhaufens

Von Julia Scho­ch

Ich fra­ge mich, was mich dazu gebracht hat, die­sen Titel zu wäh­len. Bevor der Text über­haupt geschrie­ben war. Ein paar Tage lang habe ich voll­kom­men pro­blem­los mit die­ser – zuge­ge­ben etwas rei­ße­ri­schen – Über­schrift gelebt. Unbe­hag­lich wur­de sie mir erst und inter­es­san­ter­wei­se in dem Moment, als sie nicht mehr rück­gän­gig zu machen war. Sie stand da, und ich muss­te mich fra­gen, was sich dahin­ter ver­birgt.

Julia Schoch © Ulrich Burckhardt

Julia Scho­ch: „Was für den Schrei­ben­den Ergrün­dung, Klä­rung, geform­te Exis­tenz bedeu­tet, ist für den Beschrie­be­nen womög­lich Über­tre­tung und Ver­rat.“ Foto: © Ulrich Bur­ck­hardt

So ist es häu­fig. Ein Satz kommt, sehr schnell, eine Zei­le oder ein Titel, und dann muss ich ergrün­den, was er von mir will. Was das betrifft, glau­be ich eher nicht an Zufäl­le.

Um es gleich direkt anzu­ge­hen. War­um Scher­ben?

Begin­nen wir mit dem Nahe­lie­gen­den. Etwas zer­bricht, klar. Auf einer ers­ten, viel­leicht sogar der aller­ers­ten Ebe­ne (was den Pro­zess des Schrei­bens betrifft) hat es damit zu tun: Wer schreibt, han­delt. Nicht erst mei­ne letz­ten bei­den Bücher haben mir dafür einen Beweis gelie­fert. Wer „eng am eige­nen Leben ent­lang“ schreibt, wie es heu­te oft heißt, wer Ich sagt und ande­re in die­ses Spiel mit hin­ein­zieht, muss sich bewusst sein, dass die­ses Schrei­ben Kon­se­quen­zen hat. Bezie­hun­gen ver­än­dern sich, wer­den manch­mal sogar zer­stört. Ande­re Men­schen, nahe­ste­hen­de, ja gelieb­te Per­so­nen sind ver­letzt, wenn sie sich in einem Buch wie­der­erken­nen. Was für den Schrei­ben­den – mich! – Ergrün­dung, Klä­rung, geform­te Exis­tenz bedeu­tet, ist für den ande­ren, den Beschrie­be­nen, nicht sel­ten die Über­schrei­tung einer Gren­ze, womög­lich sogar Ver­rat. Ich hand­le durch das Ver­öf­fent­li­chen eines auto­bio­gra­fisch durch­färb­ten Buches, und manch­mal hand­le ich viel­leicht mehr, als mir lieb ist. So ist es.

Offen­bar geht es nicht anders. Ich will es gleich vor­weg­neh­men. Als Schrei­be­rin auto­bio­gra­fi­scher Stof­fe bin ich nicht die harm­lo­se Beob­ach­te­rin des eige­nen Lebens. Oft erkennt man erst in der Zer­stö­rung, in den Scher­ben und deren Neu­an­ord­nung, eine bestimm­te Wahr­heit. Anders kom­me ich nicht an die Din­ge her­an, wie mir scheint.

Ande­rer­seits: Wenn man ehr­lich ist, ist die­ses ver­meint­li­che Gan­ze eigent­lich nie da. Etwa eine hei­le Welt, die zer­bricht, oder die man schrei­bend bewusst zer­stö­ren wür­de. Leben wir nicht per­ma­nent mit Bruch­stü­cken, von Anfang an? Mit Unvoll­stän­dig­kei­ten, bio­gra­fi­schen Bro­cken, auch mit ver­schie­de­nen Spra­chen, Sozio- und Idio­lek­ten, mit Halb­ver­schwie­ge­nem und vagen Erin­ne­run­gen? Instink­tiv wis­sen wir es. Wir sind nur der Scher­ben­hau­fen einer Men­ge ande­rer Exis­ten­zen, die uns ver­letzt oder geliebt und auf eine bestimm­te Wei­se gefärbt haben. Wir betrach­ten die Welt lau­fend durch Scher­ben, wir heben sie vors Auge, und mal lie­gen sie bes­ser in der Hand, mal nicht ganz so grif­fig. Wir erzäh­len uns die eige­ne Geschich­te, indem wir sie zu ver­schie­de­nen Mus­tern zusam­men­le­gen. Und meis­tens fehlt etwas, wenn wir die­se Mus­ter betrach­ten, das heißt: wenn wir über die Welt und uns dar­in nach­den­ken. Also ergän­zen wir es. Wir erfin­den, auf dass ein trif­ti­ges Bild ent­steht.

Dies ist, was ich tue, mei­ne Arbeit als Schrift­stel­le­rin, die Erzäh­lun­gen und Roma­ne ver­fasst.

Das Leben ist kein Quilt

Ohne mich zur Skla­vin mei­ner eige­nen Meta­pher machen zu wol­len, erscheint mir das Bild der Scher­ben für das Leben und damit auch für die Lite­ra­tur, die aus die­sem Leben ent­steht, doch viel zutref­fen­der als etwa die Vor­stel­lung eines ame­ri­ka­ni­schen Quilts, in dem die ein­zel­nen Tei­le aufs Schöns­te mit­ein­an­der ver­wo­ben und ver­näht sind, sodass zuletzt eine wun­der­bar gemüt­li­che, ein wenig pit­to­res­ke Decke ent­steht. Ich emp­fin­de eher die Gefähr­dung beim Schrei­ben, eine gewis­se Scharf­kan­tig­keit, mit der man – nein ich! – die Tei­le anfas­se, um sie genau zu betrach­ten, aber auch das Fun­keln, das ent­steht, wenn sie rich­tig, das heißt auf eine beson­de­re, neue Art zusam­men­ge­legt wer­den.

Wie mir auf­fällt, habe ich das Ich in einem Groß­teil mei­ner Geschich­ten, die zu Büchern wur­den, als Mit­tel der Selbst­er­for­schung gebraucht. Ich gebrau­che es noch immer so. Rein tech­nisch betrach­tet wäre es natür­lich auch anders mög­lich. Das Rin­gen mit der Welt, eine direk­te und mög­lichst kom­pro­miss­lo­se Aus­ein­an­der­set­zung mit der Geschich­te, die man als Schrift­stel­le­rin über das eige­ne Leben erzählt, lässt sich auf vie­ler­lei Wei­se ange­hen. Fest steht: Ich habe es vie­le Male anders ver­sucht. Aber letzt­lich bin ich immer zu ihm zurück­ge­kehrt, zu die­sem Ich, das eine fik­ti­ve Ver­si­on mei­ner selbst ist. (Um sich den Ver­wand­lungs­pro­zess klar­zu­ma­chen, den­ke man etwa an den ame­ri­ka­ni­schen Come­di­an Jer­ry Sein­feld, der in der Sit­com Sein­feld eine Kunst­fi­gur namens Jer­ry Sein­feld spielt.)

Rück­bli­ckend scheint alles leicht und selbst­ver­ständ­lich. Aber das war nicht immer so. Ich erin­ne­re mich an mei­ne Jugend, als ich nicht genau wuss­te, ob und wie ich über­haupt Künst­le­rin sein konn­te. Und wenn ja, ließ sich so ein­fach Ich sagen? Und wenn ja, wovon konn­te die­ses Ich über­haupt erzäh­len?

Die Bücher, die mich in mei­ner Kind­heit tief beein­druck­ten, waren oft Hel­den­ge­schich­ten. Sie spiel­ten im Zwei­ten Welt­krieg, der in den Geschich­ten mei­ner Groß­el­tern, in der Lite­ra­tur und im Film und auch im Anblick vie­ler Städ­te auf kon­kre­te Wei­se noch her­um­geis­ter­te. Die­ser Krieg war ewig nah, und genau­so nah waren mir die Geschich­ten der Spio­ne und Kämp­fer, der muti­gen Men­schen, dar­un­ter sehr oft Kin­der, die in einer gefähr­li­chen Zeit Wider­stand geleis­tet hat­ten. Ich habe erst viel spä­ter ver­stan­den, wie sehr mich die­se Lek­tü­ren, in denen es immer um Leben und Tod ging, geprägt haben. Obwohl oder viel­leicht gera­de weil ich selbst in einem äußerst lang­wei­li­gen Staat leb­te, noch dazu in einer äußerst lang­wei­li­gen Klein­stadt, bedräng­ten mich die mora­li­schen Fra­gen aus die­sen Büchern. Ich sah mich vor schwer­wie­gen­de exis­ten­zi­el­le Ent­schei­dun­gen gestellt. Eine davon hieß: Wie wür­dest du han­deln, wenn es hart auf hart kommt?

Ich, ich, ich soll­te nie­mand rufen

Schließ­lich kam es auf mich an. So lau­te­te die unaus­ge­spro­che­ne Bestim­mung damals: Nie­mand steht außer­halb. Man ist immer ver­strickt. Ja, auf den Ein­zel­nen kam es an, durch­aus, aber nicht, wenn die­ser Ein­zel­ne sich für ein­zig­ar­tig, gar für etwas Bes­se­res hielt und sich abseits stell­te. Ich, ich, ich – soll­te nie­mand rufen, außer, wenn er mit sei­nem Han­deln der soge­nann­ten Sache dien­te (was auch immer das war). Ein Indi­vi­du­um – die­ses Wort war in mei­ner Kind­heit ein Schimpf­wort, für Men­schen, die sich nicht ein­fü­gen woll­ten, die eine Extra­wurst gebra­ten haben woll­ten, die aus der Rei­he tanz­ten, ach, ich könn­te vie­le Bil­der fin­den für die­se so fer­nen, absurd anmu­ten­den Auf­fas­sun­gen einer absurd fer­nen Zeit.

Das Pro­blem war: Mein eige­nes Ich kam mir gegen­über den heroi­schen Men­schen in den Büchern, die ich so ger­ne las, höchst wan­kel­mü­tig und schwach vor, ja gera­de­zu fei­ge. In der Fan­ta­sie stell­te ich mich per­ma­nent auf die Pro­be. Das Ergeb­nis sah ein­deu­tig nicht gut aus. Ich war kei­ne Hel­din oder bes­ser gesagt: Ich wäre kei­ne, wenn es eines Tages drauf ankä­me.

Nie­mand kann wis­sen, was genau uns im Leben auf eine bestimm­te Spur setzt, aber ich hal­te die­se inne­ren Selbst­be­fra­gun­gen für eine ers­te unbe­wuss­te Lek­ti­on dar­über, wie kom­plex Men­schen sind. Und ich dan­ke es noch heu­te Tho­mas L., einem Mit­schü­ler an der Erwei­ter­ten Ober­schu­le (spä­ter Gym­na­si­um), der offen­bar in die­sel­be Rich­tung wie ich dach­te, aber viel muti­ger vor­an­presch­te, als er im Deutsch­un­ter­richt der neun­ten Klas­se auf das damals gän­gi­ge Auf­satz­the­ma: Du bist ein Mensch – bewei­se es! gera­de nicht mora­lisch kon­form ant­wor­te­te, son­dern aus dem Roman Nackt unter Wöl­fen aus­ge­rech­net den Feig­ling her­aus­pick­te, um anhand des­sen ver­rä­te­ri­schen Hand­lun­gen in einem KZ den all­um­fas­sen­den Men­schen zu bele­gen.

Tho­mas L. bekam