Die Rückkehr der Geldvernichter

Nach 23 Jah­ren künst­le­ri­scher Ent­halt­sam­keit legen The Jus­ti­fied Anci­ents of Mu Mu so etwas wie einen Roman vor. Von Uwe Schüt­te

Ein sol­ches Buch wäre kaum vor­stell­bar in der deutsch­spra­chi­gen Lite­ra­tur. Zum einen, weil es in der hie­si­gen Pop-Musik-Sze­ne nie Künst­ler gab vom For­mat von Bill Drum­mond und Jim­my Cau­ty. Zum ande­ren, weil das Kli­schee von der bri­ti­schen Exzen­trik, wie so vie­le Ste­reo­ty­pen, eben doch stich­hal­tig ist – selbst wenn die bra­chia­le Neo­li­be­ra­li­sie­rung der bri­ti­schen Gesell­schaft heut­zu­ta­ge nur noch gerin­ge Rest­be­stän­de kul­tu­rel­ler Oppo­si­ti­on zulässt. 2023: A Tri­lo­gy by the Jus­ti­fied Anci­ents of Mu Mu lau­tet der Titel des (mut­maß­lich) von Drum­mond geschrie­be­nen Romans, der sich zwar ver­gleichs­wei­se leicht über­set­zen lie­ße, dadurch aber wohl erst recht unver­ständ­lich wür­de.

Justified Ancients of Mu Mu – Volltext

1994: Drum­mond und Cau­ty ver­bren­nen vor lau­fen­der Kame­ra eine Mil­li­on Pfund – auf der Hebri­den-Insel, wo Orwell 1984 schrieb.

Denn nicht nur beruht eini­ges auf nicht adäquat über­trag­ba­ren Sprach­spie­len, das Wesent­li­che die­ses bizar­ren Erzähl­wer­kes ist sei­ne Ein­bet­tung in den spe­zi­fi­schen Refe­renz­rah­men der bri­ti­schen Pop­kul­tur. Er steht und fällt mit der Kennt­nis der kul­tu­rel­len Gue­ril­la-Aktio­nen, mit denen Drum­mond und Cau­ty seit den 1980er-Jah­ren sich einen Ehren­platz in der Geschich­te der sub­ver­si­ven Pop­kul­tur erobert haben. Wer nicht weiß, was es mit den Pro­jekt­na­men Jus­ti­fied Anci­ents of Mu Mu a.k.a. The JAMS, The Timelords, KLF, K Foun­da­ti­on und K2 Plant Hire (um nur die wich­tigs­ten Mani­fes­ta­tio­nen von Drummond/Cauty auf­zu­zäh­len) auf sich hat, wird eigent­lich nichts wirk­lich ver­ste­hen.

Wo begin­nen? Viel­leicht auf Jura. Weni­ger als 200 Men­schen leben auf der schot­ti­schen Insel, die ein Teil der Inne­ren Hebri­den ist. Geor­ge Orwell (bür­ger­lich: Eric Blair) schrieb 1948 dort 1984. Drum­mond und Cau­ty ver­brann­ten am 23. August 1994 eben­da in einem alten Boots­haus vor lau­fen­der Kame­ra eine Mil­li­on Pfund – ihr Ver­mö­gen aus Acid- House-Hym­nen wie What Time Is Love?, mit denen sie Ende der Acht­zi­ger die inter­na­tio­na­len Hit­pa­ra­den beherrsch­ten. Sinn­lo­se Geld­ver­nich­tung als Kunst­werk? Als Drummond/Cauty den Film, der das Auto­da­fé doku­men­tier­te, öffent­lich zeig­ten, herrsch­te allent­hal­ben Ent­set­zen und Unver­ständ­nis. Daher legen sie sich ein 23-jäh­ri­ges Mora­to­ri­um auf; die Welt soll­te genug Zeit bekom­men, über ihr furio­ses Kunst­werk nach­zu­den­ken.

Aller­hand Scha­ber­nack

Die­sen Som­mer ist die Frist abge­lau­fen. Pünkt­lich zum 23. August kehr­ten Drummond/Cauty mit einem drei­tä­gi­gen Wel­co­me to the Dark Ages-Hap­pe­ning in Liver­pool zurück in die Öffent­lich­keit. Das Buch erschien am sel­bi­gen Tag. Wäh­rend der drei­tä­gi­gen Satur­na­li­en wur­den Kern­ele­men­te der fik­ti­ven Hand­lung von 2023 mit 400 Frei­wil­li­gen gleich­sam reinsze­niert, es kam aber auch zu aller­hand Scha­ber­nack wie etwa impro­vi­sier­ten Spon­tan­ak­tio­nen, die auf zufäl­lig aus­ge­ris­se­nen Buch­sei­ten des Romans basier­ten. Eben­so wur­de ein 70-minü­ti­ger Begleit­film zum Buch gezeigt, der zen­tra­le visu­el­le Moti­ve – wie einen Lon­do­ner Stadt­fuchs oder das bren­nen­de Hoch­haus „The Shard“ – auf drei Moni­to­re ver­teilt zeig­te.

Das soll­te natür­lich an ein Tri­pty­chon erin­nern, zugleich aber auch auf die Buch­struk­tur als Tri­lo­gie anspie­len. Die zwi­schen DADA, Ritu­al, Num­e­ro­lo­gie, Per­for­mance-Kunst und rebel­li­schem Kla­mauk ange­sie­del­te Drei­ta­ges­ak­ti­on nahm auch ver­schie­de­ne Ele­men­te frü­he­rer Aktio­nen auf, die in einer Grau­zo­ne zwi­schen Magie und Kunst, Pop und Film ange­sie­delt waren.

2023: A Tri­lo­gy by the Jus­ti­fied Anci­ents of Mu Mu ist mit­hin kein Roman, son­dern der lite­ra­ri­sche Bestand­teil eines mul­ti­me­dia­len, sich bereits über Jahr­zehn­te erstre­cken­den pop­kul­tu­rel­len Gesamt­kunst­werks. Ange­legt ist 2023 als post­mo­der­ner Erzähl­text, der – gemäß Her­aus­ge­ber­fik­ti­on – 1984 auf Jura unter dem Autoren­pseud­onym Geor­ge Orwell geschrie­ben wird von einer gewis­sen Anto­nia Rober­ta Wil­son. Das Buch spinnt somit die Ver­schwö­rungs­theo­rien der 1975 erschie­ne­nen Illu­mi­na­tus-Tri­lo­gie von Robert Anton Wil­son über die gehei­me Gesell­schaft der Jus­ti­fied Anci­ents of Mu Mu fort, die seit Beginn der wun­der­li­chen Koope­ra­ti­on zwi­schen Drum­mond und Cau­ty die Basis von deren künst­le­ri­scher Pri­vat­my­tho­lo­gie bil­den.

Per­si­fla­ge auf die Pop­kul­tur

Wie her­vor­ra­gend Bill Drum­mond schrei­ben kann, das hat er in sei­nen vor­he­ri­gen, zumeist auto­bio­gra­fisch aus­ge­rich­te­ten Büchern hin­rei­chend unter Beweis gestellt. Dass 2023 hin­ge­gen gewis­se hand­lungs­dra­ma­tur­gi­sche Schwä­chen hat, da ein fik­tio­na­ler Erzähl­text von fast 400 Sei­ten schrift­stel­le­risch höhe­re Anfor­de­run­gen an Drum­mond stell­te, soll hier gar nicht in Abre­de gestellt wer­den: Der in einer dys­to­pi­schen Zukunft spie­len­de Plot ist teils eine bis­si­ge Per­si­fla­ge auf die eng­lisch­spra­chi­ge Pop­kul­tur- und inter­na­tio­na­le Kunst­sze­ne (Azea­lia Banks, Tracey Emin, Bank­sy oder Lord Saat­chi gera­ten u.a. ins Visier), teils eine poli­ti­sche Sati­re (Ange­la Mer­kel bleibt Bun­des­kanz­le­rin bis Apple, Goog­le und Face­book alle Staa­ten inklu­si­ve Deutsch­land auf­kau­fen), aber eben­so eine sati­risch tref­fen­de Kul­tur­kri­tik an der Digi­ta­li­sie­rung der Gesell­schaft sowie nicht zuletzt ein bemer­kens­wert selbst­iro­ni­scher Schlüs­sel­ro­man über die ver­que­ren Aktio­nen von Drummond/Cauty. Und noch eini­ges mehr.

„The book is mind-blo­wing. It might not be gre­at lite­ra­tu­re, but I have never read any­thing like this befo­re“, zitiert Anto­nia Wil­son dar­in die Mei­nung von Bill Drum­mond über das Werk. Recht hat er: 2023 ver­mischt Pop und Poli­tik, Rea­li­tät und Fik­ti­on, Genie und Wahn­sinn – eine über­aus pas­sen­de Lek­tü­re für die anbre­chen­den Dark Ages, bis 2023 und über die nächs­ten sechs Jah­re hin­aus.

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Uwe Schüt­te ist Dozent für Ger­man Stu­dies an der Aston Uni­ver­si­ty, Bir­ming­ham. Zuletzt erschie­nen u. a. die umfang­rei­che Stu­die Inter­ven­tio­nen. Lite­ra­tur­kri­tik als Wider­spruch bei W. G. Sebald (Edi­ti­on text & kri­tik, Mün­chen 2014), Über W. G. Sebald. Bei­trä­ge zu einem neu­en Bild des Autors (Hg., De Gruy­ter, Ber­lin 2016) und der Band GODSTAR – Der ver­que­re Weg des Gene­sis P‑Orridge (Der Kon­ter­fei).

The Jus­ti­fied Anci­ents of Mu Mu: 2023
Faber & Faber, Lon­don 2017.

Quel­le: VOLLTEXT 3/2017

Online seit: 15. Janu­ar 2018

Online seit: 1. Janu­ar 2018

Zuletzt geän­dert: 15. Jan. 2018