Das Amt spricht Geld

Die Lite­ra­tur im Zeit­al­ter ihrer behörd­li­chen Nicht­zen­sur. Von Tho­mas Keul

Es geschieht nicht oft, dass die Lite­ra­tur­welt, oder zumin­dest der Lite­ra­turbetrieb, so beharr­lich nach Basel blickt wie in die­sem Juni. Der Anlass: Dem Schrift­stel­ler Alain Clau­de Sul­zer wur­de ein behörd­li­ches Schrift­stück mit merk­wür­di­gem Inhalt zuge­stellt. Absen­der: Der Fach­aus­schuss Lite­ra­tur bei­der Basel (sie­he Abbil­dung unten).

Sul­zer hat­te im März die­ses Jah­res um einen Werk­bei­trag für die Arbeit an einem Roman ange­sucht, der „Geni­enovel­le“ hei­ßen soll und im Deutsch­land der 1960er- und 1970er-Jah­re spielt. In dem Schrei­ben wird Sul­zer beschie­den, dass der Fach­aus­schuss sein Gesuch „sorg­fäl­tig geprüft“ und „ein­ge­hend bespro­chen“ habe, das Gesuch aber nicht abschlie­ßend beur­tei­len kön­ne und daher um die Nach­rei­chung einer Stel­lung­nah­me ersu­che. Er möge sei­ne Über­le­gun­gen bei der Ver­wen­dung des Wor­tes „Zigeu­ner“ dar­le­gen, das laut Duden dis­kri­mi­nie­rend sei, außer­dem sei zu erklä­ren, wel­che Rele­vanz das ste­reo­typ beschrie­be­ne Wohn­um­feld des Prot­ago­nis­ten im Gesamt­pro­jekt haben wer­de.

Brief des Präsidialdepartments des Kantons Basel-Stadt an Alain Claude Sulzer

Post vom Amt. (Namen mut­maß­lich unbe­tei­lig­ter Per­so­nen wur­den geschwärzt).

Sul­zer, Jahr­gang 1953, Autor von rund fünf­zehn Büchern, mehr­fach mit Lite­ra­tur­prei­sen aus­ge­zeich­net, Über­set­zer von Juli­en Green und Juror beim Inge­borg-Bach­mann-Preis, war eini­ger­ma­ßen kon­ster­niert, dass die anony­me Fach­ju­ry es für ange­bracht hielt, ihn wie einen Schul­jun­gen über die Kon­no­ta­ti­on des Wor­tes „Zigeu­ner“ zu beleh­ren. Zudem muss­te jedem lite­ra­risch halb­wegs ver­sier­ten Leser klar sein, wel­che Funk­ti­on das Wort im Kon­text des ein­ge­reich­ten Tex­tes hat­te. Ein Ich-Erzäh­ler in den 60er-Jah­ren in Bochum ver­wen­det nicht den Aus­druck „Sin­ti und Roma“. Was also soll­te die Fra­ge?

Sul­zer sah in dem Vor­gang den Ver­such einer Zen­sur: „Ich wür­de das Geld ja bekom­men, wenn ich die Sze­ne strei­che.“ Eine Stel­lung­nah­me kam für ihn nicht infra­ge. Er zog das Gesuch zurück und mach­te den Brief des Fach­aus­schus­ses öffent­lich. Die NZZ berich­te­te über den Fall, die Süd­deut­sche Zei­tung, die FAZ und zahl­rei­che wei­te­re Medi­en zogen nach. Das Gros der Kom­men­ta­re gab dem Autor ten­den­zi­ell recht. Um Zen­sur im enge­ren Sin­ne hand­le es sich zwar eher nicht, um einen Angriff auf die Lite­ra­tur und die Frei­heit der Kunst aber alle­mal.

Bizar­re Wen­dung

Eine über­ra­schen­de und leicht bizar­re Wen­dung nahm der Fall, nach­dem mit Bet­ti­na Spoer­ri und Dana Gri­gorcea zwei Mit­glie­der des Fach­aus­schus­ses an die Öffent­lich­keit gegan­gen waren und bekannt gege­ben hat­ten, von dem omi­nö­sen Schrei­ben an Sul­zer über­haupt nichts gewusst zu haben. Der Fach­aus­schuss habe Sul­zers Roman­vor­ha­ben zur För­de­rung emp­foh­len!

Wie sich in der Fol­ge her­aus­stell­te, hat­te nicht der Fach­aus­schuss zum Duden gegrif­fen und eine Stel­lung­nah­me ein­ge­for­dert, son­dern Kat­rin Grö­gel, die Lei­te­rin der Abtei­lung Kul­tur des Bas­ler Prä­si­di­al­de­part­ments. Sie hat­te das Schrei­ben hin­ter dem Rücken der Fach­aus­schuss­mit­glie­der, aber gleich­wohl in deren Namen ver­schickt und den Autor somit über die Urhe­ber­schaft des Brie­fes getäuscht. Wäh­rend einer Podi­ums­dis­kus­si­on mit Sul­zer nann­te sie dies spä­ter einen „Feh­ler“ – aller­dings nur in der Kom­mu­ni­ka­ti­on. In der Sache habe sie nichts falsch gemacht, die Nach­fra­ge recht­fer­tigt sie mit der Sorg­falts­pflicht, die sie habe, vor allem, wenn das Amt „Gel­der spricht“. Zum Amts­ver­ständ­nis gene­rell mein­te sie: „Wir sind Wäch­te­rin­nen über­ge­ord­ne­ter Rege­lun­gen.“

War­um nun fand der Fall so viel Beach­tung über die Gren­zen von Basel hin­aus? Wer mit dem Lite­ra­tur­be­trieb nicht ver­traut ist, wird sich schwer­tun zu ver­ste­hen, dass die Ange­le­gen­heit Süd­deut­sche und FAZ auf den Plan ruft und PEN-Prä­si­den­tin Eva Men­as­se öffent­lich den Rück­tritt von Frau Grö­gel for­dert.

Der Grund liegt in der weit ver­brei­te­ten Ver­un­si­che­rung unter Autorin­nen und Autoren, die sich durch rea­le oder auch nur ima­gi­nier­te Sprach­re­ge­lun­gen gegän­gelt und in ihren Aus­drucks­mög­lich­kei­ten ein­ge­schränkt füh­len. Im Dickicht der hyper­tro­phie­ren­den iden­ti­täts­po­li­ti­schen Sen­si­bi­li­tä­ten ist es unmög­lich, sich zu bewe­gen, ohne eine der neu­en, sich zudem stets ver­schie­ben­den sprach­li­chen Anstands­gren­zen zu über­tre­ten. Jeder ist bereits schul­dig gewor­den, man hat ihn nur zufäl­lig noch nicht ent­larvt.

Das ver­leiht den Wäch­te­rin­nen der über­ge­ord­ne­ten Rege­lung ihre Macht – die Macht der rei­nen Will­kür. Jeder kann jeder­zeit sei­ne Nach­fra­ge vom Fach­aus­schuss zuge­stellt bekom­men und das Amt wird mit sei­nen Zwei­feln gegen­über dem Skri­ben­ten immer im Recht sein.

Frau Grö­gels Schrei­ben ist nicht die von selbst­lo­ser Sorg­falts­pflicht­er­fül­lung gelei­te­te harm­lo­se Nach­fra­ge, als die sie von ihr dar­ge­stellt wird. Sie behaup­tet damit etwas. Sie behaup­tet, dass Alain Clau­de Sul­zer über den Ver­dacht des Ras­sis­mus nicht erha­ben ist. Dass Sul­zer einer ist, bei dem man in die­sen Din­gen schon genau nach­fra­gen muss! Ab sofort ist Sul­zer nicht mehr Sul­zer, son­dern ein unter Ras­sis­mus-Ver­dacht ste­hen­der Autor, sogar der Fach­aus­schuss muss­te ihm des­we­gen schon schrei­ben! Wir wis­sen: In der social media-Gesell­schaft ist der Ver­dacht die Ankla­ge, der Vor­wurf das Urteil und der Pro­zess zu Ende, bevor die ers­ten Zeu­gen gehört wur­den.

Kom­men wir zurück auf die Fra­ge der Zen­sur. Hier ist Sul­zer nicht zu hel­fen, er liegt hoff­nungs­los dane­ben. Die Wäch­te­rin braucht kei­ne Zen­sur. Ihr ste­hen längst die bes­se­ren, mini­mal­in­va­si­ven Herr­schafts­tech­ni­ken des nan­ny sta­tes zur Ver­fü­gung: nud­ging, framing, deplat­forming, shadow­ban et cete­ra. Wenn es doch mal robust sein muss: mind­fuck und psyop. (Grö­gels fal­se flag-Ope­ra­ti­on, die Nach­fra­ge im Namen des Fach­aus­schus­ses zu stel­len, fällt in die­se letz­te Kate­go­rie). Zen­sur ist so 20th cen­tu­ry.

So weit, so klar. Aber was soll­te eigent­lich das Gan­ze? Was will die Wäch­te­rin? In wes­sen Namen, zu wes­sen Vor­teil übt sie ihre Herr­schaft aus? Cui bono? Die Fra­ge führt – zu nichts. Der Lite­ra­tur­be­trieb ist ein auto­poie­ti­sches Sys­tem, das sich selbst per­fek­tio­niert. Der Zweck des Sys­tems ist der Erhalt des Sys­tems. Akteu­re gibt es nur schein­bar. Sie sind, wie die „Fah­rer“ in den voll­au­to­ma­ti­sier­ten U‑Bahn-Zügen, nur an Bord, damit die Fahr­gäs­te nicht ner­vös wer­den.

Der evo­lu­tio­nä­ren Logik des Sys­tems ent­spricht es, dass à la longue aus­sor­tiert wird, was nicht funk­tio­niert. Das gilt, zum Bei­spiel, für das Phä­no­men der Zen­sur. Sie konn­te das Ent­ste­hen star­ker, unbot­mä­ßi­ger Lite­ra­tur letzt­lich nicht ver­hin­dern. Met­ter­nich ist eben­so geschei­tert wie Sta­lin. Jetzt ist Grö­gel dran. Das ist ein Fort­schritt und wirk­lich für alle bes­ser so.

Das Sys­tem hat, wie gesagt, kein Ziel außer­halb sei­ner selbst, aber die Bedin­gun­gen sei­ner Selbst­er­hal­tung erzeu­gen eine Drift. Die opti­ma­le Über­le­bens­stra­te­gie besteht näm­lich dar­in, nicht wahr­ge­nom­men zu wer­den. Wer nicht wahr­ge­nom­men wer­den kann, hat kei­ne Fress­fein­de. Das Her­un­ter­dim­men aller Lebens­im­pul­se auf das abso­lu­te Mini­mum, das de fac­to-Unsicht­bar­wer­den für die Welt außer­halb des Sys­tems gibt die Rich­tung der Ent­wick­lung vor. Das lite­ra­ri­sche Sys­tem ist auf die­sem Weg weit fort­ge­schrit­ten.

Der opti­mal sta­bi­le Zustand, auf den die Lite­ra­tur sich sys­te­misch zube­wegt, ist daher einer, in dem sie gera­de noch nicht tot ist – Stich­wort „Selbst­er­hal­tung“, sie­he oben –, aber trotz­dem kei­ne Ver­wir­rung mehr stif­ten kann mit schlim­men Wör­tern: Das künst­li­che Koma. Es ist für alle bes­ser so! Auch Sul­zer wird letzt­lich ein Ein­se­hen haben müs­sen, die Rege­lung ist eine über­ge­ord­ne­te.

Die Lite­ra­tur sanft in die­sen Zustand hin­über­zu­ge­lei­ten ist die Auf­ga­be des Amtes, das die Gel­der spricht. Und am Bett der koma­tö­sen Pati­en­tin steht sie – die Wäch­te­rin, mit dem Duden in der Hand.

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Online seit: 26. August 2023

Zuletzt geän­dert: 26. Aug. 2023