Von der Asche sprechen

Dani­el Kehl­mann über Cor­de­lia Edvard­sons Gebrann­tes Kind sucht das Feu­er.
Cordelia Edvardson mit ihrer Mutter, der Schriftstellerin Elisabeth Langgässer. Foto: © Cordelia Edvardson

Cor­de­lia Edvard­son mit ihrer Mut­ter, der Schrift­stel­le­rin Eli­sa­beth Lang­gäs­ser. Foto: © Cor­de­lia Edvard­son

Im Jahr 2022 wur­de mir der Eli­sa­beth-Lang­gäs­ser-Preis der Stadt Alzey ver­lie­hen. Für mei­ne Dan­kes­re­de beschäf­tig­te ich mich mit Leben und Werk der katho­li­schen Dich­te­rin Lang­gäs­ser – ein schwie­ri­ges Unter­fan­gen. Man­che Schrift­stel­ler kom­men zu Unrecht aus der Mode. Liest man Jah­re spä­ter ihr Werk, so ist man ver­blüfft über des­sen Dring­lich­keit, Fri­sche und Aktua­li­tät. Die Begeg­nung mit Eli­sa­beth Lang­gäs­ser war für mich nicht so ein Fall. Ihr Werk war, so schien es mir, nicht gut geal­tert. Die meis­ten Gedich­te waren schwer­fäl­lig und pom­pös, die Pro­sa war wei­he­voll und von einer Mys­tik, die mich unan­ge­nehm abstieß, und die in ihrem Haupt­werk Das unaus­lösch­li­che Sie­gel ver­tre­te­ne The­se, man kön­ne den Anti­se­mi­tis­mus aus der Welt schaf­fen, indem alle Juden sich zur wah­ren christ­li­chen Reli­gi­on bekenn­ten und tau­fen lie­ßen, ist in so vie­ler Hin­sicht absurd, dass man dar­über kei­ne Wor­te zu ver­lie­ren braucht.

Dann aber las ich Gebrann­tes Kind sucht das Feu­er, die erst­mals 1986 auf Deutsch erschie­ne­nen und etwas irre­füh­rend mit Roman unter­ti­tel­ten Lebens­er­in­ne­run­gen von Lang­gäs­sers Toch­ter Cor­de­lia Edvard­son – „Das Buch ist ein Roman in dem Sinn, dass es ganz bewusst künst­le­risch gestal­tet, jedes Wort ganz bewusst gewählt wur­de“, so die Autorin in einem Inter­view. Ich war erschüt­tert und über­wäl­tigt: Wie konn­te es sein, dass ein Buch von sol­chem Gewicht seit nun schon gerau­mer Zeit ver­grif­fen war? Ohne Zwei­fel gehört es in die Kate­go­rie der blei­ben­den Holo­caust-Erin­ne­run­gen, eben­so wie die Bücher von Pri­mo Levi, Imre Ker­té­sz, Jor­ge Sem­prún, Ruth Klü­ger oder Tho­mas Buer­gen­thal. Es war, so dach­te ich, nicht bloß eine lite­ra­ri­sche Unge­rech­tig­keit, dass Cor­de­lia Edvard­sons Buch nicht mehr Teil des all­ge­mei­nen Gesprächs war, nein, es schien mir ein ech­tes Ver­säum­nis der Erin­ne­rungs­kul­tur – es gibt weiß Gott nicht so vie­le klar­sich­ti­ge Zeu­gen­be­rich­te aus dem Inners­ten der deut­schen Tötungs­ma­schi­ne­rie, dass man es sich leis­ten  könn­te, einen der über­zeu­gends­ten davon zu igno­rie­ren.

II

Der Grund dafür, dass Gebrann­tes Kind sucht das Feu­er nicht viel bekann­ter ist, liegt wohl para­do­xer­wei­se dar­in, dass das Buch sol­che Kraft ent­fal­tet. Man kann es anders nicht sagen: Es ist eine furcht­ba­re Lek­tü­re. Der oft zu leicht gebrach­te Hin­weis trig­ger war­ning