Flaubert ist der Chef

Lek­tü­re­no­ti­zen von Ste­fan Kut­zen­ber­ger

Vere­na Ross­ba­cher:
Mon Ché­ri und unse­re demo­lier­ten See­len
Seit­dem ich Schrift­stel­ler spie­le, darf ich immer wie­der ech­te Schrift­stel­le­rin­nen und Schrift­stel­ler ken­nen­ler­nen. Das ist der Vor­teil. Der Nach­teil ist, dass ich von die­sen nie etwas gele­sen habe, weil ich dem durch nichts begrün­de­ten Vor­ur­teil nach­hän­ge, dass die deutsch­spra­chi­ge Gegen­warts­li­te­ra­tur eher müh­sam ist. Jetzt habe ich Vere­na Ross­ba­cher auf einer Lesung ken­nen­ge­lernt und wir haben ver­ein­bart, uns gegen­sei­tig zu lesen. Also las ich ihren mit dem Öster­rei­chi­schen Buch­preis aus­ge­zeich­ne­ten Roman, fuhr dafür gleich auf Kur, um dann dort, umge­ben von im Febru­ar­wind rau­schen­den Fich­ten, die­ses groß­ar­ti­ge und fünf­hun­dert Sei­ten star­ke Buch in nur drei Tagen zu ver­schlin­gen. Vor­ur­tei­le sind dann eben doch ver­früh­te Urtei­le, denn wenn die deutsch­spra­chi­ge Lite­ra­tur so klingt, dann klingt sie abso­lut über­zeu­gend: Frech, rot­zig und sehr cle­ver. Und lus­tig und aus­ge­las­sen und trau­rig und melan­cho­lisch. Mit einem Leber­wi­ckel in mei­nem Kur­heim­bett lie­gend, berühr­te mich das Buch so sehr, dass ich fast durch­wegs gegen die Trä­nen der Rüh­rung ankämpf­te. Ob das aber reicht, um mein Vor­ur­teil nach­hal­tig zu ver­schie­ben, wird die wei­te­re Lek­tür­elis­te des Früh­jahrs wei­sen.

Danie­la Dröscher:
Zei­ge dei­ne Klas­se. Die Geschich­te mei­ner sozia­len Her­kunft
Sie­he da, auch das nächs­te Buch ist deutsch­spra­chig. Ein deut­sches deutsch­spra­chi­ges Buch, emp­foh­len von einer Kol­le­gin nach einer Lesung in Mün­chen. Dass die öster­rei­chi­sche Lite­ra­tur gut ist, ist eh klar (sie­he die Lite­ra­tur­ge­schich­te und oben). Bei Danie­la Dröscher klingt es schon eher wie befürch­tet, dann aber doch nicht. Hin­ter der auto­fik­tio­na­len sozia­len Stu­die der Her­kunft der Schrift­stel­le­rin summt deut­lich eine Grun­di­ro­nie durch, die sich auch for­mal durch ein fröh­li­ches Schrift­bild aus­drückt, in dem in ver­schie­de­nen Typo­gra­phien Kalen­der­sprü­che der Autorin mit klu­gen Sät­zen fran­zö­si­scher Post­struk­tu­ra­lis­ten und Post­struk­tu­ra­lis­tin­nen abwech­seln. Ich habe viel über das Auf­wach­sen in der deut­schen Pro­vinz gelernt, und es ist immer schön, über den Weg in die Lite­ra­tur und das Wer­den einer Schrift­stel­le­rin zu lesen.

Mer­cè Rodo­re­da:
Auf der Pla­ça del Dia­mant
Die Früh­jahrs­le­se­tour beginnt. Sie wird mich von Bar­ce­lo­na über Kopen­ha­gen und Istan­bul bis nach Tunis füh­ren. Eigent­lich unglaub­lich. Dank­bar, demü­tig und unbe­schei­den zugleich neh­me ich es an. Auf der Pla­ça del Dia­mant gilt als einer der wich­tigs­ten kata­la­ni­schen Roma­ne des zwan­zigs­ten Jahr­hun­derts und spielt im Stadt­vier­tel Grá­cia, wo auch mein Zim­mer ist. Auf dem namens­ge­ben­den Platz steht eine Sta­tue von Col­me­na, der Prot­ago­nis­tin des Romans. Es ist immer schön, wenn die Lite­ra­tur der Wirk­lich­keit ihre Spu­ren auf­drängt. Col­me­na ver­liert im Spa­ni­schen Bür­ger­krieg ihren Mann und muss nun irgend­wie die klei­nen Kin­der über die Run­den brin­gen. Ein kriegs­ver­sehr­ter Kauf­mann bie­tet ihr Arbeit und schließ­lich die Ehe an. Er ist ein groß­zü­gi­ger Part­ner und auch Stief­va­ter, doch Col­me­na bleibt distan­ziert. Am Schluss des Romans liegt sie aber neben ihm und denkt: „Ich möch­te nicht, dass er mir stirbt.“ Es ist dies eine der berüh­rends­ten Lie­bes­be­kun­dun­gen der Welt­li­te­ra­tur.

Ulrich Becher:
Das Pro­fil
Die­ses Buch habe ich nach einer Lesung in Wien vom Ver­an­stal­ter mit einer drin­gen­den Lek­tü­re­emp­feh­lung geschenkt bekom­men und im März in Kopen­ha­gen gele­sen. (Lek­tü­re­no­ti­zen erge­ben nur in Kom­bi­na­ti­on mit Ort und Zeit einen Sinn. Wir wis­sen, dass die Rezep­ti­on an einem ande­ren Ort, in einer ande­ren Situa­ti­on, völ­lig unter­schied­lich ver­lau­fen wäre). Ulrich Becher war mir bis­her unbe­kannt, aber ich gelo­be Bes­se­rung, nicht nur die deutsch­spra­chi­ge Lite­ra­tur betref­fend, son­dern über­haupt. Becher ist als supra­na­tio­na­ler deutsch-öster­rei­chisch-schwei­ze­ri­scher Schrift­stel­ler beson­ders geeig­net, Vor­ur­tei­le abzu­bau­en. Und Das Pro­fil ist so wild und gefähr­lich, wie es Roma­ne sein soll­ten und wie sie es in den Anfän­gen der Gat­tung auch waren, mit anar­chi­schen Wer­ken wie Gar­gan­tua und Pan­ta­gruel oder auch dem Qui­jo­te, nur um dann vom Bür­ger­tum domes­ti­ziert wor­den zu sein. Umso wich­ti­ger, wenn da einer wie Becher kommt und berich­tet, wie der ame­ri­ka­ni­sche Jour­na­list Den­nis P. Hownd­ren den deut­schen Exilma­ler Alt­dor­fer in des­sen Haus auf Long Island inter­viewt, was schließ­lich nackt, besof­fen und unge­hemmt in einem ent­fes­sel­ten Hur­ri­kan endet.

Orhan Pamuk:
Istan­bul
Vor über einem Jahr­zehnt war ich in Delhi und habe dort in einer Buch­hand­lung Pamuks Muse­um of Inno­cence gefun­den. Die­se gro­ße, unvoll­ende­te Lie­bes­ge­schich­te hat mich an die eige­ne uner­füllt geblie­be­ne Lie­be der Ado­les­zenz erin­nert und des­halb auch begeis­tert. Orhan Pamuk beginnt sei­nen Roman Muse­um der Unschuld mit dem schö­nen, jedoch unsin­ni­gen Satz: „Es war der glück­lichs­te Augen­blick mei­nes Lebens, und ich wuss­te es nicht ein­mal.“ Denn wie soll­te man es auch wis­sen? Solan­ge das Leben auch nur einen Atem­zug län­ger dau­ert, könn­te der glück­lichs­te Augen­blick noch in der Zukunft lie­gen. Ich hoff­te zumin­dest sehr, dass ich mei­nen noch nicht erlebt hat­te. Im Roman ist Kemal unglück­lich in Füsun ver­liebt, und immer, wenn er sie besucht, lässt er klei­ne, wert­lo­se Gegen­stän­de mit­ge­hen, sodass er nach und nach in einem ihr gewid­me­ten Muse­um lebt, im Muse­um der Unschuld. Mit dem Nobel­preis­geld hat Pamuk die­ses Muse­um Rea­li­tät wer­den las­sen, und als ich nun in Istan­bul war, habe ich es besucht. Alle im Roman beschrie­be­nen Gegen­stän­de sind dort sorg­fäl­tig prä­sen­tiert, inklu­si­ve der 4.231 Ziga­ret­ten­stum­mel mit Lip­pen­stift­spu­ren, jeder ein­zel­ne beschrif­tet, wann und wo er von Füsun geraucht wor­den war (mit Ziga­ret­ten ist es anschei­nend ähn­lich wie mit Büchern, das Wo und Wann ent­schei­det dar­über, wie gut sie sind). Pamuks Muse­um der Unschuld (das Haus) ist eines der lie­be­volls­ten und schöns­ten Muse­en über­haupt und eines der beein­dru­ckends­ten Bei­spie­le, wie Lite­ra­tur den Sprung in die rea­le Welt schaf­fen kann. Im Shop kauf­te ich Pamuks auto­fik­tio­na­le Geschich­te sei­ner Stadt Istan­bul, das ähn­lich melan­cho­lisch auf eine unter­ge­gan­ge­ne Epo­che blickt wie Ste­fan Zweigs Welt von Ges­tern.

Glauco Cambon: Salammbo

Bunt, opu­lent und über­trie­ben: Gust­ave Flau­berts Salam­bo – hier ima­gi­niert von Glau­co Cam­bon 1906.

Gust­ave Flau­bert:
Salam­bo
Kar­tha­go, die Phö­ni­zi­er, die Puni­schen Krie­ge, das alles habe ich in der Schu­le gelernt, viel mehr als die­se exo­tisch klin­gen­den Namen war aller­dings nicht mehr übrig. Geschich­te schafft es lei­der nie, in mei­nem Gedächt­nis zu blei­ben. Da hielt die S‑Bahn, die von Tunis ans Meer ging, in der Sta­ti­on Salam­bo. Das war etwas ande­res, das war nicht Geschich­te, das war Lite­ra­tur! Salam­bo, der zwei­te Roman von Gust­ave Flau­bert, benannt nach der fik­ti­ven Toch­ter von Hamil­kar Bar­kas, einem kar­tha­gi­schen Staats­mann und Feld­her­ren. Die­ser Stadt­teil hier war also nach einer Roman­fi­gur benannt! Wie immer erfass­te mich ein Schau­er, wenn Fik­ti­on den Sprung in die Rea­li­tät schafft. Der eng­li­sche Roman­ti­ker Samu­el Tay­lor Coler­idge drückt das in einem Gedan­ken­ex­pe­ri­ment aus: „Was, wenn du im Traum zum Him­mel stie­gest und dort eine selt­sa­me und wun­der­schö­ne Blu­me pflück­test? Und was, wenn du erwach­test und die Blu­me in dei­ner Hand hiel­test? Was dann?“ Ja, was dann? Und was, wenn du eine Roman­fi­gur Salam­bo nennst und dann mit dem Zug fährst und die­ser hält in einer Sta­ti­on, die nach eben­die­ser benannt wur­de? Was dann? Ist dann die Lite­ra­tur stär­ker als die soge­nann­te Rea­li­tät? Ich glau­be schon, ich glau­be, dass dem so ist, dass unse­re Rea­li­tät nur eine ober­fläch­li­che Ver­si­on der Mög­lich­kei­ten der Lite­ra­tur ist. Auch wenn ich in der Lite­ra­tur­ge­schich­te auch nicht viel bewan­der­ter bin als in der Welt­ge­schich­te. Von Flau­bert habe ich im rich­ti­gen Moment drei Roma­ne gele­sen: Bou­vard und Pécu­chet in einer Zeit, als ich mit mei­nem Schul­freund Wol­fi zusam­men­leb­te, wir einen Kul­tur­ver­ein zur Über­win­dung der Post­mo­der­ne gegrün­det hat­ten (und gewan­nen, denn wo ist die Post­mo­der­ne jetzt?) und wie die bei­den Hel­den in Flau­berts letz­tem Werk die Welt erklä­ren woll­ten. Ein wil­der und gefähr­li­cher Roman, einer der größ­ten wahr­schein­lich. Und dann Madame Bova­ry, als Geschenk von mei­ner Freun­din, die kurz davor mei­ne Exfreun­din gewor­den war. Was woll­te sie mir damit sagen? Wahr­schein­lich nur, dass es pein­lich war, dass ich sol­che Monu­men­te der Welt­li­te­ra­tur noch nicht gele­sen hat­te, sodass ich gleich dar­auf die Lehr­jah­re des Gefühls nach­leg­te, wie das Muse­um der Unschuld ein Buch der hoff­nungs­lo­sen Lie­be und damit der Roman mei­ner Jugend. Und jetzt emp­fahl mir eine S‑Bahn-Sta­ti­on den sofor­ti­gen Kauf von Salam­bo. Die nächs­ten Tage las ich es wie hyp­no­ti­siert und es zeig­te sich wie­der: Flau­bert ist der Chef. Ganz anders als sei­ne ande­ren Roma­ne, aber wie­der auf gewis­se Art per­fekt (was ein Roman eigent­lich nie sein kann, gera­de ein guter nicht. In der Lite­ra­tur geht es um das Hin­ab­spä­hen in den Abgrund, um das Her­an­tas­ten an das Unsag­ba­re, um das Über­schrei­ten von Gren­zen. Dabei muss man unwei­ger­lich strau­cheln. Per­fek­ti­on strau­chelt nicht, denn sie ist das Gegen­teil von Über­schrei­tung, sie ist Voll­endung und damit gesetz­te Lan­ge­wei­le). Wie Flau­bert hier aller­dings Geschich­te, Krie­ge, Reli­gi­on, Lei­den­schaft, Ver­blen­dung, Lust und Las­ter zusam­men­führt ist schlicht makel­los, und gleich­zei­tig bunt, opu­lent und über­trie­ben wie ein Aben­teu­er von Aste­rix und Obe­lix – und genau­so wild und gefähr­lich.

Leï­la Sli­ma­ni
Der Duft der Blu­men der Nacht
Die­ser schma­le Band wur­de mir inner­halb einer Woche zwei Mal ans Herz gelegt, sodass ich ihn gekauft habe. Die Autorin berich­tet von einer Nacht, die sie als lite­ra­ri­sches Pro­jekt allein im Muse­um Pun­ta del­la Doga­na in Vene­dig ver­bringt. Dabei asso­zi­iert sie vor sich hin, über ihr Leben, ihre Her­kunft, ihre Bücher, ihre Bezie­hung zur Kunst. Man erfährt über ihr Auf­wach­sen in Marok­ko, über ihren Neu­be­ginn als Schrift­stel­le­rin in Paris, über ihr Schrei­ben am neu­en Roman in der klei­nen Woh­nung, die sie sich als Büro ange­mie­tet hat. All das ist aber weder wild noch gefähr­lich, son­dern eher brav und pflicht­be­wusst anein­an­der­ge­reiht. Und sie gesteht ja selbst, dass sie eigent­lich kei­ne Zeit für die­ses Zwi­schen­buch hat, dass sie in Ruhe an ihrem Roman schrei­ben möch­te, von der Lek­to­rin aber dazu gedrängt wor­den ist. Zu Recht, aus Ver­lags­per­spek­ti­ve betrach­tet, denn der Figa­ro befand: „Geni­al und berüh­rend. Ein Meis­ter­werk“. Geni­al ist auch ein Renn­pferd, monier­te Musil im Mann ohne Eigen­schaf­ten. Ich habe Der Duft der Blu­men der Nacht gern und schnell gele­sen, aber da war mehr drin. Und gar so gänz­lich ohne Witz und Iro­nie, wie es Leï­la Sli­ma­ni in die­sem Büch­lein tut, soll­te man doch nicht auf sein Leben bli­cken, wo bleibt denn da die Sprung­kraft, für die wir schließ­lich die Lite­ra­tur haben? Nur durch die Ver­schie­bung des Blick­win­kels, gar­niert mit dem Wis­sen, dass alles auch anders sein könn­te, haben wir dank der Lite­ra­tur die Fähig­keit, unse­rem Dasein die schmerz­haf­tes­te Spit­ze zu neh­men. Viel­leicht bin ich aber auch nur eifer­süch­tig, dass sie das Buch geschrie­ben hat, das ich mir, in mei­ner Zeit als Halb­tags­bi­blio­the­kar im Leo­pold Muse­um, vor­ge­nom­men hat­te zu schrei­ben.

 

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Ste­fan Kut­zen­ber­ger, gebo­ren 1971 in Linz, lebt als Schrift­stel­ler, Literaturwissen­schaftler und Kura­tor in Wien. Zuletzt er­schien von ihm der Roman Kilo­me­ter Null (Ber­lin Ver­lag, 2022).

Online seit: 19. August 2023

Zuletzt geän­dert: 20. Aug. 2023