Andreas Maier: Neulich

„Es ist wie bei einer kol­lek­ti­ven Mas­sen­hin­rich­tung quer durch Euro­pa, Jahr für Jahr. Neu­lich frag­te sogar die FAZ, war­um da die Poli­tik nichts tue.“

Neu­lich dach­te ich an mei­ne ers­ten Roma­ne zurück. Damals war die Welt völ­lig in Ord­nung, zumin­dest, was die Zukunft und die Umwelt betraf. Alle (ich rede von den Jah­ren 1995 bis 2005, oder genau­er gesagt wohl bis 2008) waren völ­lig opti­mis­tisch, dass alles auf dem Weg hin zu einer tota­len Bes­se­rung sei. Man schwärm­te von qua­si abgas­frei­en Auto­mo­bi­len, und sie wur­den für einen win­zi­gen his­to­ri­schen Moment sogar klei­ner in Deutsch­land (natür­lich nur, um anschlie­ßend noch viel grö­ßer zu wer­den).

Ein Wochen­ma­ga­zin wie etwa die ZEIT war damals so grün­ge­wa­schen (obwohl es den Aus­druck viel­leicht noch gar nicht gab), dass es eine indi­vi­du­al­ver­kehrs­in­klu­die­ren­de Uto­pie aus­ru­fen konn­te. Alles wür­de mit­ein­an­der ver­ein­bar sein, Wie­sen, Stra­ßen, Blech­kis­ten, gute Nah­rung, gesun­de Luft, glück­li­che Kühe, sau­be­re Atom­kraft­wer­ke, für einen Moment sah die Welt aus wie weni­ge Jah­re spä­ter die Auto­wer­bung (luf­ti­ge Land­schaf­ten, fro­he Fami­lie, blau­er Him­mel).

Wer an die­ses Bild nicht glaub­te, wur­de noch regel­mä­ßig öffent­lich zer­ris­sen als Fins­ter­ling, Mis­an­throp, Fort­schritts­ver­wei­ge­rer oder gar, ganz übel, Zivi­li­sa­ti­ons­kri­ti­ker! Zei­tun­gen wie die FAZ hat­ten einen guten, haus­ei­ge­nen Grund dafür, denn sie hat­ten die Res­sorts Wirt­schaft und Finan­zen. Die wuss­ten immer, dass man den „Zivi­li­sa­ti­ons­kri­ti­kern“ das Feld nicht über­las­sen darf, wenn man in Form von Geld denkt (die Donal­dis­ten als Dago­ber­tis­ten). Sol­che wie die ZEIT wie­der­um ent­kräf­te­ten Ver­wei­ge­rer- oder Ableh­nungs­po­si­tio­nen ein­fach kraft die­ser oben skiz­zier­ten ange­nehm betäu­ben­den Uto­pie, eigent­lich Escha­to­lo­gie. Damals stand kein „Wir schaf­fen das“ im Raum, damals war die all­ge­mein beglau­big­te Maxi­me „Eigent­lich haben wir es schon geschafft“.

Wofür hat sich die brei­te deut­sche Öffent­lich­keit jemals wirk­lich inter­es­siert, oder sagen wir, enga­giert? Bei was geht es bei ihr ans Ein­ge­mach­te?

Ein­schub: Die deut­sche Öffent­lich­keit kann sich natür­lich mit hoher Ener­gie für sehr viel inter­es­sie­ren und enga­gie­ren. Neh­men wir zum Bei­spiel ein ganz nor­ma­les Hele­ne-Fischer-Groß­kon­zert. Das ist vom Preis her, von der Anstren­gung her, die man unter­neh­men muss, von den Ent­beh­run­gen, die man auf sich zu neh­men hat (man könn­te ja auch ein­fach auf dem Sofa sit­zen­blei­ben), sicher mit einem Drei­vier­tel­tag Cas­tor­trans­port zu ver­glei­chen. Ganz ähn­li­che Anstren­gun­gen unter­nimmt die deut­sche Gesell­schaft auch jedes Wochen­en­de, wenn es um Fuß­ball geht. Oder die­se Mas­sen­volks­ver­schie­bun­gen nach Mal­lor­ca oder in die Tür­kei mehr­fach im Jahr! Oder Okto­ber­fest! Also, wir Deut­schen kön­nen durch­aus Leis­tung zei­gen, wenn wir wol­len.

Wofür also hat sich die brei­te deut­sche Öffent­lich­keit – also der nor­ma­le Mann auf der Stra­ße (the white man) – zum letz­ten Mal inter­es­siert, und bei wel­cher Gele­gen­heit hat sich die­se Öffent­lich­keit wirk­lich mal umfas­send und kol­lek­tiv enga­giert? Nein, ich mei­ne jetzt nicht gegen die Flücht­lin­ge, ich mei­ne vor­her.

Das war, als SPD und Grü­ne an die Regie­rung kamen und die Grü­nen über­leg­ten, den Sprit­preis auf 5 Mark zu erhö­hen. Da war was los im Land! Da haben selbst die Las­ter­fah­rer demons­triert. Eigent­lich war das die größ­te Mobi­li­sie­rungs­kam­pa­gne mei­nes Lebens. Es ging auch nur weni­ge Tage, seit­dem gal­ten die Grü­nen als geis­tes­krank und haben ziem­lich lang gebraucht, sich davon zu erho­len. Einen sol­chen Feh­ler wer­den sie nicht mehr bege­hen. Und genau ab da wur­den die Autos ja auch grö­ßer als je zuvor. So ant­wor­te­te der Deut­sche dar­auf, dass man ihm ans Auto­fah­ren gehen woll­te. Wenn ich heu­te wie­der mal in Frank­furt bin und am Sach­sen­häu­ser Berg zwi­schen den Klein­gär­ten her­um­lau­fe, pas­sen auf den gemüt­li­chen Sträss­lein kei­ne zwei Autos mehr anein­an­der vor­bei. Zwei, und es ist schon Stau. Ich genie­ße das jedes Mal.

Vor ein paar Tagen sag­te mei­ne Frau, die Autos röchen plötz­lich anders. Mir ist das auch schon auf­ge­fal­len. Viel­leicht die neue Soft­ware? Seit der Regie­rungs-Umpro­gram­mie­rungs-Gebots-Stun­de für die Autos ist die­ser selt­sa­me Geruch da. Die Autos hat­ten schon mal ange­fan­gen, anders zu rie­chen, das ist etwa zwan­zig Jah­re her. Plötz­lich rochen sie nach Chlor. Oder so ähn­lich. Der Geruch wirk­te auf jeden Fall adstrin­gie­ren­der als ein frü­he­rer, ganz nor­ma­ler Ben­zin­mo­tor.

Was waren das damals für Zei­ten, also noch alles grün und gesund war, vor zehn, fünf­zehn Jah­ren! Heu­te steht in allen Zei­tun­gen, dass wir die inner­städ­ti­sche Bevöl­ke­rung stra­te­gisch umbrin­gen. Dass jeder, der hier mit sei­nem Auto her­um­fährt – been­den wir den Satz höf­li­cher­wei­se nicht. Zah­len ste­hen selbst in der FAZ. Es ist wie bei einer kol­lek­ti­ven Mas­sen­hin­rich­tung quer durch Euro­pa, Jahr für Jahr. Neu­lich frag­te sogar die FAZ, war­um da die Poli­tik nichts tue.

Ich fin­de es immer wie­der beach­tens­wert, wie die Men­schen inner­halb von zehn Jah­ren völ­lig ver­ges­sen kön­nen, was sie vor­her gesagt und getan haben. Sie könn­ten sich ja wenigs­tens mal ent­schul­di­gen. Fins­ter­ling! Mis­an­throp! Fort­schritts­ver­wei­ge­rer! Zivi­li­sa­ti­ons­kri­ti­ker!

Ich über­le­ge schon seit über drei­ßig Jah­ren, mich mit einem Ver­bren­nungs­mo­tor­block auf die Gas­se zu stel­len und sei­ne Abga­se den nächs­ten Pas­san­tin­nen und Pas­san­ten ins Gesicht zu bla­sen. Die Poli­zei hät­te mich bin­nen fünf Minu­ten abge­holt, und vor Gericht wür­de es bestimmt lus­tig.

Neu­lich hol­te Mar­tin Schmel­ter, ein Apfel­wein­trin­ker, sei­nen VW-Käfer aus der Gara­ge. Er hat ihn seit über zehn Jah­ren rekon­stru­iert, nur Ori­gi­nal­tei­le, jetzt kann er fah­ren, und wie er riecht! Er riecht nach Ben­zin. Ein­fach nach Ben­zin. Du riechst ihn schon aus zwan­zig Metern. Wie in mei­ner Jugend (als ich zum ers­ten Mal die Motor­block­fan­ta­sie hat­te, das war übri­gens auf mei­nem täg­li­chen Schul­weg in Fried­berg in der Wet­ter­au). Damals waren Autos wenigs­tens noch ehr­lich.

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Andre­as Mai­er, gebo­ren 1967, lebt als frei­er Schrift­stel­ler in Ham­burg. Er ver­öf­fent­lich­te im Suhr­kamp Ver­lag die Roma­ne Das Haus (2012), Die Stra­ße (2013) und Der Ort (2015) sowie die Kolum­nen­samm­lung Mein Jahr ohne Udo Jür­gens (2015). Zuletzt erschien sein Roman Der Kreis (Suhr­kamp).

Quel­le: VOLLTEXT 3/2017

Online seit: 11. Janu­ar 2018

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Zuletzt geän­dert: 11. Jan. 2018