Alfonsina Storni: Der Blick

Lyrik-Log­buch: Ein­tra­gun­gen zu Gedich­ten der Gegen­wart

Unter der Last der Jah­re wer­den die fei­nen Leu­te
mor­gen zuse­hen, wie ich vor­über­ge­he,
aber unter dunk­lem Tuch und müder Haut
glimmt das alte Feu­er noch ein wenig auf.
Ich wer­de sie fra­gen hören, wer die denn sei,
die da vor­über­ge­he. Und eine Stim­me wird erwi­dern:
„Ach, in guten Jah­ren schrieb sie
Gedich­te. Lang ist’s her, sehr lang.“
Ich aber wer­de wei­ßes Haar haben,
hel­le Augen, um den Mund
eine gro­ße Gelas­sen­heit, und mein Lächeln
wird, wenn ich das höre, nicht erlö­schen.
Lang­sam wer­de ich wei­ter­ge­hen,
mit mei­nem Blick in ihre Augen sehen,
mein Blick wird ganz in die Tie­fe drin­gen,
und einer in der Men­ge wird ver­ste­hen.

„Die­ser Band schließt die Werk­aus­ga­be von Alfon­si­na Stor­ni in der Edi­ti­on Maul­hel­den ab“, notiert Hil­de­gard E. Kel­ler nach fünf volu­mi­nö­sen Bän­den, die das Werk einer 1938 in Argen­ti­ni­en ver­stor­be­nen Frau zugäng­lich machen. Was ist da nur los in Hel­ve­ti­en, ist man einen Moment lang ver­sucht zu fra­gen? Wäh­rend in Deutsch­land sil­ber­bär­ti­ge Her­ren das baro­cke Wun­der­kind Sibyl­la Schwarz (1621–1638) in schma­len Bänd­chen edie­ren, legen alpen­län­di­sche Rebel­lin­nen Gesamt­wer­ke auf den Tisch. Man den­ke hier­bei etwa auch an die Her­aus­ge­ber­schaft der Lite­ra­tur von Mari­na Zweta­je­wa (1892–1941) durch Ilma Rakusa. Und da ist sie wie­der, die gan­ze Spann­wei­te jener Fra­ge: Wen oder was meint „femi­nis­ti­sche Lite­ra­tur“? Resti­tu­ti­on am Kanon? Ein Nach­trag? Aus der Vor­zeit her­vor­edier­te „weib­li­che Posi­tio­nen“ wie Sap­pho oder Sibyl­la Schwarz? Oder doch lie­ber Poe­sie, wie die­se hier, die wie eine Säge durchs Herz geht. Alfon­si­na Stor­ni – deren Werk aus jour­na­lis­ti­schen Bei­trä­gen, Thea­ter­stü­cken, Epis­teln und Erzäh­lun­gen besteht – ist ein wah­rer Mensch, kei­ne Frau, die sich erst bewäh­ren oder erwei­sen muss. Sie braucht nur die Evi­denz ihrer Wor­te, um sich aus­zu­drü­cken. In einem ande­ren Gedicht, das wie eine Pros­ami­nia­tur anmu­tet und den Titel „Kod­ak“ trägt, als sei es von der Weh­mut beim Betrach­ten alter schwarz­wei­ßer Bil­der inspi­riert, heißt es: „Auto. Von mei­nem Sitz aus konn­te ich nur den obe­ren Teil dei­nes Rückens sehen, die mäch­ti­gen Schul­tern, vom grau­en Anzug gezähmt, den braun­ge­brann­ten urwüch­si­gen Hals, den nass-glän­zen­den Kopf und dein Pro­fil, so per­fekt wie mit gro­ßen Axt­hie­ben geschnit­ten. Plötz­lich grif­fen agi­le Hän­de mit Stär­ke und Bestimmt­heit nach dem Lenk­rad. Und die Maschi­ne gehorch­te dir laut­los und füg­sam wie mein Herz.“ Lite­ra­tur, die aus der Ent­schei­dungs­macht und Selbst­be­haup­tung der Moder­ne gebo­ren ist, die sowohl das Visio­nä­re, die Sehn­sucht nach der Sehn­sucht, das Anma­ßen­de, das Glo­rio­se, das Genia­le als auch das Para­do­xe und Lächer­li­che ihrer Prot­ago­nis­tin­nen zeigt und zele­briert. Wer sich auf die­se hand­ver­le­se­nen Gedich­te von Alfon­si­na Stor­ni (*1892) ein­lässt, ent­deckt nicht nur den lust­vol­len Aus­bruch aus dem müden Fin de Siè­cle, er fin­det die kom­pli­zier­te Lebens- und Sprach­ge­schich­te am Fron­tier von Argen­ti­ni­en wie­der, die ita­lie­ni­schen Ein­flüs­se auf das Spa­ni­sche, die rau­en Figu­ren, die zwi­schen Schau­spiel­haus und Dschun­gel chan­gie­ren. Was hät­te wohl Eliza­beth Bishop auf Besuch aus Bra­si­li­en über die­se gebür­ti­ge Schwei­ze­rin gesagt? Wäre ihr die heim­li­che Kor­re­spon­denz im Tem­pe­ra­ment einer Syl­via Plath, Gabrie­la Mis­tral, Cla­ri­ce Lis­pec­tor oder Alfon­si­na Stor­ni in den Sinn gekom­men? – Paul-Hen­ri Camp­bell

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Alfon­si­na Stor­ni: Ultraf­an­ta­sía
Über­setzt, illus­triert und hand­ver­le­sen von Hil­de­gard E. Kel­ler.
Edi­ti­on Maul­hel­den No. 9, Zürich 2022.

Quel­le: VOLLTEXT 1/2023 – 14. März 2023

Online seit: 19. Juni 2023

Online seit: 19. Juni 2023

Zuletzt geän­dert: 19. Juni 2023