Unverlangt eingesandt

Zur neu­en VOLL­TEXT-Kolum­ne. Von Kris­ti­ne Kress

„Ah, Lek­to­rin! Da lesen Sie bestimmt den gan­zen Tag, oder? Und sonst?“ Lek­to­ren sind die unbe­kann­te Grö­ße des Lite­ra­tur­be­triebs, wer sie sind, was sie tun, man weiß es nicht so genau, und den meis­ten Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen dürf­te das auch ganz recht sein. Sie füh­len sich im Back­stage­be­reich sehr wohl und über­las­sen das Ram­pen­licht gern den Autorin­nen und Autoren, manch­mal auch dem Ver­le­ger. Es gehört zur Job­be­schrei­bung, sich in den Dienst ande­rer zu stel­len. Schließ­lich wählt man die­sen Beruf nicht unbe­dingt aus Gel­tungs­drang, wobei man sich Lek­to­rin­nen (die meis­ten sind ja Frau­en) auch nicht zu zurück­hal­tend vor­stel­len darf. Will man die Stim­men ande­rer zu Gehör brin­gen, soll­te man die eige­ne gut zu gebrau­chen wis­sen.

Und war­um jetzt die­se neue Kolum­ne? Wo doch gera­de demü­tig ver­si­chert wur­de, das Wort vor­ran­gig zum Woh­le ande­rer zu erhe­ben, die Tas­ta­tur nur im Namen ande­rer, Beru­fe­ne­rer zu bedie­nen? Nun ja. Wer ist schon gänz­lich frei von Eitel­keit? Das ist ein guter Grund, aber nicht der inter­es­san­tes­te. Viel­leicht ist es die­ser: Über die Tische der Lek­to­rin­nen und Lek­to­ren geht, was spä­ter in Buch­form ver­öf­fent­licht wird. Oder auch nicht. Das mag man begrü­ßen oder bekla­gen, solan­ge es Ver­la­ge gibt, wird es wohl so blei­ben. Jemand muss die Aus­wahl aus der Fül­le der Manu­skrip­t­an­ge­bo­te tref­fen und das Aus­ge­wähl­te dann gemein­sam mit sei­nem Urhe­ber in die best­mög­li­che Form brin­gen. Die Bedin­gun­gen, unter denen die­ses Aus­wäh­len und Ver­fei­nern geschieht, sind eben­so im Wan­del wie die Gesell­schaft ins­ge­samt, und hin­ter jeder Ent­schei­dung – sei es für ein Buch­pro­jekt, ein Autoren­fo­to oder eine Titel­for­mu­lie­rung – steht ein Indi­vi­du­um, das ver­sucht, im Span­nungs­feld zwi­schen Kunst und Kom­merz die Ide­al­li­nie zu fin­den und die Inter­es­sen von Autor und Ver­lag mit­ein­an­der in Ein­klang zu brin­gen (ger­ne so, dass es – in aller Beschei­den­heit – auch dem eige­nen Fort­kom­men dient).

Was die­se Indi­vi­du­en, die Lek­to­rin­nen und Lek­to­ren also, dabei beschäf­tigt und bewegt, was sie über­haupt den gan­zen Tag tun (Ach­tung, Spoi­ler: Lesen allein ist es nicht), soll Gegen­stand die­ser Kolum­ne sein, in der Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen aus klei­nen und gro­ßen Ver­la­gen von all dem erzäh­len, was vor der Buch­pre­mie­re geschieht. (Buch­pre­mie­ren wären auch ein gutes Kolum­nen­the­ma: Wer bekommt eine, war­um sind sie wich­tig – sind sie es? –, und wie erklä­re ich mei­nem Autor, dass es dies­mal lei­der kein Bud­get … ein ander­mal!) Die Büh­ne soll dies­mal Petra Gropp gehö­ren, die auf der dies­jäh­ri­gen Lek­to­ren­kon­fe­renz im Ber­li­ner Lite­ra­tur­haus die Tätig­keit der Lek­to­rin in 13 The­sen vor­ge­stellt hat, die wir in leicht ergänz­ter Form hier abdru­cken. Ein Letz­tes noch: Der Kolum­nen­ti­tel „Unver­langt ein­ge­sandt“ ver­dankt sich der inter­nen Bezeich­nung für Manus-
krip­te, die den Ver­lag unauf­ge­for­dert errei­chen, und er klingt schrof­fer als gemeint. Na gut, das stimmt nur halb. Es sind zu vie­le Tex­te, um sich über jeden zu freu­en, und die wenigs­ten eig­nen sich zur Ver­öf­fent­li­chung. Aber jede Ein­rei­chung steht auch für die Hoff­nung, dass viel­leicht jemand zuhört, dass das Signal emp­fan­gen und bestä­tigt wird. Das hat, wenn man es recht bedenkt, etwas Anrüh­ren­des. Im All­tag ist für die­se Art Nach­denk­lich­keit zwar wenig Platz, aber ohne den ent­mu­ti­gend hohen Sta­pel bezie­hungs­wei­se über­vol­len Mail-Ein­gang wür­de im Ver­lag etwas feh­len. Und ab und an ist ja auch eine Per­le dabei.

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Kris­ti­ne Kress, gebo­ren 1977, stu­dier­te Ger­ma­nis­tik, Phi­lo­so­phie und Indo­ne­si­sche Phi­lo­lo­gie. Nach Sta­tio­nen bei Tro­pen, Dumont, Kie­pen­heu­er & Witsch und dem S. Fischer Ver­lag war sie von 2009 an in unter­schied­li­chen Posi­tio­nen im Lek­to­rat der Ull­stein Buch­ver­la­ge tätig, wo sie für deutsch­sprachige und inter­na­tio­na­le Bel­le­tris­tik zustän­dig war. Seit 2021 freie Lek­to­rin, Dozen­tin und Über­set­ze­rin in Ber­lin.

Quel­le: VOLLTEXT 1/2023 – 14. März 2023

Online seit: 6. Juni 2023

Online seit: 6. Juni 2023

Zuletzt geän­dert: 6. Juni 2023