Vom Holz, das als Geige erwachte

Den­nis Coo­per legt mit Ich wünsch­te einen hyp­no­ti­schen Roman über sei­ne Lie­be zu einem bipo­la­ren Selbst­mör­der vor. Von Cle­mens J. Setz

Ich wür­de so weit gehen zu behaup­ten, dass Ich wünsch­te der bewe­gends­te Lie­bes­ro­man ist, den ich je gele­sen habe. Sel­ten hat mich ein Stück Pro­sa so durch­strahlt, so erschüt­tert und beglückt. Dabei könn­te man anneh­men, ich sei auf sei­ne Wucht gut vor­be­rei­tet gewe­sen. Denn es ist ja nicht das ers­te Mal, dass das selt­sa­me Leben von Geor­ge Miles, jener tra­gi­schen Figur, um die die Ein­zel­tei­le die­ses Buches krei­sen, von Den­nis Coo­per in ein Stück hyp­no­ti­scher, leuch­ten­der Pro­sa ver­wan­delt wur­de. Die Bezie­hung zu dem unend­lich kom­pli­zier­ten jun­gen Mann, der sich mit drei­ßig das Leben nahm, bil­de­te bereits den Nähr­bo­den für den viel­leicht unge­wöhn­lichs­ten Roman­zy­klus des spä­ten zwan­zigs­ten Jahr­hun­derts: den Geor­ge Miles Cycle. Er besteht aus den Roma­nen Clo­ser (dt. Ran), Frisk (dt. Sprung), Try (dt. Drei­er), Gui­de (dt. Fort) und Peri­od (dt. Punkt) und wur­de 1986 begon­nen, kurz nach­dem Coo­per von Ame­ri­ka nach Euro­pa über­sie­delt war. In Ams­ter­dam leb­te er in einer Woh­nung, deren Mie­ter kurz zuvor den Ver­stand ver­lo­ren hat­te und mit Gewalt in eine Psych­ia­trie gebracht hat­te wer­den müs­sen. Der Wahn­sin­ni­ge schrieb sich selbst fast jeden Tag Brie­fe nach Hau­se. Coo­per leb­te in stän­di­ger Angst, dass der Mann eines Nachts aus der geschlos­se­nen Abtei­lung aus­bre­chen und zu ihm kom­men könn­te.

Dennis Cooper © privat

Den­nis Coo­per: Pro­sa, die in den Glut­kern des Uni­ver­sums gestarrt hat.

Schon im ers­ten Roman, Clo­ser, begeg­nen wir einer Figur, die „Geor­ge Miles“ heißt. Die­ser geht, in einer sei­ner schwer fass­ba­ren chao­tisch-sui­zi­da­len Pha­sen, zu einem Mann namens Tom, der vom Sexu­al­mord beses­sen ist und sogar selbst Snuff-Fil­me her­stellt. Geor­ge lässt sich auf Toms bru­ta­le Prak­ti­ken ein; er tut Tom sogar den Gefal­len und stellt sich tot, wäh­rend die­ser mit ihm tut, was er will:

„Geor­ge hör­te eine lei­se Stim­me. ‚Irgend­wel­che letz­ten Wor­te?‘, frag­te sie. Geor­ge war über­rascht von der Fra­ge. Wenn er angeb­lich tot war, wie soll­te er dann spre­chen? Ande­rer­seits, war­um nicht? ‚Tote … reden … nicht‘, sag­te er in sei­ner bes­ten Gespens­ter­stim­me.1
Als Tom nicht lach­te, biss sich Geor­ge auf die Lip­pe. Das reich­te. Er brach in Trä­nen aus. Er spür­te eine Rei­he Hie­be auf dem Rücken. ‚Kei­ne Scheiß­ge­füh­le, hab ich gesagt!‘, brüll­te Tom. ‚Soll ich dich nun töten oder nicht?‘ ‚Nein‘, schluchz­te Geor­ge. ‚Ja, was machst du dann hier?‘ ‚Weiß ich doch nicht‘, plärr­te Geor­ge, ‚weiß ich nicht.‘“

In die­ser grau­en­er­re­gen­den Sze­ne, die mit Geor­ges schwe­rer Ver­let­zung endet, die er aller­dings über­lebt, wird ein Grund­the­ma in Coo­pers Werk auf­ge­spannt: die gera­de im ero­ti­schen Rausch nie ganz abzu­schüt­teln­de Gewiss­heit, dass ande­re Men­schen letzt­end­lich nur beweg­li­che Objek­te sind, und die auf die­se Ein­sicht fol­gen­de Rat­lo­sig­keit, das ver­wirr­te Wüh­len im dar­ge­bo­te­nen Kör­per­in­ne­ren, die sich unheim­lich über die eige­ne Anwe­sen­heit stül­pen­de Prä­senz eines ande­ren. Was wird aus dem, was wir begeh­ren? War­um ent­glei­tet es uns?

Als Geor­ges Mut­ter im Ster­ben liegt, besucht er sie im Kran­ken­haus und bemerkt an ihrem Bett ein rät­sel­haf­tes Objekt, in dem das Leben sei­ner Mut­ter kon­ser­viert scheint:

„Bei ihrem Kopf befand sich ein Video-Moni­tor. Ein klei­nes Licht zeich­ne­te Ber­ge quer dar­über. Geor­ge schau­te sich das eine Wei­le an. Es war nicht sehr inter­es­sant. Es sah aus wie die­se selt­sa­men Din­ge, die auf dem Fern­seh­bild­schirm erschie­nen, wenn das Pro­gramm eines Sen­ders nachts zu Ende war. Ver­such­te es etwas mit­zu­tei­len?“

Es erin­nert fast an die Fra­ge eines Leh­rers aus einem Kunst-Col­lege: Was ver­sucht uns die­ser Moni­tor zu sagen? Hyp­no­ti­siert von der abs­trak­ten Kunst des Herz­mo­ni­tors starrt Geor­ge eine Wei­le dar­auf. Dann, irgend­wann, glät­ten sich die von dem klei­nen Licht­punkt ins Schwar­ze gezo­ge­nen Berg­ket­ten zu einer Linie. Und es dau­ert eine Wei­le, bis er begreift, was es bedeu­tet. Zuerst erin­nert ihn die fla­che Linie an etwas ande­res, näm­lich an einen Stift, den sein Freund John übers Papier führ­te, um Geor­ges Kon­tu­ren fest­zu­hal­ten. Erst auf Umwe­gen ergibt sich die letzt­end­lich unver­ständ­lich blei­ben­de Ver­bin­dung zwi­schen Objek­ten und Lebe­we­sen, und der Über­gang ver­liert sich in einem unend­li­chen, von Dro­gen gedämpf­ten Hall­raum.

Phil­ip­pe, eine ähn­lich von dem Mord an einem hüb­schen Jun­gen beses­se­ne Figur wie Tom, fan­ta­siert in Clo­ser dar­über, Geor­ges Kör­per auf­zu­schnei­den: „Ich wür­de erwar­ten, jeman­den zu sehen, der mei­ne Fra­gen beant­wor­ten könn­te, indem er mich durch ihn betrach­tet. Er wür­de mir ähneln.“ Spä­ter heißt es: „Doch ganz gleich, wie sehr Geor­ge jetzt vol­ler Hie­ro­gly­phen steck­te, es ver­half Phil­ip­pe nicht zu grö­ße­rem Durch­blick.“

2

Unab­schüt­tel­bar geis­tert, mal unter die­sem, mal jenem Namen, die arche­ty­pi­sche Geor­ge-Miles-Figur durch den Zyklus. Aber schon beim Lesen des drit­ten Ban­des wird klar: Es kann sich hier um kei­ne direk­te Dar­stel­lung eines rea­len Men­schen han­deln, ganz und gar nicht. Hier pas­siert etwas voll­kom­men ande­res. All die­se Jun­gen, die­se melan­cho­li­schen, schwer fass­ba­ren Gebil­de, die­se – im gegen­wär­ti­gen Sprach­ge­brauch – wie NPCs, also non-playa­ble cha­rac­ters, in einem Com­pu­ter­spiel redu­ziert agie­ren­den Schat­ten­per­so­nen, kön­nen kein Por­trät sein. Aber was, wenn der Roman­zy­klus mit sei­ner atem­be­rau­ben­den Mischung aus Inti­mi­tät, Grenz-​über­schrei­tung und Poe­sie, gar nie als sol­ches gedacht war, son­dern bloß die Atmo­sphä­re fest­zu­hal­ten ver­sucht, in der die­se merk­wür­di­ge See­le einst exis­tiert hat? „Wer ist Geor­ge in den fünf Roma­nen? Zig­gy, Geor­ge, Kevin, …?“ Eine sol­che Fra­ge erscheint zuneh­mend absurd.

Und den­noch krei­sen die Sze­nen immer wie­der um den Wunsch, die­se eine fer­ne Per­son zu errei­chen. Oder, wenn man sie schon nicht errei­chen kann, zumin­dest mit ihr auf meta­phy­si­schem Wege zu ver­schmel­zen. In Gui­de, in dem eben­falls eine Autoren­fi­gur namens „Den­nis“ spricht, erfah­ren wir:

„Ich weiß einen fan­tas­ti­schen Trick. Wann immer mir jemand unter­kommt, den ich zuerst ficken und dann ermor­den möch­te, schlie­ße ich die Augen und stel­le mir vor, ich wäre in sei­ner Haut. Dann brin­ge ich ihn/mich dazu, her­um­zu­ge­hen, sich aus­zu­zie­hen, zu duschen, zu wich­sen, zu schei­ßen, zu pis­sen. Das ent­kräf­tet fast immer sei­ne Schön­heit, macht sie mensch­li­cher, ver­leiht ihr eine gewis­se Gleich­gül­tig­keit und Unsicht­bar­keit, und ver­bin­det sie mit mei­nen eige­nen kör­per­li­chen Bedürf­nis­sen, die im Grun­de alle mit blo­ßer Instand­hal­tung zu tun haben.“

Hier wird das meta­phy­si­sche Erschme­cken und Erfah­ren des Kör­pers der begehr­ten Per­son ledig­lich als Schutz­zau­ber gegen das Über­hand­neh­men der eige­nen Sexu­al­mord­fan­ta­sien dar­ge­stellt. Aber die­ses „In-ihm-Leben“ erscheint mir als Spiel­art des all­ge­mei­ne­ren Pro­jekts die­ser Bücher: die Über­win­dung der Kör­per­gren­zen, das Errei­chen des uner­reich­ba­ren Ande­ren.

Die extre­me bipo­la­re Stö­rung ver­wan­delt Geor­ge vor sei­nen Augen in eine Art
„Non-Per­son“.

Die Figur „Den­nis“ in Ich wünsch­te ist viel stär­ker aus­ge­bil­det als der Den­nis der frü­he­ren Bücher. Er, der „Autor von Geor­ge“ (denn für fast alle Leser der Welt ist Geor­ge Miles ja genau das: