Ein Trotzdem und ein Wunder

Dem Lite­ra­tur­kri­ti­ker Micha­el Braun zum 65. In memo­ri­am. Von Paul-Hen­ri Camp­bell

Vor sei­nem Tod schien Micha­el Braun man­chen wie eine Begleit­erschei­nung, Schar­nier und Staf­fa­ge, eine Omni­prä­senz, ein Sym­ptom des­sen, was mit freund­li­chen Meta­phern als Sze­ne oder Betrieb bezeich­net wird: „Halb Pater fami­li­as, halb Direk­tor eines Floh­zir­kus,“ wie Gre­gor Dot­z­au­er in sei­nem Nach­ruf notiert. Als kri­ti­sche Kapa­zi­tät auch „Mit­er­fin­der der neu­en deut­schen Lyrik­sze­ne.“

Es wird viel­leicht eine Zeit kom­men, wo man Micha­el Brauns sech­zig bis acht­zig Kri­ti­ken pro Jahr als Arte­fak­te einer sehr eigen­ar­ti­gen Kul­tur­ge­schich­te betrach­ten wird, die er seit 1986 kon­ti­nu­ier­lich aus sich her­aus­ge­schleu­dert hat, zuerst in der von Micha­el Busel­mei­er mit­ge­grün­de­ten und von Man­fred Metz­ner her­aus­ge­ge­be­nen Hei­del­ber­ger Wochen­zei­tung Die Com­mu­na­le.

Zwei‑, drei‑, vier­spal­ti­ge oder halb- und ganz­sei­ti­ge Kri­ti­ken wird man in Archi­ven auf ver­gilb­ten Zei­tungs­sei­ten im rhei­ni­schen For­mat mus­tern, in den Nürn­ber­ger Nach­rich­ten, der taz, der Zeit, der Badi­schen Zei­tung, der FAZ, der Bas­ler Zei­tung, der Süd­deut­schen Zei­tung, der Rhein­pfalz, der Saar­brü­cker Zei­tung, dem Tages­spie­gel, der Neu­en Züri­cher Zei­tung usf. – man nen­ne eine belie­bi­ge Tages- oder Wochen­zei­tung, und man wird dar­in den Namen Micha­el Braun unter einer Bespre­chung oder einem Inter­view ent­de­cken.

Dies­seits und jen­seits der Frist

Doch das Werk die­ses obses­si­ven Stim­men­samm­lers erschöpft sich weder im publi­zis­ti­schen Tun noch im inten­si­ven Wir­ken im Rund­funk. Viel­mehr wird es kom­ple­men­tiert bzw. grun­diert durch die fort­wäh­ren­de Bezie­hungs­ar­beit mit der leben­di­gen Lite­ra­tur­kul­tur. Kein oppor­tu­nis­ti­sches Netz­wer­ken, son­dern ein kun­di­ges Aus­lo­ten der Hal­tun­gen und Stim­mun­gen von Autor:innen und Insti­tu­tio­nen. Jahr­zehn­te­lang mode­rier­te er Som­mer für Som­mer etwa beim Erlan­ger Poe­ten­fest, beglei­te­te kri­tisch unzäh­li­ge Aben­de in Lite­ra­tur­häu­sern in der gesam­ten Repu­blik. Sein Wir­ken in zahl­rei­chen Ent­schei­dungs­gre­mi­en und Jurys, etwa beim Open Mike oder dem Leon­ce und Lena-Preis, warf zuerst Spot­lights auf Autoren wie Nico Bleut­ge oder Kers­tin Prei­wuß.

Trotz­dem war Micha­el Braun, im Gegen­satz zu den Sand­burg­ba­ro­nen der Gegen­warts­li­te­ra­tur, nicht wirk­lich ein Macht­mensch. Gegen­über jun­gen Autor:innen trat er nie als Gön­ner oder För­de­rer oder wohl­ge­sinn­ter Gate­kee­per auf, son­dern nobi­li­tier­te ihr Schrei­ben, indem er ihnen sei­ne beschei­de­ne Aner­ken­nung für ihre Fähig­kei­ten schenk­te, in ihnen das Selbst­ver­trau­en ins eige­ne Ver­mö­gen nähr­te. Die Grö­ße von Micha­el Braun ent­stand nicht ledig­lich aus der beflis­se­nen Klug­heit sei­ner Kri­tik, son­dern in der zar­ten Umsich­tig­keit sei­nes Habi­tus, aus sei­ner Ein­sicht, dass alle Lite­ra­tur sowohl Kön­nen, Gunst und Zufall ist, dass sie als ein Trotz­dem und als ein Wun­der ent­steht unter mehr oder weni­ger güns­ti­gen und ungüns­ti­gen sozia­len, wirt­schaft­li­chen oder poli­ti­schen Bedin­gun­gen, dass die Lite­ra­tur ihre Rele­vanz, Popu­la­ri­tät, auch ihre Lieb­ha­ber und Leser­schaft oft aus Grün­den gewinnt, die nicht immer aus ihr selbst ent­sprin­gen oder von ihren Autor:innen zu beein­flus­sen ist, dass sie das wan­kel­mü­ti­ge Pro­dukt aller Unge­schick­lich­keit des Genies ist.

Und hier ist viel­leicht die wert­vol­le Auto­no­mie sei­ner Urteils­kraft anzu­sie­deln. Kei­nem Zei­tungs­kon­zern ver­pflich­tet, von den Poli­ti­ken der öffent­lich-recht­li­chen Anstal­ten aus­ge­nom­men, bei redak­tio­nel­len Zän­ke­rei­en der Zeit­schrif­ten und Maga­zi­nen außen vor, gehör­te Micha­el Braun zu der raren Spe­zi­es der unab­hän­gi­gen Kri­ti­ker, das heißt, unab­hän­gig und doch ver­strickt in die Lau­nen und Trends des Betriebs, für  die er eine emp­find­li­che Anten­ne besaß. Aber war dies der ein­zi­ge mate­ri­el­le Grund sei­ner Unab­hän­gig­keit?

Als ich ihn ken­nen­lern­te, war er gera­de durch eine expe­ri­men­tel­le Krebs­be­hand­lung dem Tod von der Schip­pe gesprun­gen. Hät­te er nicht im Rhein-Neckar Gebiet gelebt, wo das Deut­sche Krebs­for­schungs­zen­trum eine exzep­tio­nel­le Ver­sor­gung der Men­schen garan­tiert, son­dern – sagen wir in Bran­den­burg oder im Bur­gen­land – er wäre viel frü­her heim­ge­gan­gen. Die­se limi­na­le Erfah­rung, die­se Tuch­füh­lung mit dem Tod, schenk­te ihm eine Urteils­kraft, die alles Mensch­li­che ins rela­ti­ve Ver­hält­nis zu set­zen wuss­te, mach­te ihn frei­er und kla­rer für das, was im Leben und in der Ästhe­tik zählt. Es ist tra­gisch fest­zu­stel­len, wie sehr die expe­ri­men­tel­le Spit­zen­me­di­zin im Neckar-Athen Hei­del­berg zwar ver­moch­te, die Frist die­ser See­le für ein paar Jah­re zu ver­län­gern, nur damit ihn am 23. Dezem­ber 2022 eine rela­tiv bana­le Lun­gen­em­bo­lie für immer fort­nahm.

Quel­len des Urteils

Sei­ne Urteils­kraft war klar, nicht unbe­irr­bar und schon gar nicht ohne Makel, aber an Wesent­li­chem ori­en­tiert; er wuss­te um die Gna­de der gro­ßen Din­ge, begriff sich aber selbst, wie es Deni­se Lever­tov ein­mal for­mu­liert hat, als einen Floh auf dem Rücken des Levia­than. Man wird viel­leicht ein­mal nach­skiz­zie­ren, wo die for­ma­ti­ven Augen­bli­cke die­ser Urteils­kraft lagen und alle Skiz­zen wer­den bloß ver­zerr­te Krit­ze­lei­en sein. Sie wer­den das Bild eines klei­nen Minis­tran­ten am Altar der neu­ro­ma­ni­schen Christ­kö­nig-Kir­che in Hau­en­stein zeich­nen, der, wie es ein Kind­heits­freund auf der Beer­di­gung berich­te­te, mit wei­he­vol­ler Akri­bie bei der Wand­lung mit dem Klöp­pel genau auf die Mit­te des Gongs schlägt (in der Pfalz ver­wen­det man bei der Wand­lung offen­bar einen Gong und kei­ne Glöck­chen).

Oder man wird von lang­jäh­ri­gen, zuver­läs­si­gen Bin­dun­gen erzäh­len, etwa dass Micha­el Braun und sei­ne Frau Doris in Hei­del­berg den­sel­ben Fri­seur hat­ten wie die Ver­le­ge­rin Ange­li­ka Andrucho­wicz, deren Geschäfts­part­ner Man­fred Metz­ner und der Kura­tor des Künst­ler­hau­ses Edenk­o­ben Hans Thill. Man wird sich an die durch­zech­ten Näch­te bei den jähr­li­chen Aus­flü­gen der drei Freun­de Micha­el Braun, Hen­ning Zie­britz­ki und Hau­ke Hück­städt an ihre jewei­li­gen Hei­mat­or­te erin­nern.

Michael Braun - taz Ausriss

Abb. 1

Din­cer Güçye­ter wird fest­stel­len, wie besorgt der Kri­ti­ker im Früh­jahr und Som­mer 2022 nach Ver­an­stal­tun­gen sofort zurück nach Hei­del­berg eil­te, weil sei­ne Frau in kar­dio­lo­gi­scher Behand­lung war. Alex­an­dru Bulucz wird über ein letz­tes Tref­fen am Ber­li­ner Haupt­bahn­hof berich­ten, bei dem die bei­den über die wohl letz­te Aus­ga­be der Zeit­schrift Park spra­chen. Man wird einen Schnip­sel aus der taz (Abb. 1) von 1989 anfüh­ren, in dem die Redak­ti­on auf Bit­te von Micha­el Braun die Namen der Lite­ra­tur­zeit­schrif­ten nach­trägt, die beim ursprüng­li­chen Bei­trag ver­ges­sen wor­den waren. Ulri­ke Draes­ner wird in der Zeit schrei­ben: „Selbst auf die Gefahr hin, sich zu täu­schen, ließ er sich dar­auf ein, und er for­mu­lier­te sei­ne Fra­gen und Erkennt­nis­se in einer Spra­che, die man mit Freu­de lesen woll­te: ein­fach – auf jene Wei­se, die nur ent­steht, wenn eine Sache wirk­lich durch­drun­gen wird.“

Bea­te Trö­ger wird an gemein­sa­me Auf­nah­men mit ihm im Stu­dio des Deutsch­land­funks den­ken, an eine glück­ver­hei­ßen­de bron­ze­ne Löwen­schnau­ze in Mün­chen und in der Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Zei­tung sagen: „Wor­aus sich Micha­el Brauns kri­ti­sches Erkennt­nis­in­ter­es­se speis­te, lässt sich auch durch eini­ge Titel sei­ner zahl­rei­chen Her­aus­ge­ber­schaf­ten prä­zi­ser fas­sen: Die Antho­lo­gien Aus Man­gel an Bewei­sen und Lied aus rei­nem Nichts, zwei gemein­sam mit Hans Thill her­aus­ge­ge­be­ne Bän­de mit deutsch­spra­chi­ger Lyrik des 21. Jahr­hun­derts, wei­sen eben­so wie der Titel Was ich weiß, geht mich nichts an. Essays zum 50. Todes­tag von Gün­ter Eich den Weg zu einer der Suche nach Wahr­heit ver­pflich­te­ten Skep­sis, in die Offen­heit bis in die Unsi­cher­heit.“ Insa Wil­ke wird am Tag der Bei­set­zung in Ber­lin eine Ker­ze auf ihrem Schreib­tisch anzün­den. Freund und Ver­le­ger Andre­as Heidt­mann wird sich über eine Ket­te von Ver­an­stal­tun­gen zu Gün­ter Eich wun­dern, die Micha­el Braun für 2023 bereits durch­or­ga­ni­siert hat­te. Man wird glück­lich über die Mil­de und Geduld lächeln, mit der Micha­el Braun Autor:innen ins Auge fass­te: egal ob sie zu den ambi­tio­nier­ten Haus­auf­ga­ben­ma­chern gehör­ten, den tren­di­gen Wel­len­rei­tern, den Biblio­theks­ge­schei­ten, den nase­rümp­fen­den For­ma­lis­ten, den pun­ki­gen Abseits­ste­hern oder den labi­len Chao­ten.

Ande­re wer­den im Gespräch fest­stel­len, dass Micha­el Braun allein in den letz­ten zehn Tagen vor sei­nem Tod mit drei oder vier Dut­zend Per­so­nen im Lite­ra­tur­be­trieb per Tele­fon, Mail oder per­sön­lich in direk­tem Aus­tausch gestan­den war.

Und so sehr all die­se Umstän­de zusam­men­ge­nom­men ledig­lich Anek­do­ten sein mögen, so sehr sind sie Wuchs­spu­ren einer Urteils­kraft, die das ästhe­ti­sche Bewusst­sein einer gesam­ten Sze­ne mit­präg­te. Sei­ne Kri­tik war auf inten­si­ve Wei­se per­sön­li­ches Anlie­gen, nicht klün­gel­haft oder par­tei­isch, fern vom Geba­ren eines Funk­tio­närs, viel­mehr gewann sie durch ihre Invol­vie­rung, ihre Ver­stri­ckung in die Bewe­gung der Poe­sie an Sinn und Wucht.

Selbst­ver­ständ­lich ver­moch­te Micha­el Braun eben­so eine schar­fe Feder zu füh­ren: Man den­ke nur an sei­ne bis­si­gen Kom­men­ta­re zur hel­ve­ti­schen Lite­ra­tur­sze­ne, für die er eine beson­de­re Hass­lie­be kul­ti­vier­te, obwohl er gera­de in Basel eine der glück­lichs­ten Pha­sen sei­ner Arbeit als Kri­ti­ker erleb­te. Urs Alle­mann lei­te­te in den 1990er- und frü­hen 2000er-Jah­ren ein spek­ta­ku­lär umfang­rei­ches Lite­ra­tur­feuil­le­ton in der Bas­ler Zei­tung, wofür er Micha­el Braun als soge­nann­ten Pau­scha­lis­ten ange­heu­ert hat­te.

Betrach­tet man die Medi­en­ge­schich­te der letz­ten vier­zig Jah­re durch das Schlüs­sel­loch Micha­el Braun, wird man mit ihm sehr früh fest­stel­len, wie sich nach dem 1990er-Boom an Publi­ka­tio­nen, schnell eine Frag­men­tie­rung und Fes­ti­vali­sie­rung der Sze­ne ent­wi­ckel­te, dass, wie er  fest­stell­te, die Lite­ra­tur als ästhe­ti­sche Kom­mu­ni­ka­ti­on und Erfah­rungs­raum einen neu­en Stel­len­wert gewann, ihre Aner­ken­nungs­me­cha­nis­men sich vom Markt ent­kop­pel­ten und stär­ker von staat­li­chen Insti­tu­tio­nen geprägt wur­den.

Er hin­ter­ließ, außer auf Whats­App, in den digi­ta­len Lite­ra­tur­sze­ne auch auf einer Hand­voll Blogs sei­ne Fin­ger­ab­drü­cke. Was er in Kom­men­tar­spal­ten unter Nach­rich­ten­ar­ti­keln wahr­nahm, betrach­te­te er unbe­küm­mert als white noi­se. Die kul­tu­ra­lis­ti­sche, anthro­po­zä­ni­sche und iden­ti­täts­po­li­ti­sche Wen­de, sowie deren Abflau­en betrach­te­te er als bele­ben­de Ent­wick­lun­gen. Trotz­dem war er bei aller Begeis­te­rung fürs digi­ta­le Stock Tra­ding letzt­lich ein Geschöpf der ana­lo­gen Wirk­lich­keit.

Essen­tia­lis­ti­scher Nest­be­schmut­zer und har­mo­nie­be­dürf­ti­ger Reak­tio­när

In die­ser ana­lo­gen Welt wird man ein­mal in der Bas­ler Zei­tung z.B. am 22. Okto­ber 1987 einen erbos­ten Leser­brief von einem Die­ter Kief aus Kreuz­lin­gen (CH) ent­de­cken, dar­in es heißt: „Dabei tut Braun so, als beherr­sche Diede­rich­sen zumin­dest pha­sen­wei­se die ver­nünf­ti­ge Rede, ver­möch­te die­se aber nicht durch­zu­hal­ten.“ Im Früh­jahr des glei­chen Jahrs wird man in der taz von Micha­el Braun eine pole­mi­sche Streit­schrift („Der Kri­ti­ker als Para­sit. Nicht gehal­te­ne Rede auf dem Kri­ti­ker-Tref­fen im Lite­ra­ri­schen Col­lo­qui­um“) über die vom Deut­schen Lite­ra­tur­fonds orga­ni­sier­te Zusam­men­kunft mit dem Titel „Lite­ra­tur­kri­tik oder Lite­ra­tur­ver­mitt­lung?“ fin­den, dar­in heißt es aus der Feder des 29-jäh­ri­gen „Stoi­kers“ aus der Pfalz: „Mein Tausch­wert auf dem Markt der lite­ra­tur­be­trieb­sa­men Eitel­kei­ten ist nicht all­zu hoch zu ver­an­schla­gen. Mei­ne Nest­be­schmut­zung wird daher die hier ver­sam­mel­ten lite­ra­tur­kri­ti­schen Instan­zen nicht son­der­lich berüh­ren, denn die fol­gen­den maso­chis­ti­schen The­sen sind nicht neu. ’Ein Feuil­le­ton schrei­ben heißt auf einer Glat­ze Locken dre­hen,‘ notiert Karl Kraus und trifft damit haar­scharf den Kern der Kri­ti­ker-Exis­tenz. […] So kämpft sich der Durch­schnitts­kri­ti­ker mit sei­nen immer­glei­chen Maß­stä­ben und Ver­dik­ten von Buch zu Buch und lässt sei­ne Opfer für die unend­li­che Lan­ge­wei­le büßen, die er ver­spürt. Da er zuneh­mend an sei­ner ana­chro­nis­ti­schen Exis­tenz lei­det, bedarf er grup­pen­the­ra­peu­ti­scher Ermunterungsveranstaltungen—wie die­ser hier im LCB. […] Und so ver­ab­rei­chen sich die hier anwe­sen­den Kol­le­gen in blen­dend for­mu­lier­ter Rede die drin­gend benö­tig­ten Strei­chel­ein­hei­ten. […] Und nach der Tagung und nach dem gäh­nen­den Som­mer­loch wer­de ich mit Ihnen, lie­be Kol­le­gen, dafür sor­gen, dass sie wei­ter auf­stei­gen: die bun­ten Sei­fen­bla­sen aus den dick­lei­bi­gen Lite­ra­tur-Bei­la­gen, die dem lesen­den Publi­kum als Bil­dungs­des­sert gereicht wer­den. Ich dan­ke Ihnen.“

Detail­lier­te Mate­ri­al­kennt­nis anstatt Bele­sen­heit

35 Jah­re nach­dem die­se Pole­mik erschie­nen und schon wie­der längst ver­ges­sen ist, ste­he ich Anfang April 2022 um sie­ben Uhr in der Früh mit dem Auto vor dem Haus in der Hei­del­ber­ger Rudolf-Hell-Stra­ße, um einen etwas gran­ti­gen Micha­el Braun ein­zu­sam­meln, da wir uns eine Exkur­si­on zur Ruhe­stät­te der Asche von Gün­ter Eich in Alfer­mée am Bie­ler See vor­ge­nom­men hat­ten. Wäh­rend der Fahrt in die Schweiz spra­chen wir natur­ge­mäß über das, was wir kürz­lich gele­sen hat­ten, infor­mier­ten uns gegen­sei­tig über den neu­es­ten Gos­sip und bestaun­ten die Land­schaft. Als wir um 11:20 Uhr unse­re Recher­che bereits abge­schlos­sen hat­ten, war ich etwas über­rascht, da wir prak­tisch schon nach zwei, drei Ser­pen­ti­nen überm Ufer zu einem bra­chen Wein­berg kamen, einem son­ni­gen Steil­hang, der im obe­ren Feld eine Grup­pe von in den Ästen gelb­lich bemoos­ten Flaum­ei­chen beher­berg­te.

Micha­el war der Hang zu steil, ihn zu erklim­men zu anstren­gend. Ich zog ihn auf, sich zusam­men­zu­rei­ßen und mit hoch­zu­stei­gen. Doch Micha­el woll­te nicht und foto­gra­fier­te statt­des­sen ein Pas­sa­gier­schiff unten auf dem See. Ich ging also allei­ne hin­auf, um die Bäu­me genau zu bestim­men und ein paar Fotos zu machen. Vor den drei Bäu­men lagen wall­ar­tig in einem Halb­kreis, auf­ein­an­der­ge­sta­pelt wie Artil­le­rie­mu­ni­ti­on, viel­leicht hun­dert aus dem erschöpf­ten Boden gezo­ge­ne Reb­stäm­me, fas­rig und grau. Die Bäum­chen schie­nen als sei­en sie, seit Ilse Aichin­ger oder Heinz Schaf­roth bei der Aus­streu­ung von Eichs Asche das Foto von ihnen gemacht hat­ten, das wir zur Iden­ti­fi­zie­rung der Stel­le her­an­ge­zo­gen hat­ten, so gut wie gar nicht gewach­sen. Sie stan­den, ähn­lich knor­rig wie die toten Reb­stäm­me, im har­ten Hang­wind, der über die Jahr­zehn­te ihre Äste so gewun­den hat­te wach­sen las­sen.

Als ich zurück­kam und Micha­el die Nah­auf­nah­men auf mei­nem Han­dy zeig­te, hat­te er genug gese­hen. Im Übri­gen war dies der ein­zi­ge Halt auf unse­rer Recher­che-Rei­se. Er woll­te gar nichts doku­men­tie­ren, wie ich erst spä­ter merk­te, son­dern an die­sem Ort ein­fach nur gewe­sen sein, ihn wie ein Pil­ger besucht haben.

Danach fuh­ren wir in die Stadt, besuch­ten das Schwei­zer Lite­ra­tur­in­sti­tut und spa­zier­ten durch die Gas­sen. Er berich­te­te dar­über, wie sehr er das Unter­rich­ten am Leip­zi­ger Lite­ra­tur­in­sti­tut genos­sen hat­te und sich dar­auf freu­te, die Teilnehmer:innen sei­nes Semi­nars ein­mal per­sön­lich ken­nen­zu­ler­nen, da zuvor die Lehr­ver­an­stal­tun­gen via Zoom hat­ten statt­fin­den müs­sen.

So sehr er sich manch­mal erschöpft gab, etwa vom Steil­hang vor der Eich-Asche, so uner­schöpf­lich war ande­rer­seits sein Hun­ger, sei­ne Neu­gier, eigent­lich sei­ne Lust auf neue Dich­tung. Es ist die schlich­te Wahr­heit. Micha­el Braun hing nicht bei Ver­an­stal­tun­gen ab, um sich den wich­ti­gen Gesich­tern zu zei­gen, er las nicht was ange­sagt war, damit er sich im Lego­land der Lite­ra­tur ein hohes Türm­chen zusam­men­ste­cken konn­te, son­dern weil die Lyrik sei­ne Wahl­hei­mat war.

Miche­al Braun hat, wie vie­le bereits ange­merkt haben, in den vier­zig Jah­ren sei­ner Leser­schaft viel­leicht mehr Ein­zel­ge­dich­te kom­men­tiert als irgend­ei­ne ande­re leben­de Per­son. Als reger Gast im Radio, z.B. im Saar­län­di­schen Rund­funk oder dem Deutsch­land­funk, schrieb er jah­re­lang jeden Tag einen Kom­men­tar zu einem zeit­ge­nös­si­schen Gedicht. Auch als die Rei­he ein­ge­stellt wur­de, ver­folg­te er die­se Form wei­ter, z.B. im Lyrik-Log­buch in VOLLTEXT oder in meh­re­ren buch­lan­gen Fol­gen des Gel­ben Akro­ba­ten (Poe­ten­la­den, Leip­zig).

Micha­el Braun hat meh­re­re tau­send Gedich­te indi­vi­du­ell kom­men­tiert. Man nen­ne einen zeit­ge­nös­si­schen Autor oder eine Autorin und man fin­det einen Kom­men­tar von Micha­el Braun. Er erforsch­te und genoss die zeit­ge­nös­si­sche Lyrik auf der mikro­sko­pi­schen Ebe­ne von Laut, rhe­to­ri­scher Figur, Zitat und Meta­pher, aber auch im bio­gra­phi­schen Ant­litz und Gegen­über ihrer Autor:innen sowie auf der makro­sko­pi­schen Ebe­ne der publi­zis­ti­schen Kon­tex­te, Fes­ti­vals, För­der- oder Bezugs­sys­te­me und Tra­di­tio­nen.

In monat­li­chen Kolum­nen ver­schaff­te er den Lesern jahr­zehn­te­lang einen Über­blick über Ent­wick­lun­gen in der wuse­li­gen Land­schaft der Lite­ra­tur­zeit­schrif­ten, wies oft auf die ers­te Num­mer einer neu­ge­grün­de­ten Zeit­schrift hin oder kri­ti­sier­te die Müdig­keit eta­blier­ter For­ma­te. Er sah die Pflan­ze in Blü­te, Wuchs, Gat­tung, Samen, Bio­top und Dün­ger. Als er ein­mal für einen Umzug sei­ne Biblio­thek aus­dün­nen woll­te, schenk­te er mir acht Umzugs­kar­tons mit Bän­den von zeit­ge­nös­si­scher Lyrik, um nur einen Bruch­teil der über die Jah­re hin ange­sam­mel­ten Dou­blet­ten weg­zu­schaf­fen.

Kon­ti­nui­tät und Urteils­kraft

Wie in den Stun­den, in denen ich mich mit Micha­el Braun z.B. im Café am Römer­kreis in Hei­del­berg aus­ge­tauscht habe, ent­ging mir auch an die­sem Tag in den Gas­sen Biels nicht, wie sehr er an die­se selt­sa­me Form der Expres­si­vi­tät glaub­te, an das geschrie­be­ne Wort, nicht wie ein bocki­ger Pro­tes­tant an eine hin­buch­sta­bier­te scrip­tu­ra, son­dern an die skrip­tu­ral ein­ge­fan­ge­ne Flat­t­rig­keit der Poe­sie selbst. Micha­el Braun war ein wirk­li­cher Apos­tel die­ser baby­lo­ni­schen, feu­er­zün­gi­gen, gemach­ten und zugleich unver­füg­ba­ren Melo­die, ihr Hüter, ihr Ver­eh­rer, ein Kus­to­de von Rhyth­mus und Bre­vis. Aber er konn­te auch zor­nig sein auf die­se Poe­sie, ihre Urheber:innen, ihre Ver­wal­ter und auf jene, die ihre Irr­tü­mer auf sie abwälz­ten. Hier­in bestand die fehl­ba­re, irr­tums­rei­che und lie­be­vol­le Gül­tig­keit sei­nes Urteils.

Bei der Beer­di­gung besorgt der jun­ge Pfar­rer Dani­el Johann das Toten­of­fi­zi­um auf dem Fried­hof Hei­del­berg-Rohr­bach. Er trägt eine schwar­ze Suta­ne, die er bei der lan­gen Pro­zes­si­on hin zum Grab um einen geist­li­chen Rauch­man­tel erwei­tert. Es ist eine selt­sa­me Zusam­men­kunft, vie­ler bekann­ter Gesich­ter, gleich­zei­tig ana­chro­nis­tisch und ver­traut, als am 5. Janu­ar 2023 in der 1913 nach dem Ent­wurf von Wil­helm Coll­mer erbau­ten Rotun­de der Aus­seg­nungs­hal­le, sich im Kreis von 150 Per­so­nen die Trös­tung durch die Form zuträgt: aus einem sil­ber­nen Fäss­chen, an einer fein­glied­ri­gen Ket­te sus­pen­diert, schwin­gend, rau­chen Harz und Anis, dar­in das schwer­mü­ti­ge Getrie­be eines Requi­ems, am Grab spä­ter plötz­lich ein Sal­ve Regi­na sowie die letz­te Meta­pher der Her­kunft „Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staub“ und das viel­äu­gig stau­nen­de Schwei­gen vor der schwar­zen Lücke im Got­tes­acker.

 

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Paul-Hen­ri Camp­bell, gebo­ren 1982 in Bos­ton, lebt als Lyri­ker, Essay­ist und Theo­lo­ge in Wien. 2018 erhielt er den Her­mann-Hes­se-För­der­preis, 2021 über­nahm er die Cha­mis­so-Poe­tik­do­zen­tur. Zuletzt erschien der Gedicht­band inne­re orga­ne (Ver­lag Das Wun­der­horn, 2022).

Online seit: 28. Febru­ar 2023

Zuletzt geän­dert: 2. März 2023