Ein Rausch(en)

Mir­jam Wit­tig ver­han­delt in ihrem Debüt­ro­man An der Gras­nar­be spie­le­risch die gro­ßen Her­aus­for­de­run­gen der Gegen­wart am Fuß der fran­zö­si­schen Alpen. Von Tho­mas Hum­mitzsch Die­ser Bei­trag ent­stand im Zusam­men­hang mit dem Online-Semi­nar „Lite­ra­tur- und Kul­tur­kri­tik schrei­ben“.

In den Tagen nach den Anschlä­gen auf das Pari­ser Bata­clan-Thea­ter umgab mich ein uner­klär­ba­res Gefühl der Angst. Wo auch immer ich mich beweg­te, beschlich mich ein selt­sa­mes Miss­trau­en. Ein­mal fiel mein Blick in der U‑Bahn auf einen jun­gen Mann, der aus Süd­eu­ro­pa, aber auch aus dem Nahen oder Mitt­le­ren Osten hät­te kom­men kön­nen. Er hielt sich an sei­nem Ruck­sack fest und blick­te ner­vös um sich. Soll­te die­ser jun­ge Mann einer der Schlä­fer sein, von denen im Radio stän­dig die Rede war? Als die Bahn hielt, stieg er unver­mit­telt aus und mit ihm ver­schwand mein eben­so pein­li­ches wie pein­vol­les Unbe­ha­gen.

Angst ist ein irra­tio­na­les Gefühl, man bekommt sie schwer in den Griff. Ich brau­che sach­li­che Ein­ord­nung und Distanz, um mit ihr auf­zu­räu­men. Unmit­tel­bar aus­ge­setzt bin ich ihr unter­le­gen. Des­halb sprach mich ein Satz aus Miri­am Wit­tigs Debüt­ro­man An der Gras­nar­be an, in dem ich mich wie­der­erkann­te. „Kennst du das, wenn du im Reflex etwas denkst, das du selbst schreck­lich fin­dest?“, fragt da Noa, ihre gleich­alt­ri­ge Ich-Erzäh­le­rin, in den offe­nen Raum.

Hin­ter­grund sind die isla­mis­ti­schen Anschlä­ge in Paris, die sie tief erschüt­tert haben. Seit­her fürch­tet sie den Tod und jene, die ihn brin­gen. Das Bild jener basiert auf Vor­ur­tei­len, ist „ein dum­mes Kli­schee“. Doch die unbe­stimm­te Angst ist stär­ker als jede Ver­nunft, auch wenn sie sie lähmt und beschämt. Jeman­den wegen sei­nes Aus­se­hens zu ver­däch­ti­gen, „war nicht okay, nicht mög­lich, war Mich-an-jeman­dem-Ver­ge­hen.“

Die jun­ge Restau­ra­to­rin beschließt, eine Aus­zeit vom ner­ven­auf­rei­ben­den Cha­os der Welt zu neh­men. Sie mie­tet sich bei Gre­gor und Elsa ein, die abseits des zivi­li­sa­to­ri­schen Lärms einen Selbst­ver­sor­ger­hof betrei­ben. Inmit­ten der über­wäl­ti­gen­den Land­schaft der fran­zö­si­schen Alpen sucht sie in der ohren­be­täu­ben­den Stil­le der Natur ihr See­len­heil. Noa ist kei­ne Fla­neu­se, die wan­dernd ihre Mit­te fin­det. Sie wird, wie ande­re vor ihr, auf dem Hof mit anpa­cken. Beim Scha­fe Hüten, Ern­te Ein­fah­ren und Mar­me­la­de­ein­ko­chen löst sich ihre Erstar­rung: „Die Arbeit bleibt in Bewe­gung, und ich muss mich mit­be­we­gen. Das ist schön.“

Und dann ist da noch Jade, die eben­so for­dern­de wie alt­klu­ge Toch­ter von Noas Gastgeber:innen, die vom stän­di­gen Kom­men und Gehen selbst­ver­lo­re­ner Helfer:innen wenig begeis­tert ist. Weil Noa län­ger bleibt als alle vor ihr und sie ernst­haft Inter­es­se zeigt, ent­wi­ckelt sich zwi­schen den bei­den ein ver­trau­tes, fast geschwis­ter­li­ches Ver­hält­nis. Als Noas Freun­din Mer­le auf­taucht und ihre Rück­kehr näher rückt, gera­ten die Din­ge in Bewe­gung.

Land­schaft und Beziehung(en) ste­hen in Wit­tigs vor Som­mer­hit­ze flir­ren­den Roman in einem Span­nungs­ver­hält­nis. Gibt eine Sei­te Ruhe, lärmt die ande­re und umge­kehrt. Dass man bei­dem nach­spü­ren will, liegt an den fas­zi­nie­rend genau­en Beob­ach­tun­gen der Ich-Erzäh­le­rin. Ihren detail­lier­ten Natur­kun­den wohnt auch immer ein Moment der Unru­he und Ner­vo­si­tät inne. Dabei sind es nicht die zurück­keh­ren­den Wöl­fe, die hier angst­ein­flö­ßend ihre Zäh­ne zei­gen, son­dern die Fol­gen des mensch­ge­mach­ten Kli­ma­wan­dels. Noa beob­ach­tet, wie die weni­gen Regen­güs­se die aus­ge­trock­ne­te Land­schaft mit allem Leben davon­tra­gen. „Klei­ne Bäche über­all, kei­ne Kan­te, kein Blatt, kein Vor­sprung, von dem es nicht stürz­te und fiel, kei­ne Flä­che, auf die es nicht klatsch­te. Kein Tier war zu sehen.“

Die Angst vor dem Frem­den trifft hier auf den Kli­ma­wan­del, die wider­spens­ti­ge Land­schaft auf den emp­find­li­chen Kör­per, die Uto­pie der unan­ge­tas­te­ten Natur auf die Dys­to­pie des alles ver­än­dern­den Kapi­ta­lis­mus. Es sind gro­ße The­men, die die 26-jäh­ri­ge Autorin am Fuß der fran­zö­si­schen Alpen ver­han­delt.

Wit­tigs bereits vor Erschei­nen aus­ge­zeich­ne­tes Debüt ist eine Such­be­we­gung, auch sprach­lich. Mal atem­los und sper­rig, dann wie­der leicht­fü­ßig und poe­tisch tas­tet sich ihre Erzäh­le­rin über die äuße­ren Land­schaf­ten an ihre und unse­re inne­ren her­an. Oder ist es umge­kehrt? Wie auch immer, hier ver­wan­delt sich die Ero­si­on der Böden in mensch­li­che Erschüt­te­rung und es drängt sich die Fra­ge auf, ob sich der Mensch die Natur wirk­lich unter­tan machen kann oder ihr am Ende nicht genau­so aus­ge­lie­fert ist wie Noa ihrer Angst. Dann erklärt sich auch das vor­an­ge­stell­te Zitat aus Ver­gils Hir­ten­ge­dich­ten. Dort heißt es mit Bezug auf Apoll, den grie­chi­schen Gott der Rei­ni­gung und Mäßi­gung, dass noch ver­blie­be­ne Spu­ren unse­res (mensch­li­chen) Fre­vels „ihre Wir­kung ver­lie­ren und so die Lan­de von stän­di­ger Furcht befrei­en.“

An der Gras­nar­be ist ein ein­zi­ger Rausch auf der Suche nach einer Exis­tenz ohne Rau­schen. Wit­tigs Roman lässt uns unmit­tel­bar erfah­ren, was es bedeu­tet, auf und in die­ser von uns selbst gefähr­de­ten Welt zu sein. Und wie man wie­der das Ver­trau­en fas­sen kann, sich als Teil des Gan­zen in ihr auf­zu­lö­sen.

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Online seit: 31. Okto­ber 2022

Zuletzt geän­dert: 1. Mai 2023