Als Arbeiterkind und Dichter unter den Kulturlinken

Über Ver­tei­lungs­kämp­fe und Iden­ti­täts­po­li­tik im Lite­ra­tur­be­trieb einst und jetzt. Von Die­ter M. Gräf

War es für mich schwie­rig, mich zu bewe­gen und zu behaup­ten unter Dich­tern und Lite­ra­ten, die fast alle einen ganz ande­ren fami­liä­ren Hin­ter­grund haben als ich? Je pro­gres­si­ver und läs­si­ger ihr Musik­ge­schmack, des­to höher die Posi­ti­on der Eltern, nicht sel­ten Pro­fes­so­ren, deren Ehen nicht beson­ders glück­lich ver­lau­fen sind, sodass Ris­se ent­stan­den. Mei­ne Eltern waren zu bie­der für so etwas. Der Vater war Maschi­nen­ein­stel­ler in einer Was­ser­mes­ser­fa­brik in der pfäl­zi­schen Che­mie­stadt Lud­wix­ha­fen, die Mut­ter Kran­ken­kas­sen­an­ge­stell­te, und als wir aus dem Gröbs­ten her­aus waren, ließ sie das sein: Sie ging ja nicht zur Arbeit, um sich selbst zu ver­wirk­li­chen. Bücher gab es durch­aus im Eltern­haus, als Deko, um zu zei­gen: Ja, wir ent­ka­men der Unter­schicht – die Ahnen waren Tage­löh­ner, Bau­ern, ein Schank­wirt und ein Musi­kant –, und es fehlt nicht mehr viel, dann haben wir uns hoch­ge­rap­pelt in den Speck­gür­tel der Mit­te hin­ein. Und wir haben einen Sohn, der soll es bes­ser haben als wir. Ich war das. Der Ers­te in der Fami­lie, der höhe­re Schu­len besu­chen konn­te, der Ers­te, der Fremd­spra­chen ler­nen konn­te, der Ers­te, der in ein Flug­zeug stieg. Und der Ers­te, der Bücher schrieb. Also, war das denn schwie­rig, sich da zu behaup­ten, mit Gedich­ten?

Wäre mein Auf­stieg stei­ler aus­ge­fal­len, käme ich aus ähn­li­chem Milieu? Je dün­ner die Luft in der Höhe geriet, des­to stär­ker wur­de ihre Nei­gung zu Gleich­be­tuch­ten.

Ach, es ging. Bestimmt nicht schwie­ri­ger, als eine Gast­stät­te drei­ßig Jah­re lang gut zu füh­ren, oder