Zwei Gespräche mit Michael Haneke

Alex­an­der Klu­ges Kolum­ne „Mate­ria­li­en & Tex­te aus den sie­ben Kör­ben“

Mit Micha­el Han­eke ver­bin­det mich das Inter­es­se am fil­mi­schen Rea­lis­mus. Rea­lis­mus im Kino bedeu­tet, dass die Kame­ra die Kraft der Wirk­lich­keit erfasst. Doku­men­ta­ri­sche Metho­den ver­mi­schen sich mit insze­nier­ten Momen­ten. Was sich außer­halb des Bil­des befin­det, spielt eine Rol­le. Rea­lis­tisch wird ein Film in der Vor­stel­lung des Zuschau­ers. Es geht um unge­se­he­ne Bil­der und um Zeit­fä­den durch die Geschich­te. In Das wei­ße Band wer­den Ereig­nis­se geschil­dert im Jahr vor dem Ers­ten Welt­krieg, aber was im Film geschieht, ist älter als die Hand­lung; die Figu­ren sind geprägt von den Erfah­run­gen ihrer Vor­fah­ren, den Bau­ern­krie­gen, doch der Film bezieht sich auch auf die unmit­tel­ba­re Gegen­wart: Die Mecha­nis­men von sozia­ler Aus­gren­zung sind heu­te nicht anders. Han­ekes Fähig­keit liegt in der Zuspit­zung, fil­mi­scher Reich­tum ent­steht durch Aus­las­sung und Ein­spa­rung. Eine Stim­me, die nichts zu sagen hat, soll schwei­gen, sagt Johann Sebas­ti­an Bach.
A. K.

[…]

KLUGE Der Leh­rer ist ein Volks­schul­leh­rer, unters­te Klas­se, ab Gym­na­si­al­leh­rer ist eine ande­re Ein­stel­lung da. Der Gym­na­si­al­leh­rer wäre Pro­fes­sor Unrat aus dem Blau­en Engel. In die Intel­li­genz ist kein Ver­trau­en zu set­zen in Ihrem Film.

HANEKE Wobei der Leh­rer eine posi­ti­ve Figur ist. Die­ses Lie­bes­paar ist auch ein dra­ma­tur­gi­scher Trick, dem Zuschau­er etwas in die Hand zu geben, was ihn ermun­tert, und ihn nicht zu ersti­cken, weil die Welt im All­ge­mei­nen nicht nur aus dem Nega­ti­ven besteht, son­dern widersprüchlich ist. Ich habe ver­sucht, ein biss­chen von der Widersprüchlichkeit der Wirk­lich­keit hin­e­inflie­ßen zu las­sen. Das war eine dra­ma­tur­gi­sche Über­le­gung, eine wesent­li­che Figur zu kre­ieren, die eine Art Gegen­mo­dell ist, weil die­ser Leh­rer eher unty­pisch ist für die Zeit. Die nor­ma­len Leh­rer haben alle geprügelt. Das war selbst­ver­ständ­lich. Es haben mich ver­schie­de­ne Leu­te ange­spro­chen, wie per­vers die­ser Pfar­rer ist. Der war nor­mal für die dama­li­ge Zeit, er war auch zutiefst überzeugt, dass er das Rich­ti­ge tut. Das ist kein böser Mensch.

KLUGE Der hät­te Wider­stand gegen Hit­ler gepre­digt, wäre Herr Niem­öl­ler gewe­sen. Er sagt: Ich bin trau­rig, Ihr ent­täuscht mich, ich möch­te Euch respek­tie­ren, beweist mir, dass ich einen Grund habe dafür. Das ist die nack­te Auf­klä­rung. Eigent­lich müsste man zum Weltbürger geprügelt wer­den in die­ser Wei­se. Bei Imma­nu­el Kant würde das die Kon­se­quenz sein, wenn er prak­tisch wäre.

HANEKE Das ist das Schwie­ri­ge, wenn man nur refle­xiv an die Din­ge ran­geht. Ich weiß nicht, ob unse­re Erzie­hungs­po­si­ti­on heu­te der Weis­heit letz­ter Schluss ist. Wir haben es heu­te leich­ter, um über eine his­to­ri­sche Posi­ti­on zu rich­ten, die hun­dert Jah­re her ist. Erzie­hung ist das Schwie­rigs­te, was es gibt. Haben Sie Kin­der?

KLUGE Ja, sie tun nicht, was man sagt.

[…]

HANEKE Das ist das, was das Fern­se­hen uns unun­ter­bro­chen sug­ge­riert, bewusst oder unbe­wusst. Ich will nicht unter­stel­len, dass böse Mani­pu­la­to­ren an den Hebeln sit­zen. Es liegt in der Natur der Sache, dass Mei­nung gebil­det wird durch die Dar­stel­lung des­sen, was man zeigt. Die gro­ße Gefahr dabei ist nicht der ein­zel­ne Effekt, son­dern die Tat­sa­che, dass der Zuschau­er, der sei­ne Wirk­lich­keits­wahr­neh­mung über die Medi­en bezieht, sich für infor­miert hält, obwohl er es nicht ist. Bevor es das Fern­se­hen gab, hat ein Berg­bau­er sein Tal gekannt. Da wuss­te er alles, und dar­über hin­aus hat er sich nicht ein­ge­bil­det, etwas zu wis­sen. Wir bil­den uns heu­te ein, infor­miert zu sein, wis­sen aber genau­so­we­nig, weil man nur das wis­sen kann, was der unmit­tel­ba­ren Erfah­rung ent­spricht. Wir sind kon­fron­tiert mit Bil­dern, die bewusst mani­pu­liert sein kön­nen. Wenn ich heu­te mei­ne Infor­ma­tio­nen über die Welt nur über das Fern­se­hen bekom­men wür­de, hät­te ich ein Welt­bild, das mit mei­ner Wirk­lich­keit nichts zu tun hat.

KLUGE Mit einer frem­den auch nicht. Ich war nie in Chi­le, also kann ich kei­ne unmit­tel­ba­re Erfah­rung haben. Es gibt unmit­tel­ba­re Öffent­lich­keit und mit­tel­ba­re. Man braucht ein Quan­tum von unmit­tel­ba­rer, damit man Maß­ver­hält­nis­se hat.

[…]

KLUGE Was die Rab­bis schrei­ben oder was in der Gema­ra steht, ist mehr als im Neu­en Tes­ta­ment bei Ihrem Pfar­rer. Neh­men wir einen ande­ren Men­schen­typ aus der Anti­ke, Odys­seus oder den Jason. Das sind prak­tisch Pira­ten, See­fah­rer. Die kön­nen ihr Haus, ihr Schiff, wegrücken, sind auch zwan­zig Jah­re von zu Hau­se weg und kom­men wie­der zurück.

HANEKE Sie wären fast nicht zurückgekommen.

KLUGE Oder sie kom­men zurück und wer­den im eige­nen Land erschla­gen wie Aga­mem­non. Freund­lich ist das nicht, aber trotz­dem ist es bewe­gungs­rei­cher, aus­weg­rei­cher, lis­ten­rei­cher, als wenn ich sess­haft in einem Dorf in Nord­deutsch­land sit­ze.

HANEKE Des­we­gen sieht der medi­ter­ra­ne Mythos anders aus als
der nörd­li­che Mythos.

KLUGE Wen las­se ich ins Haus rein? Wen muss ich drau­ßen hal­ten? Der Wolf kommt mit einer gepu­der­ten Pfo­te an, und die Zick­lein wis­sen nicht genau, ob das die Mut­ter ist oder der Wolf. Das ist ein Pro­blem in Mit­tel­eu­ro­pa, kein See­fah­rer­pro­blem. So gibt es eine Ska­la der Druck­ver­hält­nis­se, sodass die­se Ener­gien, die das 20. Jahr­hun­dert genährt haben und hin­ter­her dort explo­diert sind in der Land­schaft, so ver­schie­den sind von der Anti­ke, vom Exodus oder der Emi­gra­ti­on, die was Tröst­li­ches hat, dass ich das Leben noch­mal woan­ders anfan­ge und nicht an dem Ort, wo ich zu Hau­se bin.

[…]

Die­ser Text ist nur in der Print­aus­ga­be 3/2017 ver­füg­bar.

—> Jetzt VOLLTEXT abon­nie­ren.

* * *

Online seit: 12.10.2017

Zuletzt geän­dert: 20. Okt. 2017