Andreas Maier: Neulich

Neu­lich ging ich in den Gar­ten und räum­te Äste weg. „Veil­chen, Ehren­preis, Gun­der­mann, Kohl- oder Tan­nen­mei­sen – Gott schickt all das, um uns ins Gesicht zu schla­gen.“

Neu­lich ging ich in den Gar­ten und räum­te Äste weg. Es hat­te kräf­ti­ger Wind geweht. Ein Vogel sang. Ich brauch­te eine Wei­le, bis mir das klar wur­de, denn ich war in Gedan­ken. Es han­del­te sich um eine Kohl­mei­se. Eine Kohl­mei­se kann ein bru­ta­ler Vogel sein, hin und wie­der hackt sie Kon­kur­ren­ten sogar die Augen aus. Zugleich ist sie ein Früh­lings­bo­te. Ich blieb ste­hen, die Äste in den Hän­den (man bückt sich mit vier­und­fünf­zig Jah­ren nicht mehr so leicht wie mit vier­und­zwan­zig), starr­te auf einen unbe­stimm­ten Fleck im Gras, das in unse­rem Gar­ten nur schüt­ter wächst, und zähl­te die Vögel auf, die ich in den letz­ten Jah­ren in unse­rem Gar­ten gese­hen habe. Neben der Kohl­mei­se waren es Blau­mei­sen, Rot­kehl­chen, Els­tern, Tau­ben, Amseln, Sta­re, Eichel­hä­her, Grün­spech­te, Buch­fin­ken, Stieg­lit­ze, Grün­fin­ken, Raben, Bunt­spech­te. Das sind immer­hin vier­zehn Vogel­ar­ten. Vogel­ar­ten ist ein irgend­wie hart klin­gen­des Wort. Wis­sen­schaft­lich, erbar­mungs­los, es tilgt das Ein­zel­we­sen, obwohl ein Vogel sowie­so nur weni­ge Jah­re lebt. Wel­che Vögel (Vogel­ar­ten) habe ich eigent­lich vor allem ver­misst in unse­rem Gar­ten in den letz­ten Jah­ren? Ich hät­te gern eine Schwanz­mei­se gese­hen, mir haben auch Hau­ben­mei­sen gefehlt, und natür­lich Gold­hähn­chen. Ein Gold­hähn­chen hät­te mir und mei­ner Frau zwei Wochen Glück beschert. Wir hat­ten auch kei­nen Zaun­kö­nig. Gab es je einen Klei­ber oder einen Baum­läu­fer? Manch­mal flo­gen Gän­se über uns hin­weg.

Eine Kohl­mei­se kann ein bru­ta­ler Vogel sein, hin und wie­der hackt sie Kon­kur­ren­ten sogar die Augen aus. Zugleich ist sie ein Früh­lings­bo­te.

Dann dach­te ich an die Veil­chen. Sie wach­sen genau am Rand unse­rer Ter­ras­se, qua­si unter den Stein­plat­ten her­vor. Als woll­ten sie mög­lichst unschein­bar sein. Sich gera­de­zu ver­ste­cken. Sieht man sie, ist man erschüt­tert. Weni­ger über