Der Tagtraum der begabten Kinder

Die selt­sa­men Spie­le der Geschwis­ter Bron­të. Von Ursu­la Kre­chel
The Brontë Sisters © Branwell Brontë

Anne, Emi­ly und Char­lot­te Bron­të, gemalt von ihrem Bru­der Bran­well. Er hat­te sich ursprüng­lich auch selbst im Kreis sei­ner Schwes­tern dar­ge­stellt, sein Gesicht aber spä­ter über­malt.
Illus­tra­ti­on: Bran­well Bron­të

Spie­len und Erfin­den, ein Schat­ten­bild

Betre­ten wir einen zugi­gen, ein­sa­men Ort. Ein Torf­feu­er blakt, Hun­de bel­len, aus der Küche dröhnt Klap­pern und Schep­pern, eine Kir­chen­glo­cke läu­tet zu Mit­tag und am Abend. Schließ­lich zieht Nebel auf und ver­hüllt den gan­zen Ort. Betre­ten wir das alt­mo­di­sche Pfarr­haus von Haworth. Nein, Kin­der­la­chen, wie man es in einem gro­ßen Pfarr­haus ver­mu­tet, schallt uns nicht ent­ge­gen. Die Kin­der im Pfarr­haus Haworth in York­shire sind still. Sie sind zu viert, Char­lot­te, Bran­well, Emi­ly und Anne Bron­të bil­den eine eigen­tüm­li­che Sub­struk­tur der auf ver­schie­de­ne Wei­se lite­ra­risch Hoch­be­gab­ten – unter Aus­schluss der Erwach­se­nen. Zwei Schwes­tern sind im Schul­mäd­chen­al­ter gestor­ben. Sie hat­ten eine Schu­le für die Töch­ter der Geist­lich­keit besucht, mit erbar­mungs­wür­di­gen Erzie­hungs­zie­len, die jun­ge Mäd­chen nur depri­mie­ren konn­ten. Hier soll­ten sie auf eine Exis­tenz als Pfar­rers­frau vor­be­rei­tet wer­den oder auf ein Leben, in dem sie sich allein als Pfle­ge­rin, bes­ten­falls als Leh­re­rin durch­schla­gen muss­ten. Die Ehe ist eine unfro­he Aus­sicht, die Tuber­ku­lo­se ein Mene­te­kel an der Wand, wäh­rend sie in regen­nas­sen Klei­dern zum Lobe Got­tes in der kal­ten Kir­che sin­gen. Ihre Mut­ter, die in sie­ben Jah­ren sechs Kin­der gebo­ren hat, ist einem Krebs­lei­den erle­gen. Die küh­le Tan­te kommt ins Haus, sorgt für das Nötigs­te, zieht sich aber zu Anfäl­len von Migrä­ne und bei Depres­sio­nen abends früh­zei­tig in ihr Zim­mer zurück. Dann beginnt das kind­li­che Spiel, ein Rol­len­spiel, ein phan­tas­ti­sches Regie­ren über Ort und Zeit und Situa­tio­nen.

Im Übri­gen haben die vier Pfar­rers­kin­der einen höchst libe­ra­len Vater, der ihnen in sei­ner Biblio­thek kei­ne Beschrän­kun­gen oder Ver­bo­te auf­er­legt; sie lesen Zei­tun­gen und Zeit­schrif­ten, Shake­speare und Cha­teau­bri­and, Rei­se­be­rich­te aus fer­nen Län­dern und die Bibel. Und sie ahmen auf die ihnen gemä­ße Wei­se nach, was der Vater tut. Sie reagie­ren auf sei­ne offe­ne Hal­tung zur Welt, die er sich als ein armer iri­scher Sti­pen­di­at in Cam­bridge müh­sam hat erar­bei­ten müs­sen, und gleich­zei­tig sau­gen sie die Kon­zen­tra­ti­on auf, die er für sein Amt und dane­ben für sei­ne schrift­stel­le­ri­sche Arbeit auf­bringt. Doch sie erle­ben durch ihn auch star­ke Bedrü­ckun­gen. Der jäh­zor­ni­ge Vater regiert auto­kra­tisch. Er besitzt eine Pis­to­le und schießt, wenn er ver­är­gert ist, durch die offe­ne Tür ins Freie, ver­stört die beru­hig­te Länd­lich­keit, in der sei­ne Pfarr­kin­der und ihre Tie­re leben, eine unge­wöhn­li­che Regung für einen Land­pfar­rer. Außer­dem hat er eine merk­wür­di­ge Schrul­le: Er isst und trinkt allein, ohne die Kin­der­schar, die umso mehr sich selbst über­las­sen bleibt. Arno Schmidt ver­mu­tet, der Pfar­rer habe mit die­sem Trick die Kin­der von der Beob­ach­tung fern­ge­hal­ten, wel­che gewal­ti­gen Men­gen an Alko­hol er brau­che, um sein Leben eini­ger­ma­ßen erträg­lich zu fin­den. Der Vater strei­tet nicht ab, exzen­trisch zu sein. „Aber unter­schiebt mir nicht, dass ich in mei­nem Zorn Tep­pi­che ver­bren­ne, Stüh­len den Rücken absä­ge oder die Sei­den­ge­wän­der mei­ner Frau zer­rei­ße.“ Eine janus­köp­fi­ge Gestalt: Sonn­tags steht er auf der Kan­zel und don­nert auf die Gemein­de her­ab, und ande­rer­seits schreibt er Gedich­te, die in der länd­li­chen Befan­gen­heit ange­sie­delt sind, Cot­ta­ge Poems und The Rural Min­st­rel, ver­öf­fent­licht Pre­dig­ten. War­um sol­len sei­ne begab­ten Töch­ter und sein Sohn, ani­miert und sti­mu­liert in der stump­fen Iso­la­ti­on, mit jed­we­dem Zugriff auf intel­lek­tu­el­les Mate­ri­al, nicht das Glei­che tun? Ja, war­um nicht?

Char­lot­te konn­te sich als Vier­zehn­jäh­ri­ge mit Fug und Recht als Ver­fas­se­rin von 22 Wer­ken bezeich­nen.

Die Kin­der haben nur sich selbst und die Bücher. Sie geben sich gegen­sei­tig die Wär­me, die