Diagnosen des Doktor Céline

Bericht von einer Lese­rei­se durch eine umkämpf­te lite­ra­ri­sche Land­schaft. Von Chris­toph Wind­er

Lou­is-Fer­di­nand Céli­ne 1932

Die Exkur­si­on durch Céli­ne-Coun­try, die ich vom Som­mer 2021 an unter­nom­men habe, hat­te ich nicht von lan­ger Hand geplant. Zwei aktu­el­le Anläs­se waren es, die mich ver­an­lass­ten, mich just die­sem Rei­se­ziel zuzu­wen­den. Im Juni stieß ich in einer Buch­hand­lung zufäl­lig auf Tod auf Raten, Hin­rich Schmidt-Hen­kels groß­ar­ti­ge Neu­über­set­zung von Lou­is-Fer­di­nand Céli­nes Roman Mort à cré­dit (1936), einer Art Pre­quel zu sei­nem 1932 erschie­ne­nen Roman­de­büt Rei­se ans Ende der Nacht, und griff spon­tan zu. Wenig spä­ter, im August, ging die Mel­dung von einem Sen­sa­ti­ons­fund durch die fran­zö­si­sche und inter­na­tio­na­le Pres­se:1 5 324 Sei­ten von unver­öf­fent­lich­ten Manu­skrip­ten Céli­nes, die im Jahr 1944, wäh­rend der Libé­ra­ti­on und vor sei­ner Flucht nach Deutsch­land und Däne­mark, unter sehr mys­te­riö­sen Umstän­den ver­schwun­den waren, tauch­ten 2020 und 2021 unter nicht min­der ver­wor­re­nen Umstän­den auf und ver­setz­ten die Gemein­schaft der Céli­ne-Fans in Auf­re­gung. Bei­de Anläs­se fach­ten mein Inter­es­se an, mich wie­der mit Céli­ne zu beschäf­ti­gen und even­tu­ell Ver­säum­tes nach­zu­ho­len.

Mit „wie­der“ möch­te ich hier nicht den fal­schen Ein­druck näh­ren, ich hät­te mich zuvor nen­nens­wert mit Céli­ne aus­ein­an­der­ge­setzt. Vor vier­zig Jah­ren hat­te ich Voya­ge au bout de la nuit für eine roma­nis­ti­sche Abschluss­prü­fung an der Uni gele­sen (ich geste­he: auf Deutsch), war damals beein­druckt, aber offen­bar nicht beein­druckt genug, um mich näher auf Céli­ne ein­zu­las­sen. Viel­leicht hat­te ich auch nicht genü­gend Zeit, ich muss­te ein üppi­ges Lesepen­sum abseits von Céli­ne bewäl­ti­gen. In einem Zeit­raum von vier­zig Jah­ren hat das Ver­ges­sen kräf­tig zuge­schla­gen, die von Patrick Süs­kind ein­drucks­voll beschrie­be­ne „Amne­sie in lit­teris“, wel­che dann dazu führt, dass man von einem mehr als tau­send Sei­ten star­ken rus­si­schen oder fran­zö­si­schen Roman gera­de ein­mal in Erin­ne­rung behält, dass sich am Ende irgend­wer mit einer Pis­to­le erschos­sen hat.

All dies führ­te dazu, dass ich mei­ne Céli­ne-Exkur­si­on in Wahr­heit als Qua­si-Novi­ze begann und mich erst wie­der um ein Ver­ständ­nis der Rol­le bemü­hen muss­te, die Céli­ne in Frank­reich und inter­na­tio­nal spielt. Und die scheint immer noch groß zu sein. Die Rei­se ans Ende der Nacht taucht in allen mög­li­chen Bes­ten­lis­ten ver­läss­lich unter den hun­dert, manch­mal gar zehn größ­ten Büchern auf, die je geschrie­ben wur­den.2 Zahl­lo­se nam­haf­te Schrift­stel­ler­kol­le­gen haben ihm Rosen gestreut, gro­ße Rosen, Rie­sen­ro­sen. Charles Bukow­ski, pars pro toto, gibt dem Leser in sei­nen Auf­zeich­nun­gen eines Dir­ty Old Man den Rat­schlag: „Zuerst lies Céli­ne, den bes­ten Schrei­ber in 2000 Jah­ren.“3 Herr Dok­tor Des­tou­ch­es starb im Jahr 1961 in der Pari­ser Vor­ort­ge­mein­de Meu­don an einem Aneu­rys­ma; als Lou­is-Fer­di­nand Céli­ne lebt er wei­ter, wenn auch auf eine sehr spe­zi­fi­sche und wider­sprüch­li­che Wei­se. Alles nichts Neu­es. Hier ein paar Noti­zen dazu.

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Céli­ne zu lesen, gar in der Ori­gi­nal­fas­sung, ist eine Her­aus­for­de­rung, so viel wird dem Leser bei der Lek­tü­re von Tod auf Raten, der deut­schen Über­tra­gung von Mort à cré­dit, schnell klar. Her­aus­for­de­rung nicht nur für jene, die Wert auf roman­ti­sche Lie­bes­ge­schich­ten und ein Hap­py End legen, die wer­den sie bei Céli­ne nicht fin­den. Céli­nes for­ma­le Inno­va­tio­nen wir­ken zwar in einer Zeit, da emsi­ge Welt­ver­bes­sern­de Tex­te mit Stern­chen, Unter­stri­chen und Dop­pel­punk­ten über­sä­en, weni­ger unge­wohnt als anno dazu­mal – her­aus­for­dernd blei­ben sie den­noch. Die Rei­se an Ende der Nacht ist, die Satz­zei­chen betref­fend, in rela­tiv kon­ven­tio­nel­ler Manier geschrie­ben. Von 1936 an kul­ti­viert Céli­ne in sei­nem Roman­werk eine suk­zes­siv eigen­wil­li­ger wer­den­de Inter­punk­ti­on, cha­rak­te­ri­siert in ers­ter Linie durch sei­ne berühm­ten drei Punk­te, mit denen er Sät­ze (und Satz­fet­zen) anstatt mit einem ein­fa­chen Punkt von­ein­an­der trennt oder, wenn man es so lesen will, mit­ein­an­der ver­bin­det. Dazu kommt ein ver­schwen­de­ri­scher Gebrauch des Ruf­zei­chens, das er oft über Sei­ten hin­weg hin­ter jedem Satz (oder Satz­fet­zen) ins lite­ra­ri­sche Spiel bringt. Über die sti­lis­ti­schen Valeurs die­ser Eigen­wil­lig­kei­ten sind Biblio­the­ken geschrie­ben wor­den. Gleich zu Beginn sei­nes Romans Guignol’s Band ima­gi­niert Céli­ne selbst mut­maß­li­che Reak­tio­nen der Leser­schaft auf die ortho­gra­phi­schen Frei­hei­ten, die er sich genom­men hat: „Aber da, ach du Elend! der Frei­geist! Und die drei Pünkt­chen. Oje, Ihre drei Pünkt­chen! Wie­der über­all! ein Skan­dal! Er ver­stüm­melt uns unse­re fran­zö­si­sche Spra­che! Das ist die Nie­der­tracht! Ins Gefäng­nis! Geben Sie uns die Pin­ke zurück! Sie Mies­ling! er ver­letzt all unse­re Sprach­re­geln! Das Mist­stück! Das ist him­mel­schrei­end!“4 Ich habe tat­säch­lich jeman­den ken­nen­ge­lernt, der nach dem Kauf von Tod auf Raten zwar nicht „die Pin­ke“ zurück­ver­lang­te, aber aus anhal­ten­der Unlust, sich an Céli­nes ortho­gra­phi­sche Extra­va­gan­zen zu gewöh­nen, die Lek­tü­re ein­ge­stellt hat.

„Céli­ne ist ein gro­ßer Befrei­er“, sag­te Phil­ip Roth, „ich füh­le mich von sei­ner Stim­me geru­fen.“

Das Voka­bu­lar aus der „popu­lä­ren“ Spra­che und dem Argot, aus dem Céli­ne unun­ter­bro­chen schöpft, scheint die Lek­tü­re sei­ner Roma­ne selbst für fran­zö­si­sche Mut­ter­sprach­ler zur anspruchs­vol­len Auf­ga­be zu machen. Der Plé­ia­de-Aus­ga­be von Voya­ge au bout de la nuit und Mort à Cré­dit ist ein mehr als fünf­zig­sei­ti­ges Glos­sar bei­gefügt, das jede Men­ge Wör­ter ent­hält, die in den ers­ten Jahr­zehn­ten des 20. Jahr­hun­derts in Gebrauch gewe­sen sein muss­ten, aber, wie dies häu­fig bei einem „nied­ri­gen“ Sprach­re­gis­ter der Fall ist, nach einer kur­zen Umschlags­zeit wie­der vom Erd­bo­den ver­schwan­den.5 „Zizi“ („Schnie­del“, „Zump­ferl“) oder „Pou­let“ („Bul­le“, „Kie­be­rer“) sind heu­te noch geläu­fig, aber „cho­cot­ter“ („stin­ken“, „fäuln“) oder „relui­ser“ („geil sein“) fin­den sich in die­ser Bedeu­tung nicht mehr im Wör­ter­buch („Petit Robert“). Für die erneu­te Lek­tü­re der Rei­se ans Ende der Nacht hat­te ich mir einen spe­zi­el­len Zugang erar­bei­tet: Durch­le­sen eines Kapi­tels in der deut­schen Über­set­zung, danach Lek­tü­re des­sel­ben Kapi­tels im fran­zö­si­schen Ori­gi­nal bei gleich­zei­ti­gem Anhö­ren eines vom Schau­spie­ler Denis Poda­ly­dès ein­ge­le­se­nen Audio­books, das es gra­tis auf You­Tube gibt: eine auf­wen­di­ge und loh­nen­de Pro­ze­dur, aber nur für wirk­li­che Stre­ber.

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Als ich die Rei­se ans Ende der Nacht wie­der las, kam mir mehr­fach die durch ihre Sozi­al­re­por­ta­gen bekannt gewor­de­ne US-Jour­na­lis­tin Bar­ba­ra Ehren­reich in den Sinn. Ehren­reich war im Jahr 2000 mit Brust­krebs dia­gnos­ti­ziert wor­den und stell­te im Zuge ihrer The­ra­pie fest, dass sich „die Brust­krebs­sze­ne nicht nur durch eine beton­te Fröh­lich­keit und das Feh­len jeden Auf­be­geh­rens aus­zeich­net, sie scheint die Erkran­kung oft sogar zu begrü­ßen.“ 1975, berich­tet Ehren­reich, trat Bet­ty Rol­lin, Kor­re­spon­den­tin des US-TV-Sen­ders NBC, mit ihrer Krank­heit an die Öffent­lich­keit und ver­riet dem Publi­kum, dass ihr Brust­krebs „mehr als alles ande­re die Quel­le mei­nes Glücks gewe­sen ist.“ Der Rad­renn­fah­rer Lan­ce Arm­strong (Hoden­krebs) fand: „Krebs war das Bes­te, was mir je pas­siert ist“, und von einer an inope­ra­blem Eier­stock­krebs labo­rie­ren­den Dame war die­ses zu hören: „Sie wer­den es glau­ben oder nicht, aber ich bin jetzt glück­li­cher als vor der Dia­gno­se“. Als Ehren­reich selbst im the­ra­peu­ti­schen Ses­sel­kreis dazu ermun­tert wur­de, ihren Krebs als ein „Geschenk“ zu begrei­fen, ergriff sie ein Groll, den sie eini­ge Zeit spä­ter in einer buch­lan­gen Atta­cke gegen sprach­li­che Beschö­ni­gungs­küns­te ver­ar­bei­te­te.6 Das posi­ti­ve Den­ken, das die Ver­ant­wor­tung über das Ge- oder Miss­lin­gen des Lebens zur Gän­ze dem Ein­zel­nen über­ant­wor­tet, erscheint ihr als ein fata­les Instru­ment „zur Recht­fer­ti­gung für die bru­ta­len Züge der Markt­wirt­schaft“. Auch als empa­thisch nach­voll­zieh­ba­re Machi­na­ti­on, die der sub­jek­ti­ven Krank­heits­be­wäl­ti­gung die­nen soll, mag Ehren­reich das „posi­ti­ve Den­ken“ nicht gel­ten las­sen, weil es das für den Kran­ken unzu­mut­ba­re Risi­ko birgt, sich zusätz­lich zur Belas­tung durch sein kör­per­li­ches Lei­den auch noch mit Selbst­vor­wür­fen pla­gen zu müs­sen, wenn aus der Gene­sung nichts wird.

Ich zitie­re Ehren­reichs Bericht, weil mir die dar­in geschil­der­ten sprach­li­chen Ver­fah­rens­wei­sen wie der radi­kals­te Gegen­pol zu jenen Ver­fah­rens­wei­sen vor­kom­men, deren Céli­ne sich beflei­ßigt. Als Nicht-Spe­zia­list kann ich nicht ermes­sen, wie trost­reich der real ordi­nie­ren­de Herr Dok­tor Des­tou­ch­es in sei­ner Pra­xis mit sei­nen Pati­en­ten ver­kehr­te. Frag­los ist es aber so, dass sein Alter Ego Fer­di­nand Bar­da­mu, der in sei­nen Roma­nen zig­fach in ärzt­li­cher Mis­si­on auf­tritt, nicht zur sprach­li­chen Ver­nied­li­chung neigt. „Die­ser Abbé hat­te ganz schön üble Zäh­ne, schlecht und braun waren sie, vol­ler Bogen von grün­li­chem Zahn­stein, kurz, die schöns­te eit­ri­ge Par­odon­ti­tis.“ Die Kon­fron­ta­ti­on mit dem Gebiss eines ver­wahr­los­ten Pari­ser Vor­stadt­geist­li­chen ver­an­lasst Bar­da­mu zu Refle­xio­nen über das Spre­chen und die kör­per­li­che Beschaf­fen­heit des Men­schen über­haupt: „Der mecha­ni­sche Auf­wand, den wir für ein Gespräch trei­ben müs­sen, ist viel kom­pli­zier­ter und müh­sa­mer als für die Aus­schei­dung. Die­ser Kranz aus vor­ge­stülp­tem Fleisch, der Mund, wie er da zuckt beim Pfei­fen und Atmen, wie er sich anstellt, um aller­lei schlei­mi­ge Töne durch das stin­ken­de, kariö­se Gehe­ge zu schaf­fen, die reins­te Stra­fe! Aber es heißt immer, wir sol­len das zum Ide­al erhe­ben! Schwie­rig. Schließ­lich sind wir nichts als Säcke voll lau­war­mer, halb ver­faul­ter Inne­rei­en.“7 Céli­ne prä­sen­tiert schon den Sprech­akt des Gesun­den als eine ekel­haf­te ana­to­misch-onto­lo­gi­sche Ver­an­stal­tung. Erst recht käme er nicht auf die Idee, dass Krank­heit „das Bes­te im Leben“ sein könn­te, eine „Quel­le des Glücks“ oder „ein Geschenk“. Sol­che Behaup­tun­gen fän­de man bei ihm nur im zynischs­ten Sinn vor­ge­tra­gen. Zum Ide­al wird hier gar nichts erho­ben.

Mit sei­nen drei rabi­at anti­se­mi­ti­schen Pam­phle­ten zog Céli­ne einen fet­ten brau­nen Strich quer über alles, was in sei­nen Roma­nen anar­chis­tisch und pazi­fis­tisch gewirkt haben moch­te.

„Der Roman ist bru­tal, sowohl wegen sei­nem Stil als auch sei­nes Inhalts wegen“, schreibt der Kri­ti­ker Luci­en Wahl im Okto­ber 1932 kurz nach dem Erschei­nen der Rei­se ans Ende der Nacht.8 Frei­lich erscheint die Bru­ta­li­tät der Rei­se ans Ende der Nacht auch als ein Ver­such, sich gegen