Geschichten zu „Verjugendlichung“ (Neotenie)

Tex­te & Mate­ria­li­en aus Alex­an­der Klu­ges sie­ben Kör­ben

Eine Bemer­kung von Ernst Jün­ger /
JUGENDSUCHT

Ernst Jün­ger bemerkt in sei­nen Tage­bü­chern, daß der Wort­be­stand­teil „Ju“ in Jugend, Juchhe, Jubel, Julian, Jul‑Fest oder in der Bezeich­nung des Flug­zeugs Ju 52 ein Jauch­zen oder einen Jubel­laut der Urspra­che wie­der­ge­be. Die neue Gesell­schaft nach 1923, sagt Jün­ger, habe einen Jugend­kult her­vor­ge­bracht, eine unver­hält­nis­mä­ßig hohe Hoff­nung auf die nach­wach­sen­de Gene­ra­ti­on gesetzt, sozu­sa­gen einen Vor­schuß auf die Unsterb­lich­keit, einen Glau­ben, der die Zeit des Jahr­hun­derts durch­zie­he.

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Der Cha­rak­ter steckt in den Wur­zeln

Die Wur­zeln mei­ner Pflan­zen zer­bre­chen Stein­plat­ten, sag­te Hel­la Kolb. Die For­sche­rin schrieb: Gesicht und Intel­li­genz mei­ner jun­gen Mais­pflan­zen lie­gen in den Wur­zeln. Die Blü­te ober­halb der Erde täuscht. Beson­ders schö­ne Blü­ten kön­nen dumm sein. Nie­mals aber täu­sche ich mich über die Wur­zeln. Das Wet­ter im Früh­jahr bleibt kühl. Dann ist der Auf­wuchs mei­ner Pflan­zen auf Äckern spär­lich. Ent­spre­chend gering trans­por­tie­ren die Wur­zeln die Nähr­stoff­men­gen her­an.

Hal­te ich sie in mei­nem Treib­haus auf 12° kühl, erwär­me den grü­nen Sproß aber auf 24°, so stei­gern sie bin­nen 23 Minu­ten ihre Nähr­stoff­lie­fe­rung. Sie errei­chen das für 24° Boden­tem­pe­ra­tur pas­sen­de Niveau bin­nen sie­ben Minu­ten, und sie las­sen sich nicht täu­schen dadurch, daß ich die Boden­tem­pe­ra­tur auf 12 °C abküh­le. Trotz kal­ten Bodens fah­ren die Mais­pflan­zen zügig in die Höhe, nur weil blau­er Him­mel und laue Nacht Signa­le set­zen, die nur die Wur­zeln ver­ste­hen. Ich hal­te Ober­tei­le der Pflan­zen für rela­tiv dumm, der Cha­rak­ter steckt in den Wur­zeln.

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Ver­lust der Jugend

Beson­ders auf­nah­me­be­reit für Was­ser und Nähr­stoff sind die zar­ten Wur­zel­spit­zen der Acker­schmal­wand, einer Pflan­ze, die zu den bevor­zug­ten For­schungs­ob­jek­ten der Gene­ti­ker zählt. Die äuße­re Zell­schicht ver­schleißt jedoch rasch und wird durch eine robus­te­re Rin­den­schicht ersetzt. Die­se Wur­zel­rin­de lagert was­ser­ab­wei­sen­den Kork­stoff ein. Julia Lin­den­may­er von der Uni­ver­si­tät Bay­reuth konn­te aber nach­wei­sen, daß selbst fin­ger­di­cke, stark ver­holz­te Fich­ten­wur­zeln noch immer Was­ser auf­neh­men.

– Was besagt das?

– Daß die Wur­zeln immer noch Was­ser auf­neh­men. Nur etwa 12 % des Bedarfs.

– Sobald die Wur­zeln mehr als 2 mm dick sind?

– Bie­ten sie ein mage­res Ergeb­nis.

– Mager, aber bestän­dig?

– Immer gerin­ge­re Aus­beu­te, aber nie null.

Die Gene­ti­ker haben bei der Acker­schmal­wand ein Gen iso­liert. Unter Wir­kung von Nitrat kann die­ses Gen die Wur­zeln zu ver­stärk­tem Län­gen­wachs­tum anre­gen. Wenn das Gen durch Ver­fah­ren der Gen­tech­nik ver­stärkt wird, ver­bleibt eine lokal erhöh­te Nitrat­kon­zen­tra­ti­on ohne jede Wir­kung auf die nähr­stoff­su­chen­den Wur­zeln. Sie suchen kei­nen Nähr­stoff mehr. Wie blind. Sie haben ihre Jugend durch gen­tech­ni­schen Ein­griff ver­lo­ren.

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Im Stau der Zeit

Auf der Burg Lau­en­stein ver­sam­mel­te sich zu Pfings­ten 1917 und erneut im Okto­ber ein Geis­ter­par­la­ment von jun­gen Leu­ten und jung­ge­glüh­ten Alten: auf Ein­la­dung des Ver­le­gers Eugen Diede­richs und in Fort­set­zung der empha­ti­schen Ver­samm­lung der Jugend auf dem Hohen Meiß­ner 1913. Jetzt aber, mit­ten im Krieg, ging es dar­um, Ent­schlüs­se zu fas­sen über die Zukunft des Rei­ches und Euro­pas. Unter den Teil­neh­mern