„Wir hatten eine Vorstellung von Öffentlichkeit und versuchten, diese in die Gewohnheiten des Bundestages zu importieren“

Zum Tod von Nor­bert Kückel­mann – Mate­ria­li­en & Tex­te aus Alex­an­der Klu­ges sie­ben Kör­ben

Am 31. August 2017 starb der Rechts­an­walt, Fil­me­ma­cher und Buch­au­tor Nor­bert Kückel­mann, gebo­ren 1930, nach lan­ger Krank­heit. Mit ihm und ande­ren zusam­men haben wir das Kura­to­ri­um Jun­ger Deut­scher Film gegrün­det. Ohne die­sen Mann hät­te es nicht zwan­zig Jah­re lang den Neu­en Deut­schen Film gege­ben. Auf dem Foto vom 1. Sep­tem­ber 2015 (Sei­te 37) ist er mit Edgar Reitz und mir in sei­ner Woh­nung in der Fried­rich­stra­ße in Mün­chen zu sehen. Er fehlt uns.

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Ein Lern­pro­zeß zum The­ma Film­öf­fent­lich­keit

H. D. Mül­ler, Nor­bert Kückel­mann und ich rei­sen nach Bonn. Die Arbeits­ge­mein­schaft Neu­er Deut­scher Spiel­film­pro­du­zen­ten schickt uns. Es geht um das Film­för­de­rungs­ge­setz, das wir bekämp­fen. Wir besu­chen des­halb Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te, die im „Lan­gen Eugen“, dem Büro­hoch­haus neben dem Par­la­ment, ihr Domi­zil haben.

Als wir ein­tref­fen, stel­len wir fest, daß die Volks­ver­tre­ter ganz ande­re Fra­gen beschäf­ti­gen als die Film­för­de­rung. In die­ser Woche geht es um das Amnes­tie­ge­setz, das den gesell­schaft­li­chen Waf­fen­still­stand der Repu­blik mit der stu­den­ti­schen Pro­test­be­we­gung besie­geln soll. Gehen wir auf die­ses aktu­el­le Inter­es­se des Hohen Hau­ses nicht ein, wer­den wir die Abge­ord­ne­ten auch nicht dazu brin­gen, uns zuzu­hö­ren, wenn wir von der Unab­hän­gig­keit im neu­en deut­schen Film spre­chen. Es ent­steht ein Natu­ra­li­en­tausch: unse­re Inter­es­sen gegen die ihren. Wir brin­gen das ein, was wir mit­ge­bracht haben, unse­re Arbeits­kraft, d. h. zusätz­li­che Zeit. Wir die­nen als Assis­ten­ten. Wir über­nach­ten in Bonn.1

Am ande­ren Mor­gen tre­ten wir zum Dienst an. Die Pfört­ner ken­nen uns schon. In einem Film­vor­führ­raum im fünf­ten Stock wer­den den Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten Fil­me vor­ge­führt. Die Mate­ria­li­en sind vom Bun­des­kri­mi­nal­amt und von ver­schie­de­nen Poli­zei­be­hör­den, vor allem der Frank­fur­ter und der Ber­li­ner Poli­zei, zur Ver­fü­gung gestellt wor­den. Sie zei­gen, wie „Stö­rer“, ver­mummt, Poli­zei­ein­hei­ten angrei­fen, ihre Rei­hen durch­bre­chen, sie mit Wurf­ge­schos­sen bewer­fen und wie ein­zel­ne Beam­te, deren die Stö­rer hab­haft wer­den konn­ten, geschla­gen wur­den. Das Film­ma­te­ri­al ist ten­den­zi­ös. Schon hän­gen wir an den Tele­fo­nen. Gegen Mit­tag sind mit Kraft­fahr­zeu­gen aus dem Archiv einer öffent­lich-recht­li­chen Anstalt im Rhein-Main-Gebiet alter­na­ti­ve Film­ma­te­ria­li­en her­an­ge­schafft. Sie ste­hen zur Vor­füh­rung bereit. Auf die­sen Fil­men ist zu sehen, wie Poli­zei­ein­hei­ten stu­den­ti­sche Stö­rer in die Flucht schla­gen, den Flie­hen­den nach­set­zen und mit Kör­per­ver­let­zun­gen nicht spa­ren. So wird mit ver­schie­de­nen Fil­men aus ver­schie­de­nen Quel­len eine „poli­ti­sche Öffent­lich­keit“ im Bun­des­tag her­ge­stellt. Bis zum frü­hen Nach­mit­tag ent­steht ein Gleich­ge­wicht der Infor­ma­ti­on, aus höchst kon­tras­tie­ren­dem Mate­ri­al, eine Art „Augen­maß“.

Im par­la­men­ta­ri­schen Kampf um die Ein­zel­hei­ten des Amnes­tie­ge­set­zes geht es um Zeit. Der­je­ni­ge, der mehr Arbeits­kraft und ‑zeit besitzt, kann an die­sem „Bild der Wirk­lich­keit“ län­ger zim­mern als sein atem­lo­ser Geg­ner. Der Par­la­men­ta­ri­er, der einen Sach­ver­halt aus leicht ver­füg­ba­rem Mate­ri­al zur Ver­fü­gung stellt, der sich den Vor­teil der Ein­fach­heit für sei­ne Dar­le­gung ver­schafft, dem Geg­ner aber die kom­ple­xen, zeit­rau­ben­den und bil­der­lo­sen Ant­wor­ten zuschiebt (die „Beweis­last“), wird sei­ne Posi­ti­on durch­set­zen. Die par­la­men­ta­ri­schen Angriffs- und Bela­ge­rungs­ma­schi­nen sind seit acht Uhr früh gegen­ein­an­der in Bewe­gung gesetzt. Wir haben zu dritt vier Stun­den gebraucht, um den Mecha­nis­mus zu ver­ste­hen. Es kommt nicht nur dar­auf an, zusätz­li­ches visu­el­les Mate­ri­al zu beschaf­fen, son­dern dar­auf, es zeit­spa­rend ein­zu­set­zen.

Die Kon­ser­va­ti­ven in der