Sich aufhängen auf freiem Feld

Nicht mehr lie­fer­bar! – Eine Serie von Cle­mens J. Setz über ver­grif­fe­ne Wer­ke bedeu­ten­der Autoren. Teil 8: Félix Féné­ons 1111 wah­re Geschich­ten.
Félix Fénéon

Félix Féné­on auf einem Poli­zei­fo­to.

Félix Féné­on, ein ange­nehm elek­tri­scher Name. Wenn man ihn in Lexi­ka nach­schlägt, steht häu­fig: „Félix Féné­on (1861–1944), Anar­chist und Kri­ti­ker“. Er leb­te zu einer Zeit, in der die­se Kom­bi­na­ti­on durch­aus noch Sinn ergab. Er ent­deck­te und för­der­te Geor­ges Seu­rat und war einer der frü­hes­ten Bewun­de­rer von Arthur Rim­baud, den er, anders als sei­ne Zeit­ge­nos­sen, die sich ehr­fürch­tig vor zweit­ran­gi­gem Poe­sie­ge­wächs wie Sul­ly Prud­hom­me oder Fran­çois Cop­pée ver­neig­ten, als den bedeu­tends­ten fran­zö­si­schen Dich­ter fei­er­te. Es war zwei­fel­los eine inter­es­san­te Zeit, die acht­zi­ger und neun­zi­ger Jah­re des neun­zehn­ten Jahr­hun­derts. Nur weni­ge Jah­re zuvor wur­den Paul Cézan­nes Bil­der in der ers­ten impres­sio­nis­ti­schen Grup­pen­aus­stel­lung von auf­ge­brach­ten Salon­be­su­chern mit Regen­schir­men atta­ckiert, bloß weil die Früch­te und Berg­spit­zen auf ihnen herr­li­cher gemalt waren als rea­le Früch­te und Berg­spit­zen. Eigent­lich woll­ten sie ja, so darf man heu­te anneh­men, auf rea­le Früch­te und Berg­spit­zen los­ge­hen, wuss­ten dies aber nicht anders aus­zu­drü­cken. Félix Féné­on war der ers­te und wich­tigs­te Kom­men­ta­tor der Impres­sio­nis­ten und Neo-Impres­sio­nis­ten, sei­ne Urtei­le waren knapp und hat­ten immer die Ten­denz zur Unsicht­bar­keit1, aber wogen schwe­rer als die aller ande­ren Kri­ti­ker.

Félix Fénéon © Paul Signac

Félix Féné­on, gemalt von Paul Signac (1890).

Eines Tages wur­de er denun­ziert und ver­haf­tet. Es hieß, er sei akti­ver Teil jener anar­chis­ti­schen Bom­ben­an­schlag­se­rie gewe­sen, wel­che Frank­reich in die­ser Zeit erschüt­ter­te. 1893 etwa hat­te der Anar­chist Augus­te Vail­lant eine Bom­be in der Abge­ord­ne­ten­kam­mer gezün­det, die rund zwan­zig Beam­te ver­letz­te. Féné­on wur­de, zusam­men mit neun­und­zwan­zig ande­ren Ver­däch­ti­gen, ange­klagt und vor Gericht gestellt. Eine Abschrift der Kreuz­ver­hör-Pro­to­kol­le die­ses „Pro­zes­ses der Drei­ßig“, wel­cher im Som­mer 1894 statt­fand, erschien im Figa­ro. Féné­ons Schlag­ab­tausch mit dem Rich­ter wur­de legen­där. Aber anders als Oscar Wil­des geist­rei­che Ent­geg­nun­gen vor Gericht brach­ten sie ihm kei­ne Ver­ur­tei­lung zur Zwangs­ar­beit, son­dern über­ra­schen­der­wei­se einen Frei­spruch.

Rich­ter: Sind Sie Anar­chist, Mon­sieur Féné­on?

Féné­on: Ich bin Bur­gun­der, gebo­ren in Turin.

Rich­ter: Ihre Poli­zei­ak­te ist hun­dert­und­sieb­zig Sei­ten lang. Es ist doku­men­tiert, dass