Andreas Maier: Neulich

Neu­lich war es also so weit, und mein Stamm­wirt starb. „Von Leben, Zeit, Gesund­heits­amt und Hygie­ne­vor­stel­lun­gen unan­gefochten, regier­te Wolf­gang Wag­ner bis zum Schluss […].“

Neu­lich war es also so weit, und mein Stamm­wirt starb. Wolf­gang Wag­ner, der über sech­zig Jah­re die Apfel­wein­wirt­schaft Zu den Drei Steu­bern in Frank­furt am Main, Drei­eich­stra­ße Ecke Klap­per­gas­se, geführt hat­te. Jeden Tag waren wir bei ihm. Es war der schlich­test­mög­li­che Gast­raum in Frank­furt, aber von einer Ele­ganz, die ande­ren Räu­men nicht mög­lich war. Wenig Mobi­li­ar, spär­lich Bil­der an der Wand, ein auf das Not­wen­digs­te redu­zier­te Buf­fet. Ein­mal zier­te der Gast­raum die Titel­sei­te der Süd­deut­schen Zei­tung. Das Foto war von der hin­te­ren Wand aus, dem Ein­gang gegen­über, auf­ge­nom­men, die Kame­ra ziel­te in den men­schen­lee­ren Raum, stell­te eine genaue Sym­me­trie der Flucht­li­ni­en her, viel Licht, viel Holz, alles schim­mer­te, dazu das Kup­fer des Buf­fets, die zwei ein­drucks­vol­len Säu­len – die Foto­gra­fie hat­te etwas König­li­ches, Stol­zes. Die Wirt­schaft war Wolf­gangs Arbeits­ge­rät, Hand­werks­ge­rät, und hier hat­te der Foto­graf, dies eine Mal zu Recht ohne jeden Men­schen, das Instru­ment in sei­ner gan­zen Schön­heit und Durch­dacht­heit wie auf gro­ßer Lein­wand durch­in­sze­niert. So hat­ten wir es noch nie gese­hen, es stand da als das Ide­al sei­ner selbst.

Nor­ma­ler­wei­se wür­de man nicht auf den Gedan­ken kom­men, eine Wirt­schaft ohne Gäs­te oder gar ohne Wirt zu foto­gra­fie­ren. Aber der Foto­graf hat­te offen­bar begrif­fen, dass Men­schen die sakra­le Erha­ben­heit des vor Schön­heit in sich ruhen­den Raums gestört hät­ten.

Über dem Wasch­be­cken hing ein Spie­gel, in dem ich mich ein­mal nach den Feri­en tat­säch­lich nicht mehr wie­der­ent­deck­te.

Wer das Bild in der Zei­tung sah, benei­de­te uns sicher­lich, die Stamm­gäs­te, die dort täg­lich auf ganz natür­li­che Wei­se ver­kehr­ten wie Mit­glie­der eines erlauch­ten Krei­ses. Aber gehen wir näher ins Detail, allein nur um zu zei­gen, wie groß und mäch­tig die Steu­bern wirk­lich für uns war. Mein Lieb­lings­platz, und der eini­ger ande­rer, war der vor­de­re Bank­platz neben dem Buf­fet, und zwar auf der Sei­te, auf der Wolf­gang haupt­säch­lich arbei­te­te, denn dort stand der Fau­len­zer, also jener gro­ße Bem­bel, aus dem ein­ge­schenkt wur­de. Von dort hat­te man einen kur­zen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­weg zum Wirt und konn­te durch die schräg gegen­über­lie­gen­de Aus­gangs­tür auf die vor­bei­zie­hen­de Stra­ße und das Trot­toir schau­en. Am Mee­res­strand zu sit­zen konn­te nicht zeit­auf­he­ben­der sein. Ich ver­saß dort gan­ze Tage. Was das Foto nicht zeig­te: das etwa einen Meter von mir ent­fernt hän­gen­de Hand­tuch. Ich weiß nicht, wofür es Wolf­gang frü­her benutzt hat­te, in sei­ner letz­ten Zeit gebrauch­te er es vor allem, um sich dar­an den Trop­fen abzu­wi­schen, der in Wil­helm-Busch-Manier in sei­nen letz­ten Lebens­jah­ren stets an sei­ner Nase hing. Es wur­de auch gese­hen, wie ihm manch­mal der Trop­fen in ein eben frisch gezapf­tes Glas Apfel­wein fiel. Was das Foto auch nicht zeig­te, war Qua­li­tät und Kon­sis­tenz des Spül­was­sers, in das Wolf­gang sei­ne Glä­ser nur für einen win­zi­gen Moment hielt, mit einer kur­zen Dreh­be­we­gung, die ihm so kein Gesund­heits­amt mehr abge­nom­men hät­te. Das Foto zeig­te auch kei­ne Glä­ser auf Nah­di­stanz. Manch­mal war so dick Lip­pen­stift dar­an, dass ich fast bre­chen muss­te, als Wolf­gang mir das Glas hin­hielt. Ich lief damit aufs Klo, schüt­te­te den Inhalt weg, putz­te das Glas und hielt es Wolf­gang wie­der hin, alle Auf­merk­sam­keit dar­auf ver­wen­dend, dass er nur ja auch das­sel­be Glas noch ein­mal benutzt und nicht in sei­ner zuneh­men­den Ver­gess­lich­keit ein neu­es (even­tu­ell wie­der unsäg­li­ches) Glas vom Buf­fet nimmt. Das Maxi­mum war, wenn Wolf­gang in das Hand­tuch schnäuz­te, sich noch ein­mal detail­liert die Nase abwisch­te und dann sofort nach einem Glas griff, um es ein­zu­schen­ken.

Eben­falls zeig­te die Foto­gra­fie nicht das Sol­ei-Glas auf dem Buf­fet. Wolf­gang hat­te dort ein gro­ßes Glas mit Sol­ei­ern ste­hen, halb abge­deckt, wel­che viel­leicht ein­mal die Woche gekocht wur­den und min­des­tens tags­über dann dort auf dem Tre­sen stan­den. Im Som­mer wur­de die Lake, in der sie schwam­men, bin­nen weni­ger Tage so trüb, dass man nicht mehr wuss­te, ob noch Eier drin waren oder nicht. Um nach­zu­schau­en, muss­te man den Deckel heben und mit einem gro­ßen Löf­fel her­um­rüh­ren. Der sich dabei cir­ca zwei Meter um das Glas her­um ver­brei­ten­de Geruch ist eben­falls nichts, was auf einem Foto abge­bil­det wer­den kann. Je mehr die Eier rochen, des­to begeis­ter­ter waren wir. In den hei­ßen Som­mern ’17, ’18 und ’19 nahm selbst ich manch­mal davon Abstand, ein Ei zu essen, wenn näm­lich in das mil­chi­ge Weiß der Lake Grün­tö­ne dazu­ka­men.

Auf der der Kame­ra ent­ge­gen­ge­setzt lie­gen­den Sei­te der einen Säu­le, die durch das Buf­fet ging, hing jeweils ein klei­ner Wirts­block­zet­tel. Nach Wolf­gangs stets spär­li­chen Preis­er­hö­hun­gen, mode­ra­ter als in ande­ren Sach­sen­häu­ser Wirt­schaf­ten, notier­te er sich dort die Prei­se für zwei Schop­pen, drei Schop­pen, vier Schop­pen, fünf Schop­pen etc., denn noch vor der gro­ßen Ver­gess­lich­keit rech­ne­te er bereits sehr schlecht. Am Ende sei­ner Wirts­kar­rie­re war Wolf­gang so weit, dass er sogar jedes­mal den Preis für einen Schop­pen auf dem Zet­tel nach­se­hen muss­te. Er konn­te sich nicht ein­mal mehr den Grund­preis mer­ken. Bezah­len bei ihm war zum Schluss also ein ziem­li­ches Cha­os.

Bis etwa Mit­te 2013 trank man in den Drei Steu­bern den von Wolf­gang selbst gekel­ter­ten Apfel­wein, der ein in Frank­furt völ­lig zu Recht berühm­tes Getränk war. Er war der bes­te in Frank­furt, ich war öfter beim Kel­tern zuge­gen, das waren aller­schöns­te Tage, immer ein fest­li­cher Herbst­tag. Danach konn­te er nicht mehr, es ging immer mehr schief, also kauf­te er den Apfel­wein ab da zu. Er hat­te natür­lich nicht mehr die Qua­li­tät von vor­her. Also gibt auch Fol­gen­des kei­ne Foto­gra­fie her: Die Kel­ler­ar­beit nahm im sel­ben Maße an Ord­nungs­ge­mäß­heit ab, wie Wolf­gangs Ver­gess­lich­keit zunahm. Es kam viel zu viel Luft an viel zu vie­le Fäs­ser, manch­mal hat­te der Apfel­wein gelie­ren­de Schlie­ren, manch­mal schmeck­te er nach einer Mischung aus Essig und Leim und war schlicht­weg nicht mehr genieß­bar (die meis­ten tran­ken ihn doch, allein der Knei­pe wegen). Das hat­te zur Kon­se­quenz, dass die Bedie­nung, die Wolf­gang beschäf­tig­te, sich immer öfter wei­ger­te, den Apfel­wein an die Gäs­te wei­ter­zu­ver­kau­fen. Das konn­te in Schreie­rei­en zwi­schen Wirt und Bedie­nung aus­ge­hen, wie sie sicher­lich die wenigs­ten Men­schen jemals in einer Gast­wirt­schaft erlebt haben dürf­ten.

Von Leben, Zeit, Gesund­heits­amt und Hygie­ne­vor­stel­lun­gen unan­gefochten, regier­te Wolf­gang Wag­ner bis zum Schluss, und es war unser täg­li­ches Para­dies und der eigent­li­che Wahr­heits­ort Frank­furts.

Ich sag­te, zur Glas­rei­ni­gung ging ich bis­wei­len in den Toi­let­ten­raum. Das klingt sehr unschul­dig und muss ins rech­te Licht gerückt wer­den. Die­se Toi­let­ten