Der Mensch, ein Gespenst seiner selbst

Mit zwei schma­len Büchern hat Saskia Hen­nig von Lan­ge ein unge­wöhn­li­ches Schreib­pro­jekt begon­nen, das sich der Erfor­schung inne­rer Echo­räu­me wid­met. Von Chris­toph Schrö­der

Am Schreib­tisch in einer Woh­nung in Frank­furt-Bocken­heim sind in den ver­gan­ge­nen Jah­ren, und zwar, wenn man der Autorin glau­ben darf, kon­ti­nu­ier­lich wäh­rend einer täg­li­chen Stun­de Schreib­zeit am Mor­gen, zwi­schen Kin­der­ver­sor­gung und Uni­ver­si­täts­be­trieb, zwei schma­le, kon­zen­trier­te, sprach­lich und gedank­lich hoch ver­dich­te­te Bücher ent­stan­den. Eine Erzäh­lung und ein Roman, die sich, ohne die­se Tat­sa­che in irgend­ei­ner Form qua­li­ta­tiv bewer­ten zu wol­len, deut­lich abhe­ben von sehr vie­lem, was sonst von jun­gen deutsch­spra­chi­gen Autoren der Gegen­wart pro­du­ziert und publi­ziert wird. Es sind im bes­ten Sin­ne des Wor­tes kon­ser­va­ti­ve Bücher, aus zwei Grün­den: Ers­tens, und das betrifft im wei­tes­ten Sin­ne das, was man den phi­lo­so­phi­schen Unter­bau bezeich­nen kann, beschäf­ti­gen sie sich grund­sätz­lich damit, was vom Men­schen bleibt, wenn er selbst nicht mehr ist.

Zwei­tens, und das zielt auf die inhalt­li­che Ebe­ne, stel­len die­se bei­den Bücher immer wie­der aufs Neue Welt­hal­tig­keit her, aber nicht dadurch, dass ihre Prot­ago­nis­ten nach drau­ßen gehen, an exo­ti­sche Schau­plät­ze, nach New York, Mum­bai oder Süd-Lapp­land, son­dern auf eine weit­aus schwie­ri­ge­re, sehr for­dern­de und auch tech­nisch anspruchs­vol­le­re Art: Die Wel­ten, die die­se Autorin her­stellt, ent­ste­hen auf fili­gra­ne Wei­se in den Köp­fen, in den Hir­nen, in den Orga­nen ihrer Figu­ren. Die Ober­flä­chen­phä­no­me­ne sind nicht Selbst­zweck oder Deko­ra­ti­on – sie wer­den viel­mehr zu Spie­geln eines hoch reflek­tier­ten Bewusst­seins.

Boh­ren­de Fra­gen

Saskia Hen­nig von Lan­ge heißt die Schrift­stel­le­rin, gebo­ren wur­de sie 1976; sie hat in Gie­ßen Ange­wand­te Thea­ter­wis­sen­schaf­ten und Kunst­ge­schich­te stu­diert und arbei­tet zur Zeit an ihrer Dis­ser­ta­ti­on zum Ver­hält­nis von Bild, Rah­men und Kör­per in der spät­mit­tel­al­ter­li­chen Kunst. Man muss kei­ne wag­hal­si­gen Quer­ver­bin­dun­gen schla­gen, um auf den Gedan­ken zu kom­men, dass die­ses For­schungs­pro­jekt auch in die Gedan­ken­strö­me von Saskia Hen­nig von Lan­ges Büchern ein­ge­flos­sen ist. Ihr Debüt, die Erzäh­lung Alles, was drau­ßen ist, ist ein lei­ses Buch der boh­ren­den Fra­gen. „Das hier scheint ihr letz­ter Win­ter zu sein“, hat der Arzt gesagt, und: „Sie wer­den fürch­ter­li­che, unvor­stell­ba­re Schmer­zen haben.“ Der Ich-Erzäh­ler weiß, dass er bald ster­ben wird, doch schon lan­ge zuvor hat er sich zurück­ge­zo­gen, aus­ge­rech­net in ein Ana­to­mie-Muse­um, ein Gespenst sei­ner selbst.
Er geht durch die Säle, betrach­tet die Expo­na­te, eine Kopie von Robes­pierres Toten­mas­ke, Schä­del, Abgüs­se weib­li­cher Geschlechts­or­ga­ne. Und Wachs­ab­drü­cke des eige­nen Kör­pers, die der Mann anfer­tigt, Tag für Tag. Alles, was drau­ßen ist ist eine fas­zi­nie­ren­de Pro­sa, die die Zusam­men­hän­ge von Den­ken und Han­deln unter­sucht und sich der Fra­ge wid­met, wie all das, was in unse­rem Kopf ist, dort hin­ein­kommt. Und wer oder was dafür sorgt, dass es dort ent­we­der bleibt oder auch ver­schwin­det, je nach­dem. Für ihr Debüt hat Saskia Hen­nig von Lan­ge in die­sem Jahr den Rau­ri­ser Lite­ra­tur­preis erhal­ten; für ihr zwei­tes Buch Zurück vom Feu­er, offi­zi­ell ihr ers­ter Roman, wobei die Gat­tungs­gren­zen zwi­schen Roman und Novel­le hier flie­ßend sind, wur­de sie mit dem Hal­ler­tau­er Roman-Debüt­preis aus­ge­zeich­net. Man kann die­se bei­den Wer­ke, die zusam­men etwas mehr als 300 Sei­ten umfas­sen, durch­aus als Arbei­ten an einem ein­zi­gen Schreib­pro­jekt begrei­fen; an einem For­schungs­pro­jekt, das sich dem iso­lier­ten Indi­vi­du­um der Jetzt­zeit und sei­nen unend­li­chen Ent­frem­dungs­ge­füh­len und inne­ren Echo­räu­men wid­met.

Zurück zum Feu­er hat drei Haupt­fi­gu­ren. Zwei davon hei­ßen Max. Der eine ist der Boxer Max Schme­ling, der im Schlaf­zim­mer sei­nes Hau­ses in Ollen­stedt in der Nord­hei­de liegt, ver­sorgt von einer Schwes­ter, und auf den Tod war­tet. Wer einen Roman über das Boxen erwar­tet, ist bei Saskia Hen­nig von Lan­ge falsch. Ihr Roman inter­es­siert sich nicht für die Sport­art und auch nur punk­tu­ell, immer dann, wenn der Erin­ne­rungs­schein­wer­fer des alten Man­nes sich dreht, für die beweg­te Bio­gra­fie Schme­lings. Von Bedeu­tung ist zwei­er­lei: das Haus als Schau­platz und der Mythos, des­sen Strahl­kraft das tris­te Dasein des Man­nes, der da hilf­los im Bett liegt, über­strahlt. Wie­der also die Fra­ge: Was bleibt von uns? Zunächst ein Haus. Ein Foto davon, so wird die Autorin zitiert, sei der Aus­gangs­punkt des Romans gewe­sen. Nach Schme­lings Tod stand es für Jah­re leer. Hier kommt die zwei­te Haupt­fi­gur ins Spiel, der zwei­te Max: Gut­ach­ter in Diens­ten einer nicht näher bestimm­ten Behör­de. Er soll den Wert des leer­ste­hen­den Gebäu­des taxie­ren und ver­liert zunächst sein Mobil­te­le­fon und schließ­lich auch sich selbst dar­in. Max, der Gut­ach­ter, hat vor eini­ger Zeit sei­nen Sohn Rapha­el bei einem Unfall ver­lo­ren. Seit­dem geht bei ihm alles den Bach hin­un­ter, den Job lässt er schlei­fen, sei­ne Ehe ver­nach­läs­sigt er eben­falls.

Drei Ver­zwei­fel­te

Wäh­rend Max durch Schme­lings Haus streift, die Zeit ver­gisst und sich ein frem­des Leben anver­wan­delt, ent­rüm­pelt Inge, sei­ne Frau, die gemein­sa­me Exis­tenz der­art gründ­lich, dass am Ende nichts mehr davon übrig­blei­ben kann. Die drei Erzähl­ebe­nen hat Saskia Hen­nig von Lan­ge kunst­voll über­la­gert, sie lösen ein­an­der bruch­los und absatz­los ab und sind oft nur dadurch zu unter­schei­den, dass der Gut­ach­ter-Max aus der Ich-Per­spek­ti­ve, Inge und Schme­ling aber in der drit­ten Per­son geschil­dert wer­den. Der Ton­fall bleibt ganz bewusst der glei­che; es ist die krei­sen­de und boh­ren­de Spra­che drei­er Ver­zwei­fel­ter, Men­schen, die trau­ern.
Man wünscht sich, dass Saskia Hen­nig von Lan­ge die­ses Schreib­pro­jekt fort­setzt: Zurück zum Schreib­tisch, eine Stun­de lang, jeden Mor­gen.

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Chris­toph Schrö­der, Jahr­gang 1973, lebt als frei­er Jour­na­list und Publi­zist in Frankfurt/Main. Er arbei­tet u.a. für die Süd­deut­sche Zei­tung, Die Zeit und den Deutsch­land­funk.

Saskia Hen­nig von Lan­ge: Alles, was drau­ßen ist.
Novel­le. Jung und Jung, Salzburg/Wien 2013. 116 Sei­ten,
€ 16,90 (D) / € 16,90 (A).

Saskia Hen­nig von Lan­ge: Zurück zum Feu­er.
Roman. Jung und Jung, Salzburg/Wien 2014. 214 Sei­ten,
€ 19,90 (D) / € 19,90 (A).

Die­ser Arti­kel erschien zuerst in VOLLTEXT 2/2015.

Online seit: 23. Juni 2015

Zuletzt geän­dert: 10. Okt. 2015