Porträt eines namenlosen Teufels?

Nein! Got­tes? Nein. Eines moder­nen Demi­ur­gen, der die Bewoh­ner einer klei­nen Stadt auf die Pro­be stellt? 
Ja, womög­lich. – Sibyl­le Lewitschar­off über Alex­an­der Moritz Freys Sol­ne­man der Unsicht­ba­re
Alexander Moritz Frey

Alex­an­der Moritz Frey

Vor vie­len Jahr­zehn­ten ist mir der sicht­bar unsicht­ba­re Sol­ne­man in die Hän­de gera­ten, und ich konn­te die Fin­ger­chen vom Buch nicht las­sen, muss­te es in der Nacht auf einen Happs ver­put­zen. Rein gar nichts wuss­te ich über Alex­an­der Moritz Frey, ord­ne­te sei­nen Roman auch zeit­lich ganz falsch ein. Ich war näm­lich felsen­fest davon über­zeugt, er sei in den wil­den Zwan­zi­ger Jah­ren des letz­ten Jahr­hun­derts geschrie­ben wor­den, womög­lich schon der Fah­ne des fran­zö­si­schen Sur­rea­lis­mus ein wenig vor­aus­ei­lend. Das Buch kam mir so modern, keck, pro­bier­lus­tig, hin­ter­sin­nig und ver­we­gen vor (was es auch tat­säch­lich ist), dass es mir ganz und gar die Welt der Moder­ne nach dem Ers­ten Welt­krieg zu reprä­sen­tie­ren schien. Und im Grun­de dach­te ich auch, der Autor müs­se heim­li­cher­wei­se irgend­wie Fran­zo­se sein, geseg­net mit der Pro­bier­lust eines queck­silb­ri­gen Sur­rea­lis­ten knapp vor der eigent­li­chen Wun­der­blü­te die­ser macht­vol­len Strö­mung, die den lite­ra­ri­schen Betrieb bin­nen weni­ger Jah­re auf den Kopf stel­len soll­te.

Wie gesagt: Alles falsch. Was ich aller­dings erst Jahr­zehn­te spä­ter erfuhr. Im August 1914 erschien bereits ein Teil­ab­druck des Sol­ne­man in der Neu­en Zür­cher Zei­tung, knapp nach Aus­bruch des Ers­ten Welt­krie­ges. Im Roman droht so man­ches geheim­nis­vol­le Unheil, aber der Text ist noch in der Fri­sche einer Frie­dens­zeit ent­stan­den, in der sich aller­dings das Mene­te­kel einer nahen­den Bedro­hung bereits abzeich­ne­te. Das zer­stö­re­ri­sche Gefah­ren­po­ten­ti­al der auf­ge­putsch­ten natio­na­len Erre­gun­gen war eigent­lich schon gut erkenn­bar. Aller­dings waren dazu nur auf­fang­sa­me Gemü­ter imstan­de, die vor den empor­ge­reck­ten Droh­fin­gern zurück­schreck­ten, beglei­tet vom Gekreisch einer erreg­ten Schlacht­rhe­to­rik. Alex­an­der Moritz Frey darf man sich getrost als einen klu­gen Mann vor­stel­len, der die bedenk­li­chen Zei­chen der erreg­ten Mili­ta­ri­sie­rung erkann­te und vor ihnen erschrak. Und so ganz, ganz jung war er zu Beginn des Krie­ges auch nicht mehr. Er war damals drei­und­drei­ßig Jah­re alt.

Als Sani­tä­ter im Ers­ten Welt­krieg an der Front unter­wegs, lern­te Frey Adolf Hit­ler per­sön­lich ken­nen. Er ver­ach­te­te ihn und erkann­te zugleich sei­ne Gefähr­lich­keit. 

Doch mit sei­nem äußerst rät­sel­haf­ten Sol­ne­man und des­sen mär­chen­haf­ter Entou­ra­ge befin­den wir uns noch knapp vor dem Krieg. Da gewit­tert nichts, da gibt es noch kein Ste­cken­blei­ben im Schlamm der aus­ge­ho­be­nen Grä­ben, und es ist noch kein Kano­nen­don­ner zu hören. Gewalt ist aller­dings bereits im Spiel, und zwar in rhe­to­risch auf­ge­tum­mel­ter und ange­sta­chel­ter Form.

Hcie­bel Sol­ne­man heißt der Haupt­ak­teur des Romans. Der namen­los Leben­de ist ein geheim­nis­vol­ler Frem­der, der eines Tages in einer deut­schen Klein­stadt auf­kreuzt und mit sei­nem mär­chen­haf­ten Reich­tum die Stadt­obe­ren kir­re macht, so dass sie ihm den all­seits gelieb­ten Stadt­park ver­kau­fen. Die Sum­me, die der Mann dafür berappt, ist enorm, wie über­haupt alles, was den Fremd­ling umgibt, irgend­wie enorm ist. Zu spät däm­mert den Stadt­be­woh­nern, dass sie das Herz­stück ihres fried­li­chen Zusam­men­le­bens, eben jenen schö­nen Park her­ge­ge­ben haben, der Erho­lungs­zwe­cken und spie­le­ri­schem Zeit­ver­treib gedient hat­te.

Sie mop­sen sich, wer­den als­bald fuch­tig ange­sichts des Unheils, das sie sich selbst ein­ge­brockt haben, schie­ben es jedoch auf den teuf­li­schen Frem­den, der mit viel Geld gewe­delt und sie damit ver­lockt hat, das Herz­stück der klei­nen Stadt zu ver­kau­fen, ohne sich dar­um zu sche­ren, ob den Bewoh­nern noch Zutritt gewährt wer­den kann. Das geht natür­lich nicht. Der gesam­te Park ist nun­mehr Pri­vat­ei­gen­tum und wird als­bald von einer hohen Mau­er umschlos­sen, die der neue Eigen­tü­mer in Win­des­ei­le errich­ten läßt.

Hit­ler hat­te tod­si­cher nicht ver­ges­sen, wie genau ihn die­ser ehe­ma­li­ge Kame­rad als fei­gen Heul­wicht ken­nen­ge­lernt hat­te.

Das Gan­ze ist abgrün­dig und komisch zugleich. Zutiefst komisch ist natür­lich, wofür das ein­ge­nom­me­ne Geld sogleich ver­wen­det wird. Für eine Kai­ser­büs­te etwa. (Bei dem Wort Kai­ser­büs­te hät­te mir damals schon däm­mern kön­nen, dass der Roman ver­mut­lich zu Kai­ser-Wil­helms-Zei­ten geschrie­ben wor­den ist, denn nach Ende des ver­lo­re­nen Welt­krie­ges wur­den die­se Büs­ten land­auf, land­ab abmon­tiert und ganz sicher kei­ne neu­en auf­ge­stellt. Aber so schlau war ich nun eben nicht.)

Die Stadt­be­woh­ner plat­zen schier vor Neu­gier. Sie wol­len unbe­dingt in Erfah­rung brin­gen, was in dem Park los ist, denn da wer­den jede Men­ge Din­ge und offen­bar auch Lebend­frach­ten ange­lie­fert, hin­ter denen sich die Tore des Parks umge­hend schlie­ßen. Jede noch so unwahr­schein­li­che Schwin­del­blü­te besetzt von nun an in immer neu­en ver­rück­ten Vol­ten die Hir­ne der Aus­ge­schlos­se­nen, in denen bald kein Platz mehr für ein abwä­gend ver­nünf­ti­ges Den­ken ist. Frey hät­te eine lan­ge Lis­te anle­gen kön­nen von all den Phan­tas­te­rei­en, die da urplötz­lich im bis­her so ruhi­gen Städt­chen her­um­zi­schen. Wo mär­chen­haf­ter Reich­tum im Spiel ist und eine strik­te Ver­bor­gen­heit die Leu­te dar­an hin­dert, die­sen in Augen­schein zu neh­men und zu bewer­ten, schie­ßen die Ver­schwö­rungs­theo­rien wie blind­lings ver­feu­er­te Kugeln durch die Gegend. Und der Hass wächst wie ein böser Bru­der an der Sei­te sei­ner Zwil­lings­schwes­tern Neu­gier und Hab­gier. Etli­che Ver­su­che wer­den unter­nom­men, um in das geheim­nis­vol­le Inne­re des Parks zu gelan­gen, inbe­grif­fen ein Flug­aben­teu­er, das gehö­rig schief geht. Anders als es der Leser zunächst erwar­tet, ver­hält sich Park­be­sit­zer Sol­ne­man aus­ge­sucht höf­lich und gelei­tet die Ein­dring­lin­ge wie­der hin­aus, ohne ihnen Scha­den zuzu­fü­gen. Ein wasch­ech­ter Teu­fel kann der sagen­haft rei­che Nabob eigent­lich nicht sein, er wirkt eher wie ein Kerl ohne soli­den Namen, der von hoher, gott­glei­cher War­te aus­ge­schickt wur­de, die Bewoh­ner einer gleich­falls im Unge­fähr der Namen­lo­sig­keit her­um­tru­deln­den Stadt zu prü­fen.

Geheim­nis­se, die der Leser nicht ergrün­den kann, beför­dern das Fas­zi­no­sum des schmu­cken Romans. Man glaubt zu wis­sen, wohin die Rei­se geht, und weiß es wie­der­um nicht. Das ist auf­regend, hält die Span­nung, ver­mei­det jedoch Exal­ta­tio­nen, die all­zu beschwingt auf einem Mär­chen­tep­pich her­um­flie­gen, über dem sich die Erfin­de­lei­en bau­schen. Dazu passt, dass die Spra­che Freys nüch­tern bleibt, aber nie­mals fad oder gar abge­stan­den wirkt. Ich hat­te nun bereits zum zwei­ten Mal das Ver­gnü­gen, dem ver­ehr­ten Herrn Frey zu glau­ben, was er traum­tröpf­chen­weis, aber durch­aus fak­ten­ge­füt­tert, in mein Hirn hin­ei­ner­zählt. Da wird ein Pot­pour­ri aus Neid, Hab­sucht, Neu­gier gepaart mit der Bos­heit ange­rührt, wobei das eigent­li­che Geheim­nis des son­der­ba­ren Parks nie­mals zur Gän­ze gelüf­tet wird. Dazu passt, dass sich der Leser kein wirk­li­ches Bild machen kann, wie der geheim­nis­vol­le Sol­ne­man eigent­lich aus­sieht. Wofern er sich in die Stadt begibt, rückt er in Ver­klei­dun­gen aus, zumeist kunst­bebartet, damit ihn nie­mand wirk­lich erkennt und immer wie­der ein fal­scher Mann für Sol­ne­man gehal­ten wird. Das ist span­nend, das hat Pfef­fer und ist äußerst kunst­voll in Sze­ne gesetzt.

Alex­an­der Moritz Frey war eben auch ein Kind sei­ner Zeit, nicht frei von düs­te­ren ras­sis­ti­schen Phan­tas­men, die damals gegen die schwar­zen Afri­ka­ner zuhauf im Umlauf waren.

Über einen Aspekt dür­fen wir jedoch nicht in nobler Ver­schwie­gen­heit hin­weg­glei­ten. Durch den Roman geis­tert als Beglei­te­rin Sol­nem­ans eine bären­star­ke, dicke, hünen­haf­te Schwar­ze, in die Frey so ziem­lich alles hin­ein­ge­legt hat, was der Angst, der Fas­zi­na­ti­on und der Abscheu des wei­ßen Man­nes vor der angeb­lich so über­aus trieb­haf­ten schwar­zen Frau damals ent­sprach. Ver­ges­sen wir nicht: Das war nicht