Geheimdienst für Unebenheiten

Zum Auf­takt der Ver­an­stal­tungs­rei­he „Jour­nal des Schei­terns“. Von Ste­fan Gmün­der und Mar­tin Prinz.

Kunst ist Schei­tern. Lite­ra­tur, wie jede Kunst, ist Erzäh­lung davon. Ohne Fall­hö­he, ohne Auf­prall, Null­punkt und Wie­der­gän­ger­tum gibt es kei­nen Blick auf das eige­ne Leben. Angst, Scham, Trau­er, Ver­drän­gung, Lust, Ent­set­zen, Glau­ben, Ent­täu­schung, Stumm­heit und Erschöp­fung. Alle Gesich­ter des Todes sind der Kunst ein­ge­schrie­ben wie dem Leben. Alle sind sie dar­in Flucht­punk­te wie Hori­zon­te des Wei­ter­le­bens – und eines Neu­an­fangs.

Ob in Ilse Aichin­gers Spie­gel­ge­schich­te, ob in Boves Mei­ne Freun­de, in Bach­manns Mali­na, in Camus Der Frem­de oder Heming­ways Der alte Mann und das Meer –  jeder Erzäh­lung, die ihren Gegen­stand selbst über­dau­ert, ist jener Null­punkt ein­ge­schrie­ben, ab dem alles Erzähl­te zum bedin­gungs­los Über­le­ben­den wird. Oder – wie bei Beckett – zu einem Streik gegen die Zumu­tun­gen des Rea­len.

Lite­ra­tur, wenn sie gut ist, kann daher nie­mals harm­los sein, oder wie es Slo­ter­di­jk im Essay Stress und Frei­heit for­mu­liert: Die Träu­me­rei des einen pro­vo­ziert die Träu­me­rei des andern. Die Frei­heit des einen spricht unwill­kür­lich das Frei­heits­po­ten­zi­al des ande­ren an. Das Schei­tern des einen wirft in sei­nem Gegen­über Fra­gen auf, die jen­seits des nur Per­sön­li­chen lie­gen.

Jedoch: Im Zeit­al­ter der Selbst­op­ti­mie­rung und Fle­xi­bi­li­tät, der Ein­per­so­nen­un­ter­neh­men und eines in sämt­li­che Lebens­be­rei­che dif­fun­dier­ten Nütz­lich­keits- und Trans­ak­ti­ons­den­kens ist für Beschä­di­gun­gen kein Platz. Schließ­lich hat man sich als Ich-Mar­ke zu bewäh­ren auf dem Markt der Mei­nun­gen, Arbeits­plät­ze und Kör­per. Tief­schlä­ge müs­sen weg­ge­steckt, am bes­ten weg­re­tu­schiert wer­den. Ob digi­tal oder real, sie dür­fen am Ende kei­ne Spu­ren hin­ter­las­sen. Das Nicht­ge­lun­ge­ne, Brü­chi­ge gilt als unse­xy – nicht nur auf Insta­gram, Face­book oder in Influen­cer-Vide­os.

Schei­tern macht ein­sam, oft spielt es sich im Ver­steck­ten ab, dar­an ändern auch die in der Rat­ge­ber­li­te­ra­tur aus­ge­ge­be­nen Durch­hal­te­pa­ro­len wenig, die Resi­li­enz, Frus­tra­ti­ons­re­sis­tenz und eine Work-Life-Balan­ce for­dern. Man braucht indes nur Hou­el­le­becqs 1994 erschie­ne­ne Aus­wei­tung der Kampf­zo­ne zu lesen, um zu ahnen, wie lan­ge unse­re Gene­ra­ti­on bereits damit kon­fron­tiert ist, dass die Gren­zen zwi­schen beruf­lich und pri­vat gefal­len sind. Der Mensch ist unter den vor­herr­schen­den öko­no­mi­schen Prä­mis­sen ange­hal­ten, vie­les gleich­zei­tig zu sein. Acht­sam und orga­ni­siert in Gefüh­len eben­so wie in Arbeits­fel­dern, vor­aus­schau­end wie nach­sich­tig in Bedürf­nis­sen, Betrof­fen­hei­ten und Erreich­bar­kei­ten. Nach außen ver­su­chen wir alles zu sein – und sind gleich­zei­tig doch nur unser eige­ner Kokon, in dem wir ver­schwin­den, je mehr uns die Sehn­sucht nach Frei­heit antreibt.

Das Beruf­li­che und das Pri­va­te, in unse­rer Zeit ver­schränkt es sich so deckungs­gleich, dass Erleb­nis­se, Träu­me, Wün­schen oder Wun­der als logi­sches Ergeb­nis eines Null­sum­men­spiels ver­schwin­den. Schei­tern, schreibt Mar­le­ne Stre­eru­witz in Kön­nen. Mögen. Dür­fen. Sol­len. Wol­len. Müs­sen. Las­sen über die­se Fehl­kal­ku­la­ti­on, ist als Per­pe­tu­um mobi­le in das Sys­tem ein­ge­baut.

Doch Schei­tern ist wie ein Schat­ten. Als Hori­zont jeder Exis­tenz gehört es zu uns wie die Schwer­kraft. So gern uns die Gren­zen- wie Ort­lo­sig­keit der digi­ta­len Wirk­lich­keit von Neo­li­be­ra­lis­mus und Post­mo­der­ne das Gegen­teil glau­ben machen und dies über­all dort auch bewei­sen, wo die Arbeit des Gel­des der finan­zi­el­len Wert­schöp­fung jeder ande­ren Tätig­keit längst den Rang abge­lau­fen hat. Kei­ne noch so gro­ße Wirt­schafts- oder Finanz­kri­se hebel­te die fak­ti­sche Bedeu­tung fik­ti­ver Wet­ten, Wer­te und Stei­ge­rungs­kur­ven je aus. Bis sich die Virus­kri­se vor die Tru­man-Show-Kulis­sen unse­rer Welt 2.0 schob, und der abrup­te Abbrems­vor­gang so gut wie alle zu Crash Test Dum­mies ihrer selbst macht.

Wo wir auf­schla­gen, und was davon bleibt, Trüm­mer oder blo­ßes Ver­schwim­men – das Jour­nal des Schei­terns liest die Spu­ren der Null­sum­men­spie­le unse­rer Zeit. Es ist weder Büh­ne noch Ver­an­stal­tung. Viel­mehr ver­steht es sich als Jour fix eines Ver­mes­sungs­in­sti­tuts oder Geheim­diens­tes für Uneben­hei­ten, Grund­lo­sig­kei­ten, Eigen­to­re und tran­szen­den­ta­le Obdach­lo­sig­kei­ten. Sein For­schungs­ge­biet ist die Welt, der For­schungs­ge­gen­stand jeg­li­che Erzäh­lung von ihr als Spie­gel – und als Lebens­be­weis.

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Online seit: 3. Mai 2021

Zuletzt geän­dert: 3. Mai 2021