Kindheit in der Psychiatrie

Der Burg­schau­spie­ler Joa­chim Mey­er­hoff setzt sein auto­bio­gra­fi­sches Erzähl­pro­jekt fort und dreht die Schrau­ben des Tra­gi­schen enger. Von Chris­toph Schrö­der

Die Weih­nachts­fes­te in Jos­ses Kind­heit waren ein Gang durch die Sta­tio­nen: A‑Unten, J‑Mitte, B‑Oben. Über­all gab es Tor­te und Cola, immer wie­der. „Eigent­lich“, so schreibt Joa­chim Mey­er­hoff, „habe ich jedes Weih­nach­ten gekotzt und dann die gan­ze Nacht von der Cola auf­ge­putscht mit bum­mern­dem Her­zen bis in die Mor­gen­stun­den manisch Lego­stei­ne zusam­men­ge­baut.“ Die Welt ist ein Irren­haus. Und für Joa­chim Mey­er­hoffs furio­sen zwei­ten Roman, den er nun einem nicht weni­ger furio­sen ers­ten hat fol­gen las­sen, gilt das in beson­de­rem Maße, denn Joa­chim ali­as Jos­se, der Ich-Erzäh­ler, wächst auf dem Gelän­de der Jugend­psych­ia­trie von Schles­wig auf. Der Vater ist der Direk­tor; das Wohn­haus der Fami­lie steht im Zen­trum des Anstalts­ge­län­des. Und die Sta­tio­nen, die Jos­se am Weih­nachts­abend Jahr für Jahr durch­läuft, sind die Sta­tio­nen, auf denen die psy­chisch Kran­ken leben.

Der Schau­spie­ler Joa­chim Mey­er­hoff, Jahr­gang 1967, begann im Jahr 2007 am Wie­ner Burg­thea­ter unter dem Titel Alle Toten flie­gen hoch, dem Publi­kum sein Leben zu erzäh­len, mit über­wäl­ti­gen­dem Erfolg. Vor zwei Jah­ren erschien der ers­te Teil, in dem Mey­er­hoff von sei­nem ein­jäh­ri­gen Auf­ent­halt als Aus­tausch­schü­ler in den USA berich­te­te, in Buch­form. Eine Ame­rik­a­er­fah­rung der etwas ande­ren Art: Lara­mie, Wyo­ming. Noch nicht ein­mal die größ­te Stadt in einem auf der Land­kar­te lee­ren, streng recht­ecki­gen Staat, der von zwei blau­en Stra­ßen­li­ni­en durch­kreuzt wird. So groß wie Eng­land, bevöl­kert von 500.000 Men­schen. Ein Zuhau­se bei einer Fami­lie mit Topf­fri­su­ren und Cord­an­zü­gen.