Neulich

Eine Kolum­ne von Andre­as Mai­er Noch bevor der Mann es aus­sprach, sag­te ich – unge­fragt, viel­leicht war das nicht ganz höf­lich von mir, aber es war völ­lig offen­sicht­lich: Sie sind ein Sohn von Udo Jür­gens!

Neu­lich war ich im Mom­ber­ger. Das ist eine Apfel­wein­wirt­schaft in Frank­furt-Hed­dern­heim. Ich stand am Tre­sen und unter­hielt mich mit dem Wirt (es war kurz vor der Kel­ter­zeit). Spä­ter stand noch Ger­hard, ein Stamm­kun­de, bei uns. Ger­hard ist mir vor Jah­ren dadurch auf­ge­fal­len, dass er stets meh­re­re Mobil­te­le­fo­ne und manch­mal auch Klein­com­pu­ter bei sich trägt, die er auf ver­schie­dens­te Wei­se in der Wirt­schaft mit­ein­an­der ver­ka­belt, um mit ihnen Din­ge zu tun, die ich nie begrei­fe. Nen­nen wir ihn tech­nik­af­fin. Vor 21 Jah­ren, also vor unaus­denk­li­chen Zei­ten, hat er, damals noch auf dem Video­trip und eben­falls bes­tens aus­ge­rüs­tet, in Sach­sen­hau­sen ein Kon­zert des „Sach­sen­häu­ser Apfel­wein­quar­tetts“ abge­filmt, drei Stun­den lang. Das Kon­zert fand im Hof der Apfel­wein­wirt­schaft Kla­a­ne Sach­se­häu­ser statt, es san­gen vier stadt­be­kann­te Apfel­wein­wir­te („Ja de Dorscht, de Dorscht, de Sach­se­häu­ser Dorscht!“). Vor eini­gen Wochen hat Ger­hard mir end­lich eine Kopie sei­ner Auf­nah­me über­reicht, es ist eine Zeit­rei­se in die Ver­gan­gen­heit.

1995 mach­te ich gera­de mei­nen  Magis­ter. Zwei Jah­re zuvor hat­te ich mei­ne Frau ken­nen­ge­lernt, die dann erst ein­mal die nächs­ten fünf­zehn Jah­re mei­ne Freun­din sein soll­te. Ein Groß­teil der Men­schen auf dem Film ist heu­te längst tot. Die Gesell­schaft hat sich inzwi­schen fast kom­plett aus­ge­tauscht, aber eigent­lich sah Sach­sen­hau­sen damals aus wie heu­te, nur die Autos waren ganz ande­re, die Leu­te waren ein biss­chen anders ange­zo­gen, hat­ten etwas ande­re Bril­len, und hier und da stan­den noch Bäu­me, die heu­te nicht mehr ste­hen. (Und kei­ner hat­te Tele­fo­ne.)

Ich sprach mit Ger­hard am Buf­fet im Mom­ber­ger über den Film, die Men­schen von damals, all die Toten, die damals noch leb­ten. Ger­hard sag­te, ich kön­ne ja dar­über mal ein Buch schrei­ben. Ich sag­te, wie er wis­se, mach­te ich das sowie­so per­ma­nent. Im Fol­gen­den spra­chen wir all­ge­mein über Bücher, wann denn mein letz­tes her­aus­ge­kom­men sei und so wei­ter.

Manch­mal wer­de ich von Frem­den im Mom­ber­ger erkannt. Hin und wie­der kom­men sie sogar angeb­lich wegen mir, weil sie den Mom­ber­ger aus mei­nen Tex­ten ken­nen. Vor Kur­zem war eine Grup­pe da, die mich aber nicht anzu­spre­chen wag­te, es wur­de mir nur am Fol­ge­tag erzählt. Die Grup­pe saß im Kol­leg und trau­te sich nicht ans Buf­fet, weil ich dort stand, der Schrift­stel­ler Andre­as Mai­er. Sie lasen die Spei­se­kar­te und ent­deck­ten dar­auf ein Gericht „Hack­steak à la Mai­er“. À la Mai­er bedeu­tet in der Regel, dass ein Spie­gelei oben drauf ist. Sie aber dach­ten, das Hack­steak sei nach mir benannt, und bestell­ten dar­auf­hin alle Hack­steak à la Mai­er.

Inzwi­schen, als ich mit Ger­hard am Buf­fet stand und über sei­nen Film, die Toten und mei­ne Bücher sprach, hat­te sich ein drit­ter Mann am Buf­fet ein­ge­fun­den, den ich vom Sehen her nicht kann­te und den ich nicht wei­ter beach­te­te. Er hör­te inter­es­siert zu und frag­te mich in einer Gesprächs­pau­se sehr bald, was ich für Bücher schrei­be.

Die­se Fra­ge ist immer schwer zu beant­wor­ten. Für alle Schrift­stel­ler ist sie schwer zu beant­wor­ten, aller­dings kommt es mir regel­mä­ßig so vor, als sei sie für mich noch ein­mal eine Stu­fe schwe­rer zu beant­wor­ten. Denn ich schrei­be ja eigent­lich über gar nichts. Über kei­ne The­men, kei­ne Dis­kur­se, und Hand­lung gibt’s bei mir auch nicht. Meis­tens sage ich, ich schrei­be kei­ne Kri­mis. Ich mei­ne das nie unhöf­lich. Aber das The­ma ist dann immer­hin in der Regel schon been­det. Also sag­te ich auch hier, ich wür­de kei­ne Kri­mis schrei­ben.

Der Mann mus­ter­te mich plötz­lich inten­siv. Irgend­et­was geschah gera­de in ihm. Ich hät­te jetzt erwar­tet, dass er so etwas sagen wür­de wie: Sind Sie die­ser Frank­fur­ter Schrift­stel­ler, der andau­ernd über Apfel­wein­wirt­schaf­ten schreibt? Manch­mal kommt es sogar vor, dass jemand fragt: Sind Sie der Autor der Orts­um­ge­hung? In letz­te­rem Fall bin ich natür­lich immer für einen Moment mit der Welt im Rei­nen.

Der Mann sag­te aber nichts in die­se Rich­tung, er frag­te urplötz­lich: Sind Sie der, der das Udo-Jür­gens-Buch geschrie­ben hat?

Ich konn­te das nicht ver­nei­nen und frag­te eini­ger­ma­ßen erstaunt, wie er dazu kom­me, ein Buch über Udo Jür­gens zu lesen? (Ich muss dazu sagen, dass ich sowie­so nach wie vor erstaunt bin, dass über­haupt irgend­wer ein Buch von mir liest, dar­an habe ich mich auch nach sech­zehn Jah­ren noch nicht wirk­lich gewöhnt.)

Sei­ne Ant­wort war etwas uner­war­tet. Er sag­te, Udo Jür­gens habe eine gewis­se Rol­le in sei­nem Leben gespielt, und in sei­ner Fami­lie. Sei­ne Fami­lie, das heißt, sei­ne Mut­ter, kann­te Udo Jür­gens frü­her sogar per­sön­lich.

Das ist für mich inzwi­schen nichts ganz Unge­wöhn­li­ches mehr. Ich habe im ver­gan­ge­nen Jahr vie­le Brie­fe von Frau­en erhal­ten, die einst­mals Udo Jür­gens per­sön­lich gekannt hat­ten, auch im Frank­fur­ter Raum, eini­ge die­ser Brie­fe waren vol­ler Andeu­tun­gen, ich fürch­te, für man­che der Brief­au­torin­nen dien­te ich irgend­wie als Stell­ver­tre­ter U.J.s.
Udo Jür­gens, so der Mann, hat­te frü­her sei­ne Mut­ter immer mal wie­der besucht. Wann? So ums Jahr … Er nann­te eine Jah­res­zahl, die dem Augen­schein nach etwa sei­nem Geburts­jahr ent­sprach. Es gibt, sag­te er, da eine Ver­mu­tung, der er aber nie wirk­lich habe nach­ge­hen wol­len.

Jetzt mus­ter­te ich den Mann. Etwa 1,75 groß, brau­nes (und braun­ge­blie­be­nes) Haar, brau­ne Augen, leich­ter Quer­stand des einen Auges, die spe­zi­fi­sche Ohren­form (die Ohren sahen aus wie die U.J.s nach sei­ner ers­ten Kla­gen­fur­ter Ohren­ope­ra­ti­on), der gan­ze Typus.

Noch bevor der Mann es aus­sprach, sag­te ich – unge­fragt, viel­leicht war das nicht ganz höf­lich von mir, aber es war völ­lig offen­sicht­lich: Sie sind ein Sohn von Udo Jür­gens!
Er: Er wis­se das nicht genau. Er habe das nie nach­prü­fen …

Ich: Aber natür­lich sind Sie unzwei­fel­haft ein Sohn von Udo Jür­gens! Sie sehen ja haar­ge­nau so aus!! (Bes­ser gesagt, er sah aus wie eine Per­son, die sich mit Udo Jür­gens zu 50 Pro­zent ver­mischt hat­te, aber der U.J.-Teil war bemer­kens­wert rein erhal­ten und drang durch die ande­re Hälf­te sozu­sa­gen über­all hin­durch.)

Er: … nie nach­prü­fen las­sen, das habe er nicht gewollt, er sei sehr glück­lich auf­ge­wach­sen, in einem wun­der­ba­ren Eltern­haus … das hät­te ja alles durch­ein­an­der­ge­bracht … des­halb hät­ten sie sich auch nicht so sehr dafür inter­es­siert. Manch­mal sin­ge er selbst. Wenn er Udo-Jür­gens-Lie­der sän­ge, fän­den es vie­le schon frap­pant …

Er sag­te dann, er sei 56 Jah­re alt. Damit lief er nun seit 56 Jah­ren her­um, als optisch hal­ber Udo Jür­gens, und ich dach­te gleich: Was für eine Auf­ga­be!

Aber ich dach­te natür­lich auch: Was man in einer Apfel­wein­wirt­schaft so erlebt! Wenn schon in Hed­dern­heim ein Sohn von Udo Jür­gens uner­kannt durch die Welt läuft, wo dann noch? Mir fie­len Zah­len von Bob Mar­ley und B.B. King ein, bei­de sol­len ja geschätzt jeweils so um die 70 Nach­fah­ren haben. Viel­leicht ist das bei Udo Jür­gens noch viel höher anzu­set­zen, er sah ja auch bes­ser aus als Bob Mar­ley oder B.B. King. Am Ende könn­te man über­all ver­mu­ten, dass …

Wir spra­chen dann noch eine Wei­le am Buf­fet des Mom­ber­ger über Kon­zer­te, Bücher und die Toten, dann fuhr ich nach Hau­se und schob mir Ger­hards Kon­zert-DVD mit dem Apfel­wein­wir­te-Quar­tett ein.

Ich schau­te mir Wolf­gang Wag­ner an, den Wirt mei­ner Stamm­wirt­schaft Zu den Drei Steu­bern, Drei­eich­stra­ße Ecke Klap­per­gas­se, wie er Sier­ra Mad­re sang, am 31.5.1995 im Hof vom Kla­a­ne Sach­se­häu­ser. Er sang wie ein Vögel­chen. Er wur­de drei Jah­re vor Udo Jür­gens gebo­ren. Gegen­sei­ti­ge Abkunft hier: aus­ge­schlos­sen.

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Andre­as Mai­er, gebo­ren 1967, lebt als frei­er Schrift­stel­ler in Ham­burg. Er ver­öf­fent­lich­te im Suhr­kamp Ver­lag unter ande­rem die Roma­ne Das Haus (2012), Die Stra­ße (2013) und Der Ort (2015) sowie die Kolum­nen­samm­lung Mein Jahr ohne Udo Jür­gens (2015). Zuletzt erschien sein Roman Der Kreis (Suhr­kamp).

Quel­le: Voll­text 3/0216

Online seit: 3. Dezem­ber 2016

 

Online seit: 3. Dezem­ber 2016

Zuletzt geän­dert: 3. Dez. 2016